Kräuterbuch

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Alraunenmännchen aus dem 1485 gedruckten Kräuterbuch Gart der Gesundheit

Kräuterbücher sind Nachschlagewerke, die (oft mit Abbildungen) Heilpflanzen und sonstige Arzneidrogen beschreiben und deren Anwendung erläutern. Sind auch Pflanzen die bestimmende Gruppe, so werden auch arzneilich verwendete Tiere, Mineralien, sowie tierische- und menschliche Produkte behandelt.

Geschichte[Bearbeiten]

Eines der ältesten erhaltenen Beispiele ist der reich illustrierte, spätantike Wiener Dioskurides-Kodex, ein Geschenk der Bürgerschaft von Honoratae an die Aristokratin Anicia Juliana in Konstantinopel (vor 512).[1] Solche und ähnliche Werke bleiben jedoch bis ins Spätmittelalter eher Ausnahmen, erst seit Beginn der Neuzeit werden Kräuterbücher durchgehend illustriert.

Eine bedeutende frühmittelalterliche Quelle ist der Liber de cultura hortorum (Hortulus), ein Lehrgedicht in Hexametern des Reichenauer Abtes Walahfrid Strabo. Ebenfalls ein Lehrgedicht und durch den Hortulus beeinflusst ist der Macer floridus. Der Verfasser, Odo von Meung, lebte im 11. Jahrhundert. Maßgeblichen Einfluss gewann auch das Circa instans, das um 1150 in Salerno entstand. Macer floridus und Circa instans dienten neben anderen Quellen als Textgrundlage für eines der ersten und zugleich wirkungsmächtigsten gedruckten Kräuterbücher, dem Gart der Gesundheit, 1485 aus der Offizin von Peter Schöffer, Mainz. Es ist in über 60 Ausgaben (davon allein 13 zur Inkunabelzeit) vom 15. bis zum 18. Jahrhundert, später durch Eucharius Rößlin d. J. und Adam Lonitzer bearbeitet, erschienen. Bereits zuvor – im Jahre 1484 – hatte Schöffer den Herbarius Maguntie Impressus (In Mainz gedrucktes Kräuterbuch) herausgegeben, der lange als das erste im deutschsprachigen Raum gedruckte Kräuterbuch galt. Allerdings gab der Buchdrucker Bartholomäus Ghotan bereits 1483 das Promptuarium Medicinae heraus.

Nach Erfindung des Buchdrucks mit beweglichen Lettern konnten Bücher mit Illustrationen hergestellt werden, die –– im Gegensatz zu Handschriften –– einigermaßen erschwinglich waren und daher weit größere Verbreitung fanden: Gerade die Kräuterbücher, die landessprachlich veröffentlicht wurden (und nicht in Latein, der Sprache der Gelehrten) waren ein verlegerischer Erfolg. In Frankreich, England und anderen europäischen Ländern, ganz besonders aber in Deutschland, sind zahlreiche Ausgaben von der frühen Neuzeit bis in das 18. Jahrhundert erschienen.

Zu den ersten gedruckten Kräuterbüchern gehören der Liber de proprietatibus rerum des Bartholomaeus Anglicus (auch Bartholomäus Glanville) aus dem 13. Jahrhundert, der einen alphabetisch geordneten Abschnitt über Pflanzen enthält, und Das puch der natur von Konrad von Megenberg[2].

Bedeutung[Bearbeiten]

Kräuterbücher sind in erster Linie Fachbücher für Ärzte und Apotheker. Aber den Autoren war es meist auch wichtig, Arzneimittel- und Pflanzenkenntnisse über die Fachkreise hinaus dem Laien zu vermitteln oder auch den Arzneipflanzenanbau zu empfehlen.

Besonders bemerkenswert sind die Kräuterbücher der so genannten „Väter der Botanik“. Sie geben die behandelten Arzneipflanzen (meist) in naturgetreuen Abbildungen wieder. Zu ihnen zählt Hieronymus Bock (1498–1554), der detailliert und nach eigener Anschauung einheimische, vor allem in Südwestdeutschland wachsende Pflanzen beschreibt, wobei er viele morphologische Details als Erster erwähnt. Die Erstausgabe seines Neu Kreutter Buch von 1539 hatte keine Abbildungen, diese finden sich dann in den Ausgaben seit 1546.

Ist bei Bock der originelle Text bemerkenswert, fällt dieser bei De historia stirpium (1542), in deutscher Übersetzung unter New Kreuterbuch (1543) von Leonhard Fuchs (1501–1566), im zeitgenössischen Vergleich etwas ab. Ganz anders werden dagegen die Illustrationen beurteilt, die mit größter Sorgfalt erstellt sind, bestechend naturgetreu und botanisch von höchstem Rang. Diese Holzschnitte wurden in zahlreiche andere Werke (verkleinert, seitenverkehrt nachgeschnitten, etc.) übernommen.

Als dritter „Vater der Botanik“ ist Otto Brunfels (1488–1534) zu nennen. 1530 erschien sein Herbarium vivae eicones, 1532 das Contrafyt Kreüterbuch. Ganz besonders erfolgreich als Autor war der Arzt Pietro Andrea Mattioli (1500–1577). Seine als „Dioskurides-Kommentar“ bekannten und von ihm kommentierten Übersetzungen der „De materia medica“ des griechischen Arztes Pedanios Dioscurides erschienen in etwa 60 Ausgaben und mehreren Sprachen; nach seinem Tod bearbeitet, unter anderem durch Joachim Camerarius dem Jüngeren, Bernhard Verzascha und Theodor Zwinger. Jakob Theodor (Tabernaemontanus, 1520/30–1590) schrieb ein Kräuterbuch, das zu den ausführlichsten und originellsten gehört. Zu seinen Lebzeiten wurde lediglich der erste Band des Neuw Kreuterbuch 1588 gedruckt. 1591 folgten der zweite und dritte Band.

In die Neuzeit weisen dann die Werke der zu den bedeutendsten Botanikern ihrer Zeit zählenden Flamen Rembert Dodoens (Dodonaeus, 1517–1585), Matthias de L’Obel (1538–1616) und Charles de l’Écluse (Clusius, 1526–1609).

Literatur[Bearbeiten]

  • Agnes Arber: Herbal. Their origin and evolution. Cambridge 1912.
  • Gerhard Bahn: Das 'Lexicon plantarum' (Handschrift 604 der Münchener Universitätsbibliothek): Ein Vorläufer der deutschen Kräuterbuchinkunabeln (= Texte und Untersuchungen zur Geschichte der Naturwissenschaften, 3). Würzburg 1941.
  • Susanne Baumann: Pflanzenabbildungen in alten Kräuterbüchern. Die Umbelliferen in der Herbarien- und Kräuterbuchliteratur der frühen Neuzeit. Stuttgart 1998. (Heidelberger Schriften zur Pharmazie- und Naturwissenschaftsgeschichte 15) ISBN 3-8047-1568-0
  • Gundolf Keil: 'Gart', 'Herbarius', 'Hortus'. Anmerkungen zu den ältesten Kräuterbuch-Inkunabeln, in: "gelêrter der arzenîe, ouch apotêker": Beiträge zur Wissenschaftsgeschichte. Festschrift Willem Frans Daems, hrsg.von Gundolf Keil, Pattensen/Hannover und Würzburg 1982 (= Würzburger medizinhistorische Forschungen, 24), S. 589-635.
  • Gundolf Keil; Peter Dilg: Kräuterbücher. In: Lexikon des Mittelalters. Hrsg. von Robert Auty u.a. Band 5. München/ Zürich 1991, Sp. 1476-1480 ISBN 3-7608-8905-0
  • Hans Wölfel: Das Arzneidrogenbuch 'Circa instans' in einer Fassung des XIII. Jahrhunderts aus der Universitätsbibliothek Erlangen. Math.-nat. Diss. Berlin 1939.
  • Claus Nissen: Die botanische Buchillustration: Ihre Geschichte und Bibliographie. Bd. 1-2 u. Suppl. Stuttgart 1951-1966.
  • Johannes Gottfried Mayer: Die ersten gedruckten Kräuterbücher und das Angelika-Wasser der Donaueschinger Taulerhandschrift. In: Würzburger Fachprosa-Studien. Beiträge zur mittelalterlichen Medizin-, Pharmazie- und Standesgeschichte aus dem Würzburger medizinhistorischen Institut, hrsg. von Gundolf Keil, Würzburg 1995 (Würzburger medizinhistorische Forschungen, 38), ISBN 3-8260-1113-9, S. 156-177.
  • Bernhard Schnell, William Crossgrove: Der deutsche »Macer« (Vulgatfassung). Mit einem Abdruck des lateinischen Macer Floridus »De viribus herbarum«. Tübingen 2003, ISBN 3-484-36050-X.
  • Peter Schöffer: Herbarius Latinus. Mainz 1484. (Vorlage: Universitätsbibliothek Erlangen-Nürnberg, Sammlung Trew.) 1 CD-ROM für Mac/PC; PDF-Datei. Erlangen 2005, ISBN 3-89131-430-2.
  • Leo Jules Vandewiele: Een Middelnederlandse versie van de Circa instans van Platearius naar de Hss. Portland, British Museum MS. Loan 29/332 (XIVe eeuw) en Universiteitsbibliotheek te Gent Hs. 1457 (XVe eeuw). Oudenaarde/Belgien 1970.

Belege[Bearbeiten]

  1. Pedanius Dioskurides –- Der Wiener Dioskurides: Codex medicus Graecus 1 der österreichischen Nationalbibliothek. (Glanzlichter der Buchkunst, Band 8/1) Graz: Akademische Druck- und Verlagsanstalt 1998. Kommentar von Otto Mazal S. 4.
  2. Agnes Arber, Herbals, Their origin and evolution. Cambridge 1912, 10

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Kräuterbücher – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien