Kraftwerk Westfalen

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Kraftwerk Westfalen
Luftbild des Kraftwerkes
Luftbild des Kraftwerkes
Lage
Kraftwerk Westfalen (Nordrhein-Westfalen)
Kraftwerk Westfalen
Koordinaten 51° 40′ 49″ N, 7° 58′ 11″ OKoordinaten: 51° 40′ 49″ N, 7° 58′ 11″ O
Land Deutschland
Gewässer Datteln-Hamm-Kanal (Zusatzwasser Kühlturm)
Daten
Typ Kohlekraftwerk
Primärenergie Fossile Energie
Brennstoff Steinkohle
Leistung dzt. 800 MW (elektrisch):
  • Block A: 152 MW (seit 2014 endgültig stillgelegt)
  • Block B: 152 MW (seit 2014 endgültig stillgelegt)
  • Block C: 284 MW (seit 2016 endgültig stillgelegt)
  • Block D: 800 MW (Inbetriebnahme 2015 aufgegeben)
  • Block E: 800 MW (Inbetriebnahme 2014)
Eigentümer RWE
Betriebsaufnahme 1963
Schornsteinhöhe 200 m

Das Kraftwerk Westfalen ist ein kohlebefeuertes Großkraftwerk der RWE Power AG (bis 2000 VEW) im Stadtbezirk Hamm-Uentrop (Stadtteil Schmehausen) der Stadt Hamm am östlichen Ende des Datteln-Hamm-Kanals. Es besteht aktuell aus einem 2014 neu errichteten Block mit 800 MW, der mit Steinkohle befeuert wird. Ein ebenfalls neu gebauter Steinkohleblock wurde 2015 noch in der Inbetriebnahmephase aufgrund schwerwiegender technischer und wirtschaftlicher Probleme stillgelegt.

Auf dem Kraftwerksgelände befindet sich außerdem der Thorium-Hoch-Temperatur-Reaktor-300 (THTR). Er ging 1983 in Betrieb und wurde vom Betreiber 1989 außer Betrieb genommen. Die Sprengung des THTR-Trockenkühlturmes in Schmehausen erfolgte am 10. September 1991. Es gab ab etwa 1975 Überlegungen, auf dem Kraftwerksgelände auch ein Kernkraftwerk zu errichten (Kernkraftwerk Hamm); dieser Plan wurde 1995 endgültig aufgegeben.

Status und Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Steinkohlen-Blöcke A, B, C und ConTherm-Anlage[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das Kraftwerk Westfalen am Datteln-Hamm-Kanal

Das Kraftwerk nahm 1963 mit zwei 152-Megawatt-Blöcken (A und B) seinen Betrieb auf. 1969 kam ein weiterer Block (Block C) mit einer Nettoleistung von 284 Megawatt hinzu. Während die Blöcke A und B noch für eine Mischfeuerung mit Öl ausgelegt waren, wurde Block C von vornherein für den alleinigen Einsatz von Steinkohle konzipiert. Diese wird über den Datteln-Hamm-Kanal zum Kraftwerk gebracht; sie stammt aus dem Ruhrgebiet, aus Osteuropa und aus Übersee (Australien, Südafrika und Südamerika). Zeitweise wurde auch Kohle aus Bergwerken an der Saar verfeuert.[1]

Für An- und Abtransport der Brennstoffe und Verbrennungsprodukte wird der Kanalendhafen Uentrop-Schmehausen genutzt. Der Kohlenlagerplatz des Kraftwerks hatte bis zum Jahre 2010 eine Kapazität von maximal 180.000 Tonnen Steinkohle. Ein solcher Vorrat genügt, um alle drei Kraftwerksblöcke mehr als einen Monat lang in Höchstlast zu betreiben.[2]

1975 – nach der ersten Ölkrise – begannen Planungen für das Kernkraftwerk Hamm. Es sollte auf diesem Gelände entstehen, mit einem Druckwasserreaktor der Konvoi-Baureihe ausgestattet werden und 1990 ans Netz gehen. Die Planungen wurden nie umgesetzt.

Gegen Ende der 1980er Jahre rüstete man das Kraftwerk Westfalen mit einer Rauchgasentschwefelungs- und -entstickungsanlage aus.[3] Im Zuge dessen wurden zwei 150 Meter hohe Schornsteine durch einen neuen, 200 Meter hohen Kamin ersetzt.

2001 ging mit der ConTherm-Anlage eine dem Block C vorgeschaltete Pyrolyseanlage in Betrieb. In dieser wurden durch Verschwelen von Ersatzbrennstoffen wie heizwerten Altkunststoffen, Sortierresten, sonstigem Abfall, Tiermehl und ähnlichem Rohmaterial Pyrolysegas und Pyrolysekoks erzeugt und anschließend im Block C verstromt.[2] Am 11. Dezember 2009 stürzte in dieser Pyrolyseanlage der Schornstein ein und fiel auf das dazugehörige Gebäude. Ursache war eine fehlerhafte Isolierung, die zu enormer Hitzeentwicklung geführt hatte, durch welche der Stahl weich geworden war. Es entstand ein Sachschaden im sechsstelligen Bereich.[4] Eine daraufhin durchgeführte Wirtschaftlichkeitsanalyse ergab, dass heizwertreiche Abfälle nicht mehr in dem Maße sortiert werden, wie das für den Prozess notwendig ist. Stattdessen landen die Materialien, oftmals der Inhalt von Gelben Säcken, in den Müllverbrennungsanlagen. Man beschloss, den umgestürzten Kamin nicht wiederaufzubauen.[5]

Einige Jahre lang wurden bis zu fünfzehn Prozent der Feuerwärmeleistung des Kraftwerks genutzt, indem die Steinkohle mit anderen Stoffen versetzt wurde. Hierzu zählen Petrolkoks, Klärschlamm, außerdem Ersatz- bzw. Sekundärbrennstoffe wie Faserreststoffe, aufbearbeitete Siedlungs- und Gewerbeabfälle und Produktionsreste, die als „zu wertvoll“ für die klassische Müllverbrennung galten. Die auf Mischfeuerung ausgelegten Blöcke A und B wurden grundsätzlich nur noch mit Steinkohle befeuert.[6]

Größtes Bauwerk der Anlage ist mit einer Höhe von 122 Metern und einem Durchmesser von 92 Metern der Nasskühlturm des Blocks C. Zwei ältere Ventilatorkühltürme mit je 34 Metern Höhe ergänzen das Kühlsystem.

Die Blöcke A und B wurden im Februar 2011 vom Netz genommen und sind seit 2014 endgültig stillgelegt.[7][8]

Block C wurde im März 2015 vom Netz genommen und wurde am 31. März 2016 endgültig stillgelegt.[9]

Neubau Steinkohlen-Blöcke D und E[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Baustelle im April 2009
Luftbild vom Kraftwerk Westfalen (Blöcke D und E) 2013
Luftbild vom Kraftwerk Westfalen 2013, alternative Ansicht

Planung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im Februar 2007 stellte die RWE Power AG bei der zuständigen Bezirksregierung einen Bauantrag für ein mit Steinkohle befeuertes Doppelblock-Kraftwerk mit je 800 Megawatt Leistung. Die Anlage wird auf dem Gelände des einst geplanten Kernkraftwerks Hamm errichtet, direkt neben dem stillgelegten Hochtemperatur-Reaktor THTR-300.

Ihre Abgase werden über zwei Kühltürme mit jeweils 166,5 Metern Höhe (genauso hoch wie der nie errichtete Kühlturm des verworfenen Kernkraftwerks Hamm[10]) geleitet, so dass kein Schornstein für das neue Kraftwerk erforderlich ist. Verglichen mit alten Kohlekraftwerken gleicher Leistung und geringerem Wirkungsgrad reduzieren die neuen Blöcke die Kohlendioxid-Emissionen mit einem Nettowirkungsgrad von 46 % um 2,5 Millionen Tonnen pro Jahr. Moderne Gas-und-Dampf-Kombikraftwerke weisen einen Wirkungsgrad von bis zu 60 % auf.

Die Blöcke D und E werden – wenn sie durchgehend betrieben werden – jährlich zwischen 8,8 und 9,2 Millionen Tonnen CO2 ausstoßen, vergleichbar mit dem Ausstoß von Honduras im Jahre 2007. Der neu zugebauten Kapazität von 1600 MW wird am Standort Hamm nur eine abgeschaltete Kapazität von rund 600 MW (ab Anfang 2015 rund 900 MW) gegenüberstehen. Es wird an diesem Standort voraussichtlich zu einem deutlichen Anstieg der Emissionen kommen; Umweltverbände kritisieren dies.[7][11][12] Ebenfalls wird die fehlende Kraft-Wärme-Kopplung kritisiert.

Probleme bei den Bauarbeiten[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Mit den Bauarbeiten für das Kraftwerk begann RWE Technology 2008. Der Grundstein wurde im Sommer 2008 im Beisein von Bundeskanzlerin Angela Merkel gelegt.[13] Im Jahre 2010 wurde geplant, eine dritte Kohlehalde in Betrieb zu nehmen, die auch für den gesteigerten Bedarf der beiden neuen Kraftwerksblöcke für dreißig Tage Steinkohle vorrätig halten soll.[14]

Ursprünglich hatte man Mitte 2011/Anfang 2012 für die Inbetriebnahme prognostiziert. Es hatten sich aber umfangreiche Mängel an den beiden Kesselgerüsten gezeigt; man baute sie ab und baute neue.[15] Die zugehörigen Arbeiten begannen im März 2010.[16] Dies führte zu Mehrkosten.[17][18]

Anfang Oktober 2013 kam es während der Inbetriebnahme von Block D zu einer Störung: Salzsäure wurde in das Kesselspeisewasser eingeleitet. Die Menge betrug einige Kilogramm.[19] Kesselrohre und eine Turbine wurden angegriffen.[20] Block D sollte im Juni 2015 ans Netz gehen. Im September 2014 teilte RWE mit, dass aufgrund erneuter Probleme keine Prognosen zur Inbetriebnahme von Block D mehr abgegeben werden.[21] Zwischen RWE und dem Kesselhersteller Alstom kam es wegen defekter Kessel zum Rechtsstreit.[22]

Block E nahm nach Angaben von RWE am 2. Juli 2014 den kommerziellen Betrieb auf.[23]

Für Block D gab es Stand Mai 2015 keinen voraussichtlichen Fertigstellungstermin. Die gemeinsamen Kosten für die Blöcke D und E stiegen von zwei Milliarden Euro auf 2,4 bis drei Milliarden Euro.[24] Betroffen ist auch eine Reihe von lokalen Stadtwerken, die am Kraftwerk finanziell beteiligt sind.[25]

Im November 2014 wurde zudem bekannt, dass RWE Forderungen gegen Imtech wegen möglichen Betrugs erhebt.[26][27]

Im Dezember 2015 verkündete RWE, dass Block D nicht fertiggestellt, sondern stillgelegt würde. Grund sei die nicht mehr gegebene Wirtschaftlichkeit, die eine langwierige und teure Reparatur sowie die Fertigstellung der Anlage nicht rechtfertige. Zuvor hatte es schwerwiegende Probleme beim Bau sowie mit dem verwendeten Stahl gegeben, unter anderem war Salzsäure in die Kesselrohre gelangt.[28] Im Februar 2017 wurde bekannt, dass RWE den Block D ganz oder in Teilen verkaufen möchte und auf einen Erlös von mehr als 50 Millionen Euro hofft.[29]

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Kraftwerk Westfalen – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Fußnoten[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Die Kohleförderung im Saarrevier endete am 30. Juni 2012.
  2. a b Informationsbroschüre der RWE: Kraftwerk Westfalen. Ein Standort voller Energie.
  3. die Großfeuerungsanlagenverordnung von Juni 1983 verlangte die Nachrüstung (oder Stilllegung) alter Anlagen. Siehe auch Waldsterben
  4. Schornstein von RWE-Kraftwerk Hamm-Uentrop eingestürzt, Märkische Allgemeine Online vom 11. Dezember 2009
  5. Aus für ConTherm-Anlage, Westfälischer Anzeiger vom 12. März 2010
  6. Steinkohlekraftwerk Westfalen.
  7. a b Website der RWE.
  8. Im Kraftwerks-Block C ist Ende März der Ofen aus, Westfälischer Anzeiger
  9. Dauerläufer in Rente: Block C des Kraftwerks Westfalen in Hamm-Uentrop außer Betrieb. In: wa.de. 1. April 2016, abgerufen am 10. Mai 2016.
  10. Projektvorstellung Kraftwerk Hamm-Westfalen (PDF; 1,2 MB), abgerufen am 30. Mai 2013
  11. Carbon dioxide emissions (CO2), thousand metric tons of CO2 (CDIAC), United Nations.
  12. Steinkohlekraftwerk Hamm (RWE)
  13. http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/peinliche-panne-salzsaeure-verlaengert-stillstand-von-rwe-kraftwerk-a-926404.html
  14. So kommt die Kohle ins Kraftwerk, Westfälischer Anzeiger vom 8. Oktober 2010
  15. Verspätet ans Netz, Westfälischer Anzeiger vom 19. Februar 2010
  16. Abbau des Kesselgerüstes hat begonnen, Westfälischer Anzeiger vom 30. März 2010
  17. Kohlekraftwerk in Uentrop kostet 200 Millionen mehr. In: Westfälischer Anzeiger, 12. Dezember 2010. Abgerufen am 8. Dezember 2012.
  18. Kraftwerk noch mal 200 Millionen Euro teurer. In: Westfälischer Anzeiger, 6. Januar 2013. Abgerufen am 6. Januar 2013.
  19. http://www.wa.de/hamm/panne-rwe-kraftwerk-hamm-uentrop-salzsaeure-keine-gefahr-vorfall-nicht-meldepflichtig-3155223.html
  20. http://www.handelsblatt.com/unternehmen/industrie/rwe-salzsaeure-im-pannenkraftwerk/8894406.html
  21. Jürgen Flauger: Kraftwerk in Hamm wird für RWE zum Fiasko. In: Handelsblatt, 17. September 2014. Abgerufen am 23. September 2014.
  22. http://www.morgenweb.de/nachrichten/wirtschaft/regionale-wirtschaft/rwe-gegen-alstom-1.1890366
  23. Kraftwerk Westfalen. Website von RWE, abgerufen am 11. Mai 2015.
  24. Mängel im Kraftwerk Hamm: RWE droht Milliardenverlust, nw-news.de, 22. September 2014
  25. http://www.wn.de/Muenster/1727916-Stadtwerke-Beteiligung-in-Hamm-Ein-schlappes-Kraftwerk
  26. http://www.dailymail.co.uk/wires/reuters/article-2823451/Dutch-engineer-Imtech-says-investigating-fraud-allegations.html
  27. http://www.derwesten.de/wirtschaft/bestechung-beim-kraftwerksbau-id10037308.html
  28. RWE zieht bei Pannenkraftwerk den Stecker. In: Handelsblatt, 18. Dezember 2015. Abgerufen am 18. Dezember 2015.
  29. http://www1.wdr.de/nachrichten/ruhrgebiet/kraftwerk-hamm-rwe-dortmund-verkauf-100.html