Notabitur

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Als Notabitur, Notreifeprüfung oder Kriegsabitur wurde ein Abitur nach Ablegung einer erleichterten Reifeprüfung gegenüber den normal üblichen Bedingungen bzw. Voraussetzungen bezeichnet. Das Notabitur gab es während des Ersten und Zweiten Weltkriegs im Deutschen Reich. In Österreich wurde diese Art der Reifeprüfung in Kriegszeiten Kriegsmatura genannt. An einigen preußischen Gymnasien wurden bereits 1866 und 1870 Examina vorgezogen, damit sich Studenten nach einem Notabitur als Kriegsfreiwillige melden konnten.[1]

Erster Weltkrieg[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im Ersten Weltkrieg gab es das Notabitur im kaiserlichen Deutschen Reich ab August 1914. Angesichts der Kriegsbegeisterung, die viele Jugendliche erfasste und für die der Ausdruck Augusterlebnis geprägt wurde, konnten Oberprimaner (13. Klasse) vorzeitig das Abitur ablegen, um dann freiwillig ins Heer einzutreten. In kürzester Zeit wurden ganze Oberprimen ohne echte Prüfung durch das Verfahren geschleust und standen nun für den Kriegsdienst bereit. Einer von ihnen war der Dichter Carl Zuckmayer, der die Situation später so beschrieb:

„Für uns war das Ganze ein gewaltiger Spaß. Die Uniform gab auch dem schlechtesten Schüler noch einen Zug von Manneswürde, gegen die der Lehrer machtlos war. … Es wurden uns nur die leichtesten Fragen gestellt, in denen keiner versagen konnte. Das Abitur, der Schreckenstraum vieler Jugendjahre, wurde zu einem Familienfest.“[2]

Je länger der Krieg dauerte, desto größer wurde die Zahl der jungen Männer, die zugunsten des Militärdienstes ihre Schullaufbahn abgebrochen hatten. Zwei Jahre nach Kriegsbeginn kam daher eine Sonderreifeprüfungsordnung für Kriegsteilnehmer heraus, die vor dem Eintritt in das Heer mindestens die regelrechte Versetzung nach der Untersekunda (10. Klasse) erlangt hatten.[3] Ihre Anforderungen waren gegenüber der regulären Prüfungsordnung deutlich herabgesetzt.

Nach der militärischen Niederlage Deutschlands und der Novemberrevolution von 1918 kam die neue republikanische Regierung den Kriegsteilnehmern noch weiter entgegen. Ein Erlass vom Februar 1919 erkannte denen, die bis Ostern 1917 regelrecht nach Unterprima (12. Klasse) versetzt und von der Schule aus ins Heer eingetreten waren, das Reifezeugnis sogar ohne Prüfung zu, wenn sie bis zum Ende des Krieges im Heeresdienst oder aber kriegsbeschädigt waren.[4] Vor dem Krieg wäre ein Abitur ohne Prüfung und zweijährigen Besuch der Prima völlig undenkbar gewesen.

Zweiter Weltkrieg[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Eine Woche nach dem Überfall auf Polen wurde im Deutschen Reich am 8. September 1939 erneut ein Notabitur eingeführt.[5] Danach erhielten Schüler der Abschlussklasse bei Einberufung zum Heeresdienst ohne Prüfung ein Abgangszeugnis mit Reifevermerk, wenn Führung und vorherige Klassenleistungen es rechtfertigten. 1941 bekamen frühere Schüler der höheren Schule, die während des Krieges Wehrdienst geleistet und wenigstens die Versetzung in die vorletzte Klasse geschafft hatten, die Möglichkeit, sich in sechs Monate dauernden Sonderlehrgängen auf die Reifeprüfung vorzubereiten. Für sie wurde eine besondere Prüfungsordnung geschaffen, die immerhin wie üblich vier Fächer für die schriftliche Prüfung vorsah.[6]

Ab 1942 jedoch wurde die schriftliche Reifeprüfung ganz ausgesetzt. Als Ersatz galten jetzt die letzten Klassenarbeiten in den vier Abiturfächern. Dagegen sollten die Prüfung in Leibesübungen und die mündliche Prüfung wie üblich stattfinden.[7] In dieser vereinfachten Form fand das Abitur statt, bis im Herbst 1944 der Unterricht in den Abschlussklassen der höheren Schulen völlig zum Erliegen kam.

Die Folgen dieser Entwicklung bekamen nach 1945 viele Kriegsteilnehmer zu spüren, die ihren Reifevermerk ohne schriftliche Prüfung erhalten hatten. Jetzt wurde ihnen dessen Anerkennung versagt, so dass sie noch einmal eine höhere Schule besuchen oder an einem Sonderlehrgang teilnehmen mussten. Zu denen, die nun zum zweiten Mal Abitur machten, gehörten der Physiker Walter Mayer, Bernhard Victor von Bülow, der später unter dem Künstlernamen Loriot berühmt wurde, und der Schriftsteller Siegfried Lenz.[8]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Rainer Bölling: Kleine Geschichte des Abiturs. Schöningh, Paderborn 2010, S. 71–76 und 88 f.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Wiktionary: Notabitur – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Franz Becker: Bilder von Krieg und Nation. Die Einigungskriege in der bürgerlichen Öffentlichkeit 1864–1913. Oldenbourg, München 2001, S. 170.
  2. Carl Zuckmayer: Als wär’s ein Stück von mir, Frankfurt a. M. 1966, S. 204.
  3. [1] Zentralblatt für die gesamte Unterrichtsverwaltung in Preußen 1916, S. 452 ff.
  4. [2] Zentralblatt 1919, S. 350.
  5. [3] Deutsche Wissenschaft, Erziehung und Volksbildung 1939, S. 484.
  6. [4] Ebenda 1941, S. 79–81.
  7. [5] Ebenda, S. 421.
  8. Birgit Lahann: Abitur, Hamburg 1982, S. 193–195.