Mordfall Maria Ladenburger

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Blumen an einem Baum beim Ottiliensteg an der Dreisam in Freiburg-Waldsee, in der Nähe des Tat- und Fundortes

Maria Ladenburger wurde am 16. Oktober 2016 in Freiburg im Breisgau von einem afghanischen Migranten vergewaltigt und anschließend ermordet.

Der Täter, Hussein Khavari, war Ende 2015 als Flüchtling aus Griechenland nach Deutschland gekommen. Er hatte bei seinem Asylantrag behauptet, minderjährig zu sein und wurde als unbegleiteter minderjähriger Flüchtling eingestuft. Im Strafprozess räumte er ein, bei der Einreise nach Deutschland schon volljährig gewesen zu sein, und legte ein Geständnis ab. Khavari wurde im März 2018 vom Landgericht Freiburg wegen Mordes und besonders schwerer Vergewaltigung nach Erwachsenenstrafrecht zu lebenslanger Freiheitsstrafe verurteilt. Das Gericht ordnete zusätzlich anschließende Sicherungsverwahrung an und stellte die besondere Schwere der Schuld fest.

Das Verbrechen erregte in der Bundesrepublik und vielen anderen Ländern Aufmerksamkeit. Es war und ist Gegenstand mehrerer gesellschaftlicher Diskurse, z. B. wurde die Art der Medienberichterstattung thematisiert.

Tathergang[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Hussein K. sagte, er habe am Nachmittag vor der Tatnacht mit Freunden Haschisch konsumiert und Wodka getrunken. Als die Freunde auseinandergingen, ging K. in den Homosexuellentreff Sonderbar. Videoaufnahmen zeigen, dass K. dort eine Frau sexuell belästigte, die deswegen das Lokal verließ. Der Barkeeper sagte aus, K. habe nüchtern gewirkt. K. soll einem männlichen Gast Sex für Geld angeboten haben.[1] Nachdem er dort vor die Tür gesetzt wurde, ging er zu einer Diskothek am Freiburger Hauptbahnhof, wo Türsteher ihm den Zutritt verwehrten. K. wurde aggressiv und bedrohte die Türsteher, die ihn daraufhin zu Boden brachten. Schließlich machte er sich auf den Heimweg. In einer fast leeren Straßenbahn setzte er sich neben eine Frau, die dann den Sitzplatz wechselte und die Begegnung gegenüber der Polizei später als extrem unangenehm beschrieb. Er lief von der Endhaltestelle in Freiburg-Littenweiler ziellos durch die Gegend und stahl ein nicht abgeschlossenes Fahrrad. An der Dreisam habe er versucht, sich zu übergeben.[2]

Die 19-jährige Medizinstudentin Maria Ladenburger besuchte am Abend des 15. Oktober 2016 bis etwa 2:40 Uhr[3] die Studentenfeier „Big Medi Night“ in der Mensa II im Institutsviertel[4] und trat danach mit dem Fahrrad den Heimweg zum Studentenwohnheim Thomas-Morus-Burse im Stadtteil Littenweiler an.[5] Gegen 3:00 Uhr stieß Hussein K. sie vom Fahrrad. Er gab an, nicht gesehen zu haben, ob der Fahrradfahrer eine Frau oder ein Mann war. K. würgte sein Opfer, zerrte es an die Uferböschung des nahen Flusses Dreisam und vergewaltigte es mit der Hand, da er keine Erektion bekam. Dabei fügte er der bewusstlosen Studentin schwere innere Verletzungen zu. Der Zeugenaussage eines Freundes zufolge soll K. nach der Tat diesem erzählt haben, er habe gerade eine Frau wie „ein Tier vergewaltigt“. Diesem Freund erzählte er laut Zeugenaussage auch, dass er in der Tatnacht noch ein weiteres Opfer ins Visier nahm: eine Chinesin, die er an einer Straßenbahnhaltestelle getroffen habe. Er habe sie - laut Zeugenaussage des Freundes - „vergewaltigen und ficken“ wollen.[2]

Um 8:41 Uhr fand eine Joggerin die Leiche von Maria Ladenburger in der Dreisam.[6] Die gerichtsmedizinische Untersuchung ergab die Todesursache Ertrinken. Laut Kriminalpolizei wurde sie absichtlich so ins Wasser der Dreisam gelegt, dass sie keine Chance zum Überleben hatte.[7] Ihr Körper wies mehrere Bisswunden auf.

Ermittlungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Freiburger Polizei berief umgehend eine 40-köpfige Sonderkommission (Soko Dreisam) ein. Es gelang der Kommission, die Abläufe vor der Tat „in weiten Teilen lückenlos“ zu rekonstruieren. Etwa 1400 Menschen wurden vernommen, rund 1600 Hinweise geprüft und die Aufzeichung einer Überwachungsvideos ausgewertet. Die am Opfer sichergestellten männlichen DNA-Spuren waren in keiner bundesweiten Datenbank gespeichert.[8] Freiwillig abgegebene DNA-Proben aus dem Umfeld des Opfers und der Umgebung des Tatorts ergaben ebenfalls keine Übereinstimmung.[9][10] Die Polizei setzte eine Belohnung für sachdienliche Hinweise aus.[11]

An einem Gebüsch in der Nähe des Tatorts wurde ein 18,5 Zentimeter langes schwarzes Haar gefunden, das teilweise blond eingefärbt war. Nach einem Abgleich mit Aufnahmen von Überwachungskameras der VAG Freiburg konnte das Haar einem jungen Mann zugeordnet werden, der um 1:57 Uhr in der Freiburger Innenstadt in eine Straßenbahn der Linie 1 Richtung Littenweiler eingestiegen und bis zur Endhaltestelle Laßbergstraße[12] – etwa einen Kilometer vom Tatort entfernt – gefahren war.[13] Am 2. Dezember wurde der Gesuchte von einer Polizeistreife entdeckt und aufgegriffen.[14] Seine DNA-Probe war identisch mit den am Tatort sichergestellten Spuren.[15] Ende Januar 2017 wurde die Soko Dreisam aufgelöst.[16] Die Ermittler fanden keinerlei Hinweise darauf, dass Täter und Opfer sich gekannt hätten.[16]

Weihnachten 2016 unternahm Hussein K. einen Suizidversuch. Daraufhin wurde er in das Justizvollzugskrankenhaus Hohenasperg verlegt, wo er einen weiteren Versuch unternahm. Im November 2017 versuchte er es erneut.[17][18]

Einige Zeit lang gab es Vermutungen, der Mord in Freiburg stünde möglicherweise in Zusammenhang mit dem Mord an einer Joggerin im nahen Endingen am Kaiserstuhl am 6. November 2016. Die Frau war ebenfalls vergewaltigt und ermordet worden. In diesem Fall konnte jedoch ein rumänischer Lastwagenfahrer der Tat überführt werden.[19][20]

Täter[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Afghanistan[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

K. gehört zur Volksgruppe der persischsprachigen Hazara.[21] Bereits als 14-Jähriger soll er im Iran eine Zwölfjährige vergewaltigt haben, woraufhin er eine Prügelstrafe erhielt.[22]

Zeit in Griechenland[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Hussein K. wurde am 8. Januar 2013[23] in Tyros (Arkadien, Griechenland) als unbegleiteter minderjähriger Flüchtling registriert.[24]

Am 26. Mai 2013[25] verübte er auf Korfu einen Raubüberfall auf eine Studentin und warf sie über ein Geländer eine Klippe hinunter; sie überlebte den zehn Meter tiefen Sturz schwer verletzt.[26][27] Nach der Tat soll er keine Reue gezeigt haben. Ein bei seiner Vernehmung beteiligter Polizist sagte: „Während der Vernehmungen hat er uns gefragt, was soll das denn alles, es war doch nur eine Frau.“[28] Wegen Diebstahls und versuchten Totschlags wurde er am 12. Februar 2014[25] zu einer Jugendhaftstrafe von 10 Jahren verurteilt und in einem Gefängnis für Jugendliche in Volos inhaftiert.[25][29] Sein Asylgesuch lehnten die griechischen Behörden im Mai 2014 ab.[24] Am 31. Oktober 2015 kam er durch ein Amnestiegesetz der Regierung Tsipras[30] gegen Meldeauflagen auf Bewährung frei.[31] Als er seiner Meldepflicht nicht nachkam, widerrief das Justizministerium die Bewährung und schrieb am 31. Dezember 2015 eine nationale – jedoch keine internationale – Fahndung aus.[32]

Asylantrag in Deutschland und Datenaustausch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Zu diesem Zeitpunkt war Hussein K. bereits in Deutschland. Er war Anfang November über Österreich[33] illegal eingereist[34] und hatte am 12. November 2015[35] ohne Vorlage von Personaldokumenten bei der Polizei in Freiburg einen Asylantrag gestellt. Dieser ging Mitte Februar 2016 beim zuständigen Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) ein, wurde dort aber monatelang nicht bearbeitet. Nach Angabe des überlasteten BAMF hätte Hussein K. „demnächst“ einen Termin bekommen sollen – das bedeutet mit Stand Dezember 2016 nach 10 Monaten.[35]

Trotz mehrerer EU-weiter Systeme zum Datenaustausch wurde K.'s kriminelle Vergangenheit von deutschen Behörden nicht erkannt:

Europäische Fingerabdruckdatenbank (EURODAC)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die europäische Fingerabdruck-Datenbank EURODAC soll verhindern, dass Personen in mehreren EU-Mitgliedstaaten Asyl beantragen können. Sie enthielt aber keine Informationen über Verurteilungen oder Fahndungsmaßnahmen.[36] Laut der Verordnung (EG) Nr. 2725/2000 des Rates vom 11. Dezember 2000 über die Einrichtung von „Eurodac“ war Griechenland im Zuge des Asylantrags von Hussein K. verpflichtet, seine Fingerabdrücke in die Datenbank zu übermitteln. Deutschland war bei Bearbeitung seines Asylantrags vom November 2015 verpflichtet, die EURODAC-Datenbank abzufragen.[37] Ob und in welchem Umfang ein Datenaustausch mit griechischen Behörden stattfand, ist anhand der Medienberichte nicht eindeutig nachzuvollziehen:

Laut Darstellung auf faz.net vom 16. Dezember 2016 waren die Daten des Tatverdächtigen von den griechischen Behörden im arkadischen Tyros am 8. Januar 2013 in EURODAC registriert worden.[38] Die Zeit schrieb einen Tag zuvor, EURODAC sei zu dieser Zeit erst im Aufbau gewesen und es habe keine Treffer zu Hussein K. gegeben, als ihn die Bundespolizei 2015 erkennungsdienstlich begutachtete.[35] Als im Februar 2017 die Stuttgarter Nachrichten über eine Nacherfassung unbegleiteter Minderjähriger in Baden-Württemberg berichteten, schrieben sie, die Bundespolizei habe keinen Zugriff auf die Daten des Tatverdächtigen in EURODAC gehabt.[39] Tatsächlich ist der Zugriff für die Bundespolizei nur zur Verhütung, Aufdeckung und Untersuchung terroristischer oder sonstiger schwerer Straftaten gestattet.[37][40]

Die Süddeutsche Zeitung (SZ) meldete am 15. Dezember 2016, laut Bundesinnenministerium habe Deutschland Hussein K.s Fingerabdrücke in EURODAC abgespeichert. Ob bereits ein griechischer Eintrag bestand, war laut SZ unklar. Auch sie erwähnte, dass das System 2013 noch im Aufbau war.[24] Die Bild-Zeitung behauptete am Tag darauf, es habe keine Abfrage stattgefunden, als der Neueintrag erfolgte.[41] Laut Badischer Zeitung war die erneute Speicherung durch die Bundespolizei im Rahmen der erkennungsdienstlichen Behandlung vom 12. November 2015 veranlasst worden.[42]

Siehe auch: Flüchtlingskrise in Deutschland ab 2015Mängel bei Registrierung, Datenaustausch und Identitätsfeststellung

Schengener Informationssystem (SIS)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das Schengener Informationssystem (SIS) dient der automatisierten Personen- und Sachfahndung in der Europäischen Union (EU). Nach Auskunft des Innenministeriums war es bei der Asylantragstellung von Hussein K. in Freiburg zwar abgefragt worden, hatte aber keinen Eintrag enthalten, da Griechenland Hussein K. lediglich zur nationalen Fahndung ausgeschrieben hatte.[38][43]

Europäisches Strafregisterinformationssystem (ECRIS)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das Europäische Strafregisterinformationssystem (ECRIS) umfasst (Stand Dezember 2016) nur Strafregister von EU-Bürgern, nicht aber Strafregister von Drittstaatsangehörigen.[44] Bisher lässt sich nur dadurch, dass an alle Mitgliedstaaten ein Auskunftsersuchen gerichtet wird, feststellen, ob ein Drittstaatsangehöriger bereits in einem anderen Mitgliedstaat verurteilt wurde.[45]

Eine entsprechende Erweiterung des Systems war im Nachgang der Terroranschläge vom 13. November 2015 in Paris zwar vereinbart worden und ein diesbezüglicher Richtlinienänderungsvorschlag am 19. Januar 2016 von der EU-Kommission angenommen worden; die geplante Erweiterung war aber noch nicht umgesetzt worden.[45][46]

Alter und Anklage[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Landgericht Freiburg

Laut seinem im Januar 2013 bei der Registrierung in Griechenland vorgelegten afghanischen Pass wurde Hussein K. am 1. Januar 1996 geboren und war damit 17 Jahre alt.[32][47]

Im Rahmen des Asylantrags gab er am 12. November 2015 an, am 12. November 1999[35] im afghanischen Ghazni geboren worden zu sein, wonach er 16 Jahre alt gewesen wäre. Er wurde vom Jugendamt Freiburg in Obhut genommen und lebte zum Zeitpunkt seiner Festnahme bei einer afghanischen Pflegefamilie.[24]

Ein von der Staatsanwaltschaft in Auftrag gegebenes medizinisches Altersgutachten kam im Februar 2017 zu dem Schluss, dass Hussein K. zur Tatzeit mindestens 22 Jahre alt, also entgegen seinen Angaben bereits volljährig war und auch schon erwachsen und nicht mehr heranwachsend.[48]

Ende März 2017 erhob die Staatsanwaltschaft Freiburg gegen Hussein K. Anklage wegen Mordes.[49] Hussein K. wurde nach Jugendstrafrecht angeklagt, weil durch das Altersgutachten nicht alle Zweifel ausgeräumt worden waren. Im Verfahren konnte das Landgericht Freiburg entscheiden, ob es beim Urteil Jugend- oder Erwachsenenstrafrecht anwendet.[50]

Am 19. Juni 2017 gab das Oberlandesgericht Karlsruhe bekannt, dass die Untersuchungshaft gegen Hussein K. verlängert wird. Dies war nötig, weil während der bis dahin sechsmonatigen Haftzeit noch kein Prozess stattgefunden hatte. Die Staatsanwaltschaft suchte noch immer im Ausland nach Informationen, die das Alter von Hussein K. genau belegen. Auch Personalien und Herkunft waren nicht sicher geklärt.[51]

Im November 2017 wurde das Ergebnis einer wissenschaftlichen Untersuchung eines alten Eckzahnes, den Hussein K. nach einer zahnärztlichen Entfernung privat aufbewahrt hatte und der bei einer polizeilichen Durchsuchung gefunden worden war, veröffentlicht. Nach der Untersuchung wurde sein Alter auf 25 Jahre geschätzt. Demzufolge war er zum Tatzeitpunkt wahrscheinlich älter als 21 Jahre und fiel nicht mehr unter das Jugendstrafrecht.[52] Der im Iran lebende Vater des Angeklagten teilte dem Gericht Anfang Dezember 2017 in einem Telefonat mit, Hussein K. sei 1984 geboren worden.[53] Der beteiligte Übersetzer vermutete einen Verständnisfehler des Vaters.[54]

Die renommierte Gerichtsreporterin Gisela Friedrichsen hatte in einem Artikel für die Welt am 21. März geschrieben, dass allein die Untersuchungen zur Feststellung des ungefähren Alters von K. 2 Millionen Euro gekostet hätten. Diese Angabe hatte letztlich keine Grundlage und wurde anschließend entfernt, fand jedoch in rechtspopulistischen Kreisen eine rasche Rezeption. Die tatsächlichen Kosten für die Altersgutachten befinden sich laut Staatsanwaltschaft im vierstelligen bis unteren fünfstelligen Bereich.[55]

Prozess[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Mordprozess gegen Hussein K. begann am 5. September 2017 unter strengen Sicherheitsauflagen vor der Jugendkammer des Landgerichts Freiburg in Saal IV, dem größten Saal des Gerichts. Die Familie des Opfers trat als Nebenkläger auf. Für Journalisten waren 48 der 150 Plätze im Saal reserviert. Zunächst waren 16 Verhandlungstage angesetzt. Der Termin für das Urteil, der 8. Dezember 2017, war jedoch nicht zu halten. Im November 2017 ordnete das Gericht neun weitere Verhandlungstage an; als Prozessende wurde frühestens Mitte März 2018 angesetzt.[veraltet][56] 45 Zeugen und zehn Sachverständige sollten gehört werden, darunter ein psychiatrischer Sachverständiger.[57][58]

Am ersten Prozesstag räumte Hussein K. ein, bei der Einreise nach Deutschland tatsächlich bereits volljährig gewesen zu sein.[59] Am zweiten Prozesstag legte er ein umfassendes Geständnis ab.[60]

Später sagte er aus, Maria Ladenburger sei ihm zufällig begegnet, als er nach einem durchzechten Nachmittag und Abend betrunken und unter Drogeneinfluss am Flussufer entlang gegangen sei. Er habe sie vom Fahrrad gestoßen, ihr den Mund zugehalten, als sie schrie, und sie mit seinem Schal gewürgt. Als sie sich nach einer Minute nicht mehr bewegt habe, sei ihm aufgefallen, dass sie hübsch war. Nach vergeblichen Versuchen, sie zu vergewaltigen, habe er sie mit der Hand missbraucht. Anschließend habe er sie in den Fluss gezerrt, um sein Blut von ihrem Körper zu waschen; er habe sich davor bei einem Fahrradsturz an der Hand verletzt. Dann sei er vom Tatort geflohen.[61][62][63]

Am zehnten Prozesstag wurden zwei Gutachter zum Alter von Hussein K. gehört. Beide schlossen aus der Zahnanalyse, Röntgenbildern und ärztlichen Dokumenten, dass der Angeklagte zur Tatzeit älter als 21 Jahre alt war, mindestens 19, wahrscheinlich 22 bis 26 Jahre alt.[64]

Am elften Verhandlungstag widersprach ein technischer Gutachter den Angaben des Angeklagten, er habe am Wegesrand auf dem Boden gesessen und aus einem Reflex heraus gegen das Fahrrad der Frau getreten. Der Gutachter erklärte, dem Mord sei ein gezielter Angriff vorausgegangen.[56]

Am ersten Verhandlungstag 2018 zeigten Polizeibeamte anhand von Geodaten seines Handys und von Daten einer darin installierten Gesundheits-App auf, dass K. über eine Stunde am Tatort verbracht und in dieser Zeit sein Opfer die Uferböschung hinuntergezerrt hatte und wieder hinaufgegangen war. K. hatte also keineswegs im Affekt gehandelt; womöglich wurde Maria Ladenburger mehr als eine Stunde sexuell missbraucht. Handydaten des Opfers bestätigten diese Vermutung.[65]

Ein afghanischer Flüchtling, der Hussein K. nach eigenen Angaben aus dessen Zeit im Iran kennt, sagte aus, K. sei in Wahrheit 22 oder 23 Jahre alt. Das Gericht hielt den Zeugen für glaubwürdig, nachdem er auf einer Landkarte das Haus bei Teheran identifizierte, das der Adresse entsprach, die K. auf einen Brief an seine Familie schrieb.[65]

Die Staatsanwaltschaft forderte in ihrem Plädoyer am 9. März 2018 die Verhängung einer lebenslangen Freiheitsstrafe mit anschließender Sicherungsverwahrung. Zudem solle die besondere Schwere der Schuld festgestellt werden. Damit wäre eine vorzeitige Freilassung nach 15 Jahren Haft nahezu ausgeschlossen: „Der Angeklagte ist gefährlich für die Allgemeinheit“, erklärte Oberstaatsanwalt Eckart Berger. Von Hussein K. gehe ein hohes Rückfallrisiko aus, schwere Straftaten gegen junge Frauen seien wahrscheinlich. Die Vorwürfe des Mordes und der besonders schweren Vergewaltigung seien im Prozess erhärtet worden, sagte Berger. Zudem sei durch Gutachten und Zeugenaussagen erwiesen, dass Hussein K. zur Tatzeit mindestens 22 Jahre alt gewesen war. Deshalb müsse Erwachsenenstrafrecht gelten. Die Aussagen des Angeklagten seien „von Lügen geprägt“, sagte der Staatsanwalt: „Der Angeklagte hat alles getan, Aufklärung zu verhindern.“ Es habe sich um eine gezielte Tat mit Tötungsabsicht gehandelt. Hussein K. habe rücksichtslos gehandelt, keine Reue und seinem Opfer gegenüber Gleichgültigkeit gezeigt. „Es ging ihm in der Nacht darum, auf seine Art Sex mit einer Frau zu haben“, sagte Berger. Um nicht entdeckt zu werden, habe er die junge Frau getötet.[66] Der Nebenklagevertreter forderte in seinem Plädoyer am 12. März 2018 ebenfalls eine Verurteilung nach Erwachsenenstrafrecht. Der am selben Tag plädierende Pflichtverteidiger forderte eine Therapie für Hussein K., da ihm im Gefängnis Hilfe und Betreuung angeboten werden müsse. Der Verteidiger verzichtete auf eine konkrete Forderung mit Blick auf ein Strafmaß. Rechtlich möglich sei eine Verurteilung wegen Mordes und Vergewaltigung nach Jugend- oder Erwachsenenstrafrecht. Für das Feststellen der besonderen Schwere der Schuld oder eine Sicherungsverwahrung fehle jedoch die rechtliche Grundlage.[67]

Hussein K. wurde am 22. März 2018 wegen Mordes und besonders schwerer Vergewaltigung nach Erwachsenenstrafrecht zu lebenslanger Haft verurteilt. Das Gericht stellte zudem die besondere Schwere der Schuld fest und ordnete den Vorbehalt einer Sicherungsverwahrung an.[66][68] Der Verteidiger kündigte an, Revision gegen das Urteil einzulegen.[69] Am 25. April 2018 allerdings zog Hussein K. den Revisionsantrag zurück; das Urteil ist damit rechtskräftig.[70]

Reaktionen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Berichterstattung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Massenmedien berichteten ab dem Bekanntwerden des Todesfalles. Nach der Festnahme stellten manche Medien ihn in einen Zusammenhang mit der Flüchtlingskrise. N24 und n-tv sendeten die Pressekonferenz der Polizei am 3. Dezember 2016.[71] Auch im Ausland wurde darüber berichtet, dass der mutmaßliche Täter ein Flüchtling aus Afghanistan ist.[72][73] So erschien ein Bericht der Associated Press unter anderem auf New York Times online und Washington Post online.[74][75]

Das ZDF meldete am 3. Dezember in der 19-Uhr-Ausgabe der heute-Nachrichten die Festnahme, die Tagesschau-Sendungen der ARD erwähnten den Fall hingegen nicht. Die Tagesschau-Redaktion rechtfertigte die Nichtmeldung später mit einer lediglich „regionalen Bedeutung“ des Falles.[76] In einer zweiten Stellungnahme schrieb Chefredakteur Kai Gniffke, die Tagesschau berichte „sehr selten über einzelne Kriminalfälle“, sondern über „gesellschaftlich, national und international relevante Ereignisse“.[77]

Der Deutsche Journalisten-Verband und andere Medienschaffende kritisierten die Entscheidung der Tagesschau-Redaktion.[78][79][80] Laut der Zeitschrift Stern hat die ARD damit „eine hanebüchene Erklärung für ihre Ignoranz“ geliefert.[81] Die Frankfurter Allgemeine Zeitung kommentierte den Vorgang mit den Worten: „Über den Kampfslogan ‚Lückenpresse‘ braucht sich jedenfalls niemand mehr zu wundern.“[82] Einem Kommentar in der Welt zufolge hatte sich die Tagesschau mit ihren verspäteten Berichten zur Silvesternacht von Köln dem Verdacht einer „Es kann nicht sein, was nicht sein darf“-Berichterstattung ausgesetzt und diesen nun weiter genährt.[83] Die damalige AfD-Bundesvorsitzende Frauke Petry sagte, beide Fälle seien Beispiele dafür, „dass nicht umfassend berichtet wird“.[78]

Zwei Tage später berichtete die ARD in den Tagesthemen doch und befragte zudem Bundeskanzlerin Angela Merkel zu dem Fall.[84]

Berichte über das ehrenamtliche Engagement des Opfers in einem Verein sowie Falschmeldungen in Medien, dass es sich hierbei um Engagement für Flüchtlinge handelte, lösten eine Welle von Hass und rassistischen Anfeindungen gegenüber dem Verein,[85] dem Täter[86] sowie der Familie des Opfers aus. Der AfD-Landtagsabgeordnete Holger Arppe warf dem Vater basierend auf den Fake News vor, er habe in einer Traueranzeige zu Spenden für Flüchtlinge aufgerufen; dies sei „pathologische Realitätsverweigerung“.[87]

Am 23. März 2018, dem Tag der Urteilsverkündung, sendete der SWR eine 90 Minuten lange Dokumentation Mord in Freiburg, in der ausführlich über die Tat und das Gerichtsverfahren berichtet wurde.[88]

Stellungnahmen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Der Freiburger Oberbürgermeister Dieter Salomon (Grüne) warnte vor Pauschalurteilen gegen Flüchtlinge.[89]
  • Bundeskanzlerin Merkel erwiderte auf den Vorwurf aus Teilen der Gesellschaft, ihre Flüchtlingspolitik sei mitverantwortlich für die Tat: „Ich sage erst einmal, dass dieser Mord schrecklich ist und dass meine Gedanken bei den Eltern, bei den Angehörigen sind.“ Der Fall sei ein tragisches Ereignis, das aufgeklärt werden und über das man offen sprechen müsse. Wenn sich herausstelle, dass ein afghanischer Flüchtling der Täter sei, dann sei das „absolut zu verurteilen, genauso wie bei jedem anderen Mörder, aber auch ganz deutlich zu benennen“. Damit könne jedoch nicht die Ablehnung einer ganzen Gruppe verbunden sein; man könne auch sonst nicht von einem auf eine ganze Gruppe schließen.[84]
  • Vizekanzler Sigmar Gabriel, damals auch SPD-Vorsitzender, sagte: „Solche abscheulichen Morde gab es schon, bevor der erste Flüchtling aus Afghanistan oder Syrien zu uns gekommen ist. Wir werden nach solchen Gewaltverbrechen – egal, wer sie begeht – keine Volksverhetzung zulassen.“
  • Der Bundesvorsitzende der Deutschen Polizeigewerkschaft, Rainer Wendt (CDU), sagte: „Dieses und viele andere Opfer würde es nicht geben, wäre unser Land auf die Gefahren vorbereitet gewesen, die mit massenhafter Zuwanderung immer verbunden sind. Und während Angehörige trauern und Opfer unsägliches Leid erfahren, schweigen die Vertreter der ‚Willkommenskultur‘. Kein Wort des Mitgefühls, nirgends Selbstzweifel, nur arrogantes Beharren auf der eigenen edlen Gesinnung.“[90][91] Der Bundesvorsitzende der Gewerkschaft der Polizei Oliver Malchow (SPD) und der stellvertretende SPD-Vorsitzende Ralf Stegner kritisierten seine Stellungnahme.[92]

Debatte um umfassendere Möglichkeiten der DNA-Analyse[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Fall entfachte eine Debatte über Bestimmungen der Strafprozessordnung. Es wäre möglich gewesen, den Täterkreis durch eine DNA-Untersuchung auf biogeographische Herkunft, Alter, Haar- und Augenfarbe einzugrenzen.[93] Dies ist aber gesetzlich nicht zulässig; bestimmt werden darf nur das Geschlecht (§ 81e StPO). Nach der Festnahme plädierte Freiburgs Polizeipräsident Bernhard Rotzinger für eine umfassendere Auswertung von DNA-Spuren. Er sagte, bei der Tätersuche hätte dies massiv helfen können. Bereits vor der Festnahme forderte Baden-Württembergs Justizminister Guido Wolf (CDU) mehr Möglichkeiten bei der Auswertung von DNA-Spuren und kündigte eine entsprechende Initiative an.[94] Bundesjustizminister Heiko Maas (SPD) zeigte sich offen für eine Diskussion über gesetzgeberischen Handlungsbedarf. In einem offenen Brief rief die Wissenschaftler-Initiative STS@Freiburg zu einem kritischen Umgang mit erweiterten DNA-Analysen in der Forensik auf.[95]

Maria-Ladenburger-Stiftung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einen Tag vor Verkündung des Urteils gingen die Eltern der Ermordeten und die Universität Freiburg an die Öffentlichkeit und verkündeten die Gründung der Maria-Ladenburger-Stiftung. Diese soll Studierende der Universität Freiburg, insbesondere der Medizinischen Fakultät, unterstützen, vor allem Studierende mit Behinderung, plötzlichen Erkrankungen oder in schwierigen Lebenssituationen. Die Stiftung widmet sich ausdrücklich auch der Unterstützung ausländischer Studierender bei der Integration in das universitäre Umfeld. Das Stiftungsvermögen beträgt 100.000 Euro.[96]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Mordfall Maria Ladenburger – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Fußnoten[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. focus.de
  2. a b welt.de
  3. POL-FR: Freiburg: 14. Folgemeldung zu: Leblose Frau aufgefunden – Stichwort „Belohnung“. presseportal.de, 24. November 2016, abgerufen am 8. Dezember 2016 (Gemeinsame Pressemitteilung der Staatsanwaltschaft Freiburg und des Polizeipräsidiums Freiburg).
  4. Frank Zimmermann, Joachim Röderer, Julia Dreier, Oliver Huber: Freiburg: Dreisam-Mord: Polizei: 17-Jähriger soll Maria L. ermordet haben – ein Haar war wichtige Spur. In: Badische Zeitung. 3. Dezember 2016, abgerufen am 17. Januar 2017.
  5. Frank Zimmermann, Joachim Röderer: Was die Festnahme des Tatverdächtigen im Fall Maria L. ausgelöst hat. In: badische-zeitung.de. 4. Dezember 2016, abgerufen am 5. Dezember 2016.
  6. freiburg.tv: Tote Studentin: Polizei bittet Bevölkerung um Hilfe. 21. Oktober 2016, abgerufen am 6. Dezember 2016.
  7. Frank Zimmermann: Hussein K.: Stadt prüft Verfahren zur Altersbestimmung. In: Badische Zeitung. 22. Februar 2017, abgerufen am 5. September 2017.
  8. Frank Zimmermann: Freiburg: Männliche DNA im Mordfall Maria L. gefunden. In: Badische Zeitung. 27. Oktober 2016, abgerufen am 8. Dezember 2016.
  9. Frank Zimmermann: Freiburg: Fall Maria: Dreisam-Mord: Kein Treffer in der DNA-Datenbank. In: badische-zeitung.de. 4. November 2016, abgerufen am 8. Dezember 2016.
  10. Frank Zimmermann: Freiburg: Getötete Medizinstudentin: Mordfall Maria L.: Spürhunde führen Polizei zu Biochemie-Hörsaal. In: Badische Zeitung. 18. November 2016, abgerufen am 8. Dezember 2016.
  11. Delikte in Endingen und Freiburg: Belohnungen von 60.000 Euro. In: swr.de. 24. November 2016, abgerufen am 8. Dezember 2016.
  12. Simone Höhl: Freiburg: Korrektur: Lassbergstraße heißt jetzt Laßbergstraße. In: Badische Zeitung. 27. Dezember 2016, abgerufen am 17. Januar 2017.
  13. Ralf Deckert: Freiburg: 17-jähriger Flüchtling unter Mordverdacht. In: schwarzwaelder-bote.de. 3. Dezember 2016, abgerufen am 5. Dezember 2016.
  14. Eberhard Wein: Ein blondiertes Haar überführt den Täter. In: stuttgarter-zeitung.de. 4. Dezember 2016, abgerufen am 8. Dezember 2016.
  15. So spürte die Polizei den Verdächtigen von Freiburg auf. In: welt.de. 4. Dezember 2016, abgerufen am 5. Dezember 2016.
  16. a b Joachim Röderer: Freiburg: Justiz: Fall Maria L.: Soko Dreisam löst sich auf. In: Badische Zeitung. 1. Februar 2017, abgerufen am 1. Februar 2017.
  17. Carolin Buchheim: Mordprozess Maria L.: Hussein K. hat erneut einen Suizidversuch unternommen - Freiburg - Badische Zeitung. Badische Zeitung, 14. November 2017, abgerufen am 15. November 2017.
  18. dpa: Hussein K. wollte sich im Gefängnis erneut töten - Südwest - Badische Zeitung. Badische Zeitung, 15. November 2017, abgerufen am 15. November 2017.
  19. Frau in Endingen ermordet - Sex-Mord an Joggerin bei Freiburg: Ermittler loben 25.000 Euro für Hinweise aus. In: Spiegel Online, 24. November 2016, abgerufen am 26. März 2018.
  20. Prozess in Freiburg: Angeklagter Lkw-Fahrer gesteht Mord an Joggerin in Endingen. In: Tagesspiegel.de, 22. November 2017, abgerufen am 26. März 2018.
  21. Joachim Röderer: Freiburg: Dreisam-Mord: Was man über den 17-jährigen Tatverdächtigen im Mordfall Maria L. weiß. In: Badische Zeitung. 6. Dezember 2016, abgerufen am 17. Januar 2017.
  22. focus.de
  23. Eckart Lohse: Freiburger Mordfall: Hussein K.s Daten standen in Eurodac. In: faz.net. 16. Dezember 2016, abgerufen am 17. Dezember 2016.
  24. a b c d Josef Kelnberger: Mord in Freiburg – Die Spur der Gewalt des Hussein K. In: sueddeutsche.de. 15. Dezember 2016, abgerufen am 17. Dezember 2016.
  25. a b c Getötete Studentin in Freiburg: Tatverdächtiger profitierte womöglich von Amnestie in Griechenland. In: Spiegel online. Abgerufen am 17. Dezember 2016.
  26. dpa: „Ich kann nicht glauben, dass sie ihn freigelassen haben“. In: FAZ.net. 18. Dezember 2016, abgerufen am 18. Dezember 2016.
  27. Tote Freiburger Studentin: „Ja, das ist der Mann, den ich 2013 verteidigt habe“. In: DIE WELT. Abgerufen am 17. Dezember 2016.
  28. FAZ 26. Januar 2018: „Es war doch nur eine Frau“
  29. Felix Lieschke, Daniela Weingärtner, Frank Zimmermann, Bernhard Walker, Wassilios Aswestopoulos, Dietmar Ostermann, Oliver Huber: Freiburg: Tatverdächtiger im Fall Maria L.: BKA: Fingerabdrücke belegen kriminelle Vorgeschichte von Hussein K. In: Badische Zeitung. 15. Dezember 2016, abgerufen am 17. Dezember 2016.
  30. Mutmaßlicher Mörder von Freiburg seit 2015 auf Fahndungsliste in Griechenland. In: euronews.com. Abgerufen am 17. Dezember 2016.
  31. Kirsten Ripper: DNA identisch: In Freiburg Verhafteter war in Griechenland im Gefängnis. In: euronews. 14. Dezember 2016, abgerufen am 17. Dezember 2016.
  32. a b Mutmaßlicher Mörder von Freiburg: Was wir über Hussein K. wissen. In: Spiegel Online. 15. Dezember 2016, abgerufen am 17. Dezember 2016.
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