Kristina Hänel

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Kristina Hänel bei Verleihung des Anne-Klein-Frauenpreises (2019)

Kristina Gisela Hänel (* 5. August 1956)[1] ist eine deutsche Fachärztin für Allgemeinmedizin und Notfallmedizinerin. Überregionale Bekanntheit erlangte die in Gießen praktizierende Medizinerin, da sie wegen Werbung für den Abbruch der Schwangerschaft (§ 219a StGB) angeklagt und zu einer Geldstrafe verurteilt wurde.[2] In einer von Hänel eingelegten Revision hob das Oberlandesgericht Frankfurt (Az.: 1 Ss 15/19) im Juli 2019 die Verurteilung auf und verwies die Sache zurück an das Landgericht Gießen, das den Fall mit Hinblick auf die im März 2019 verabschiedete Änderung des § 219a des Strafgesetzbuches erneut verhandeln muss.[3][4]

Leben und Wirken[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Hänel entstammt einer Ärztefamilie. Nach ihrem Abitur mit 18 Jahren begann sie ein Medizinstudium. Hänel arbeitet seit 1981 als approbierte Ärztin sowie Notärztin im Rettungsdienst, hat Weiterbildungen in Notfallmedizin, Anästhesie und Sexualtherapie absolviert. Ihre ersten Anstellungen nach dem Studium hatte sie bei Pro-Familia-Zentren und in Stimezo-Kliniken in den Niederlanden. Seit 2001 hat sie eine eigene Praxis in Gießen. Zu ihren Schwerpunkten, in denen sie medizinisch arbeitet und berät, zählen unter anderem Themen wie Frauengesundheit, Sexualität, Familienplanung, Schwangerschaft, Geburt und Schwangerschaftsabbruch.[5]

Hänel war Gründungsmitglied von Wildwasser Gießen, einem Verein gegen sexuellen Missbrauch von Mädchen und Frauen. An der Justus-Liebig-Universität Gießen hatte sie einen Lehrauftrag zu sexueller Traumatisierung im Kindesalter. Ehrenamtlich engagiert sie sich im Arbeitskreis Frauengesundheit in Medizin, Psychotherapie und Gesellschaft e.V., bei Pro Familia e.V., in der Deutschen Gesellschaft für Sexualforschung. Sie bietet auch Therapeutisches Reiten für traumatisierte Kinder und Jugendliche in integrativen Gruppen an.[6]

Hänel war verheiratet und hat ihre inzwischen erwachsenen Kinder während des Studiums geboren. Sie ist Marathonläuferin und startet international für die Altersgruppennationalmannschaft der Deutschen Triathlon Union.

Juristische Auseinandersetzung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Seit 2009 waren drei Ermittlungsverfahren wegen des Verdachts der Werbung für den Abbruch der Schwangerschaft gegen Hänel anhängig. Infolge des dritten Ermittlungsverfahrens wurde Hänel von dem Amtsgericht Gießen am 24. November 2017 zu einer Geldstrafe von 40 Tagessätzen verurteilt, weil sie auf der Website ihrer Praxis erklärt habe, Schwangerschaftsabbrüche vorzunehmen.[7] Das Landgericht Gießen verwarf im Oktober 2018 die gegen diese Verurteilung gerichtete Berufung Hänels.[8] Hänel legte hiergegen Revision ein.[9] Die Anzeigen, die zum Ermittlungsverfahren führten, wurden unter anderem von Yannic Hendricks erstattet.[10]

Das Urteil des Landgerichts Gießen gegen Hänel wegen "Werbung für Schwangerschaftsabbrüche" wurde aufgehoben, teilte das Oberlandesgericht Frankfurt am Main am 3. Juli 2019 mit.[11] Zu ihren Gunsten ist der seit März 2019 geänderte § 219 anzuwenden.[12]

Die juristische Auseinandersetzung löste öffentliche Kritik und eine Debatte über eine Abschaffung oder Reform des § 219a StGB aus. Bündnis 90/Die Grünen, Die Linke und die FDP machten sich für die Abschaffung beziehungsweise Einschränkung des Straftatbestandes stark. Nach einer 45-minütigen Lesung und Debatte im Februar 2018 wurde das Thema zur weiteren Bearbeitung an den federführenden Ausschuss für Recht und Verbraucherschutz übergeben. Im Juni 2018 fand vor dem Ausschuss unter starker öffentlicher und medialer Anteilnahme eine Anhörung statt, in der neun Sachverständige ihre Position darlegten, sowie die drei vorliegenden Gesetzentwürfe von Bündnis 90/Die Grünen, Die Linke und FDP behandelt wurden.[13][14] Im Dezember 2018 einigten sich die Ministerien für Justiz, für Frauen und für Gesundheit auf einen Gesetzeskompromiss für den § 219a StGB, der am 21. Februar 2019 vom Bundestag in namentlicher Abstimmung mit Stimmenmehrheit von CDU, CSU und SPD beschlossen wurde[15] und am 29. März in Kraft trat. Hänel kritisierte diese Reform als Verschärfung der Strafvorschrift. Sie versperre einer liberalen Auslegung der Norm den Weg, wie sie vorher noch möglich gewesen sei.[16]

Auszeichnungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Preisverleihung des Anne-Klein-Frauenpreis (2019)

Bücher[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Andrea Vogelsang (Pseudonym): Die Höhle der Löwin. Geschichten einer Ärztin über Abtreibung. Anthologie, Ulrike Helmer Verlag, Sulzbach/Taunus 2018, um ein Nachwort erweiterte Neuauflage der Erstausgabe, ISBN 978-3-89741-417-4.
  • Kristina Hänel: Das Politische ist persönlich. Tagebuch einer »Abtreibungsärztin«. Argument Verlag, Hamburg 2019. ISBN 978-3-86754-513-6.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Kristina Hänel – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Urteil des Amtsgerichts Gießen vom 24.11.2017 Abgerufen am 11. April 2019.
  2. Informationen zu Abtreibungen: Gericht bestätigt Urteil gegen Ärztin Hänel. In: Spiegel Online. 12. Oktober 2018, abgerufen am 23. November 2018.
  3. Frankfurt: Streit um Abtreibungsparagrafen - Urteil gegen Kristina Hänel aufgehoben - SPIEGEL ONLINE. Abgerufen am 3. Juli 2019.
  4. FAZ.net: Warum das Urteil gegen Ärztin Kristina Hänel aufgehoben wurde
  5. Kristina Hänel – Fachärztin für Allgemeinmedizin. Abgerufen am 31. Januar 2019.
  6. Kristina Hänel. Heinrich Böll Stiftung, 26. November 2018, abgerufen am 21. Februar 2019.
  7. AG Gießen, Urteil vom 24. November 2017, Az. 507 Ds 501 Js 15031/15.
  8. LG Gießen, Urteil vom 12. Oktober 2018, Az. 3 Ns 406 Js 15031/15.
  9. Kristina Hänel geht in Revision. In: Legal Tribune Online. 20. November 2018, abgerufen am 23. November 2018.
  10. Daniel Herder: Das ist der Abtreibungsgegner, der so gern Ärzte anzeigt. 11. Februar 2019, abgerufen am 11. März 2019 (deutsch).
  11. dejure.org
  12. OLG Ffm
  13. Sandra Schmid: Deutscher Bundestag – Kontroverse um Werbeverbot für Schwangerschaftsabbruch. Abgerufen am 29. Januar 2019.
  14. Deutscher Bundestag – Stellungnahmen der Sachverständigen. Abgerufen am 29. Januar 2019.
  15. Umstrittene Entscheidung: Bundestag beschließt Reform von Paragraf 219a mit deutlicher Mehrheit. In: Spiegel Online. 21. Februar 2019, abgerufen am 28. Februar 2019.
  16. Karlen Vesper: "Am liebsten hätte man mich für vogelfrei erklärt." In: Neues Deutschland. 6. April 2019, abgerufen am 12. April 2019.
  17. Clara-Zetkin-Frauenpreis 2018. Die Linke, abgerufen am 5. Februar 2019.
  18. Anne-Klein-Frauenpreis 2019 an Kristina Hänel, Natascha Nicklaus und Nora Szász. Heinrich-Böll-Stiftung, abgerufen am 5. Februar 2019.
  19. Dr. Kristina Hänel wird vom Deutschen Frauenring e. V. als Frauenringsfrau des Jahres 2019 geehrt. Der Paragraf 219a gehört abgeschafft. Deutscher Frauenring, abgerufen am 4. März 2019.
  20. https://www.hessenschau.de/gesellschaft/marburger-leuchtfeuer-preis-fuer-engagement-geht-an-zwei-aerztinnen,marburger-leuchtfeuer-100.html