Kritische Theorie

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Max Horkheimer (vorne links), Theodor Adorno (vorne rechts) und Jürgen Habermas (im Hintergrund rechts) im Jahr 1964 in Heidelberg

Als Kritische Theorie wird eine von Hegel, Marx und Freud inspirierte Gesellschaftstheorie bezeichnet, deren Vertreter auch unter dem Begriff Frankfurter Schule zusammengefasst werden. Ihr Gegenstand ist die kritische Analyse der bürgerlich-kapitalistischen Gesellschaft, das heißt: die Aufdeckung ihrer Herrschafts- und Unterdrückungsmechanismen und die Entlarvung ihrer Ideologien, mit dem Ziel einer vernünftigen Gesellschaft mündiger Menschen.

Hauptaussagen[Bearbeiten]

Die drei Hauptbeobachtungsfelder der Kritischen Theorie sind die Ökonomie, die Entwicklung des Individuums und die Kultur. In einer Kombination marxistischer und psychoanalytischer Perspektiven wird insbesondere die „Gesellschaft“ kritisch betrachtet. Sie wird nicht nur als eine Gesamtheit von Menschen in einer bestimmten Zeit aufgefasst, vielmehr werden gesellschaftliche Verhältnisse analysiert, die dem Einzelnen übermächtig gegenüberstehen und den Charakter und die Handlungsmöglichkeiten der Menschen einschränken. Eine besondere Mittlerrolle bei der Stabilisierung von Herrschaft kommt dabei der familiären Sozialisation (Familie als „psychosoziale Agentur“), den Massenmedien und der Massenkultur zu.

In der spätkapitalistischen Gesellschaft trete durch zunehmende Kapitalkonzentration („rackets“), und Bürokratisierung eine Abtötung des Spontanen und Individuellen in der „verwalteten Welt“ ein. Zwar habe aufklärerische Vernunft das Erlangen von wahren Erkenntnissen über die Welt als das Wesen des Menschen angesehen, doch habe sich diese Vernunft zu einer „instrumentellen“ und „zweckbestimmten“ gewandelt. Diese instrumentelle Vernunft betrachte die Welt und die Menschen einzig unter dem Aspekt des Nutzens. Die Beziehungen zwischen den Individuen werden, so die Argumentation, unter Auflösung tradierter Bindungen weitgehend versachlicht und objektiviert. Sie reduzierten sich zunehmend auf bloße Tauschverhältnisse.

Am Ende entsteht demnach eine „total verwaltete Welt“, die gegenüber dem Einzelnen umfassende soziale Kontrolle ausübt und Idealismus, Nonkonformismus, Unkonventionalität oder Kreativität - als ihrem Charakter entgegenlaufend - konsequent unterdrückt.

Die Kritische Theorie will der Philosophie eine praktische und zentrale Bedeutung für die Gesellschaft einräumen und verspricht sich dadurch bessere Verhältnisse in einer zukünftigen Gesellschaft.

Zum Begriff[Bearbeiten]

Der Terminus „Kritische Theorie“ wurde von Max Horkheimer im Exil „für das wissenschaftliche Projekt des Instituts“, einem von ihm „entwickelten Forschungsprogramm eines interdisziplinären Materialismus“, erfunden.[1] Er findet in Horkheimers Aufsatz Traditionelle und kritische Theorie von 1937 seine Begründung, in dem er sich mit dem Ideal und dem Betrieb der nachkopernikanischen Wissenschaft beschäftigt. Davor firmierte die marxistisch undogmatische Gesellschaftstheorie des Instituts unter dem Namen Materialismus.[2]

Die Kritische Theorie wird in Horkheimers Aufsatz als eine praktische Philosophie bestimmt, der es auf die gesellschaftliche Veränderung mit dem Ziel zunehmender Selbstbestimmung der Menschen ankommt. Diese Zielsetzung trennt Kritische Theorie nachhaltig von der „bürgerlichen Wissenschaft“, zu der sowohl die positivistisch operierenden Fachwissenschaften als auch die idealistische theoretische Philosophie gehören.

Horkheimer kritisiert an der „traditionellen Theorie“ der Fachwissenschaften, dass sie der Dialektik der Aufklärung, das heißt dem Rückfall der Aufklärung in Mythologie, verfalle. Der Grund dafür sei, dass sie die gesellschaftlichen Fakten als Gegebenheiten hinnehme und vergesse, dass diese Fakten keine naturgegebenen Tatsachen, sondern gesellschaftlich Gemachtes seien, in denen sich das Unrecht gesellschaftlicher Herrschaft verberge. Dieses Unrecht könne nur entschlüsselt werden, wenn man die gesellschaftliche Konstitution der sozialen Tatbestände kritisch, das heißt unter dem Gesichtspunkt der besseren Praxis erschließe. Weil die positivistische Fachwissenschaft sich dieser Reflexion verweigere, mache sie sich der Verfestigung des bestehenden gesellschaftlichen Unrechts dienstbar. Sie verschließe sich der Reflexion über die Verflechtung von Wissenschaft und Herrschaft von Grund auf und könne daher ihren theoretischen Anspruch der Werturteilsfreiheit nicht einlösen.[3]

An der „traditionellen Theorie“ als idealistischer Philosophie oder Ontologie kritisiert Horkheimer, dass sie nur die metaphysische Ergänzung des geistlosen Zustandes in den positivistisch operierenden, affirmativen Fachwissenschaften sei. Sie legitimiere den geistlosen Zustand und kritisiere ihn zugleich. Die Kritik erfolge aber nicht so, dass sie die fachwissenschaftlichen Begriffe etwa der Ökonomie, Soziologie, Psychologie, Erziehungswissenschaft selbst in Frage stelle und auf ihre Realkonstitution untersuche, sondern so, dass diese Begriffe akzeptiert werden, aber zugleich ihre Ergänzung durch die Metaphysik eingeklagt werde, die leisten soll, was den positiven Wissenschaften abgeht: Klärung der Sinnfragen, Ableitung des moralisch richtigen Handelns aus obersten Prämissen, Explikation von Wegen zur Erlösung vom Elend der Welt oder Wegen zum „wahren Selbst“ im unbegriffenen gesellschaftlichen Ganzen. Das geschehe in der idealistischen Metaphysik stets durch die Setzung einer idealen Welt hinter oder über der wirklichen Welt der positivistisch hingenommenen Tatsachen und der Ableitung aus den ersten, höchsten unbezweifelbaren Prinzipien dieser „eigentlichen, idealen Welt“. Die als solche akzeptierte positivistische Rationalität der traditionellen Theorie in den Fachwissenschaften werde so durch die Metaphysik als Ursprungsphilosophie um das, was ihr angeblich fehlt, ergänzt, ohne dass sie selbst und die gesellschaftliche Realität, auf die sie sich bezieht, in Frage gestellt werde.[4][5]

Die Kritische Theorie ist demgegenüber an einem Vernunftbegriff orientiert, der nicht in der Zweck-Mittel-Rationalität aufgeht. Sie zielt nach Vorstellung ihrer Begründer darauf ab, die vorgefundene „gesellschaftliche Totalität“ selbst zu begreifen, deren Unbewusstheit und Unbegriffenheit in den Sozialwissenschaften dazu führt, dass positivistische Wissenschaftler weder im theoretischen Ansatz noch in ihrer Durchführung der Aufbereitung oder dem Verständnis des gewonnenen Datenmaterials objektiv sein können, sondern ihre Begriffe und Kategorien bloße Verdoppelungen und systematisierende Wiederholungen der in der gesellschaftlichen Wirklichkeit selbst wirksamen, unbegriffenen Realabstraktionen sind. Daher richtet die Kritische Theorie ihre Aufmerksamkeit auf die Konstitution der das gesellschaftliche Leben beherrschenden Realabstraktionen, auch darauf, wie sie in den Fakten erscheinen und zugleich auf die Spannung zwischen dem „Bestehenden“ und dem „Möglichen“. Sie möchte die Tür offen halten für eine bessere Praxis.

Vereinfacht formuliert ist ihr Grundgedanke, „dass die Grundform der historisch gegebenen Warenwirtschaft (…) die inneren und die äußeren Gegensätze der Epoche in sich schließt, in verschärfter Form stets aufs Neue zeitigt und nach einer Periode des Aufstiegs, der Entfaltung menschlicher Kräfte, der Emanzipation des Individuums, nach einer ungeheuren Ausbreitung der menschlichen Macht über die Natur schließlich die weitere Entwicklung hemmt und die Menschheit einer neuen Barbarei zutreibt.“ (Horkheimer: Traditionelle und kritische Theorie, Gesammelte Schriften Bd. 4, S. 201, 1937) Dem kritischen Theoretiker gelten die ökonomischen Kategorien der Arbeit, des Werts, der Produktivität, des Besseren, Nützlichen, Zweckmäßigen und Produktiven, wie sie in dieser Ordnung gelten, „genau als das, was sie in dieser Ordnung gelten, und er betrachtet jede andere Ausdeutung als schlechten Idealismus.“ (Horkheimer: Traditionelle und kritische Theorie, Gesammelte Schriften Bd. 4, 1937) Andererseits erscheint es ihm „als die gröbste Unwahrheit, diese Geltung einfach hinzunehmen: die kritische Anerkennung der das gesellschaftliche Leben beherrschenden Kategorien enthält zugleich ihre Verurteilung.“ (Horkheimer: Traditionelle und kritische Theorie, Gesammelte Schriften Bd. 4, 1937)

Einordnung[Bearbeiten]

Ausgangspunkt der Kritischen Theorie war das Werk von Karl Marx, dessen Rezeption (durch Engels' Ordnungs- und Herausgebertätigkeit nach Marx' Tod, vor allem aber durch die Arbeiterbewegung und deren verschiedene politische Parteien oder Bewegungen) von den meisten Vertretern der Kritischen Theorie als verzerrt oder verkürzt angesehen wurde, weshalb es einer Neuinterpretation unterzogen wurde (siehe auch Neomarxismus). Die Vertreter der Kritischen Theorie sehen in Marx' Theorie vor allem eine (Ideologie-)Kritik der bürgerlich-kapitalistischen Gesellschaft und kein wirtschaftswissenschaftliches Lehrgebäude, keine Geschichtsphilosophie oder Weltanschauung. Hier knüpfen sie an andere Ansätze des westlichen Marxismus an.

Das zweite wichtige Fundament der Kritischen Theorie bestand in Kategorien aus der Psychoanalyse Sigmund Freuds, mittels derer die soziopsychologischen Auswirkungen (im Sinne Freuds) sozioökonomischer Bedingungen (im Sinne Marx') erklärt werden, um so eine Verbindung aus Freudscher Psychoanalyse und marxistischer Gesellschaftskritik zu ermöglichen. Da die Kritische Theorie die bestehenden Gesellschaftsverhältnisse als Hindernisse einer objektiven Wissenschaft, Forschung und Lehre überprüft, dient die psychoanalytische Sichtweise der Erklärung verschiedener soziopsychologischer Verzerrungs- und/oder Vorurteilsmechanismen. Theodor W. Adorno spricht zumeist von „Verblendungszusammenhängen“. Diese seien bei Marx lediglich als ideologischer Überbau vage benannt worden, während die Denker der kritischen Theorie sie im Sinne der Stabilisierung der herrschenden Verhältnisse interpretieren.

An diesen irrationalen Verzerrungs- und Vorurteilsmechanismen sei, so die Kritische Theorie, auch die Aufklärung gescheitert. Denn für das Funktionieren der objektiv-wertfreien Aufklärung sei die Möglichkeit zu einer objektiven Wissenschaft Voraussetzung. Diese beruhe auf einer analytisch-kritischen Methodik und Einsicht, welche von sozioökonomischen Zwängen wirklich frei sein kann. Diese Wissenschaft überwindet ihre aus diesen Zwängen resultierende „subjektive“ Irrationalität in einer freien Gesellschaft.

Die Kritische Theorie arbeitet also darauf hin, aus dem Scheitern der Aufklärung methodische und analytische Lehren zu ziehen und damit die Grundbedingungen für eine objektive(re), wirklich aufklärerische Wissenschaft in Form der dialektischen wie psychologisch-soziologischen Analyse zu schaffen. Damit soll das näher erklärt werden, was Marx einst als ideologischen Überbau bezeichnete, wobei stets das Marxsche Postulat bestehen bleibt, dass die Ideologie aus den sozioökonomischen Bedingungen entsteht. Die Kritische Theorie betont dabei besonders die dialektische Wechselwirkung zwischen Sein und Bewusstsein. Aufgrund des „Verblendungszusammenhangs“ ist nicht mehr das Proletariat das revolutionäre Subjekt, sondern der vereinzelte Theoretiker, der seine Aufgabe in gezielter kritischer Analyse gesellschaftlicher Bedingungen sieht, um die Hoffnung auf eine Revolution aufrechtzuerhalten, wo sie praktisch unmöglich wurde. Die Arbeiterbewegung vertritt demnach nicht das Bestreben nach der allgemeinen Freiheit, sondern lediglich eigene Interessen. Als Illusion wird die marxistische, sich als wissenschaftlich begreifende, Analyse des Proletariats als revolutionäres Subjekt an sich betrachtet. Vielmehr umfasse das „eigentliche“ Proletariat gesellschaftlich isolierte und unterdrückte Randgruppen. Diese Gedankengänge konnten viele klassische Marxisten nicht nachvollziehen.

Der marxistische Philosoph Georg Lukács prägte etwa 1933, als sich diese Richtung im Rahmen des Frankfurter Instituts für Sozialforschung bereits abzuzeichnen begann, das polemische Schlagwort vom „Grand Hotel Abgrund“, auf dessen Balkon es sich die Frankfurter Schule in faul-bürgerlicher Manier gemütlich gemacht habe, um von Zeit zu Zeit das tragische bis skandalöse Weltgeschehen im vor ihr sich ausbreitenden Abgrund akademisch zu kommentieren, ohne sich je zur Lösung mittels der gewaltsamen Revolution zu bequemen. Theoretisch hatte Lukács dennoch großen Einfluss auf die Kritische Theorie.

Aufgrund der engen Verbindung von Psychoanalyse und Marxscher Gesellschaftskritik wird die Kritische Theorie im angloamerikanischen Sprachraum oft auch als Freudomarxismus bezeichnet bzw. diesem als Unterkategorie zugerechnet. Methodologische sowie analytische Grundlage ist die Verwendung einer an Hegel orientierten Dialektik. Da die konkreten Erscheinungsformen gesellschaftlicher Irrationalität stärker als beim klassischen Marxschen Lehrgebäude im Vordergrund stehen, hat die Kritische Theorie als eines der wichtigsten ihrer Teilgebiete den Wissenschaftszweig der soziopsychologischen wie sozioökonomischen Vorurteilsforschung hervorgebracht.

Scharf grenzten sich die Vertreter der Frankfurter Schule gegen den „Positivismus“ ab, wobei sie darunter alle die bestehenden gesellschaftlichen Verhältnisse und Ideologien unkritisch übernehmenden und damit reproduzierenden theoretischen Ansätze verstehen. Unter diesem weiter als sonst in der Ideengeschichte der Philosophie gefassten Begriff[6] wurden im Einzelnen etwa „anti-metaphysische“ Strömungen der Philosophie des 20. Jahrhunderts (neben Positivismus, Neopositivismus und Analytischer Philosophie auch der kritische Rationalismus) zusammengefasst. Die Auseinandersetzung fand ab 1961 öffentlich im so genannten Positivismusstreit statt. Für die „jüngere Kritische Theorie“ verlor diese Abgrenzung wegen ihrer Hinwendung zur Philosophie der normalen Sprache bei Habermas an Bedeutung.

Geschichte[Bearbeiten]

Die Entwicklung der kritischen Theorie begann, nachdem 1931 Max Horkheimer die Leitung des Instituts für Sozialforschung in Frankfurt am Main übernommen hatte. Als Hauptwerk der kritischen Theorie gilt die von Horkheimer und Theodor W. Adorno von 1944 bis 1947 gemeinsam verfasste Essay-Sammlung Dialektik der Aufklärung.

Im US-amerikanischen Exil arbeiteten Horkheimer und Adorno an einer Studie zum „autoritären Charakter“ mit und legten damit eine wichtige Arbeit zur Erklärung totalitärer Regimes vor. Zugleich setzten sie sich mit der damals aktuellen Philosophie des Pragmatismus in Amerika auseinander und entwickelten daraus eine Kritik der instrumentellen Vernunft. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden die Arbeiten des Kreises um Horkheimer und Adorno als Frankfurter Schule bezeichnet. Durch die Erfahrungen des Nationalsozialismus erlebte die kritische Theorie einen neuen Aufschwung. Viele der Studenten Adornos wollten Erklärungen für die Geschehnisse zwischen 1933 und 1945. Ihre Blütezeit erlebte sie in den weltweiten 68er-Bewegungen. Starken Einfluss übte Herbert Marcuse auf die Studentenbewegung in den USA und in Westdeutschland aus.

Die kritische Theorie mit den Hauptvertretern Horkheimer und Adorno wird gelegentlich auch als die „ältere kritische Theorie“ bezeichnet, im Gegensatz zur „jüngeren kritischen Theorie“, die vorwiegend Jürgen Habermas entwickelt hat.

In der Gegenwart ist Axel Honneth als Direktor des Instituts für Sozialforschung einer der wichtigsten Vertreter und Fortführer der kritischen Theorie.

Rezeption in Lateinamerika[Bearbeiten]

Siehe: Frankfurter Schule#Diskussion und Weiterentwicklung in Lateinamerika

Vertreter (nach Generationen, alphabetisch)[Bearbeiten]

1. Generation (Jahrgänge 1892–1905):

Intellektuell war diese Generation bereits in der Weimarer Republik und in der Emigration durch wesentliche Beiträge zur kritischen Theorie hervorgetreten; ihre Angehörigen standen miteinander in persönlichem Kontakt. Alle waren von faschistischer Verfolgung bedroht und emigrierten.

2. Generation (Jahrgänge 1922–1934):

Bei dieser Generation handelt es sich in der Mehrzahl um Schüler von Horkheimer und Adorno, deren Wirken ausschließlich in die Nachkriegsperiode fällt; Im Gegensatz zur 1. Generation beruht ihr Interaktionsverhältnis eher auf zufälligen persönlichen Kontakten.

3. Generation (Jahrgänge 1942ff.):

Bei dieser Generation handelt es sich zumeist um Schüler von Schülern, die ein mehr oder weniger lockeres intellektuelles Band mit den Begründern verbindet.

Siehe auch[Bearbeiten]

Zitate[Bearbeiten]

„Wenn die gegebene Gesellschaftsform das oberste Bezugssystem für Theorie und Praxis ist und bleibt, dann ist an dieser Art Soziologie und Psychologie nichts falsch. […] Aber die Rationalität dieser Art von Sozialwissenschaft erscheint dabei in einem anderen Licht, wenn die gegebene Gesellschaft, die dabei das Bezugssystem bildet, zum Gegenstand einer kritischen Theorie wird, die gerade auf die Struktur dieser Gesellschaft abzielt, die in allen besonderen Tatsachen und Bedingungen präsent ist und deren Ort und Funktion bestimmt. Dann wird ihr ideologischer und politischer Charakter offenkundig, und die Ausarbeitung angemessener Begriffe der Erkenntnis macht es erforderlich, über die trügerische Konkretheit des positivistischen Empirismus hinauszugehen.“

Herbert Marcuse, Der eindimensionale Mensch (1967)[8]

„Eine emanzipierte Gesellschaft jedoch wäre kein Einheitsstaat, sondern die Verwirklichung des Allgemeinen in der Versöhnung der Differenzen. Politik, der es darum im Ernst noch ginge, sollte deswegen die abstrakte Gleichheit der Menschen nicht einmal als Idee propagieren. Sie sollte stattdessen auf die schlechte Gleichheit heute, die Identität der Film- mit den Waffeninteressen deuten, den besseren Zustand aber denken als den, in dem man ohne Angst verschieden sein kann.“

Theodor W. Adorno, Minima Moralia (1951)

Anmerkungen[Bearbeiten]

  1. Gerhard Schweppenhäuser: Am Ende der bürgerlichen Geschichtsphilosophie. Max Horkheimer/Theodor W. Adorno: 'Dialektik der Aufklärung' (1947). In: Walter Erhard / Herbert Jaumann (Hrsg.): Jahrhundertbücher. Große Theorien von Freud bis Luhmann. Beck, München 2000, S. 188.
  2. Eintrag Kritische Theorie, in: Historisch-kritisches Wörterbuch des Marxismus, Band 8/I: Krisentheorien bis Linie Luxemburg-Gramsci. Argument, Hamburg 2012, Spalte 198.
  3. Heinz Gess: "Max Horkheimer: Traditionelle und kritische Theorie"
  4. Heinz Gess: Kritische Theorie – Was ist das?
  5. Heinz Gess: Horkheimer: Der Rationalismusstreit in der gegenwärtigen Philosophie
  6. bei Adorno von Oswald Spengler bis Karl Popper reichend
  7. Vergleiche zu dessen unter anderem von Mitscherlich beeinflusster „kritischer Theorie des Subjekts“ und deren Kontextualisierung im Rahmen der Debatten um die kritische Theorie etwa Helmut Dahmer: Libido und Gesellschaft – Studien über Freud und die Freudsche Linke. Frankfurt/M. 1973, ISBN 3-518-07270-6; Bernard Görlich: Freuds Wissenschaft vom Unbewussten – ihre Bedeutung für eine kritische Theorie des Subjekts, in: Bernard Paul Geyer, Monika Schmitz-Emans: Proteus im Spiegel – kritische Theorie des Subjekts im 20. Jahrhundert. Königshausen & Neumann, Göttingen 2003, ISBN 3-8260-2633-0, S. 87–96, hier 91 ff. Zu seinem Einfluss auf Habermas etwa Erkenntnis und Interesse, S. 10.
  8. US-amerikan. Originalausgabe: One-Dimensional Man. (1964)

Literatur[Bearbeiten]

  •  Roger Behrens: Kritische Theorie. Europäische Verlagsanstalt, Hamburg 2002, ISBN 3-434-46114-0.
  •  Gerhard Bolte: Flaschenpost. Thesen und Essays zur kritischen Theorie der Gesellschaft. Oktober Verlag, Münster 2001, ISBN 3-938568-19-4.
  •  Alex Demirović: Der nonkonformistische Intellektuelle. Die Entwicklung der Kritischen Theorie zur Frankfurter Schule. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1999, ISBN 3-518-29040-1.
  •  Helmut Dubiel: Kritische Theorie der Gesellschaft. Eine einführende Rekonstruktion von den Anfängen im Horkheimer-Kreis bis Habermas. 2. Auflage. Juventa, Weinstein / München 2001, ISBN 3-7799-0386-5.
  •  Honneth, Axel (Hrsg.): Schlüsseltexte der Kritischen Theorie. VS Verlag für Sozialwissenschaften, Wiesbaden 2006, ISBN 978-3531141084.
  •  Gandler, Stefan: Frankfurter Fragmente. Essays zur kritischen Theorie. Peter Lang, Frankfurt am Main 2013, ISBN 978-3-631-63400-4.
  •  Lars Gertenbach u. Hartmut Rosa: Kritische Theorie. In: L. Gertenbach, H. Kahlert, S. Kaufmann, H. Rosa u. C. Weinbach: Soziologische Theorien. Fink, Stuttgart 2009, ISBN 978-3-8252-3296-2.
  •  Heinz Gess (Hrsg.): Kritiknetz. Internetzeitschrift für Kritische Theorie der Gesellschaft. ISSN 1866-4105.
  •  Ulrich Gmünder: Kritische Theorie. Horkheimer, Adorno, Marcuse, Habermas. In: Sammlung Metzler. 20, Stuttgart 1985, ISBN 3-476-10220-3.
  •  Andreas Gruschka, Ulrich Oevermann (Hrsg.): Die Lebendigkeit der kritischen Gesellschaftstheorie. Dokumentation der Arbeitstagung aus Anlass des 100. Geburtstages von Theodor W. Adorno.. Büchse der Pandora, Wetzlar 2004, ISBN 978-3-88178-324-8.
  •  Martin Jay: Dialektische Phantasie. Die Geschichte der Frankfurter Schule und des Instituts für Sozialforschung 1923-1950. Frankfurt am Main 1981.
  •  Thomas McCarthy: Ideale und Illusionen. Dekonstruktion und Rekonstruktion in der kritischen Theorie. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1991, ISBN 3-518-58159-7.
  •  Johannes Platz: Die Praxis der kritischen Theorie. Angewandte Sozialwissenschaft und Demokratie in der frühen Bundesrepublik 1950-1960. Universität Trier, Trier 2012.
  • Dieter Prokop: Das fast unmögliche Kunststück der Kritik. Erkenntnistheoretische Probleme beim kritischen Umgang mit Kulturindustrie. Tectum Verlag, Marburg 2007
  •  Willem van Reijen: Philosophie als Kritik. Einführung in die Kritische Theorie. Athenäum, Frankfurt am Main 1984, ISBN 3-7610-1514-3.
  • Gunzelin Schmidt Noerr: Das Eingedenken der Natur im Subjekt. Zur Dialektik von Vernunft und Natur in der Kritischen Theorie Horkheimers, Adornos und Marcuses. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 1990.
  •  Gerhard Schweppenhäuser: Kritische Theorie. Reclam, Stuttgart 2010, ISBN 978-3-15-020330-9.
  • Emil Walter-Busch: Geschichte der Frankfurter Schule. Kritische Theorie und Politik. Wilhelm Fink Verlag, München 2010, ISBN 978-3-7705-4943-6.
  •  Rolf Wiggershaus: Die Frankfurter Schule. Geschichte, Theoretische Entwicklung, Politische Bedeutung. DTV, München 1988, ISBN 3-4233-0174-0.

Weblinks[Bearbeiten]