Krystallpalast (Leipzig)

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche

Der Krystallpalast war über etwa 60 Jahre eine aus zahlreichen Einzelangeboten bestehende Vergnügungsstätte in Leipzig. Sie galt als die größte ihrer Art in Deutschland. Namensgebendes Herzstück war ein nur aus Glas und Eisen bestehender Bau mit einem Saal, der vornehmlich für Varieté-Veranstaltungen genutzt wurde, weshalb auch oft vom Krystallpalast-Varieté gesprochen wurde. Ein Zentralkuppelbau, die Alberthalle, hatte über 3000 Plätze.

Im Gelände des Krystallpalastes um 1900

Der gesamte Krystallpalast-Komplex, der in seiner Glanzzeit in seinen verschiedenen Sälen, Restaurants, Bars, Cafés, Salons und Biergärten 15.000 Personen fasste, fiel dem Luftangriff am 4. Dezember 1943 zum Opfer.

Geschichte[Bearbeiten]

Vorgeschichte[Bearbeiten]

1809 erwarb der Kunstgärtner Christian August Breitner nordöstlich der Stadt neben dem Georgen-Vorwerk ein Grundstück und legte einen Wintergarten mit botanischen Raritäten an, deren Besichtigung ab 1815 mit dem Besuch einer gastronomischen Einrichtung verbunden werden konnte. Im hinteren Teil des Grundstücks errichtete 1833/34 Albert Geutebrück für die Leipziger Schützengilde ein Schützenhaus, dem sich der Schießplatz anschloss. Die über das Wintergartengrundstück bis zum Schützenhaus angelegte Straße erhielt 1855 den Namen Wintergartenstraße.[1]

Den vorderen gastronomischen Teil kaufte 1847 der ehemalige Oberkellner aus dem Hôtel de Saxe Carl Hofmann. Dieser etablierte einen regen Amüsierbetrieb und erbaute einen prunkvoll ausgestatteten Festsaal, in dem auch Johann Strauß mit seinem Orchester auftrat. Das Haus war auch ein wichtiger Versammlungsort der Stadt. Am 25. April 1863 gründeten rund 80 Teilnehmer den Sächsischen Fortschrittsverein und legten damit den Grundstein für die liberale Partei in Sachsen. 1865 fand die Eröffnung des Gründungskongresses des Allgemeinen Deutschen Frauenvereins und 1866 die Gründungsversammlung des Buchdruckerverbandes (seit 1891 Verband der Deutschen Buchdrucker) statt.

Nachdem die Schießstände bereits verlegt worden waren, zog 1868 der Schützenverein in sein neu errichtetes Schützenhaus auf den Frankfurter Wiesen, und Hofmann konnte sich weiter ausbreiten. Eine im sogenannten Trianongarten mit zahlreichen Phantasiebauten ausgestattete Großgaststätte entstand. So gab es eine große Fontänenanlage, eine Freiluft-Konzerthalle in Muschelform, eine Ruhmeshalle, eine Burg und einen mit einem Aussichtspunkt bestückten Drachenfels. Riesige Feste wurden gefeiert. Auch gekrönte Häupter besuchten die Einrichtung, 1872 der sächsische König Johann und 1876 Kaiser Wilhelm.

1878 übernahm Robert Kühnrich die Bewirtschaftung. Sein Verdienst ist die Einführung von Frühschoppenkonzerten. Zu Pfingsten 1881 brannte bei einem Feuerwerk ein Großteil der Anlage ab, und Kühnrich ging in Insolvenz.

Der Krystallpalast[Bearbeiten]

Es fand sich schnell ein neuer Unternehmer, der eine Leipziger Bank von seinen Plänen überzeugte, Eduard Berthold. Er ließ sich von dem Architekten Carl Planer 1881/82 eine Eisen-Glas-Konstruktion errichten, wie sie ähnlich erstmals auf der Londoner Weltausstellung 1851 als Crystal Palace vorgestellt worden war und auf der Weltausstellung Paris 1867 als Glaspaläste für nationale Pavillons Bewunderung fand.

Es entstand ein ganzer Komplex aus Glas und Eisen. Letzteres kam aus der Königin-Marien-Hütte. Das Zentrum war ein Theatersaal für 800 Besucher, um den sich Wintergärten, Ausstellungssaal, Restaurants und Gesellschaftsräume auf mehreren Etagen gruppierten. Der Krystallpalast galt als größte Vergnügungsstätte Deutschlands. Der alte Geutebückbau zur Wintergartenstraße war erhalten geblieben.

Der Krystallpalast war ein solcher Erfolg, dass schon bald an eine Erweiterung gedacht werden konnte. 1886/87 entstand nach Entwürfen des Architekten Arwed Roßbach ein Kuppelbau mit 46 Meter Spannweite, die „Alberthalle“, benannt nach dem sächsischen König. Die Alberthalle ermöglichte Zirkus, Theater, Konzert und Varieté gleichermaßen, und zwar in großem Stil. Sie hatte je nach Aufführungsart zwischen 3000 und 3500 Sitzplätze.

Anfangs wurde die Halle vorwiegend für Zirkusveranstaltungen genutzt. Der Zirkus Renz hatte hier einen Hauptsitz, aber auch andere gastierten: Herzog, Schumann, Busch, Corty-Althoff. Es gab Filmveranstaltungen, Konzerte und Varietéprogramme. 1918 wurde die Halle zu einem Filmtheater mit 1360 Plätzen umgebaut.

In der Alberthalle und anderen Sälen des Krystallpalasts traten fast alle bedeutenden Unterhaltungskünstler jener Zeit auf: Die Clowns Grock und die Drei Rivels, der Jongleur Enrico Rastelli und die Tänzerin Josephine Baker. Otto Reutter verdiente hier seine ersten Gagen, und Benjamino Gigli oder auch die Donkosaken gaben hier Konzerte, nicht zu vergessen die einheimischen Krystallpalast-Sänger.

Aber nicht nur die leichte Muse war im Kristallpalast zu Hause. Zum Beispiel fand am 25. Februar 1898 im Theatersaal die Uraufführung von Frank Wedekinds Drama "Erdgeist" statt. Wedekind selbst spielte die männliche Hauptrolle. Am 31. Dezember 1918 dirigierte Arthur Nikisch vor Arbeitern die 9. Sinfonie von Ludwig van Beethoven und begründete damit die Tradition der Silvesterkonzerte.

Die Alberthalle des Krystallpalasts war mehrfach Austragungsort für das Drei-Städte-Turnen Berlin-Hamburg-Leipzig.

Bei einem der schwersten Bombenangriffe auf Leipzig am 4. Dezember 1943 wurden die Bauten des Krystallpalasts vollständig zerstört.

Nachfolgeeinrichtungen[Bearbeiten]

Auf den Grundmauern des zerstörten Krystallpalasts errichtete 1945 der Zirkus Aeros eine feste Spielstätte. Sein Direktor, der Artist Cliff Aeros, konstruierte als gelernter Zimmermann den Holzbau selbst. In nur dreimonatiger Bauzeit entstand ein Kuppelbau mit über 20 Metern Durchmesser für 2000 Personen. [2] Nach dem Tode von Cliff Aeros wurde der Zirkus Treuhandbetrieb der Stadt Leipzig. 1956 wurde der Holzbau abgerissen und an gleicher Stelle der in Stuttgart gekaufte ehemalige Bau des Zirkus Franz Althoff als Winterspielstätte errichtet.

Nach der Eingliederung des Zirkus Aeros in den VEB Zentral-Zirkus (später Staatszirkus der DDR) im Jahr 1961 wurde das Gebäude zum Haus der heiteren Muse. Jetzt fanden hier wieder Varieté- und andere Veranstaltungen statt. Von 1971 bis 1991 wurde der Bau als Vorproduktionsstudio genutzt, in dem das Fernsehen der DDR bekannte Fernsehsendungen wie Da liegt Musike drin produzierte.

Am 8. Oktober 1992 wurde das leer stehende Gebäude durch Brandstiftung zerstört. Aufbaupläne verschiedener Investitionsgesellschaften für das etwa 24.000 Quadratmeter große Areal scheiterten bisher.

Krystallpalast Varieté Leipzig[Bearbeiten]

Krystallpalast Varieté in der Magazingasse

Seit dem 17. November 1997 existiert an anderer Stelle in Leipzig wieder eine Spielstätte namens Krystallpalast Varieté Leipzig[3]. In der Magazingasse gelegen, ist diese um einiges kleiner als ihre Vorgängerin. Das Varieté bietet in seinem Saal ca. 200 Plätze im Parkett und auf zwei Rängen und ca. 100 Plätze im angeschlossenen Restaurant. Alle zwei bis drei Monate wechselt ein internationales Varietéprogramm aus meist eigener Produktion. In den 17 Jahren seines Bestehens hat sich das Krystallpalast Varieté Leipzig einen Bekanntheitsgrad, auch über die Region hinaus, erarbeitet und überrascht mit immer wieder neuen Showideen. Die Newcomershow (Das internationale Varieté-Festival) z.B. versammelt jährlich Anfang Juli die Direktoren und künstlerischen Leiter der deutschsprachigen Varietés, um die besten "Newcomer" zu finden. Die Newcomershow existiert seit dem Jahr 2000 und ist das einzige Varieté-Festival in Deutschland. [4]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Gina Klank, Gernot Griebsch: Lexikon Leipziger Straßennamen, Verlag im Wissenschaftszentrum Leipzig, 1995, ISBN 3-930433-09-5, S. 225
  2. Aeros auf der Website der Gesellschaft für Circusfreunde.
  3. Krystallpalast Varieté
  4. Newcomershow

Literatur[Bearbeiten]

  • Horst Riedel: Stadtlexikon Leipzig von A bis Z. PROLEIPZIG, Leipzig 2005, ISBN 3-936508-03-8, S. 323/4 und 541
  • Anja Busse: Saltos, Stars und Sekt auf Marken - Krystallpalast Varieté Geschichten, Stoneart Verlag, Leipzig 1998
  • Sylvia Jarmuzewski: Unvergessen? – Der Kristallpalast. In: Leipziger Osten, Nr. 2, Verlag im Wissenschaftszentrum, Leipzig 1994, ISBN 3-930433-00-1, S. 2 ff.

Weblinks[Bearbeiten]

51.3437512.386092Koordinaten: 51° 20′ 38″ N, 12° 23′ 10″ O