Kulturfabrik Salzmann

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Die Kulturfabrik Salzmann e.V. ist ein eingetragener, gemeinnütziger Verein in Kassel.

Unabhängig von dem Verein beherbergte das gleichnamige Gebäude und Industriedenkmal eine Vielzahl von Vereinen, Künstlern, Ateliers, Clubs, Übungsräumen, Tonstudios, Werbeagenturen, eine Diskothek und den nichtkommerziellen lokalen Bürgersender Freies Radio Kassel, was aus heutiger Sicht vermutlich auf den Verein und die Besonderheit sowie die Größe des Gebäudes als treibende Kraft zurückzuführen ist.

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Kulturverein[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Verein wurde 1987 zur documenta 8 von Künstlern als Forum für Kunst und Kultur gegründet. Während der documenta 9 führte 1992 der Aktionskünstler Flatz einen Teil der Performance „Demontage 1“ in der Kulturfabrik Salzmann auf. Zunächst wurde in der Tiefgarage des Museums Fridericianum kurze Ausschnitte von Arien der Oper Lakmé, die von zwei Sängerinnen vorgetragen wurden mit zwei aufheulenden Motorrädern übertönt, bis Flatz sich auf ein Motorrad aufschwang und davon eilte mit den Hinweis, dass die Performance in der Factory fortgeführt würde. Dort erwartete der Künstler sein langsam eintreffendes Publikum, um ihnen mitzuteilen, dass nun die Performance beendet sei. Im Rahmenprogramm der documenta 12 war die Kulturfabrik Salzmann Ort des "Salon in Bewegung". Das Kasseler Kulturnetz regte 2007 eine Debatte über die Zukunft der Arbeit an. Künstler, Mediziner und Wissenschaftler haben mit den Salon-Besuchern Documenta-Leitthemen diskutiert.

Benannt wurde der Verein nach der 1876 gegründeten Textilfabrik und dem Industriedenkmal Salzmann & Comp., das ebenfalls oft als Kulturfabrik Salzmann bezeichnet wird. Der Kulturbetrieb im Industriedenkmal Salzmann in Kassel-Bettenhausen umfasste drei Bühnen, eine Ausstellungshalle, mehrere Ateliers, ein Café und das Bistro.

Das soziokulturelle Zentrum war mit seinem Programm, das Veranstaltungen aus den Genres Theater, Tanz, Musik, Ausstellungen und Nachwuchsförderung beinhaltete, ein bedeutender Veranstaltungsort der Region Nordhessen für lokale, regionale Kunst und Kultur.

Zu den 80 – 120 Kulturveranstaltungen im Jahr kamen jeweils über hundert Besucher in das denkmalgeschützte Backsteingebäude in der Sandershäuser Straße 34. 1989 bis 1992 entwickelten Rolf Taher, Peter van Houy und Oliver Leuer das zweigleisige Discokonzept Factory. So konnten mit Frank und Bernd Kuchinke zwei professionelle Kulturarbeiter im Gastro- und Discogeschäft zum Fortbestand des Betriebes beitragen. Der Verein vermietete an die Factory und an die Ateliernutzer als Untermieter im Westflügel der Fabrik.

Von 1992 bis 1995 hatte der Club Aufschwung Ost mit Oliver Friedrich und seinen besten Freunden und ab 1996 bis 2002 das Stammheim, ein international bekannter Techno-Club, mit Noah Marnie als letztem Verantwortlichen, seinen Sitz in der Kulturfabrik.

Documenta-Schreiber Peter Rühmkorf überreichte 1987 seinen Preis der „Fabrik“. 1994 erhielt die Kulturfabrik Salzmann den Kulturförderpreis der Stadt Kassel. Benedikt Müller stellte 1996 seine „Klimabilder“ in der Kulturfabrik Salzmann aus. 1998 wurde die Kulturfabrik Salzmann mit den Förderpreis der Dr. Wolfgang Zippel-Stiftung für das Theater des Ostens ausgezeichnet. Weitere Preise und Anerkennungen folgen u. a. für das Internationale Tanzfestival, das Free Flow Festival, das Trash Film Festival, den Internationalen Kulturaustausch, die Poeetryslams und die Salzmannrettung.

Derzeit arbeitet der Verein an der Fortsetzung der Kulturprogramme und der weiteren sinnvollen Nutzung der Salzmannfabrik.

Geländenutzung seit 2012[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Mit der Schließung der Standorts Salzmann & Comp. in 2012 folgte eine Verlegung der Vereinstätigkeit in das Panoptikum, einem ehemaligen Kupferhammer-Hof an der Leipziger Straße.[1] Das ursprüngliche Kulturprogramm kann dort jedoch nur in geringem Umfang realisiert werden. Im selben Jahr begann der Abriss der nicht-denkmalgeschützten Produktionshallen. 2013 ließ das Regierungspräsidium Kassel prüfen, ob Eigentümer Dennis Rossing auf dem Gelände illegal Bauschutt lagert[2] und stellte eine Räumungsanordnung aus, gegen die Rossing im Herbst 2014 klagte.[3] In den Folgejahren scheiterten mehrere Pläne für eine Weiterentwicklung des Areals als Wohnraum und Einkaufszentrum, da sich Stadt, Besitzer und Investoren nicht auf ein gemeinsames Konzept einigen konnten.[4] Auch eine zeitweilige Nutzung als Flüchtlingsunterkunft scheiterte.[5] Im Januar 2014 schlug die Kasseler FDP-Fraktion vor, den Gebäudekomplex vollständig abzureißen[6], drei Monate später, im April 2014, wurde das Museum aufgrund gescheiterter Sanierungs- und Umbaupläne in die Rote Liste Kultur des Deutschen Kulturrates aufgenommen und in die Kategorie 2 (gefährdet) eingestuft.[7] Im Dezember 2015 forderte die Stadt Rossing auf, das Gelände gegen Verfall zu sichern um die denkmalgeschützten Gebäudeteile zu erhalten, nachdem sich im August 2015 die BHB Bauwert Holding aus der geplanten Wohnbebauung zurückzog und das Projekt scheiterte.[8] Am 22. Januar kündigte die Stadt an, das Gebäude sichern zu lassen und die Kosten Rossing in Rechnung zu stellen, der daraufhin juristische Schritte ankündigte.[9][10] Im Juli 2016 stellte das Verwaltungsgericht Kassel fest, dass Rossing das Gebäude zu sichern hätte.[11] Da Rossing seiner Verpflichtung nicht nachkam, wurden Sicherungsmaßnahmen durch die Stadt beauftragt.[12] 2017 gab Eigentümer Rossing bekannt, das Wohnbauvorhaben umsetzen, jedoch „weg vom Luxus“ und „hin zu bezahlbarem Wohnraum“.[13]

Programmstruktur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Es fanden Aufführungen der freien Theaterszene, unter anderem des Jugend- und Schultheaterzentrums Nord (TZN) mit Workshops, Abrufangeboten, Schultheater-Aufführungen, Theaterprojekten und Festivals statt. Außerdem gab es Aufführungen studentischer Theaterproduktionen sowie Gastspiele freier Gruppen. Die Experimentelle Bühne veranstaltete interdisziplinäre Projekte mit Kunst, Theater, Tanz, Musik und Poesie. In der Tanzfabrik zeigten Tänzer aus der Region zeitgenössischen Tanz, Tanztheater, Musicals und Tango.
  • On Stage war die Konzert-Bühne der Kulturfabrik Salzmann. Sie hatte 200 bis 300 Plätze und diente vor allem Auftritten regionaler Nachwuchsgruppen aller Musikrichtungen. Beiträge von auswärtigen Gruppen rundeten das Programm ab.
  • Artefakt war ein offenes Ausstellungskonzept, das regionalen Künstlern Einzel- und Gruppenausstellungen ermöglichte.
  • Specials in Form von Filmveranstaltungen, Podiumsdiskussionen, Diavorträge, urbane Affairen (Umzüge, Ortsbespielungen, Musikbörsen u. a.)
  • Stadtteilarbeit: Das Internationale Fest Bettenhausen (jährlich), die Spurensuche sowie 1999 die Herausgabe des Buches “Salzmann gestern, heute und morgen”.

Bekannte Bands in der Kulturfabrik[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Matthias Lohr: Noch kein Aufschwung Ost: Die Kulturfabrik Salzmann. HNA.de, 5. Juni 2015, abgerufen am 4. April 2016.
  2. Jörg Steinbach: Salzmann: Hat Rossing illegal Schutt abgelagert? HNA.de, 6. August 2013, abgerufen am 4. April 2016.
  3. Katja Rudolph: Bauschutt auf Salzmann-Gelände: Rossing klagt gegen Regierungspräsidium. HNA.de, 10. September 2014, abgerufen am 4. April 2016.
  4. Jörg Steinbach: Salzmann-Gelände: Stadt steht vor Trümmerhaufen. HNA.de, 15. August 2015, abgerufen am 4. April 2016.
  5. Kathrin Meyer: Stadt lehnt Flüchtlinge bei Salzmann ab. (Nicht mehr online verfügbar.) Kassel live, 20. August 2015, archiviert vom Original am 19. April 2016; abgerufen am 4. April 2016. i Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprüft. Bitte prüfe Original- und Archivlink gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.@1@2Vorlage:Webachiv/IABot/www.kassel-live.de
  6. FDP will Salzmann-Fabrik komplett abreißen. HNA.de, 15. Januar 2014, abgerufen am 4. April 2016.
  7. Politik & Kultur Zeitung des Deutschen Kulturrates 3|14 Seite 15 Kulturelles Leben Rote Liste Kultur (Memento des Originals vom 4. März 2016 im Internet Archive) i Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprüft. Bitte prüfe Original- und Archivlink gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.@1@2Vorlage:Webachiv/IABot/www.kulturrat.de, abgerufen am 28. April 2014
  8. Bastian Ludwig: Salzmann-Verfall: Stadt macht Rossing Druck. HNA.de, 5. Januar 2016, abgerufen am 4. April 2016.
  9. Bastian Ludwig: Streit um Salzmann: Stadt sichert alte Fabrik. HNA.de, 22. Februar 2016, abgerufen am 4. April 2016.
  10. Bastian Ludwig: Salzmann-Eigentümer Rossing will juristisch gegen Stadt vorgehen. HNA.de, 22. Februar 2016, abgerufen am 4. April 2016.
  11. Jörg Steinbach: Gericht: Rossing muss Salzmann sichern. HNA.de, 18. Juli 2016, abgerufen am 6. August 2016.
  12. Bastian Ludwig: Fabrik wird dicht gemacht: Verfall von Salzmann-Areal soll gestoppt werden. HNA.de, 3. August 2016, abgerufen am 6. August 2016.
  13. Jörg Steinbach: Salzmann in Kassel: Jetzt sollen doch Wohnungen in Bettenhausen gebaut werden. HNA.de, 28. Oktober 2017, abgerufen am 21. Dezember 2017.

Koordinaten: 51° 18′ 34″ N, 9° 31′ 25″ O