Kulturhaus Mestlin

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Kulturhaus (2013)

Das Kulturhaus Mestlin im Landkreis Ludwigslust-Parchim wurde zwischen 1952 und 1957 errichtet. Das Kulturhaus am Marx-Engels-Platz 1 ist ein geschütztes Baudenkmal.

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In Bau befindliches Kulturhaus (1955)
Seitenansicht des Kulturhauses Mestlin

Die Idee Kulturhaus geht zurück auf das vormalige Volkshaus. Es diente den Zusammenkünften der Arbeiterschaft, aber auch den Parteien, Vereinen und anderen Gruppierungen der Bevölkerung. Das DDR-Kulturhaus hingegen sah die Bildung und Erziehung, aber auch die Unterhaltung und Geselligkeit der Bevölkerung als vordergründige Aufgabe.[1] Wie ernst die SED die Bauaufgabe Kulturhaus nahm, mag das Programm Zur Kulturarbeit auf dem Lande verdeutlichen, das sie 1949 als Beschlußvorlage in die Landtage einbrachte. 1953 waren 343 Maschinen-Ausleihstation-Kulturhäuser im Bau, davon 102 allein im heutigen Mecklenburg-Vorpommern.[2]

Entwicklung und Planung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Mestlin mit seinen damals 700 Einwohnern gehörte zu den ersten drei Orten in Mecklenburg und Vorpommern, die im Auftrag der Regierung der DDR zum Ausbau als sozialistisches Musterdorf bestimmt waren. Wohl die Nähe zur Kreisstadt Parchim und zur Bezirksstadt Schwerin mögen für Mestlin ausschlaggebend gewesen sein. Im Juli 1952 hatte dazu die II. Parteikonferenz der SED den Aufbau der Grundlagen des Sozialismus beschlossen. Eine wesentliche Rolle bei der einheitlichen Entwicklung und Planung der Kulturhausbauten spielte damals die Bauakademie mit ihrem Präsidenten Kurt Liebknecht, der von 1931 bis 1947 in der Sowjetunion lebte.[3]

Als Gesamtkunstwerk des sozialistischen Realismus ist die Idealplanung des neuen Dorfzentrums von Mestlin im damaligen Landkreis Parchim zu verstehen. Um einen zentralen Platz gruppieren sich neben Wohnbauten ein Schulbau, eine Vorschuleinrichtung (Kinderkrippe und Kindergarten), Verkaufseinrichtungen mit Gaststätte, das Gebäude des Gemeinderates mit Post und Sparkasse sowie ein Landambulatorium als Gesundheitseinrichtung und ein Sportplatz. Den Mittelpunkt bildet jedoch das zwischen 1952 und 1957 nach Plänen der Schweriner Architekten Erich Bentrup, Günter Kawan und Heinrich Handorf erbaute Kulturhaus. Der Bau vereint die progressiven Architekturauffassungen der DDR mit stilistischen Komponenten der Vorkriegsbauten.[4]

Es wurde im Stile eines sozialistisch geprägten Neoklassizismus als zweigeschossiger Putzbau mit Walmdach erbaut. Vier Portici prägen die Gestalt des Kulturhauses und kommunizieren mit den umliegenden Gebäuden. Mittels Dreieckgiebel ist der zum zentralen Platz gerichtete Portikus, der weit aus der Fassade hervortritt, als bedeutendster charakterisiert. Zwölf Fensterachsen und der Mittelrisalit mit einer Freitreppe gliedern die Hauptfassade. Die anderen drei Fassaden werden durch Portici zurückhaltender gestaltet. Vielfache Umbauten haben von der ursprünglichen Raumgliederung und der Ausstattung nur wenig hinterlassen. Auch das große Wandbild Früchte Mecklenburgs von Vera Kopetz im Foyer blieb nicht erhalten. Die geplanten Baukosten von 1,2 Millionen Mark waren zu niedrig kalkuliert und wuchsen mit 3,5 Millionen Mark auf fast das Dreifache an. Dadurch zog sich auch die Fertigstellung vom geplanten Eröffnungstermin 30. Juni 1953 bis 1957 hin. Die feierliche Eröffnung fand dann am 19. Oktober 1957 statt. Restarbeiten dauerten noch bis 1959.

Nutzung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Festansprache Bernhard Quandt zur ersten Jugendweihe 1963 mit Chor der Volkspolizei Parchim und DDR-Fernsehen

Die Unterschutzstellung des Kulturhauses und des umliegenden Gebäudeensembles als Baudenkmal erfolgte bereits 1977.[5] Bis zur politischen Wende 1989/90 war das Kulturhaus das kulturelle Zentrum der Gemeinde und der Region. Über 50.000 Personen pro Jahr besuchten die Veranstaltungen im Kulturhaus. Es gab Arbeitsgemeinschaften, Tanz- und Unterhaltungsveranstaltungen für alle Altersgruppen, Betriebsversammlungen, Lehrgänge, Konferenzen und Ausstellungen. Das modern ausgestattete Kulturhaus mit Gaststätte, Saal, Hörsaal und vielen Nebenräumen stand den Besuchern bis 1990 zur Verfügung. Nach dem Raumprogramm war auch dieser Bau auf den großen Saal mit beachtlicher Größe ausgerichtet, das Herzstück des Kulturhauses. Der Saal war sogar mit einer eigenen Bühne und einer Filmvorführanlage ausgestattet.

Nach der politischen Wende wurde es kurze Zeit als Großraumdiskothek genutzt und stand seit 1996 leer. Der letzte Betreiber hinterließ ein völlig verwahrlostes und ausgeräumtes Kulturhaus. Viele Einrichtungsgegenstände wurden entwendet oder zerstört.

Eine Bürgerinitiative und zwei Vereine renovierten in Zusammenarbeit mit der Gemeinde in den letzten Jahren Teile des Gebäudes. Es werden Ausstellungen und andere kulturelle Veranstaltungen organisiert. Der erste Förderverein, der von 1997 bis 2003 existierte, realisierte unter anderem die Dachsanierung im Jahr 2000 unter Zuhilfenahme von Denkmalschutzmitteln. Seit dem Juli 2008 nimmt sich der Verein Denkmal Kultur Mestlin e. V. des Erhalts des Kulturhauses und des umliegenden Gebäudeensembles an.[5] 2010 pachtete der Förderverein das Kulturhaus und 2011 wurde es von der Bundesrepublik als „Denkmal von nationaler Bedeutung“ anerkannt. [6] Am 13. November 2017 wurde der Verein Denkmal Kultur Mestlin e. V. für sein Engagement mit dem „Deutscheт Preis für Denkmalschutz“ ausgezeichnet. [7]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Serafim Polenz: Neues Bauen auf dem Lande, die Kulturhäuser in Mestlin und Murchin. In: Denkmale des sozialistischen Aufbaus. 1979, S. 79–83.
  • Dirk Handorf: Horte der Ordnung und Größe. Kulturhäuser der fünfziger Jahre in Mecklenburg-Vorpommern. In: Denkmalschutz und Denkmalpflege in Mecklenburg-Vorpommern. Heft 3, Schwerin 1996, S. 40–44.
  • Michael-Günther Bölsche: Wo viel Licht war, ist heute viel Schatten. 40 Jahre Kulturhaus Mestlin. Gänsebrunnenverlag, Bützow 1998 [nicht ausgewertet]
  • Christiane Rossner: Brigadefest und Bäuerinnenkonferenz. Das Kulturhaus im sozialistischen Musterdorf Mestlin. In: Monumente. Magazin für Denkmalkultur in Deutschland, 22. Jahrgang Nr. 3, Juni 2012, S. 8−15, ISSN 0941-7125
  • Dieter Pocher: Mestlin – Das sozialistische Beispieldorf in Mecklenburg. In: Architektur und Städtebau im südlichen Ostseeraum zwischen 1936 und 1980, Berlin 2002, ISBN 3-931836-74-6
  • Horst Ende: Das Beispieldorf Mestlin. In: Staatsformen prägen Baustile. 2006, S. 95–98.
  • Heidrun Derks: Kulturhaus Mestlin, ein Denkmal auf dem Weg in die Zukunft. In: Stadtgespräche. Band 20, 2014, S. 28–31.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Kulturhaus Mestlin – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Dirk Handorf: Horte der Ordnung und Größe. 1996, S. 40.
  2. Hain, Schroedter, Stroux: Die Salons des Sozialisten. Kulturhäuser in der DDR. Berlin 1996, S. 125.
  3. Jörn Düwel: Baukunst voran! Architektur und Städtebau in der SBZ/DDR. Berlin 1995, S. 269.
  4. Dirk Handorf: Horte der Ordnung und Größe. 1996, S. 43.
  5. a b Verein engagiert sich für Kulturhaus im einstigen Musterdorf Mestlin (PDF; 296 kB), hinterland-marktplatz.de
  6. Petra Eggert: Bericht über die Rostocker Tagung „Alles Platte oder was? Architektur im Norden der DDR als kulturelles Erbe.“ 20.–22. Oktober 2016. In: Die Denkmalpflege Berlin 2017, Heft 1, S. 35–38.
  7. Katja Haescher: Haus der Möglichkeiten. Der Deutsche Preis für Denkmalschutz soll die Entwicklung des Kulturhauses Mestlin beflügeln – so hofft der damit ausgezeichnete Verein. SVZ, Mecklenburg-Magazin, 8. Dezember 2017, S. 24.

Koordinaten: 53° 34′ 47″ N, 11° 55′ 35″ O