Kulturpolitische Gesellschaft

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Sitz der Gesellschaft im Bonner Haus der Kultur (2012)

Die Kulturpolitische Gesellschaft e. V., abgekürzt auch KuPoGe, ist eine am 10. Juni 1976 in Hamburg-Altona mit 169 Mitgliedern gegründete bundesdeutsche Vereinigung kulturpolitisch interessierter Personen und Institutionen mit Sitz in Bonn.

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Gesellschaft wurde auf Anregung von Teilnehmern der „Loccumer Kulturpolitischen Kolloquien“ der Evangelischen Akademie in Loccum 1976 in Hamburg gegründet. Initiatoren waren mehrere in der Ära der sozialliberalen Koalition bekannt gewordene kulturpolitische Akteure wie Hermann Glaser und Hilmar Hoffmann. Gründer waren der Gründungsvorsitzende Olaf Schwencke sowie Alfons Spielhoff. Bis in die 1980er Jahre hinein war die Kulturpolitik der jeweiligen Bundesregierungen wenig spektakulär. In den oft mehrstündigen Regierungserklärungen pflegten kulturpolitische Themen allenfalls drei bis vier Minuten einzunehmen. Die Förderstrukturen waren wenig transparent; überdies fehlte es angesichts der föderalistischen Struktur und der Länderkompetenz für Kultur an einem übergreifenden Erfahrungsaustausch und an programmatischen Debatten. Bis heute sind die Aktivitäten der Bundesländer auf dem Gebiet der Kultur nur schwer zu quantifizieren und wegen der unterschiedlichen Behandlung in den jeweiligen Landeshaushalten kaum zu vergleichen.

In dieser Situation lag die Gründung einer Arbeitsgemeinschaft nahe, die sich zur Aufgabe machte, die kulturpolitische Entwicklung in den Städten, Regionen, Ländern sowie bundesweit und im internationalen Vergleich zu beobachten, kunstschaffende und -vermittelnde Einrichtungen zu beraten und neue Programme, Trägerschaftsstrukturen und Finanzierungsmodelle anzuregen. Der Verein ist weder ein berufsständischer Interessenverband noch an Parteien, Kirchen oder Gewerkschaften gebunden. Obwohl er den Dialog mit der Politik sucht, versteht er sich nicht als Lobby wie der 1981 gegründete Deutsche Kulturrat oder der Kulturrat NRW, in denen die Kulturpolitische Gesellschaft als institutionelles Mitglied oder mit Gaststatus vertreten ist, sondern eher als „Denkfabrik“.

Als Hauptziel des Vereins formulierten die Gründer, den Prozess der kulturellen Demokratisierung voranzutreiben. Zur Umsetzung dieses Ziels sei es, wie es in der Grundsatzerklärung von 1976 hieß, notwendig,

  • die Trennung der ästhetischen und geistigen Welt von den Realitäten des Alltags zu überwinden;
  • die Entfaltung und Entwicklung sozialer, kommunikativer und ästhetischen Möglichkeiten und Bedürfnisse sowie Beteiligung aller Bürger am Kulturleben zu fördern;
  • kulturelle Alternativen und Innovationen zum traditionellen Kulturangebot zu ermöglichen.

Die Gesellschaft erregte Aufsehen mit Thesenpapieren wie Kulturpolitik ist Gesellschaftspolitik (1976) oder der Hagener Erklärung (1993). Sie hat den Begriff Soziokultur in der kulturpolitischen Debatte verankert und sich für die Gründung des Fonds Soziokultur (1986) eingesetzt, in dessen Gremien sie seit 1988 mitwirkt. Von 1990 bis 1994 baute sie ein Büro für die neuen Bundesländer in Berlin auf.

Nachdem die Gesellschaft zunächst in Köln angesiedelt war, zog sie 1982 nach Hagen um, wo ihr der Hohenhof im Stadtteil Emst als Geschäftsstelle diente. Seit Juni 1996 hat sie ihren Sitz in Bonn, wo sie im Vereinsregister des Amtsgerichts eingetragen ist (VR 8284) und im Haus der Kultur, Weberstraße 59 residiert.

1977 führte die Gesellschaft die erste von bisher 55 Tagungen in Loccum durch. 1993 wurde in Dortmund ein Kongress unter dem Titel Blick zurück nach vorn ausgerichtet. Im Jahr 2001 bildete die Tagung kunst.macht.kulturpolitik den Auftakt einer Serie von bisher fünf kulturpolitischen Bundeskongressen mit gleichem Titel.

Auf der Mitgliederversammlung im September 2012 in Berlin wurde ein neues Grundsatzprogramm mit dem Leittitel Kulturpolitik ist Gesellschaftspolitik einstimmig verabschiedet. Kernpunkt bildet das Staatsziel Kultur im Grundgesetz sowie eine gesetzliche Verankerung der Kultur als pflichtige Selbstverwaltungsaufgabe der Kommunen. Weitere Themenbereiche bilden etwa Publikum im Wandel, Kultur in der digitalen Gesellschaft, Interkulturelle Öffnung und Kultur- und Kreativwirtschaft.[1]

Struktur und Vorstand[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Gesellschaft nimmt Institutionen und Einzelpersonen als Mitglieder auf. Im Jahr 1981 hatte die Kulturpolitische Gesellschaft 650 Mitglieder; im Jahr 2003 waren es 1.400 Einzel- und 200 korporative Mitglieder, darunter Kulturdezernenten, Wissenschaftler, Künstler und Schriftsteller sowie Mitarbeiter kulturpolitisch relevanter Einrichtungen. 2016 betrug die Zahl der Einzelmitglieder 1.300, die der Korporativen Mitglieder 200.

Regional- und Landesgruppen der Kulturpolitischen Gesellschaft existieren in Baden-Württemberg, Bayern, Berlin-Brandenburg, Hamburg, Hessen, Mecklenburg-Vorpommern, Niedersachsen, Rhein-Neckar, Sachsen-Leipzig, Schleswig-Holstein und Thüringen.

Vorsitzender des Vereins und Präsident ist seit 1997 Oliver Scheytt (gewählt bis 2015), seine beiden Stellvertreter sind Iris Jana Magdowski (bis 2017 Beigeordnete für Bildung, Kultur und Sport der LH Potsdam) und Tobias J. Knoblich (Kulturdirektor der Stadt Erfurt) sowie Schatzmeister Kurt Eichler (Geschäftsführer der Kulturbetriebe Dortmund). Als BeisitzerInnen wurden neu in den Vorstand gewählt Andreas Bialas (SPD) aus Nordrhein-Westfalen sowie Andrea Hausmann von der Europa-Universität Viadrina Frankfurt/Oder, der Kulturbürgermeister der Landeshauptstadt Dresden, Ralf Lunau, Birgit Mandel von der Universität Hildesheim sowie die Studentin der Kulturwissenschaften Friederike Menz aus Holzminden.

Seit 1987 ist Norbert Sievers Geschäftsführer. Nach einer Neustrukturierung im Frühjahr 2013 ist er seit dem 1. Juli 2013 Hauptgeschäftsführer und zudem wissenschaftliche Leiter des Instituts für Kulturpolitik. Als neuer Geschäftsführer wurde ihm Marc Grandmontagne zur Seite gestellt, der im Januar 2017 als geschäftsführender Direktor zum Deutschen Bühnenverein wechselte.[2][3] Anfang Februar 2017 hat der Vorstand der Kulturpolitischen Gesellschaft als neue Geschäftsführerin die gebürtige Österreicherin Barbara Neundlinger bestellt, die ihre Arbeit am 1. Juni 2017 aufgenommen hat.

Der Verein hat außerdem zwei Vizepräsidenten, einen Schatzmeister und 16 Beisitzer sowie 231 korporative und 1.331 Einzelmitglieder (Stand: Oktober 2017).

Die Gesellschaft wird vom Ministerpräsidenten von Nordrhein-Westfalen gefördert.

Aktivitäten[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das Aufgabengebiet der Gesellschaft umfasst derzeit:

  • die Intensivierung der kulturpolitischen Debatte;
  • die publizistische Vermittlung von Informationen und Meinungen zur Kulturpolitik;
  • die Erarbeitung von wissenschaftlichen Expertisen, Bestandsaufnahmen und Forschungsaufträgen.

Die Gesellschaft ist Träger des 1996 gegründeten Instituts für Kulturpolitik, das seit 2000 vom Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien gefördert wird und in dem auch der EU-geförderte Cultural Contact Point Germany (CCP) angesiedelt ist. Diese Kultur-Kontaktstelle wurde 1998 als Ansprechpartner eingerichtet und informiert mit Seminaren, elektronischem Newsletter und auf der Website zum Thema europäische Kulturförderung.

Seit 2008 unterhält die Gesellschaft die aus EU-Mitteln und vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend geförderte Kontaktstelle Deutschland Europa für Bürgerinnen und Bürger (KS EfBB). Sie fördert Veranstaltungen und Publikationen, die den Bürgern die Europäische Union, ihre Institutionen sowie die zugrunde liegenden Werte näher bringen und der europäischen Integration dienen.

Ferner betreibt der Verein ein Projekt „Studium/Arbeitsmarkt Kultur“ und die Initiative „Faires Praktikum“ gegen Ausbeutung von Praktikanten im Kulturbetrieb.

Die Gesellschaft gibt seit 1977 vierteljährlich die Kulturpolitischen Mitteilungen (KuMi) (früher Kulturpolitischer Lagebericht), viermal jährlich einen Mitgliederrundbrief und seit 2001 das Jahrbuch für Kulturpolitik heraus. Ferner erscheinen, meist in Kooperation mit dem Essener Klartext Verlag drei Schriftenreihen: Dokumentationen (seit 1978, bisher 68 Titel), edition umbruch (seit 1993, bisher 25 Titel) und Materialien.

Jährlich verleiht die Gesellschaft einen Kulturpreis an eine beispielhafte soziokulturelle oder kulturpolitische Initiative.

Träger des Kulturpreises der Kulturpolitischen Gesellschaft[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Seit 1977 wird der Kulturpreis verliehen. Er versteht sich als Auszeichnung für innovative kulturelle Projekte und kulturpolitische Initiativen, welche die gesellschaftliche Verantwortung von Kunst und Kultur betonen. Nicht der individuelle "Kunstgenuss" steht dabei im Mittelpunkt, sondern der kulturelle Austausch zwischen Menschen unterschiedlichster Herkunft über die Frage, wie wir gemeinsam leben wollen, so die KuPoGe.

Ehrenmitglieder[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • jährlich erscheinendes Jahrbuch für Kulturpolitik, Klartext Verlag Essen; zuletzt erschienen Band 14, 2014, Thema: Neue Kulturförderung, ISBN 978-3-8375-1396-7 und Band 15, 2015/16 Thema: Transformatorische Kulturpolitik
  • viermal jährlich erscheinende Fachzeitschrift Kulturpolitische Mitteilungen (KuMi), zuletzt erschienen: Heft 153 II/2016: Kunst als Ware // Vierzig Jahre, Heft 154 III/2016: Kulturimmobilien, Heft 155 IV/2016: Kulturpolitikforschung – 20 Jahre Institut für Kulturpolitik in Bonn, Heft 156 I/2017: Europäisches Kulturerbe in einer globalisierten Welt, Heft 157 II/2017: Kulturpolitik und Globalisierung, Heft 158: III/2017: Wachstum oder Schrumpfung?, Heft 159 IV/2017: 
10 Jahre Kulturenquete des Bundes sowie Heft 160 I/2018: 
Digitalisierung und Kulturpolitik, Heft 161 II/2018: Zukunft der Bibliotheken
  • Oliver Scheytt (Hrsg. unter Mitarbeit von Michael Zimmermann): Was bleibt? Kulturpolitik in persönlicher Bilanz. Kulturpolitische Gesellschaft/Klartext Verlag, Bonn/Essen 2001 (Edition Umbruch 16), S. 151 ff., ISBN 3-89861-053-5
  • Max Fuchs: Kulturpolitik. VS Verlag für Sozialwissenschaften, Wiesbaden 2007, ISBN 978-3-531-90647-8
  • Ralf Kleinfeld, Annette Zimmer, Ulrich Willems (Hrsg.): Lobbying. Strukturen, Akteure, Strategien. VS Verlag für Sozialwissenschaften, Wiesbaden 2007, S. 265–268, ISBN 3-8100-3961-6
  • Volker Thomas: Die Kulturpolitische Gesellschaft. Das Machbare erkennen und gemeinsam umsetzen. Goethe-Institut, Online-Redaktion, 1. April 2007, abgerufen am 16. Dezember 2012.
  • Kulturpolitische Gesellschaft (Hrsg.): Kultur.Macht.Europa – Europa.Macht.Kultur. Begründungen und Perspektiven europäischer Kulturpolitik. Dokumentation des vierten Kulturpolitischen Bundeskongresses. Klartext Verlag, Essen 2009 (Edition Umbruch 23), ISBN 978-3-89861-942-4

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Homepage Kulturpolitische Gesellschaft, abgerufen am 30. September 2012
  2. Mitgliederrundbrief der Kulturpolitischen Gesellschaft e. V. Nr. 76 II/2013 Seite 1 (PDF, 540 kB), abgerufen am 3. August 2013
  3. Grandmontagne wird neuer Geschäftsführer des Bühnenvereins (abgerufen am 6. Januar 2017)
  4. http://www.kupoge.de/kulturpreis.html
  5. Homepage Kulturpolitische Gesellschaft, abgerufen am 11. März 2013