Kulturpsychologie

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche

Die Kulturpsychologie ist ein psychologisch ausgerichtetes wissenschaftliches Forschungsgebiet, das sich mit der Wechselwirkung von Kultur und menschlichem Denken, Erleben und Handeln befasst. Aufgrund ihres Interesses an der psychologischen Rolle kultureller Aspekte wird die Kulturpsychologie manchmal auch zu den kulturinformierten, kulturintegrativen oder auch kultursensiblen Ansätzen psychologischer Forschung gezählt, zu der beispielsweise auch die Kulturvergleichende Psychologie (engl.: cross-cultural psychology), die kulturhistorische Schule um Lew Wygotski, die Interkulturelle Psychologie, die Indigene Psychologie (engl.: indigenous psychology) und die Ethnopsychologie gehören.

Da die meisten Vertreterinnen und Vertreter der Kulturpsychologie menschliche Kultur und menschliche Psyche als untrennbar miteinander verbunden betrachten und zugleich Akte der Bedeutungsgenerierung als genuin menschliche Leistungen betonen, stehen sie behavioristisch geprägten Modellen, die Kultur als eine externe Variable konzipieren, die auf psychische Vorgänge quasi "von außen" Einfluss nimmt, skeptisch gegenüber. Damit einher geht eine kritische Distanz zu ausschließlich experimentell und quantitativ verfahrender psychologischer und sozialwissenschaftlicher Forschung. Stattdessen werden qualitative Untersuchungsverfahren bevorzugt, die ein besseres Verständnis von Prozessen der Bedeutungsstiftung gewährleisten sollen. Diese methodologische Position der Kulturpsychologie zeigt sich insbesondere in ihrer Abgrenzung von der Kulturvergleichenden Psychologie.

Ursprünge[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Wilhelm Dilthey um 1910

Die Kulturpsychologie wurde als neue Geisteswissenschaft von dem deutschen Philosophen, Pädagogen und Psychologen Wilhelm Dilthey (1833–1911) begründet. Sie sollte die menschliche Kulturgeschichte durch die Psychologie deuten. Allerdings übte die beschreibende Kulturpsychologie Diltheys keinen nachhaltigen Einfluss auf die Psychologie aus, da diese aufgrund ihres Inhaltes zur Kulturanthropologie gezählt wird.

Demgegenüber entwickelte der Psychologe und Philosoph Wilhelm Wundt (1832–1920) eine theoretisch und methodisch anspruchsvolle Kulturpsychologie auf empirischer Grundlage. Da er seinem zehnbändigen Werk den Titel „Völkerpsychologie“ gab, wurde seine Kulturpsychologie häufig fälschlich als Völkerkunde (Ethnologie) aufgefasst. Seine Leitidee war es jedoch, eine psychologische Entwicklungstheorie des Geistes zu erarbeiten. Die zehnbändige Völkerpsychologie. Eine Untersuchung der Entwicklungsgesetze von Sprache, Mythus und Sitte (1900–1920) fasste das kulturpsychologische Wissen seiner Zeit zusammen und strukturierte es nach psychologischen und wissenschaftstheoretischen Prinzipien. Die Rezeptionsforschung ergab, dass Wundts Völkerpsychologie nur ein relativ geringes Interesse fand (Jüttemann, 2006).

In ihrer heutigen Orientierung entstand die Kulturpsychologie in Deutschland erst wieder in den Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg während Kulturanthropologen aus den in den USA bereits über Jahrzehnte eine ausgedehnte Feldforschung unternommen hatten.

Methode[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Kulturpsychologen nutzen gewöhnlich entweder ethnographische oder experimentelle Methoden, oder eine Kombination aus beidem, um Daten verschiedener Kulturen zu sammeln. Sie vertraut auf die methodologische Beweisführung, um so in tiefer gehenden Ebenen mentaler Prozesse agieren zu können. Diese Ergebnisse berücksichtigen schleichende kulturelle und historische Entwicklungen und ihren Einfluss auf die Psyche.

Eine der bedeutendsten Themen der neueren Zeit waren die kulturellen Unterschiede zwischen Ostasien und Nordamerika bezüglich Aufmerksamkeit, Wahrnehmung und Kognition und sozialpsychologische Phänomene wie das Selbst. Hierbei ist es wichtig, wie soziale Praktiken einer besonderen Gruppe die Entwicklung kognitiver Prozesse derselben auf verschiedene Wege formen. Der Kulturpsychologe konzentriert sich nicht ausschließlich auf die verschiedenen Einflüsse grundverschiedener Kulturen. Es ist auch möglich, in einer multi-ethnischen Gesellschaft wie zum Beispiel der USA komparative, also vergleichende Untersuchungen durchzuführen.

In diesem Fachbereich ist es üblich, komparative Analysen nicht allein auf Religion, Sprache oder Sitte zu begründen, sondern sämtliche Bereiche der menschlichen Praxis mit einzubeziehen. So setzt sie auch an alltäglichen Handlungsweisen und Problemen an, deren Einfluss in der Kultur selbst liegt. Jedoch konsumiert der Mensch nicht nur die Kultur, sondern er gestaltet sie selbst mit.

Die Kulturpsychologie setzt Vertrauen auf experimentelle und ethnographische Beweise über tiefer gehende Ebenen mentaler Prozesse, welche vergleichsweise sicherer sind und schleichende kulturelle und historische Einflüsse berücksichtigen kann. Richard Shweder, einer der stärksten Befürworter dieses Gebietes, schreibt: "Kulturpsychologie ist die Untersuchung der Art und Weise, wie kulturelle Traditionen und soziale Praktiken die menschliche Psyche regeln, ausdrücken und umwandeln, weniger in der psychischen Einheit der Menschheit als in ethnischen Unterschieden in Geist, sich selbst und Emotion."

Die Kulturpsychologie untersucht in ihrem fachspezifischen Bereich und informiert diverse Gebiete der Psychologie, wie die Sozialpsychologie, Entwicklungspsychologie und die Kognitionspsychologie.

Problematik[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die psychologischen Theorien sind gemäß ihren Ideen in ihrer Anwendbarkeit begrenzt, denn wird eine solche Theorie in einer bestimmten Kultur begründet, so scheint sie im Anwendungsbereich einer anderen Kultur ihre Gültigkeit zu verlieren. Darüber hinaus scheinen sichere Voraussagen, wie sich die Psyche eines Menschen tatsächlich entwickelt, nicht möglich, da jeder Mensch von einer eigenen persönlichen Umgebung und der damit verbundenen Erfahrung geprägt wird.

So gehen Anhänger der Kulturpsychologie davon aus, dass psychologisches Wissen nicht universell anwendbar ist. Daher steht die relativistische Sichtweise der Kulturpsychologie tendenziell in Konflikt mit der als universell beanspruchten Ansicht der meisten Fachbereiche der Psychologie, nach der jeder Mensch einem universellen psychologischen Grundmuster unterworfen ist.

Einige Gegner argumentieren, dass kulturpsychologische Untersuchungen auf kultureller Stereotypisierung und falscher Methodologie basieren. Befürworter halten dagegen, dass eine derartige Kritik häufig interkulturelle Vergleiche überbetont, die relativ instabil und letzten Endes irreführend sind, da sie auf selbst begründeten Ansichten und Prägungen basieren.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Ernst E. Boesch: Symbolic action theory and cultural psychology. Springer, New York 1991.
  • Jerome Bruner: Sinn, Kultur und Ich-Identität. Zur Kulturpsychologie des Sinns. Carl-Auer-Systeme Verlag, Heidelberg 1997, ISBN 3-89670-013-8.
  • Pradeep Chakkarath: Kultur und Psychologie. Zur Entwicklung und Standortbestimmung der Kulturpsychologie. Kovác, Hamburg 2003, ISBN 3-8300-1050-8 (zugl. Dissertation, Universität Konstanz 2000).
  • Jochen Fahrenberg: Wilhelm Wundts Kulturpsychologie (Völkerpsychologie): Eine Psychologische Entwicklungstheorie des Geistes. PsyDok Dokumentenserver für die Psychologie. (PDF-Datei, 652 KB)
  • Willy Hellpach: Kulturpsychologie. Eine Darstellung der seelischen Ursprünge und Antriebe, Gestaltungen und Zerrüttungen. Wandlungen und Wirkungen menschheitlicher Wertordnungen und Güterschöpfungen. Enke, Stuttgart 1953.
  • Gerd Jüttemann (Hrsg.): Wilhelm Wundts anderes Erbe. Ein Missverständnis löst sich auf. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2006.
  • Uichol Kim u.a. (Hrsg.): Indigenous and Cultural Psychology. Understanding People in Context. Springer, New York 2006, ISBN 0-387-28661-6.
  • David Matsumoto: Culture and Psychology. 4. Aufl. Thomson Wadsworth, Belmot, Calif. 2008, ISBN 978-0-495-09787-7.
  • Aglaja Przyborski & Gerhard Benetka: Der Bologna-Prozess als Chance für eine praxeologische Wende in der Psychologieausbildung. Konzept eines kulturwissenschaftliche ausgerichteten Psychologiestudiums. (PDF; 98 kB) Psychologie in Österreich 6, 2006
  • Thomas Slunecko: Von der Konstruktion zur dynamischen Konstitution: Beobachtungen auf der eigenen Spur. Facultas Universitätsverlag; Auflage: 2., überarbeitete Auflage 2008.
  • Jürgen Straub & Pradeep Chakkarath: Kulturpsychologie. In G. Mey & K. Mruck (Eds.), Handbuch Qualitative Forschung in der Psychologie (S. 195–209). VS Verlag, Wiesbaden 2010.
  • Klaus Stierstorfer, Laurent Volkmann (Hrsg.): Kulturwissenschaft interdisziplinär. Narr, Tübingen 2005. ISBN 3823361244.
  • Gisela Trommsdorff, Hans-Joachim Kornadt: Theorien und Methoden der kulturvergleichenden Psychologie. Enzyklopädie der Psychologie. Kulturvergleichende Psychologie. Band 1. Kulturvergleichende Psychologie. Band 2. Erleben und Handeln im kulturellen Kontext. Göttingen: Hogrefe, Göttingen 2007. ISBN 9783801715021.
  • Gisela Trommsdorff, Hans-Joachim Kornadt (Hrsg.): Anwendungsfelder der kulturvergleichenden Psychologie. Reihe: Enzyklopädie der Psychologie. Band 1. Anwendungsfelder der kulturvergleichenden Psychologie Hogrefe, Göttingen 2007. ISBN 9783801715090.
  • Wilhelm Wundt: Völkerpsychologie. Eine Untersuchung der Entwicklungsgesetze von Sprache, Mythos und Sitte. 10 Bände. Engelmann; Leipzig 1900–1920.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]