Kulturtechnik

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Kulturtechniken sind kulturelle und technische Konzepte zur Bewältigung von Problemen in unterschiedlichen Lebenssituationen. Dabei stehen die kulturelle Leistung (Gestaltung der Umstände), das technische Können (Verwendung von Technologie) und die Technik (Gegenstand) in einem komplexen Zusammenhang.

Typische Kulturtechniken sind Feuer machen, Landwirtschaft, Kunst zu gestalten, Kalender zu verwenden, anhand von Landkarten mobil zu sein, Wissenschaft zu betreiben, aber auch Kollaboratives Schreiben in sozialen Netzwerken.[1][2][3]

Dafür sind ein oder mehrere Voraussetzungen nötig: das Beherrschen von Lesen, Schreiben und Rechnen, die Fähigkeit zur bildlichen Darstellung, analytische Fähigkeiten, die Anwendung von kulturhistorischem Wissen oder die Vernetzung verschiedener Methoden.

Aber: bei der Entwicklung von Kulturtechniken handelt es sich nicht um Leistungen von Einzelpersonen, sondern um Gruppenleistungen, die in einem soziokulturellen Kontext entstehen. Alle genannten Voraussetzungen benötigen daher immer die soziale Interaktion und gesellschaftliche Teilhabe (Partizipation).

Historische Entwicklung des Begriffs[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das Wort „Kultur“ meint – seit der Antike – in seiner ursprünglichen Wortbedeutung „die Entwicklung und praktische Anwendung von Techniken zur Urbarmachung des Bodens und zur Besiedelung der Erde mit Wohnsitzen und Städten“.[4] Im 19. Jahrhundert wurde der Kulturbegriff als das Ausüben „hoher Kunst“, der Bildung und des guten Geschmacks gedeutet. Mit dem Beginn des 20. Jahrhunderts verstand man laut Brockhaus’ Kleinem Konversations-Lexikon unter Kulturtechnik „die Lehre von allen mit der Bodenkultur in Verbindung stehenden Arbeiten, besonders die praktische Vermessungskunst, der Wasserbau und die Kenntnis des landwirtschaftlichen Maschinenwesens“.[5]

Mit der späteren Erweiterung des Natur- und Kulturbegriffs werden heute zunehmend auch andere menschliche Tätigkeiten und Techniken allgemein als Kulturtechniken bezeichnet oder verstanden.[3]

Problem und Lösung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Menschliche Grundbedürfnisse nach Maslow.

Kulturtechniken sind komplexe Lösungskonzepte für unterschiedliche Probleme. Diese Probleme haben ihren Ursprung in den menschlichen Grundbedürfnissen (s. a. Bild). Auf Basis dieser Grundbedürfnisse entstehen – im Kontext menschlicher Gesellschaft – neue, komplexere Probleme.

Beispiel1: Zur Kulturtechnik des Feuermachens gehören:
  • das Bedürfnis nach Wärme, Licht und Schutz
  • die Kenntnis über Brennstoffe und andere physikalische Voraussetzungen
  • der Schutz des Feuers
  • die Wissensvermittlung über das Feuermachen und alle Konsequenzen (Bsp. bei Verlust des Feuers)
  • usw.
Beispiel 2: Zur Kulturtechnik des Feierns gehören:
  • das Bedürfnis nach angenehmen Sozialkontakten
  • die Kenntnis über Rituale, Dresscodes, Symbole und Finanzen
  • die Pflege von Sozialkontakten
  • die beispielhafte Präsentation von Feiern und aller Konsequenzen (Bsp. Kontrollverlust durch Rauschmittel)
  • usw.

Die Komplexität der Probleme benötigt Lösungen, die dieser Komplexität Rechnung tragen. In Kulturtechniken werden kulturelle Aspekte und die Verwendung von Technologie und Technik miteinander verbunden.

Als Kulturtechnik werden alle Lösungskonzepte bezeichnet, die komplexe Probleme in der menschlichen Gesellschaft durch die Verbindung von Kultur, Technologie und Technik lösen.[6]

Soziale Interaktion[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Kulturtechniken unterscheiden sich von bloßen technischen, technologischen oder kulturellen Leistungen durch die soziale Interaktion. Diese Interaktion ist ein komplexer sozialer Vorgang, dessen vorrangiges Ziel die Verankerung und Weiterentwicklung von technischen, technologischen oder kulturellen Leistungen im Alltag der Gesellschaft ist. Diese Verankerung ist ein gruppendynamischer Prozess, der meist selbstorganisiert abläuft. Entscheidend hierfür ist das starke Interesse einer gesellschaftlichen Gruppe an der Verankerung oder Weiterentwicklung der entsprechenden Leistung.

Dieser Prozess lässt sich sehr gut an der Kulturtechnik der Schriftbeherrschung erkennen.[4]

Aus technologischer Sicht ist die Schrift ein Symbolsystem, mit dem gesprochene (oder gedachte) Worte auf ein anderes Medium übertragen werden können. Beispielsweise von der Schallwelle auf ein Stück Papier. Mit Hilfe dieser Symbole können die Worte zuverlässig über lange Zeiträume und Distanzen übermittelt werden. Je mehr Menschen dieses Symbolsystem beherrschen, desto mehr kann es sich verbreiten und genutzt werden. Allerdings benötigt eine Gesellschaft auch genügend freie Ressourcen (Arbeitszeit, Lehrer, ...), um genügend vielen Menschen diese Symbole beizubringen. Ebenso ist es notwendig, dass eine Gesellschaft diese Ressourcen kontinuierlich bereitstellt, da das Wissen sonst nicht weitergegeben werden kann.

Für die Kulturtechnik der Schriftbeherrschung ist also nicht nur Technologie (Symbolsystem) und Technik (Stifte, Papier, ...) notwendig, sondern auch die gesellschaftliche Teilhabe (Verbreitung der Schriftbeherrschung z. B. durch Schulpflicht).

Auf Basis der Schriftbeherrschung entstanden neue gesellschaftliche Bedürfnisse zur Verbreitung von Wissen. Exemplarisch können hierbei die Erfindung des Buchdrucks oder die Entwicklung der Massenmedien gesehen werden. Die Entwicklung von Buchdruck und Massenmedien entstanden nicht durch einen „großen Plan“, sondern als Ergebnis eines gruppendynamischen Prozesses: Es gab in der Geschichte der Schriftmedien verschiedene Ansätze zur Verbreitung schriftgebundenen Wissens. Durchgesetzt und entwickelt haben sich die Ideen, die gesellschaftlich am meisten akzeptiert waren. Beim Buchdruck entstand die gesellschaftliche Akzeptanz (in Europa) durch die Verbreitung der Bibel, bei den Massenmedien war es das große Interesse in der Bevölkerung an Informationen aus Politik und Gesellschaft, vgl. Geschichte der Presse.

Verschiedene Kulturtechniken[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Kulturtechniken können auf verschiedene Arten unterteilt werden: nach klassischen und modernen Methoden, im engeren oder weiteren Sinne, mit dem Schwerpunkt auf elementaren oder abstrakten Lösungskonzepten. Die folgende Unterteilung versteht sich als rein thematische Aufzählung.

Nahrung und Schutz[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Feuermachen, Jagd, Sammeln, Verteidigung und Kriegskunst
  • Nahrungsmittelbeschaffung, Zubereitung, Konservierung, Kochkunst
  • Wohnen

Menschlicher Körper[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Landschaftsgestaltung und Agrikultur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Wissen und Kommunikation[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Soziales[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Universitäre Studiengänge für Kulturtechnik im Sinne einer ingenieursmäßigen Umweltwissenschaft gibt es an der ETH Zürich, der Universität für Bodenkultur Wien und an der Universität Rostock. Siehe dazu unter Studiengang Kulturtechnik.

Es treten durch die technische Entwicklung ständig neue Kulturtechniken hinzu. Diese zu beherrschen ist ein wichtiger Bestandteil der schulischen Bildung. In der Denkschrift „Zukunft der Bildung – Schule der Zukunft“ der Bildungskommission NRW heißt es: „Die Beherrschung moderner Informations- und Kommunikationstechnologien wird zu einer basalen (grundlegenden) Kulturtechnik werden, deren Stellenwert dem Lesen und Schreiben gleichkommt.“[3]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. a b Niedersächsisches Landesinstitut für schulische Qualitätsentwicklung, abgerufen am 12. Dezember 2012.
  2. a b c Meyers Großes Konversations-Lexikon. Band 11. Leipzig 1907, S. 793.
  3. a b c Bildungskommission NRW (1995): „Zukunft der Bildung – Schule der Zukunft“, o.O.
  4. a b „Forschungsgegenstand Kulturtechniken“ von Bernhard Siegert, abgerufen am 12. Dezember 2012 (Memento vom 4. Oktober 2007 im Internet Archive).
  5. Brockhaus’ Kleines Konversations-Lexikon, fünfte Auflage, Band 1. Leipzig 1911.
  6. Uni Duisburg-Essen (RTF; 61 kB), Prof. Norbert Meder: Neue Technologien und Erziehung.