Kunst im Nationalsozialismus

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Fackelträger („Die Partei“) von Arno Breker, 1939 im Hof der Neuen Reichskanzlei aufgestellt.

Kunst im Nationalsozialismus bezeichnet keinen einheitlichen Stil oder Richtung. Es handelt sich um einen Sammelbegriff für die in der Zeit des Nationalsozialismus im Deutschen Reich vom NS-Regime akzeptierte und ausgestellte bildende Kunst, die unter dem Namen Deutsche Kunst propagiert wurde. Werke moderner und avantgardistischer Künstler sowie alle Werke von Künstlern mit einem jüdischen Hintergrund wurden als Entartete Kunst bezeichnet, aus den Museen und öffentlich zugänglichen Sammlungen entfernt, teilweise ins Ausland verkauft oder vernichtet bzw. eingelagert.

Vorgeschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In der Parteizeitung Völkischer Beobachter schlug Alfred Rosenberg 1922 den Expressionismus als wegweisenden deutschen Stil vor. Dem widersprach heftig Edmund Steppes, der eine Rückwende zur altdeutschen Kunst einforderte, etwa in der Art der Donauschule eines Albrecht Altdorfer.

Nationalsozialistische Kunst-Konzeptionen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In Mein Kampf hatte Adolf Hitler schon früh verkündet, dass es angesichts der „krankhaften Auswüchse irrsinniger und verkommener“ Künstler Aufgabe der nationalsozialistischen Führung sein müsse, zu „verhindern, dass ein Volk dem geistigen Wahnsinn in die Arme getrieben werde“.[1] Die „hässliche Kunst“ gehöre in „ärztliche Verwahrung“, in eine „geeignete Anstalt“, da sie eine Gefahr für den gesunden Sinn des Volkes darstelle (Hitler auf einer Kulturtagung der NSDAP, 1. September 1933).

„Kunst ist immer die Schöpfung eines bestimmten Blutes, und das formgebundene Wesen einer Kunst wird nur von Geschöpfen des gleichen Blutes verstanden“, ergänzte Alfred Rosenberg in seinem 1930 erschienenen Buch Der Mythus des 20. Jahrhunderts. Rosenberg beschrieb die Moderne Kunst nach 1918 darin wie folgt:

„Das Mestizentum erhob den Anspruch, seine bastardischen Ausgeburten, erzeugt von geistiger Syphilis und malerischem Infantilismus, als Seelenausdruck darzustellen. Eine gewisse Robustheit zeigte Lovis Corinth, doch verging dieser Schlächtermeister des Pinsels im leichenfarbigen Bastardtum des syrisch [gemeint ist: jüdisch] gewordenen Berlin […] Wir sehen Kulturbolschewismus mit dem Untermenschentum der Kollwitz, Zille, Barlach, der technischen Stümper Nolde, Schmidt-Rottluff, Chagall, im Nihilismus der Dix, Hofer und Grosz […] Juden, nichts als Juden.“

Am 23. März 1933 verkündete Hitler in seiner Regierungserklärung zum Ermächtigungsgesetz: „Blut und Rasse werden wieder zur Quelle der künstlerischen Intuition“.

Die Nationalsozialistische Kunstauffassung war nicht nur durch Ablehnung bestimmter Kunstrichtungen gekennzeichnet, auch inhaltlich wurden Werke abgelehnt: Beispielsweise wurden Werke von Anton von Werner wegen ihrer wertkonservativen Darstellung abgelehnt, obwohl die akademische Malweise dem Nationalsozialismus genehm gewesen wäre. Das Porträt Dame in Schwarz vor einer Vitrine von Ernst Oppler wurde im Bereich der Augen beschädigt, da man die dargestellte Person für eine Jüdin hielt.

Organisation und Steuerung der Kunst-Entwicklung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Briefmarkenserie Deutsche Nothilfe, Trachten, Franken, 1935, Stichtiefdruck, Entwurf Karl Diebitsch.
Arno Breker bei der Arbeit an einer Skulptur von Albert Speer, 1940.
Ludwig Dettmanns Bild eines Sturm-Pioniers des Sturm-Bataillons Nr. 5 (Rohr).

Gleich nach der „Machtergreifung“ am 30. Januar 1933 wurde der gesamte Kulturbereich von den Nationalsozialisten zentralisiert und mit einem allumfassenden Kontrollapparat überzogen. Dem am 13. März 1933 errichteten Reichsministerium für Volksaufklärung und Propaganda (Joseph Goebbels) kam dabei eine zentrale Rolle zu. Das neue Ministerium war zuständig „für alle Aufgaben der geistigen Einwirkung auf die Nation, der Werbung für den Staat, Kultur und Wirtschaft, der Unterrichtung der in- und ausländischen Öffentlichkeit über sie und der Verwaltung aller diesem Zweck dienenden Einrichtungen“ (Verordnung Hitlers vom 30. Juni 1933). Mit Gesetz vom 22. September 1933 folgte die Bildung der nach dem Führerprinzip aufgebauten Reichskulturkammer. Sieben Einzelkammern erfassten sämtliche kulturellen Bereiche: Musik, Theater, Schrifttum, Presse, Rundfunk, Film - so auch die bildenden Künste (Reichskammer der bildenden Künste). Berufsausübung war jetzt nur noch den Mitgliedern dieser Kammern gestattet, Voraussetzung für eine Aufnahme war u.a. die deutsche Staatsangehörigkeit und „arische“ Abstammung. Jüdische, kommunistische und „unerwünschte“ Künstler, wurden als „entartet“ aus ihren Ämtern gedrängt, erhielten Berufsverbot (u.a. Käthe Kollwitz, Ernst Barlach, Otto Dix, George Grosz, John Heartfield, usw.). Sehr viele Kulturschaffende verließen dieses Deutschland, gingen ins Exil, oder – sofern noch geduldet - resignierten in innerer Emigration. Jüdische Künstler, die nicht rechtzeitig aus Deutschland fliehen konnten, wurden im Holocaust ermordet. Außerdem gab es Künstler, von denen Arbeiten beispielsweise in der Ausstellung „Entartete Kunst“ 1937 gezeigt wurden, die aber dennoch dem Nationalsozialismus anhingen wie Emil Nolde und Franz Radziwill.

Nationalsozialistische Repräsentationsbauten und damit verbundene Skulpturen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Als die Nationalsozialisten im Januar 1933 die Macht übernommen hatten, setzte – mittels staatlicher Kreditschöpfung und öffentlicher Bauaufträge – eine umfangreiche Bautätigkeit ein. Es wurden vor allem Staats- und Parteibauten, die überwiegend der Selbstdarstellung der NSDAP dienen (Repräsentationsarchitektur), mit teils gigantischen Ausmaßen, errichtet. Die öffentlichen Bauaufträge boten darüber hinaus die Möglichkeit, die hohe Arbeitslosigkeit zu mindern und die Konjunktur zu beleben.

Josef Thoraks Pferd vor der Neuen Reichskanzlei in Berlin. Kunst am Bau wurde hier exemplarisch gezeigt.
1936 schuf Fritz Klimsch die Bronze In Sonne und Wind.

So wurde etwa der Königsplatz in München, ab 1933 zum „Parteiforum“ umgestaltet, zahlreiche neue Gebäude errichtet: „Haus der Deutschen Kunst“, „Führerbau“, „Verwaltungsbau der NSDAP“, „Ehrentempel“ (für die Toten des versuchten Hitlerputsches vom November 1923) gehören zu den frühesten Architekturprojekten der Nationalsozialisten. Das Reichsparteitagsgelände in Nürnberg wurde unter Albert Speers Leitung zum größten Bauplatz Deutschlands (30 km² Gesamtfläche / 16,5 km² bebaute Fläche) mit „Märzfeld“, „Zeppelinfeld“, „Deutsches Stadion“ und „Kongresshalle“. Es sollte eine Anlage entstehen, „im gewaltigsten Ausmaß…ein Dokument stilbildender Art“ (Adolf Hitler). Ein „Wort aus Stein“ (Adolf Hitler).

Die Bauwerke wurden in die Sphäre des architektonischen Kunstwerkes erhoben. „Niemals wurden in der deutschen Geschichte größere und edlere Bauwerke geplant, begonnen und ausgeführt als in unserer Zeit.“ (Adolf Hitler 1938) Bildhauerei, baugebundener Plastik kam dabei eine bedeutende Rolle zu. Die Plastiken von beispielsweise Arno Breker oder Josef Thorak sollten „mit der würdigen Architektur zusammen einen hoheitsvollen Eindruck ergeben.“ Das Gesetz über Kunst am Bau – es besteht in veränderter Form noch heute – schrieb einen Prozentsatz der Bausumme von öffentlichen Bauten für Kunst vor. Josef Thorak wurde als „Staatsbildhauer“ gesehen und bezeichnet.[2]

Nach einem Tagebucheintrag von Joseph Goebbels galt Fritz Klimsch als „der reifste unter unseren Plastikern. Ein Genie. Wie er den Marmor behandelt.[3] Hitler setzte Klimsch auf die Sonderliste der Gottbegnadetenlisten und sah ihn unter den zwölf wichtigsten bildenden Künstlern.[4]

Programmatische Ausstellungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Eröffnung des Hauses der Deutschen Kunst in München 1937.
Das Gemälde Erntedank von Jürgen Wegener, ausgestellt auf der Großen Deutschen Kunstausstellung 1943.

Das „Haus der Deutschen Kunst“ in München wurde am 18. Juli 1937 mit der ersten „Großen Deutschen Kunstausstellung“ eröffnet. Die Werke waren von einer Kommission von Kunstpolitikern ausgesucht worden, an ihrer Spitze der Präsident der Reichskammer der Bildenden Künste Adolf Ziegler. Auch Hitler war an der Auswahl beteiligt. Diese Ausstellung war als Verkaufsausstellung gedacht. Damit sollten die Künstler der auf der Blut-und-Boden-Ideologie basierenden „Deutschen Kunst“ gefördert werden. Die Ausstellung wurde bis 1944 jedes Jahr wiederholt. Eine Liste der ausgestellten Künstler enthält der Artikel Große Deutsche Kunstausstellung.

Hitler hielt bei der Eröffnungsausstellung am 18. Juli 1937 eine programmatische Rede, in der er unter anderem ausführte:

„Bis zum Machtantritt des Nationalsozialismus hat es in Deutschland eine sogenannte moderne Kunst gegeben, d.h. also, wie es schon im Wesen des Wortes liegt, fast jedes Jahr eine andere. Das nationalsozialistische Deutschland will wieder eine deutsche Kunst, und diese soll und wird wie alle schöpferischen Werte eines Volkes eine ewige sein.“

Hitler[5]

Zusätzlich wurde in München bis 1939 der jährliche Tag der Deutschen Kunst abgehalten.

Parallel zur ersten Großen deutschen Kunstausstellung fand einmalig ebenfalls in München die Ausstellung „Entartete Kunst“ statt, die am 19. Juli 1937 eröffnet wurde. Damit grenzte sich die NSDAP mit ihrer Kunstauffassung auf polemische Art und Weise von der als Entartete Kunst bezeichneten Auffassung ab, vor allem vom Expressionismus der Zwanziger Jahre.

Nach 1945 gab es in der Kunstgeschichte und den Medien kaum eine inhaltliche Auseinandersetzung darüber, was "nationalsozialistische Kunst" sei. Zahlreiche Werke wurden nicht mehr gezeigt und auch nicht abgebildet. Das Zentralinstitut für Kunstgeschichte machte alle elftausend Arbeiten aus den Münchener NS-Ausstellungen im Oktober 2011 online zugänglich, um eine gesellschaftliche und kunstgeschichtliche Debatte zu ermöglichen.[6][7]

Programmatische Zeitschrift[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ab Januar 1937 gab Alfred Rosenberg die monatliche Zeitschrift Die Kunst im Dritten Reich heraus. Sie erschien vom August 1939 unter dem Titel Die Kunst im Deutschen Reich. Hauptschriftleiter war der Kunstjournalist Robert Scholz. Die Zeitschrift hatte ein sehr großes Format und enthielt zahlreiche Abbildungen. Zu der jährlichen großen Kunstausstellung kam jeweils eine Doppelnummer heraus.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Peter Adam, Kunst im Dritten Reich. Hamburg 1992, ISBN 3-8077-0259-8.
  • Sabine Brantl: Haus der Kunst, München. Ein Ort und seine Geschichte im Nationalsozialismus, München 2007, ISBN 978-3-86520-242-0
  • Hildegard Brenner: Die Kunstpolitik des Nationalsozialismus (Rowohlts deutsche Enzyklopädie; 167/168) Rowohlt, Reinbek 1963
  • Erika Eschebach (Red.): Deutsche Kunst 1933-1945 in Braunschweig : Kunst im Nationalsozialismus. Vorträge zur Ausstellung (1998–2000). Reihe: Braunschweiger Werkstücke, 105. Braunschweig: Stadt Braunschweig, 2001, ISBN 3-927288-32-2
  • Frankfurter Kunstverein & Arbeitsgruppe des Kunstgeschichtl. Instituts der Universität Frankfurt (Hrsg.): Kunst im Dritten Reich. Dokumente der Unterwerfung. Verlag 2001, 4. Aufl. 1980 (Dem Buch liegt ein Ausstellungskatalog zugrunde, der 1974 zur Ausstellung "Kunst im Dritten Reich - Dokumente der Unterwerfung" im Frankfurter Kunstverein herausgegeben wurde)
  • Elke Frietsch: Kulturproblem Frau. Weiblichkeitsbilder in der Kunst des Nationalsozialismus. Köln u.a.: Böhlau 2006, ISBN 3-412-35505-4
  • Hermann Hinkel, Zur Funktion des Bildes im deutschen Faschismus, Anabas, Steinbach 1975, ISBN 3-87038-033-0
  • Berthold Hinz: Die Malerei im deutschen Faschismus - Kunst und Konterrevolution, Hanser, München 1974, ISBN 3-446-11938-8
  • Reinhard Müller-Mehlis, Die Kunst im Dritten Reich, Heyne, München 1976 ISBN 3-453-41173-0
  • Werner Rittich: Architektur und Bauplastik der Gegenwart. Berlin: Rembrandt-Verlag, 1.-3. Aufl. 1938
  • Hans Sarkowicz (Hrsg.): Hitlers Künstler: die Kultur im Dienst des Nationalsozialismus (nach einer Sendereihe des Hessischen Rundfunks). Frankfurt am Main u. Leipzig: Insel-Verlag 2004, ISBN 3-458-17203-3.[8]
  • Birgit Schwarz: Hitlers Museum. Die Fotoalben Gemäldegalerie Linz. Dokumente zum „Führermuseum“. Wien 2004, ISBN 3-205-77054-4
  • Städtisches Museum Braunschweig und Hochschule für Bildende Künste (Hrsg.): Deutsche Kunst 1933-1945 in Braunschweig. Kunst im Nationalsozialismus. Katalog der Ausstellung vom 16. April – 2. Juli 2000. Hildesheim u.a.: Olms 2000, ISBN 3-487-10914-X
  • Robert Thoms: Große Deutsche Kunstausstellung München 1937–1944. Verzeichnis der Künstler in zwei Bänden, Band I: Maler und Graphiker. Berlin 2010, ISBN 978-3-937294-01-8
  • ders. : Große Deutsche Kunstausstellung München 1937–1944. Verzeichnis der Künstler in zwei Bänden, Band II: Bildhauer. Berlin 2011, ISBN 978-3-937294-02-5

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Kunst im Nationalsozialismus – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Mein Kampf, S. 283.
  2. Ernst Klee: Kulturlexikon, Ausgabe 2007, S. 77, S. 311, S. 326 und S. 613.
  3. Ernst Klee: Das Kulturlexikon zum Dritten Reich. Wer war was vor und nach 1945, S. Fischer, Frankfurt am Main 2007, S. 312.
  4. Ernst Klee, Kulturlexikon, S.311.
  5. Zitiert in Stefan Koldehoff: Die Bilder sind unter uns: Das Geschäft mit der NS-Raubkunst. Frankfurt 2009, ISBN 978-3-8218-5844-9, S. 57.
  6. Julia Voss: Ein Tabu wird gebrochen., faz.net vom 17. Oktober 2011, abgerufen am 19. Oktober 2011
  7. GDK Research – Bildbasierte Forschungsplattform zu den Großen Deutschen Kunstausstellungen 1937-1944 in München, Zentralinstitut für Kunstgeschichte in Kooperation mit dem Deutschen Historischen Museum und dem Haus der Kunst; 2011, abgerufen am 29. April 2016
  8. Vgl. Christian Fuhrmeister: Rezension In: ArtHist, März 2006, auf naxos.bsz-bw.de, abgerufen am 30. April 2016