Kunstfigur

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche
Die Artikel Kunstfigur, Figur (Fiktion) und Werbefigur überschneiden sich thematisch. Hilf mit, die Artikel besser voneinander abzugrenzen oder zusammenzuführen (→ Anleitung). Beteilige dich dazu an der betreffenden Redundanzdiskussion. Bitte entferne diesen Baustein erst nach vollständiger Abarbeitung der Redundanz und vergiss nicht, den betreffenden Eintrag auf der Redundanzdiskussionsseite mit {{Erledigt|1=~~~~}} zu markieren. Judäische Volksfront 03:03, 27. Feb. 2011 (CET)
Dieser Artikel oder nachfolgende Abschnitt ist nicht hinreichend mit Belegen (beispielsweise Einzelnachweisen) ausgestattet. Die fraglichen Angaben werden daher möglicherweise demnächst entfernt. Bitte hilf der Wikipedia, indem du die Angaben recherchierst und gute Belege einfügst.

Eine Kunstfigur ist eine fiktionale Figur oder Person, die nahezu alle Attribute einer lebenden Person besitzen kann. Oft zeichnet sich die Kunstfigur dadurch aus, dass sie von ihrem Umfeld für eine reale Person gehalten wird.

Kunstfiguren[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Kunstfiguren im Theater[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Eine Kunstfigur entsteht nicht nur aus ihrer bloßen Zuordnung zum Bereich der Kunst. Sie muss nach Werner Esser auch in einer gewissen Distanz zur Wirklichkeit stehen, diese also auf irgendeine Weise reflektieren.[1] Die Kunstfigur hat im „systematischen und historischen Status nur die Aufgabe, im bloß scheinhaften der Kunst gewissermaßen die Stelle der Wahrheitspartikel zu markieren, ohne sie jedoch schon zu nennen.“[2] Die „Commedia dell’arte“, „Commedia all’improviso“ oder „Commedia Maschere“, im Folgenden unter dem Begriff Comödien-Stil zusammengefasst, bezeichnet das professionelle Handwerk des Stegreiftheaters vom 16. Bis zum 18. Jahrhundert, das seinen Ursprung in Italien hatte und sich schnell in ganz Mitteleuropa verbreitete.[3]

Im Comödien-Stil dient die Kunstfigur im Zusammenspiel mit dem Akteur zur Herstellung und gleichzeitigen Unterwanderung der Fiktionsebene. Die Fiktion ist dabei von der Realität zu unterscheiden, die jedoch beide zur Wirklichkeit („im Sinne von: wirklich ist alles, was wirkt“[4]) gehören. Im Theater werden diese Wirklichkeiten als so genannter „Doppelter Ort“ erkennbar, der sich zusammensetzt aus der Realitätsebene, in der Publikum und Schauspieler zusammenkommen, und der Fiktionsebene, in der „Gestalten erscheinen, gezeigt oder dargestellt werden.“[5] Im Comödien-Stil entsteht die fiktionale Ebene laut Gerda Baumbach durch die "theatrale Repräsentation" und wird "in Gestalt spielerisch-ritueller Aktionen" wieder unterlaufen.[6] So kann die Kunstfigur in die Realitätsebene, aber auch der Akteur als Zivilperson in die Fiktionsebene eintreten. Durch das Hin- und Herspringen von Akteur und Kunstfigur zwischen Realität und Fiktion und die damit einhergehende, auch so beabsichtigte Ununterscheidbarkeit der beiden Ebenen entsteht das Spielfeld des Comödien-Stils. Dadurch "existieren (die Rollen) nur temporär und virtuell".[7] Die Kunstfigur, Maschera (ital. „Maske“) oder Leibmaske ist weder der Schauspieler als Zivilperson noch eine Rolle, die er verkörpert. Sie stellt mehr eine Grundlage dar, mit deren Hilfe der Akteur in verschiedene Rollen schlüpfen kann. Dass dabei immer noch zwischen der Zivilperson, der Kunstfigur und der Rolle unterschieden werden kann, ist gerade "die Grundlage des Spielens".[8] Deshalb sind die Kostüme der Rollen meist so gemacht, dass die Kunstfigur darunter noch erkennbar bleibt.[9] Man verwendete Hüte, Kleider oder bestimmte, zur Rolle gehörende Attribute. Die Kunstfigur selbst wird durch eine Auffälligkeit gekennzeichnet, die in jedem Kostüm sichtbar bleibt.[10] Dieses Detail kann sich in Form einer Maske, Gesichtsbemalung oder einem anderen wiederkehrenden Stilmittel äußern. Beim Harlekin wäre es etwa die schwarze Maske, die uns die Kunstfigur immer vor Augen hält, oder bei der Figur des Tramp in den Filmen Charlie Chaplins mit seinem Schnauzer, einem Stöckchen und der Melone auf dem Kopf. Kunstfiguren haben oft auch einen Bezug zu realen Ereignissen und Persönlichkeiten, zum Beispiel Adelige oder Gottheiten[11]. So konnte auch spöttische Kritik geübt werden. Zudem können Maschere wie etwa der Harlekin auch Rollen unterschiedlicher Geschlechter annehmen [12].

In der Kunstfigur steckt oft auch eine mythische Figur, zum Beispiel ein Dämon. Deutlich wird das beim Trickster.[13] Somit stammt die Kunstfigur „aus einer anderen Wirklichkeit, aus dem Damals und Dort des Anderen. Auch die Kunstfigur und ihr Urahn sind wirklich, aber nicht realistisch.“[14]

Auch Theaterrollen werden von Kunstfiguren angenommen.[15] Unsere Wahrnehmung von verschiedenen Theaterrollen ist über die Jahre bereits so sehr durch Klischeehaftes geprägt worden, dass es ein Einfaches für die Kunstfigur ist, diese wortwörtlich „wie seine Socken zu wechseln“. So kann die Kunstfigur im einen Moment noch einen tragischen Helden mit Uniform und Degen darstellen und sich als nächstes in ein pompöses Barockkleid werfen und eine verliebte Hofdame mimen. Das erste, was unsere Wahrnehmung hier beeinflusst, ist logischerweise das Kostüm und die Requisiten, die hierfür zum Einsatz kommen. Viel wichtiger sind allerdings immer noch die Körperhaltung und die Art wie die Kunstfigur sich bewegt und gibt. Baumbach unterscheidet zusätzlich noch zwischen Kunstfigur und Kunstperson. Die Kunstperson ist der Schauspieler als Künstler und nicht als Zivilperson.[16] Wenn der Schauspieler etwa einen Künstlernamen trägt, wird aus seiner doppelten Identität (Akteur und Kunstfigur) eine dreifache (Akteur, Kunstperson, Kunstfigur). Selbst, wenn der Schauspieler unter seinem bürgerlichen Namen in der Öffentlichkeit erscheint, kann diese neue Identität entstehen – wie etwa bei heutigen Hollywood-Stars, die nicht nur an ihrem Schauspiel, sondern auch an ihrem Aussehen oder ihrem Kleidungsstil definiert werden. Trotzdem handelt es sich hier nicht um eine Kunstfigur, weil diese Identität nicht für die Bühne bzw. das Filmset, sondern für die Medien und die Öffentlichkeit existiert.

Im Laufe der Jahrhunderte fanden sich viele Kunstfiguren im Bereich des Theaters und auch des Films. Dazu zählen mitunter der Clown Grock, die Figur des Tramp Charlie Chaplin, Kasperle oder Totò.

Jean Soubeyran als Harlekin, 20. Jh.
Mr. Ellar als Harlequin, 1822/30

Eine der bekanntesten Kunstfiguren im Theater ist der Harlekin. "Der Harlekin, unter welchem Namen und in welchem Zusammenhang auch immer er in Erscheinung tritt, ist allemal eine künstliche und eine künstlerische Figur, welche die Funktion hat, in der Polyvalenz des Daseins die menschliche Vernunft sinnlich-anschaulich zu machen."[17] Er gibt den Menschen die Fähigkeit, mit der Welt ironisch, satirisch und humorvoll umzugehen und darin eine lebenserhaltende Überlegenheit zu gewinnen.[18] Durch ihn können die Menschen über alltägliche oder auch kritische Themen lachen und diese somit aus einer neuen Perspektive betrachten.

Die Figur des Harlekins tauchte erstmals im 12. Jahrhundert auf und wurde in der Commedia dell’arte der Renaissance als Dienerfigur wieder aufgegriffen. Erkennbar war er mitunter meistens an seinem Flickenkostüm mit Rautenmuster und an seiner schwarzen Maske, bzw. dem schwarzen Gesicht. Davon ausgehend konnte der Harlekin mit Hilfe von Requisiten, weiteren Kostümen und seiner Schauspieltechnik in diverse andere Rollen schlüpfen und dabei immer noch als die Figur des Harlekin wahrgenommen werden.

Mit der Moderne veränderte sich auch die Darstellung des Harlekins. "Er hatte nicht mehr die quicke Munterkeit seiner der Renaissance entsprungenen Ahnen. Seine Grimassen waren von Düsterkeit verzerrt und seine Sprünge hatten das Possierliche verloren. Die Musik, die er aufspielen ließ, klang nicht lustig: es war, als wären die Saiten verstimmt, aber keiner bemerkte es, weil das Stampfen des Rhythmus alles übertönte, dieses Stampfen, das zugleich barbarisch war und maschinenhaft. Die Witze suchten die Groteske. Wo immer dereinst Weisheit sich in die Späße gemischt hatte, grinste jetzt das Absurde aus plötzlich aufgerissenen Löchern. (...) So wurde der Unsinn zum Tiefsinn gemacht, und das kaum geborene Lachen erstarb auf den Lippen. Dennoch: das Lachen ist nicht erloschen. Die Lust am Spaß hat nur ihren Ausdruck verändert."[19]

Kabarettistische[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im Gegensatz zum Schauspieler im Theater kann die Kunstfigur nicht nur auf der Bühne, sondern in allen Aspekten des Lebens agieren. Sie besitzt also einen eigenen Namen, ein Alter, eine Biografie usw. Es gehört zum Standardprogramm vieler Kabarettisten, unterschiedliche Figuren darzustellen, die meist Vertreter einer bestimmten Personengruppe überzeichnen und klischeehaft karikieren. Wenn diese Figuren nicht nur Teil des Kabarettprogramms sind, sondern auch öffentlich agieren, wie im Fall von Atze Schröder oder Horst Schlämmer, kann man von einer Kunstfigur sprechen. Auch Schauspieler Christian Ulmen testet gern sein Umfeld mit verschiedenen Kunstfiguren, die bekanntesten davon sind Nerd Uwe Wöllner und Schlagersänger Knut Hansen.

Wenn diese Kunstfiguren im Fernsehen auftreten, besteht der Unterhaltungswert oft darin, dass die Fernsehzuschauer um den künstlichen Charakter der Figur wissen, während das gefilmte Publikum zum Narren gehalten wird. Gleichzeitig kann die Kunstfigur gezielt Sozialverhalten und Vorurteile des Publikums demaskieren, wie dies Sacha Baron Cohen mit seinen Kunstfiguren, wie dem antisemitischen Kasachen Borat oder dem schwulen Österreicher Brüno, immer wieder demonstriert.


Mediale[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Tafel am Wohnhaus von Sherlock Holmes in 221b Baker Street, London

Auch Comicfiguren, Superhelden und Figuren aus Computerspielen wie Lara Croft werden zu Kunstfiguren, wenn sie über ihr ursprüngliches Medium hinauswachsen. Diese Kunstfiguren bleiben zwar virtuell, können aber durch mediale Präsenz denselben Grad an Glaubwürdigkeit und Bekanntheit erreichen wie andere Figuren der Popkultur, besonders dann, wenn diese Art der Kultur über Sekundärerfahrung vermittelt wird. Beispiele sind computeranimierte Popstars wie Kyoto Date und T-Babe, aber auch Comicfiguren wie die Band Gorillaz. Sie haben eigene Fanclubs, geben Interviews und haben Biografien, genau wie reale Figuren der Popmusik. Eine bekannte Kunstfigur aus der Literatur ist Sherlock Holmes, die zur Zeit ihrer Entstehung von vielen Menschen für einen realen Mitbürger gehalten wurde.

Verwendung in Unternehmen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Unternehmen nutzen Kunstfiguren häufig als Werbefigur. Sie treten sowohl in zeitlich begrenzten Kampagnen auf (z.B. Robert T-Online 2000-03 für die Deutsche Telekom), als auch sehr langfristig, wie etwa seit 1972 Herr (Günter) Kaiser für die Hamburg-Mannheimer, der nach jahrzehntelangem Einsatz Teil der Corporate Identity geworden ist. Außerdem werden sie verwendet, um anonyme Unternehmensprozesse zu personalisieren. Beispielsweise wird in der Massenkorrespondenz an Kunden von manchen Unternehmen die lieblose Schlussformel "Dieses Schreiben wurde maschinell erstellt und ist auch ohne Unterschrift gültig" vermieden durch die Unterschrift einer fiktiven Mitarbeiterin (z.B. Susanne Goldmann beim Pay-TV-Sender Premiere).

Selbstinszenierung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Viele Popstars inszenieren sich als eine Kunstfigur, die sie im Privatleben völlig ablegen. So bedienen deutsche Rapper wie Sido und Bushido gerne den aus der amerikanischen Rap-Szene bekannten Gangster-Mythos, führen privat aber ein bürgerliches Leben als Familienväter. Auch Internet-Stars wie lonelygirl15[20] oder Alemuel outeten sich als Kunstfigur, nachdem sie bereits große Bekanntheit erlangt hatten und ihre Authentizität in Frage gestellt worden war. Ursache für die Verwandlung in eine Kunstfigur können Marketing-Gründe sein, aber auch das Bedürfnis des Künstlers nach Privatsphäre.

Rechtliches[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Urheberrecht[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Da eine Kunstfigur eine ausgedachte Person ist, genießt sie nicht denselben Rechtsschutz wie gewöhnliche Menschen. Allerdings unterliegt sie als kreative Schöpfung dem Urheberrecht. [21] Dies kann zu Problemen führen, wenn eine Kunstfigur mehrere geistige Eltern besitzt, wie etwa im Fall von Pumuckl, wo ein intensiver Rechtsstreit zwischen seiner graphischen und seiner literarischen Mutter darum entbrannte, ob Pumuckl ein sexuelles Wesen sei, und ob er eine Freundin haben dürfe. Im Urteil wurde der Meinungsfreiheit der Grafikerin Barbara von Johnson Vorrang vor dem Urheberrecht der Autorin Ellis Kaut eingeräumt.[22]

Fan-Art[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im Spannungsfeld zwischen Urheberrecht und Meinungsfreiheit spielt sich auch Fanfiction ab, die sich meist um mediale Kunstfiguren dreht. Auch bei Kostümen, die Fans bestimmter Kunstfiguren auf einer Convention tragen, kann ein Verstoß gegen das Urheberrecht oder das Markenrecht vorliegen, auch wenn dieser in der Regel nicht geahndet wird. Die Verwendung von Kunstfiguren auf Websites, etwa von Pumuckl auf einer inoffiziellen Fanpage,[23] hatte bereits teure Abmahnungen zur Folge.

Persönlichkeitsrechte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Persönlichkeitsrechte des Darstellers einer Kunstfigur können das Recht auf Anonymität einschließen. So verklagte der Darsteller der Kunstfigur Atze Schröder den Weser-Kurier wegen der Nennung seines bürgerlichen Namens und bekam Recht.[24] Eine entsprechende Klage gegen Wikipedia, wo sein bürgerlicher Name ebenfalls zeitweise auftauchte, zog er jedoch zurück.[25]

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Werner Esser: Die Physiognomie der Kunstfigur oder Spiegelungen. Formen der Selbstreflexion im modernen Drama. Carl Winter Universitätsverläg Heidelberg, 1983. S. 11.
  2. Ebenda, S. 12
  3. Vgl. Esrig, David: Commedia dell’arte. Eine Bildgeschichte der Kunst des Spektakels. Nördlingen: Delphi, 1985, S. 19
  4. Baumbach, Gerda: Schauspieler. Historische Anthropologie des Akteurs. Bd 1. Schauspielstile. Leipzig: Universitätsverlag, 2012. S. 238
  5. Baumbach 2012, S. 200
  6. Baumbach 2012. S. 246
  7. Baumbach 2012. S. 256
  8. Baumbach 2012. S. 215
  9. Baumbach 2012. S. 216.
  10. Baumbach 2012. Abb. 95
  11. Baumbach 2012. S. 218 f.
  12. Baumbach 2012. S. 220
  13. Baumbach 2012. S. 251
  14. Baumbach 2012. S. 257
  15. Baumbach 2012. S. 224
  16. Baumbach 2012. 257
  17. Ränsch-Trill, Barbara: Harlekin. Zur Ästhetik der lachenden Vernunft. Hildesheim: Georg Olms Verlag, 1993. S.9.
  18. Ränsch-Trill S.16
  19. Melchinger, Siegfried; Jäggi, Willy (Hrsg.): Harlekin. Bilderbuch der Spaßmacher. Basel: Basilius Presse, 1959, S.154
  20. Süddeutsche Zeitung (14. September 2006): Good bye, lonelygirl15, abgerufen am 20. Juni 2013.
  21. Vgl. Urheberrechtlicher Schutz für Kunstfiguren – von Odysseus bis Lara Croft
  22. „Pumuckl’s Freundin“: Autorin unterliegt auch im Hauptsacheverfahren
  23. Abgemahnte Pumuckl Fanpage
  24. Landgericht: Zeitungsverlag darf über den Comedian „Atze Schröder“ nur unter seinem Pseudonym berichten
  25. Atze Schröder gegen Wikipedia