Kunsthalle Bielefeld

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Kunsthalle Bielefeld
Kunsthalle Bielefeld Mai 2014 2.JPG
Daten
Ort Bielefeld
Art Kunstmuseum
Architekt Philip Johnson
Eröffnung 1968
Leitung Friedrich Meschede
Website www.kunsthalle-bielefeld.de
ISIL DE-MUS-021918

Die Kunsthalle Bielefeld ist ein Museum und Ausstellungshaus für moderne und zeitgenössische Kunst in der ostwestfälischen Stadt Bielefeld im Stadtbezirk Mitte. Der 1968 von Philip Johnson entworfene Museumsbau wurde zum Teil von Rudolf-August Oetker gestiftet.[1][2] Dabei beteiligte sich der Oetker-Konzern, nach einem Brief an die Blätter des Bielefelder Jugendkulturringes von R.A. Oetker, mit 10,25 Millionen DM an den Gesamtkosten von 12,5 Millionen, welche auf Grund der steuerlichen Absatzmöglichkeiten für den Konzern nur auf 4,6 Millionen DM hinausliefen[3].

Sammlung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Kunsthalle in der Blauen Stunde, im Februar 2003
Kunsthalle Bielefeld aus Sicht vom Bergfried der Sparrenburg

Die Sammlung umfasst Werke der Kunst des 20. Jahrhunderts. Dazu gehören Gemälde von Pablo Picasso, Max Beckmann sowie Werke des Blauen Reiter und Strömungen um László Moholy-Nagy oder Oskar Schlemmer. Auch jüngere Kunst der 1970er- und 1980er-Jahre sowie aktuelle künstlerische Positionen finden zunehmend Beachtung in der Sammlung. In dem der Kunsthalle umliegenden Park sind u. a. Skulpturen von Auguste Rodin, Henry Moore, Richard Serra, Ólafur Elíasson und anderen modernen Bildhauern zu besichtigen. Vor dem Eingang des Gebäudes sind permanent ein Bronzeguss von Rodins „Denker“ sowie, seit 1989, Serras Vertikalskulptur „Axis“ installiert.

Ausstellungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ergänzt wird die Sammlung durch zeitlich begrenzte Ausstellungen von dem Profil der Kunsthalle entsprechenden zeitgenössischen Künstlern. Die besucherstärksten Wechselausstellungen waren „Emil Nolde – Begegnung mit dem Nordischen“ im Jahr 2008 mit 74.000 Besuchern, gefolgt von der Ausstellung „Picassos Surrealismus – Werke 1925–1937“ im Jahr 1991 mit fast 68.000 Besuchern. Bei der Schau mit dem Titel „1937 – Perfektion und Zerstörung“, in der Gemälde verschiedener Stilrichtungen aus eben jenem Jahr gezeigt wurden, zählte man 2007/2008 etwa 47.000 Besucher; zu einer Ausstellung von Gemälden des in der Nähe von Bielefeld geborenen Peter August Böckstiegel sowie von Conrad Felixmüller unter dem Titel „Arbeitswelten“ kamen 2007 rund 45.000 Besucher.[4]

Die Ausstellung "Anohni my truth" von 2016 wurde im Spiegel als ein großer Wurf bezeichnet, sowohl in kuratorischer Hinsicht als auch in organisatorischer[5].

Die Ausstellungen können neben der individuellen Erkundung auch durch Führungen erschlossen werden. Daneben gibt es ein museumspädagogisches Angebot für alle Altersgruppen. Dem Museum ist ein Shop, ein Café und eine Bibliothek angegliedert.

Architektur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die ehemalige Parkanlage an der Kunsthalle mit Wasserbecken (Mai 1985)
Skulpturengarten (2010)

Das am südwestlichen Rand der Bielefelder Altstadt gelegene Gebäude wurde 1968 nach Plänen des amerikanischen Architekten Philip Johnson im Internationalen Stil von Cäsar Pinnau erbaut.[6] Es ist Johnsons einziger Museumsbau in Europa. Das Gebäude wurde 2002 saniert.

1994 schlug Frank O. Gehry einen dekonstruktivistischen Anbau, der die Kunsthalle mit dem benachbarten Naturkundemuseum verbinden sollte, vor.[7] Dieser wurde insbesondere von Maja Oetker, der Ehefrau von Rudolf-August Oetker, vehement abgelehnt und daher nie verwirklicht. Stattdessen realisierte Frank O. Gehry im 15 km entfernten Herford das dekonstruktivistische Marta-Museum.[8]

Der kubische, auf quadratischer Grundfläche stehende Bau umfasst drei oberirdische und zwei unterirdische Etagen, insgesamt stehen 1200 m² Ausstellungsfläche zur Verfügung. Die Fassade besteht aus markantem roten Sandstein.

Der Entwurf von Johnson sah einen Skulpturengarten als städtebauliche Abgrenzung vor. Dieser wurde zunächst nicht verwirklicht. Erst zum 27. September 2008 – dem 40. Geburtstag der Kunsthalle – entstand nach den Originalplänen von 1968 eine solche Anlage als Ersatz für die bisherige Parkanlage mit Wasserbecken. Ursprünglich sollte die Anlage Johnson Park heißen,[9] nachdem dessen Sympathie für den Nationalsozialismus bekannt wurde, wurde davon abgesehen.[10]

Im Rahmen einer Ausstellung zu Arbeiten des Architekten Sou Fujimoto wurde 2012 ein 1:1-Nachbau des so genannten „Final Wooden House“ im Skulpturen-Park der Kunsthalle errichtet[11].

Namensstreit[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Rudolf-August Oetker hatte zum Zeitpunkt der Stiftung den Wunsch geäußert, die Kunsthalle nach seinem Stiefvater Richard-Kaselowsky-Haus zu nennen. Kaselowsky war in Bielefeld wegen seiner NS-Vergangenheit umstritten (Mitgliedschaft in der Partei ab 1933 und Mitglied im Freundeskreis Himmler, Auszeichnung der von ihm geführten Firma Oetker als Nationalsozialistischer Musterbetrieb). Dies führte zu einer Debatte, die in Bielefeld zu einem Hauptthema der gesellschaftlichen Bewegungen im Jahr 1968 wurde. Der Komponist Hans Werner Henze zog sein für die Einweihung geschriebenes Klavierkonzert zurück, NRW-Ministerpräsident Heinz Kühn und zwei Bundesminister ließen sich entschuldigen. Die Veranstaltung mit 1.200 geladenen Gästen wurde in der Folge komplett durch Oetker abgesagt, doch der Rat der Stadt hielt an seinem Namensbeschluss fest. Die „stille“ Eröffnung am 27. September 1968 wurde von Protestdemonstrationen begleitet.[12] Bis zum Sommer 2017 erinnerte im Eingangsbereich der Kunsthalle eine Gedenktafel an den Namensgeber und bezeichnete ihn als Opfer des schweren Luftangriffs vom 30. September 1944, ohne seine Rolle im Unternehmen oder die Kontroverse um ihn zu thematisieren.

In den folgenden Jahren führte die Kunsthalle den kontroversen Teil ihres Namens nicht mehr in der Öffentlichkeit. Im Jahr 1998 entstand eine erneute Diskussion und Protestbewegung, als der damalige Kunsthallenleiter Thomas Kellein eine Annäherung an das Haus Oetker suchte und den Namen wieder hervorhob. So bildete sich die Initiative „Leidenschaft für die Kunst“, die durch unterschiedliche Aktionen auf das Thema aufmerksam machte[13]. Die Ausstrahlung einer Radiosendung der Radiogruppe des AJZ Bielefeld im Rahmen des Bürgerfunks über die Kunsthalle wurde von Radio Bielefeld, nach Rücksprache mit dem Hause Oetker, verweigert. Erst nach Anrufung der Landesmedienanstalt wurde der Beitrag gesendet. Der Historiker Hans-Ulrich Wehler kritisierte in einem öffentlichen Vortrag die Benennung nach einem Mitglied des Freundeskreises Himmler als "krasse Verletzung der politischen Scham"[14].

Protest gegen den Namen Kaselowsky-Haus zum 30ten Geburtstag der Kunsthalle

Ein Einwohnerantrag von 1998 lautete folgendermaßen: „Der Rat der Stadt Bielefeld wird aufgefordert zu beschließen: Die Bielefelder Kunsthalle heißt in Zukunft nur noch ‚Kunsthalle Bielefeld‘. Der bisherige Namenszusatz ‚Richard-Kaselowsky-Haus‘ wird gestrichen.“ Erstunterzeichner waren unter anderem Annelie Buntenbach und Klaus Hurrelmann.[15] Nachdem die Suche nach einer unverfänglichen Namensversion gescheitert war, beschloss der damalige rot-grüne Stadtrat die Umbenennung in den ausschließlichen Namen Kunsthalle Bielefeld. Daraufhin beendete Rudolf August Oetker seine Unterstützung und zog seine persönlichen Leihgaben aus der Sammlung der Kunsthalle zurück.[16][17] Zudem empörten sich Rudolf-August Oetker und seine Ehefrau Maja Oetker öffentlich in den ihnen damals nahestehenden Zeitungen über die angebliche Denunziation von Richard Kaselowsky aus dem grünen Umkreis der Universität, wovon die wenigsten Bielefelder seien.[18]

2016 stellte eine Initiative einen Bürgerantrag gemäß § 24 GO NRW, die Gedenkplatte mit Erläuterungen zu Kaselowskys NS-Vergangenheit zu ergänzen[19]. Der Oberbürgermeister Pit Clausen bemühte sich daraufhin um eine Einigung mit der Familie Oetker, die vorschlug, die Platte zu ersetzen. Dies wurde von den kommunalen Gremien am 22. September 2016 beschlossen[20]. Der Austausch der Gedenkplatte wurde in den Sommerferien 2017 vollzogen[21]. Gegen den neuen Gedenkstein protestierte Maja Oetker, die Witwe von Rudolf-August Oetker, da sie den Namen ihres Mannes ausradiert sah[22].

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Michael Fleischer, Richard-Kaselowsky-Haus. Kunsthalle der Stadt Bielefeld. Vorbereitung, Planung und Durchführung in den Jahren 1959-1968. [Bielefeld], Selbstverlag [Oetker] o. J.[1968].
  • Irene Below: Die Kunsthalle Bielefeld - ein "großer Gedenkstein" für Täter und Opfer? In: Kunst und Politik, Jahrbuch der Guernica-Gesellschaft, 2, 2000, S. 175–196[23]

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Kunsthalle Bielefeld – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Die Zeit - Museumsführer. Abgerufen am 18. Januar 2015.
  2. Stadt Bielefeld - Historischer Rückblick. Abgerufen am 18. Januar 2015.
  3. Die Kunst des hellen Kopfes. Wenn Oetker stiften geht, Blätter des Bielefelder Jugend-Kulturring, Nr. 255/256/257, Dezember 1971/Januar 1972, S. 88f
  4. Neue Westfälische vom 13. Mai 2008: „Kunsthalle mit Rekord“
  5. Kunst von Anohni Aus Sorge um die Welt, Spiegel,22. Juli 2016
  6. Rüdiger Jungbluth: Die Oetkers. Geschäfte und Geheimnisse der bekanntesten Wirtschaftsdynastie Deutschlands. Bastei Lübbe, Bergisch Gladbach 2006, ISBN 978-3-422-02112-9, S. 340.
  7. Perlen der Provinz: Kunsthalle Bielefeld, Hendrik Bohle, 11. Juli 2016
  8. Bielefeld, 1963 – 68 … in die Jahre gekommen , Deutsche Bauzeitung, 1. September 2005
  9. Westfalen-Blatt, 21. Februar 2008
  10. Neue Westfälische, 21. Februar 2008
  11. Fujimoto. Futurospektive Architektur, Deutsche Bauzeitung, Juli 2012
  12. Hans-Jörg Kühne: Bielefeld ’66 bis ’77. Bielefelder Beiträge zur Stadt- und Regionalgeschichte, 21. ISBN 3-936359-15-6
  13. www.klausmoeller.net
  14. Die Oetkers: Geschäfte und Geheimnisse der bekanntesten Wirtschaftsdynastie, Rüdiger Jungbluth, Campus Verlag, 2004
  15. Einwohnerantrag zur Umbenennung der Kunsthalle, antikaselowsky.blogsport.de
  16. WSWS.org zur Umbenennung der Kunsthalle
  17. 27. September 1968: Das „Richard-Kaselowsky-Haus – Kunsthalle der Stadt Bielefeld“ wird eröffnet, Bernd J. Wagner, www.bielefeld.de
  18. Um Schaden von unserer Stadt und allen abzuwenden, Irene Below, Frauen Kunst Wissenschaft, 29. Oktober 1998
  19. TOP 4.3: Ergänzung der Gedenktafel von Richard Kaselowsky, Sitzung des Bürgerausschusses, 24. Juni 2016
  20. Kaselowsky-Straße in Bielefeld wird umbenannt, WDR, 23. September 2016
  21. Kunsthallen-Gedenktafel von Oetker: Name Kaselowsky wegen Nazi-Vergangenheit entfernt, Neue Westfälische, 3. August 2017
  22. Kunsthalle: Name von Stifter Rudolf-August Oetker von Gedenktafel entfernt – Witwe Maja Oetker wehrt sich dagegen, Neue Westfälische, 16. August 2017
  23. Die Kunsthalle Bielefeld - ein "großer Gedenkstein" für Täter und Opfer? - www.irenebelow.de

Koordinaten: 52° 1′ 5,5″ N, 8° 31′ 34″ O