Kurfürstentag

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche

Kurfürstentage waren Teile des politischen Systems des Heiligen Römischen Reiches im späten Mittelalter und in der frühen Neuzeit. In der frühen Neuzeit spielten diese Versammlungen vor allem in Zeiten in denen der Reichstag gar nicht oder selten einberufen wurde eine wichtige Rolle in der Reichspolitik. Die nichtwählenden Kurfürstentage fanden bis 1640 statt. Wählende Kurfürstentage hat es weiterhin gegeben.

Formen und Kompetenzen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Kurfürstentage waren offizielle Treffen der Kurfürsten des Heiligen Römischen Reiches. Zu unterscheiden sind wählende Kurfürstentage, wo es um die Wahl des nächsten Herrschers ging und nichtwählende Kurfürstentage, wo es um die Regelung allgemeiner Reichssachen ging. Auch bei wählenden Kurfürstentagen wurden neben der Wahl auch Reichssachen beraten.

Ebenso zu unterscheiden sind die eher seltenen vom Kaiser auf Basis der Goldenen Bulle einberufenen Kurfürstentage von den Versammlungen des Kurvereins. Letzterer wurde meist vom Erzbischof von Mainz einberufen. Während im ersten Fall der Kaiser oder ein von ihm Beauftragter anwesend war, waren im zweiten Fall kaiserliche Abgesandte lediglich als Beobachter dabei oder gar nicht erwünscht.

Die Kompetenzen der nichtwählenden Kurfürstentage waren nie wirklich definiert worden. Die Verbindlichkeit der Beschlüsse für das Reich insgesamt blieben unklar.

Neben den allgemeinen Kurfürstentagen gab es seit dem Spätmittelalter häufig „rheinische Kurfürstentage“ als Treffen der vier rheinischen Kurfürsten.

Je nach Persönlichkeit, Politik und Amtsverständnis riefen die Kaiser die Kurfürsten unterschiedlich oft zusammen, um mit diesem Angelegenheiten des Reiches zu beraten. Unter Karl V. (1519–1556) fand überhaupt kein Kurfürstentag statt. Besonders häufig dagegen fanden Kurfürstentage unter Ferdinand I. und Maximilian II. in der Zeit zwischen 1558 und 1576 statt.

Themen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Themen waren ähnlich denen auf den Reichstagen. Beschlüsse, die mit hohen Geldausgaben verbunden waren, suchten die Kurfürsten zu vermeiden, daran sollten sich auch die anderen Reichsstände beteiligen.

Für das Kurfürstenkollegium und mithin für die Kurfürstentage extrem belastend war die Konfessionalisierung am Ende des 16. und zu Anfang des 17. Jahrhunderts. Die rheinischen Erzbischöfe lehnten die Zusammenarbeit mit der calvinistischen Pfalz in den rheinischen Kurfürstentagen ab. Es kam nur noch zu geistlichen Kurfürstentage der Erzbischöfe. Im allgemeinen Kurfürstentag spielte immer mehr die konfessionelle Konfrontation eine Rolle. Dabei traten die geistlichen Kurfürsten als Verteidiger des Katholizismus auf. Sie hatten dabei ihre Positionen zuvor abgestimmt. An Stelle der Sorge um das Reich trat zunehmend die Vertretung konfessionspolitischer Interessen.

Dies änderte sich während des Dreißigjährigen Krieges wieder. Zeitweise wurden Kurfürstentage gewissermaßen zu einem Ersatz für den lahmgelegten Reichstag. In dieser Zeit fanden einige besonders glanzvolle Treffen dieser Art statt. Zu diesen entsandten auch ausländische Staaten ihre Vertreter. Die Kurfürsten bemühten sich darum wichtige Entscheidungen anstelle der nicht zusammentretenden Reichstage zu beraten und zu treffen. Dazu gehörten das Restitutionsedikt von 1627 oder die Entlassung Wallensteins im Jahr 1630 als kaiserlicher Feldherr. Der Regensburger Kurfürstentag von 1630 hat auch insgesamt die Macht des Kaisers geschwächt. Im Jahr 1636 bewilligten ein Kurfürstentag an Stelle des Reichstages sogar eine Reichssteuer, was bei den nicht beteiligten Reichsstände auf Kritik stieß. Im Jahr 1640 kam es zu einem weiteren Treffen. Aber die Kurfürsten sahen ein, dass in Zukunft eine stärkere Versammlung nottäte und betrieben die Einberufung eines Reichstages. Danach fand keine nichtwählender Kurfürstentag mehr statt.

Liste von Kurfürstentagen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • 23. Juni 1298 in Mainz
  • 1338 in Oberlahnstein und Rhens (Gründung Rhenser Kurverein gegen Papst Benedikt XII.)
  • 1344 in Bacharach
  • 1368 in Frankfurt am Main
  • 1380 in Oberwesel (Rheinische Kurfürsten)
  • Mitte Oktober 1395 in Boppard
  • 13. – 22. Mai 1397 und Juli 1397 in Frankfurt am Main
  • April 1399 in Boppard, Mai 1399 in Forchheim, 2. Juni 1399 in Marburg, 19. September 1399 in Mainz
  • 1. Februar 1400 in Frankfurt am Main, 17. Mai 1400 in Frankfurt am Main und August 1400 in Oberlahnstein
  • Juni 1402 in Mainz
  • März 1404 in Boppard
  • 2. - 3. März 1421 in Boppard
  • Mai 1423 in Boppard
  • August 1423 in Frankfurt am Main
  • Januar 1424 in Bingen (Gründung Binger Kurverein gegen Kaiser Sigismund von Luxemburg) und Mainz
  • 1425 in Mainz
  • 29. Juli 1426 in Boppard (Rheinische Kurfürsten)
  • November 1426 in Frankfurt am Main
  • 1427 in Frankfurt am Main
  • 1428 in Koblenz
  • Oktober 1428 in Heidelberg
  • August 1439 in Mainz
  • 1441 in Mainz
  • 28. Februar – 13. März 1445 in Boppard
  • Juni 1445 in Frankfurt am Main
  • Februar – 21. März 1446 in Frankfurt am Main (Kurverein)
  • 30. November 1456 in Nürnberg
  • 13. März 1457 in Frankfurt am Main
  • 1460 in Nürnberg
  • 16. Februar - 6. März 1461 in Nürnberg (Erneuerung und Erweiterung des Kurvereins)
  • 1472 in Regensburg
  • 1486 in Frankfurt am Main
  • 1497 in Oberwesel (Rheinische Kurfürsten)
  • 30. Juni – 5. Juli 1502 in Gelnhausen (Kurverein)
  • 25. November – Mitte Dezember 1502 in Würzburg
  • November 1502 in Würzburg
  • um den 18. Juni 1503 in Mainz
  • 21. Oktober – 11. November 1503 in Frankfurt am Main
  • um Weihnachten 1503 in Augsburg
  • 17. – 22. März 1504 in Aschaffenburg
  • 2. Juni 1504 in Mainz
  • Ende Juni 1504 in Gelnhausen
  • Ende April – Anfang Mai 1508 in Mainz (Kurfürsten- und Fürstentag, ohne Abschied aufgelöst)
  • 1511 in Frankfurt am Main
  • 1519 in Oberwesel (Rheinische Kurfürsten)
  • Oktober/November 1520 in Köln, Vorbereitung der Kaiserwahl von Karl V.
  • 1521 anlässlich des Reichstags in Worms (Erneuerung des Kurvereins)
  • 1522 in Boppard (Rheinische Kurfürsten)
  • 1523 in Oberwesel (Rheinische Kurfürsten)
  • 1526 in Koblenz
  • April 1527 in Oberwesel (Rheinische Kurfürsten)
  • 1530 in Aschaffenburg
  • 1531 in Frankfurt am Main
  • 1. Oktober 1534 in Mainz (Rheinische Kurfürsten)
  • 16. November 1534 in Oberwesel (Rheinische Kurfürsten)
  • 16. April 1551 in Oberwesel (Rheinische Kurfürsten)
  • 21. April 1552 in Oberwesel (Rheinische Kurfürsten)
  • März/April 1554 in Rothenburg ob der Tauber
  • Mai 1557 in Eger
  • 25. Februar – 20. März 1558 in Frankfurt am Main (Kurfürstentag und Wahltag; Frankfurter Kurfürstentag; Kurverein zur Kaiserwahl von Ferdinand I.)
  • 1562 in Frankfurt am Main
  • Sommer 1563 in Bingen
  • 1565 in Oberwesel
  • 14. Januar – 3. Februar 1568 in Fulda
  • 25. Juli 1568 in Bacharach (ursprünglich nach Oberwesel ausgeschrieben)
  • 14. – 24. Mai 1571 in Bingen (Rheinische Kurfürsten)
  • 22. Juli bis 26. Juli 1572 in Mühlhausen
  • Ende 17. August 1573 in Frankfurt
  • 12. Oktober – 27. Oktober 1575 in Regensburg (Königswahl Rudolfs II.)
  • 28. Juli – 4. August 1577 in Bingen (Rheinische Kurfürsten)
  • 17. April – 19. Juni 1578 in Worms
  • 26. November 1578 in Bingen
  • Mai 1583 in Bingen (Rheinische Kurfürsten)
  • 21. – 26. August 1585 in Koblenz (Geistliche Kurfürsten)
  • 29. Januar – Anfang Februar 1588 in Speyer
  • Oktober 1603 in Koblenz (Geistliche Kurfürsten)
  • 1. September – 9. September 1606 in Fulda
  • Mai 1607 in Koblenz (Geistliche Kurfürsten)
  • 30. Juli – 7. August 1608 (Abbruch) in Fulda
  • 24. Oktober – 19. November 1611 in Nürnberg
  • 22. Mai – 28. Juni 1612 in Frankfurt (Wahltag)
  • Februar 1614 in Koblenz (Geistliche Kurfürsten)
  • Juni 1614 in Bingen (Kurfürstentag der katholischen Liga)
  • 1615 in Mainz (Kurfürstentag der katholischen Liga)
  • November 1615 in Koblenz (Geistliche Kurfürsten)
  • 27. Juli – 28. August 1619 in Frankfurt (Wahltag)
  • 25. November 1622 in Regensburg (mit anschließender Reichsversammlung bis zum 19. März 1623)
  • 18. Oktober – 12. November 1627 in Mühlhausen (Abschied, kaiserlicher Erlass)
  • Juni – Juli 1628 in Bingen (Kurfürstentag der katholischen Liga)
  • 3. Juli – 12. November 1630 Regensburg (kaiserliche Schlussschrift; Regensburger Kurfürstentag; Entlassung Wallensteins)
  • 15. September 1636 – 23. Januar 1637 in Regensburg (Königswahl Ferdinands III.)
  • Ende Juni 1639 in Bingen (Kurfürstentag der katholischen Liga)
  • 3. Februar – 7. Juli 1640 in Nürnberg
  • 1653 in Prag
  • August 1689 in Augsburg

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Winfried Becker: Der Kurfürstenrat. Grundzüge seiner Entwicklung in der Reichsverfassung und seine Stellung auf dem Westfälischen Friedenskongreß, Münster 1973
  • Axel Gotthard: Säulen des Reiches. Die Kurfürsten im frühneuzeitlichen Reichsverband, Bd. I. Der Kurverein. Kurfürstentage und Reichspolitik (Historische Studien 457/1), Matthiesen, Husum 1999, ISBN 3786814570
  • Axel Gotthard: Das Alte Reich 1495–1806. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 2009, ISBN 978-3-534-23039-6, S. 24f.
  • Alexander Begert: Die Entstehung und Entwicklung des Kurkollegs von den Anfängen bis zum frühen 15. Jahrhundert (Schriften zur Verfassungsgeschichte 81), Duncker & Humblot, Berlin 2010. ISBN 978-3-428-13222-5

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]