Kurt Demmler

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Demmler singt bei der Berliner Großdemonstration am 4. November 1989

Kurt Demmler (* 12. September 1943 in Posen als Kurt Abramowitsch[1]; † 3. Februar 2009 in Berlin) war ein deutscher Liedermacher und Texter vieler DDR-Rockbands.

Leben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Kindheit und Jugend[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Kurt Demmler wurde am 12. September 1943 als Kurt Abramowitsch in Posen geboren. Als Sohn eines Ärzteehepaars[2][3] wuchs er in Cottbus auf und wohnte ab 1956 in Klingenthal.[3] Sein leiblicher Vater ging als Fliegersoldat während des Zweiten Weltkrieges verschollen und starb vor der Geburt. Seine Mutter heiratete den Medizinstudenten Heinz Demmler. Aus der Ehe gingen zwei weitere Kinder hervor. Heinz Demmler arbeitete als Gynäkologe und später als Chefarzt im Krankenhaus Schöneck. Er trat zu Beginn seiner Karriere aus der SED aus.

Von 1950 bis 1962 besuchte Kurt Demmler die Grundschule und Erweiterte Oberschule, die er mit dem Abitur abschloss. In der 11. Klasse wurde er Mitglied der FDJ, um studieren zu dürfen. Ab der Grundschule erhielt Demmler Klavierunterricht, sang im Kirchenchor und lernte autodidaktisch Gitarre. Er gewann verschiedene Musikwettbewerbe und gab Konzerte (bspw. gemeinsam mit der BigBand „Hugo Herold“ oder dem Symphonischen Orchester Markneukirchen). An der Oberschule verfasste er Lieder, die von dem DDR-kritischen Denken seiner Eltern beeinflusst sind. Wegen der heimlichen Veröffentlichung eines seiner Texte an der Wandzeitung der Schule erhielt er einen Schulverweis. Spätestens von diesem Zeitpunkt an wurde die Staatssicherheit auf Demmler aufmerksam.

Studium[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Nach dem Abitur trat Demmler 1963 ein Medizinstudium an der Leipziger Karl-Marx-Universität an. Den Wehrdienst konnte er durch den Einfluss seines Vaters mit einem einjährigen Vorpraktikum am Kreiskrankenhaus Schöneck von 1962 bis 1963 aussetzen. (Zudem hat Demmler sich beim Erich-Weinert-Ensemble der NVA beworben. Demmler und der spätere Schlagersänger Frank Schöbel wurden ausgewählt.) Während seines Studiums wurde von Seiten des MfS unter Androhung von fünf Jahren Zuchthaus kritischer Liedtexte wegen und Exmatrikulation versucht, Demmler als Inoffiziellen Mitarbeiter (IM) zu gewinnen. Mit Verweis auf seinen hippokratischen Eid lehnte er ab. Da er versprach, künftig nur im universitären Rahmen aufzutreten (Louis-Fürnberg-Ensemble[4]), werden keine Sanktionen gegen ihn verhängt.

Während des Medizinstudiums knüpfte Demmler Kontakte zum Jugendradiosender DT 64 und dem Oktoberklub (vormals Hootenanny-Klub, Berlin). Letzterem trat er 1967 bei und lernte dadurch Gisela Steineckert und andere kennen, die sein (politisches) Denken stark beeinflussen. Die Probleme, mit denen er konfrontiert wurde, sah er unter diesem Einfluss als Auswirkungen des Konkurrenzkampfes mit der BRD (und dem Kapitalismus allgemein) an und suchte sie nicht (mehr) im sozialistischen System. Sein Repertoire umfasste zu dieser Zeit Lieder wie das „Lied vom Vaterland“ oder „Ho Chi Minh“. Er komponierte für das Pfingsttreffen der FDJ 1967 das Lied „Was machen wir zu Pfingsten“ gemeinsam mit Mitgliedern von DT 64. Demmlers Teilnahme am Oktoberklub endete bereits nach einem halben Jahr; nach eigener Angabe des Singens kritischer Lieder wegen. Er initiierte daraufhin einen Singeklub an der Leipziger KMU innerhalb deren Kulturensemble „Studio Poesie“. Diesem Ensemble schlossen sich die Mitglieder der später gegründeten Klaus Renft Combo an. Im Laufe der Jahre wurden dutzende Texte Demmlers bei den staatseigenen Labeln Amiga, Eterna, Nova und Schola veröffentlicht. Außerdem tritt Demmer als Liedermacher auf; sein 1960er Jahre Bühnenprogramm hieß „O Leipzig, meine Schöne“.

Sein Studium schloss Demmler 1969 mit seiner Approbation als Arzt ab. Bis 1976 arbeitete er als Arzt und war von dann an als freischaffender Künstler tätig. Ebenfalls 1969 heiratete er und bekam die Erich-Weinert-Medaille für künstlerische Leistung durch die FDJ verliehen. Ende der 1960er trat er vor allem in Verbindung mit der FDJ, dem Oktoberklub und anderen staatlichen Musikveranstaltungen in Erscheinung.

Berufsleben in der DDR[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die 1970er-Jahre waren Demmlers produktivste Jahre. Nach Aussage von Jörg Stempel, ab 1981 Amiga-Redakteur, habe Demmler für „fast alle“ geschrieben.[5] Nach eigener Aussage hat er in 25 Jahren 10.000 Texte verfasst.[6] Die beachtliche Zahl hängt damit zusammen, dass Demmler oft „mehrfachangebote auf von komponisten, bands und interpreten zum texten überlassene musikdemos“ verfasste.[6] Dieser Produktivität wegen war er finanziell abgesichert und soll Tantiemen im Laufe der Jahre im sechsstelligen Bereich erhalten haben.[7] Neben dem Kontakt zur Klaus Renft Combo begann seine Zusammenarbeit mit Veronika Fischer, Franz Bartsch und Nina Hagen, aber auch ausländischen Interpreten wie Omega, Locomotiv GT, oder der westdeutschen Interpretin Katja Ebstein. Er textet für Frank Schöbel, Dani Marsan, Aurora Lasca, Hans-Jürgen Beyer, Lift, Express Berlin, Prinzip, Winni II, Uve Schikora und seine Gruppe und viele andere.

Demmlers erstes eigenes Album „Lieder“ erscheint 1970 bei Amiga. Er verfasste eigene und übersetzte Texte z. B. für Skaldowie und die Roten Gitarren. Ein Jahr später, 1971, erhielt er den „Preis für künstlerisches Volksschaffen“ und im Jahr darauf, 1972, den „Soldatenliedpreis“ für sein erstes Soldatenlied („Liebste, geht es dir gut“). Der von Arndt Bause komponierte und Demmler getextete Schlager „Sieh mal einer an, diese Kleine“ von Frank Schöbel wurde zum XII. Internationalen Liederfestival in Sopot im gleichen Jahr ausgezeichnet. Es folgten weitere Preise und Auszeichnungen (z. B. 1. und 2. Preis im Wettbewerb „Singt das Lied der Republik“). Demmler wurde 1973 erneut ausgezeichnet, diesmal mit dem „Kunstpreis“ der DDR. Neben vielen Neuerscheinungen als Single oder Album sind Lieder mit seinen Texten auf diversen Kompilationen zu finden. 1973 erschien als Single ein anlässlich des Frauentages 1970 komponiertes Lied „Dieses Lied sing ich den Frauen (Maria)“, welches große Resonanz erhielt; und 1974 folgte sein Album „Verse auf sex Beinen“, „eine für damalige DDR-Verhältnisse erstaunlich prüderiefreie Platte, voller erotischen Wortwitzes“.[5]

Als Wolf Biermann 1976 die Einreise in die DDR verwehrt wurde, unterzeichnete Demmler neben Uschi Brüning, Reinhard Lakomy und anderen Kunstschaffenden ein Protestschreiben gegen die Ausbürgerung Biermanns. Das Resultat war die Sperrung als aktiver Künstler und ein absolutes Aufführungsverbot für zweieinhalb Jahre. „[Die Unterzeichner des Protestschreibens] mussten in der Folgezeit mehrere sogenannte Aussprachen über sich ergehen lassen, bis die Generaldirektion für Unterhaltungskunst der Parteiführung meldete, dass das alte Vertrauensverhältnis wieder hergestellt sei.“[8] Autor konnte und durfte Demmler weiterhin bleiben. Als ihn Mitglieder der Stern-Combo Meißen fragten, ob er für sie Stefan Zweigs Novelle Kampf um den Südpol (1977) zu einem Liedtext umarbeiten könne, entstand ihr gleichnamiger, erster großer Hit.

In der zweiten Hälfte der 1970er wurden noch mehr Lieder mit Demmler-Texten veröffentlicht als in der ersten Hälfte, beispielsweise von WIR, 4 PS, Set, Karat (Der Titel „König der Welt“ mit Demmlers Text platzierte Karat „monatelang an der Spitze der DDR-Hitparaden“[9]), Berluc, Regine Dobberschütz, B. E. M., Dorit Gäbler, Karussell, Kreis, Dialog und weiteren. Seine Single „Das Mädchen, das die Taschen hält“ erschien 1978 und ein Jahr später sein Album nach dem gleichnamigen 1970er-Jahre-Bühnenprogramm „Komm in mein Gitarrenboot“; unter anderem mit vorigem Lied und „Wanda“, einem Lied über die verbotene Liebe von Lehrer und Schülerin. Aus den vor 1976 entstandenen Kontakten entsprangen z. B. Lifts „Und es schuf der Mensch die Erde“ (1977), Prinzips „Sieben Meter Seidenband“ (1978) oder Stern-Combo Meißens Konzeptalbum „Weißes Gold“ (1978). Der Schallplattentext des letzteren wurde von der Band geändert, sodass Demmler einen Gerichtsprozess anstrengte, den er teilweise gewann. In einem Zeitungsartikel äußerte er 1978: „Mit manchen Lektoren […] ist es nicht immer einfach zusammenzuarbeiten, weil sie diesen oder jenen Text nicht eher aus den Händen geben, bis sich nicht auch ihre Handschrift im Text niederschlägt.“[10]

Ein Beispiel dafür, wie unbequeme Texte aussortiert wurden, ist sein Song „Smog“, der die Luftverschmutzung in der DDR thematisiert. Ohne einzugestehen, dass es vor allem ein Reizthema war und zunehmende Proteste gefürchtet wurden, wurde der Text vom Lektorat wegen seiner „Gestaltung“ abgelehnt.[11] Als Demmler 1979 sein Lied „Mustermessenmelancholie“ vor Politikern sang, die den ganzen Tag über „neue richtungsweisende entscheidungen in sachen intershop beraten“ haben, wurde das kürzlich aufgehobene Auftrittsverbot (wegen des Biermann-Protestschreibens) erneut verhängt.[6]

Im neuen Jahrzehnt konnte Demmler an seine Erfolge anknüpfen. Er textete nun auch für (Familie) Silly, die Puhdys („Neue Helden“ (1989) unter dem Pseudonym Kowarski), Pankow, Peter Tschernig, Maja Catrin Fritsche, Reform, G. E. S., Drei, Sascha Thom, Ralf Bursy und weitere. Das nächste eigene Album „Jeder Mensch kann jeden lieben“ erschien 1982. Einen bedeutenden Erfolg konnte er mit seinen „Liedern des Kleinen Prinzen“ nach Antoine de Saint-Exupéry feiern. Demmlers leiblicher Vater ging als Fliegersoldat im gleichen Zeitraum verschollen wie Saint-Exupéry, was ihn zu einem Nachdenken über den Stoff des „Kleinen Prinzen“ bewegte, da er eine persönliche Verbindung zu sich sah. Ab 1984 wurden die Lieder aufgeführt und bereits 1985 erschienen sie bei Amiga. Dieses Programm war der Auftakt zu Demmlers Programmen gemeinsam mit Kindern. Er wurde jetzt „Anwalt der Kinder“ genannt[12] und erhielt 1985 (auch für dieses Album) den Nationalpreis der DDR.[13] In einer Preisträgerauflistung in der Zeitung „Neue Zeit“ hieß es:

„Der Nationalpreis der DDR III. Klasse für Kunst und Literatur wird verliehen: für sein von hoher Qualität getragenes schöpferisches Gesamtschaffen als Autor für die Rockmusik sowie als Autor, Komponist und Interpret im Liederschaffen der DDR. Kurt Demmler, Textautor und Interpret, Leipzig.“[14]

Demmler rief nach Konzerten nun dazu auf, ihm junge, talentierte Kinder vorzustellen, die mit ihm gemeinsam musizieren sollen, da seine Stimme nicht so gut wie Kinderstimmen zu den „Liedern des Kleinen Prinzen“ passe. Manche Eltern kamen dieser Aufforderung reflexartig nach, „zu welchen Bedingungen auch immer“.[5] Ab 1985 bis 1987 nahm Demmler an einer Liedercircustournee teil, die ein von den bekanntesten Liedermachern des Landes gestaltetes Programm umfasste. Tourneeregisseur Matthias Görnandt berichtet davon, dass Demmler immer wieder durch die Begleitung (zu) junger Mädchen aufgefallen sei:

„Ich weiß, dass er ja sehr oft junge Mädels mitbrachte, die ihn einfach anhimmelten. Er war ein streichelbedürftiger Mensch und damit hat er es auch begründet. Und alle hat es natürlich auch befremdet, dass er immer mit so sehr jungen Mädchen ankam. Er ließ die dann auf der Bühne mal mitsingen.“[5]

Görnandt beschreibt Demmler als „extrem eitel und verletzbar. Er konnte sehr aggressiv gegenüber anderen Leuten sein und er konnte extrem anlehnungsbedürftig und lieb mit anderen Leuten umgehen“.[5] Er vermutet, dass sich Demmler zu jungen Mädchen hingezogen fühlte, da „er Angst vor starken Frauen hatte“.[5] Dass Demmler eine Neigung für junge Mädchen hatte, galt als ein offenes Geheimnis.

Wegen eines Streits mit Gisela Steineckert, inzwischen Präsidentin des Komitees für Unterhaltungskunst, erhielt Demmler 1986 Hausverbot für den Rundfunk und verkündete öffentlich seinen Abschied in der Zeitschrift „Melodie und Rhythmus“. Er selbst schilderte die Situation so, als wolle er jungen Talenten den Platz frei machen und begann mit dem Texten von Rockopern und Musicals unter einem Pseudonym. Dennoch wurden weiterhin Texte von ihm und unter seinem Namen interpretiert und veröffentlicht. So finden sich etwa auf Sascha Thoms Album „Mein Lebensbild“ (1987) neben Texten von Steineckert auch zwei Demmler-Texte. Zur erstmaligen Verleihung der „Goldenen Amiga“ (1988) wurde Demmler in der Rubrik Chanson/Liedermacher für die „Lieder des kleinen Prinzen“ geehrt. Ein Programm mit kritischen Tönen stellte Demmler 1988 vor: „Gute Macht, Freunde!“ wurde positiv rezensiert und den Liedern eine Sichtweise „konstruktiver helfender Kritik“ attestiert.[15] Ein weiteres eigenes Album „Kerzenlieder“ erschien 1990 bei Amiga. Er sang gemeinsam mit den Schülerinnen Daniela und Doreen.

Neben vielen weiteren Musikern unterschrieb auch Kurt Demmler die „Resolution“ der Rockmusiker und Liedermacher für Demokratisierung und Medienfreiheit in der DDR vom 18. September 1989. Im Rahmen von „Gute Macht, Freunde!“ hat Demmler diese nach eigener Aussage wiederholt verlesen, weswegen er teilweise harsch angegangen wurde. Wenige Wochen später trug er auf der Demonstration am 4. November 1989 in Ost-Berlin auf dem Alexanderplatz das Gedicht „Sicherheit“ vor und sang vor rund einer Million Menschen das Lied „Irgendeiner ist immer dabei“, welches zu diesem Zeitpunkt laut Demmler seit drei Jahren mehrfach aufgeführt wurde und bereits 15 Jahre alt gewesen sei.[16][17] Es handelt humorvoll-sarkastisch von der Überwachung durch die Staatssicherheit. Nach diesem und anderen Auftritten in der Folgezeit habe er aus der Bevölkerung Morddrohungen erhalten.

Berufsleben in der BRD und Strafverfahren[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In der DDR war Demmler einer ständig wechselnden Haltung des Staates zu seiner Person ausgesetzt. Zwischen Auftrittsverboten, Nationalpreis, Zensur und kommerziellem Erfolg navigierte er recht erfolgreich, während er vermutlich unter umfassender Beobachtung der Staatssicherheit stand. Diese besaß einen Nachschlüssel zu seinen Wohnungen und hatte Abhörgeräte installiert. Dennoch konnte er sich Fehltritte erlauben, ohne drakonische Strafen erwarten zu müssen. Nach der Wende und der friedlichen Revolution verlor er stark an Einfluss und Bedeutung. Die ihm unbekannten Strukturen der BRD überfordern ihn, wie aus zahlreichen Beiträgen auf seiner Website hervorgeht. Trotz seiner Misserfolge in der Musikszene ist Demmler durch die Wiederveröffentlichung von DDR-Liedern auf CD durch Tantiemen finanziell abgesichert:

„mir sind alle auftraggeber und potentiellen partner bisher hinterhergerannt. nun gab es keine mehr.[…] ich war noch nie in meinem leben so dumm rumgestanden. da die tantiemen aber noch gut liefen, ein großteil der platten wurde noch mal auf cd rausgebracht, hatte ich auch keinen druck.“[18]

Seiner komfortablen Stellung in der DDR beraubt, fand er sich in der Musikszene nicht mehr zurecht und verurteilte den Produktionsprozess von Musik:

„es geht zudem nicht mehr um ein künstlerisches produkt, nur noch um zielgruppen und kaufkraft. kreative und vertrauensvolle zusammenarbeit sind fremdwörter geworden.“[18]

Obwohl er mehrere Konzerte gab, z. B. gemeinsam mit Reinhard Mey im April 1990, mit seinem Programm „Windundsandundsternenlieder“ oder 1991 mit seinem Programm „Mitmenschen“, konnte Demmler nicht an frühere Erfolge anknüpfen. Mit seinen „Liedern des Kleinen Prinzen“ konzertiert Demmler in Begleitung einer Sängerin und eines Gitarristen bis 1993. 1994 verlor er seine Wohnung in Leipzig, sieben Jahre später folgte seine Berliner Wohnung. Er mied zunehmend die Öffentlichkeit und zog zunächst nach Fürstenwalde in Brandenburg. Trotz seiner Bemühungen, alte Kontakte zu erneuern und neue zu knüpfen, blieb sein Erfolg begrenzt. Zwar erschien 1990 sein Album „Windundsandund­sternenlieder“ nach dem gleichnamigen Bühnenprogramm bei Musicando oder es entstanden 1991 eine Zusammenarbeit mit Inka Bause und Komponist Arndt Bause („Ha Amerika“ und „Keine Schuld“, Album: „Ich geh durch die Nacht“ (Virgin 1991)), doch weder mit Silbermond noch Nina Hagen (Demmler textet nach einer Anfrage „Wir ham den Farbfilm vergessen“ als Fortspinnung von „Du hast den Farbfilm vergessen“), Udo Jürgens oder Ralph Siegel kommt eine Zusammenarbeit zustande. Mit Silbermond kam es zu einem Streit über die Urheberrechte zu „Verschwende deine Zeit“, denn laut Demmler handelte es sich um ein Plagiat eines Textes, den die Musiker auf Anfrage als Vorschlag von ihm erhalten hätten. In einem Artikel der Berliner Zeitung berichtete Veronika Fischer 1992 von einem neuen Albumprojekt:

„Ich habe diesmal so viele Texte gesammelt wie noch nie. Ich quelle über vor Themen, 25 Titel insgesamt. […] Es werden auch so heiße Themen dabeisein wie der sexuelle Mißbrauch von Kindern. Das Lied heißt „Heimliche Signale“, mit einem feinfühligen Text von Kurt Demmler.“[19]

Zu dem besagten Album lassen sich keine weiteren Informationen finden, möglicherweise wurde es gar nicht produziert. Dieses Schicksal teilen mehrere von Demmlers Texten dieser Jahre. Seine eigene Mädchen-Band „Zung’kuss“ (u. a. mit Sängerin und Schauspielerin Anna Fischer), die er Ende der 1990er gründet, floppte. Sie sangen Lieder wie „Keinen Bock auf Onkel Herbert“, der sexuelle Gefühle für Kinder hegt. Demmler versuchte mit eigenen Projekten erfolgreich zu werden und scheiterte. Wiederholt ließ er sich von jungen Mädchen besuchen und bewegte oder zwang sie zu sexuellen Handlungen. Wenn Eltern Verdacht schöpften und diesbezüglich an ihn herantraten, bezichtigte er sie und die Kinder der Lüge, drohte mit Anwälten und einer Verleumdungsklage. Die so eingeschüchterten Eltern unternahmen in der Regel keine weiteren Schritte. Demmler selbst sah sich als und stilisierte sich rhetorisch zum Opfer, besonders auf seiner Internetseite. Die Anwältin der betroffenen Mädchen des Prozesses von 2009, Eva Kuhn, sagte dazu:

„Soweit ich informiert bin, gab es immer wieder Eltern, die das gemerkt haben, die auch teilweise das Gespräch mit ihm gesucht haben. Nach meinen vorliegenden Informationen war aber einhellig die Meinung, man kann gegen ihn nichts ausrichten, er ist eine prominente Person, er hat eine bestimmte Macht auch oder Einfluss und man kann ihm nichts beweisen.“[5]

Im Jahr 2000 wurde ein Strafverfahren wegen sexuellen Missbrauchs von Kindern gegen Demmler eröffnet. Er wurde zwei Jahre später zu 90 Tagessätzen zu je 20 € (oder: 1800 €) verurteilt.[13] Sein letztes Album „Mein Herz muss barfuß gehen“ erschien 2001 bei Uniton (2009 nochmals bei sechzehnzehn). In den folgenden Jahren betreute Demmler seine Website, lud Hunderte Texte hoch und veranstaltete im Gästebuch selbst vorgeschlagene, spontane Treffen bei sich zu Hause in seiner Villa in Storkow in Brandenburg. Er gab sich offen für Diskussionen, ermutigte andere, Texte zu verfassen (z. B. Gästebereich: „Haste ma ne Hook“), und textete außerdem selber weiterhin, beispielsweise die „Neuen Lieder des kleinen Prinzen“.

Demmler wurde im 2008 erneut angeklagt.[20] Es wurden Fälle zwischen 1985 und 2005 verhandelt. Zwischen 1995 und 1996 sollen in mindestens 52 Fällen Kinder von ihm missbraucht worden sein. Zwischen 1995 und 1999 soll es allein zu 212 Übergriffen an Mädchen im Alter von zehn bis 14 Jahren in seiner Berliner Wohnung und in seiner Villa in Storkow gekommen sein.[21] Da Demmler versucht habe, die Mädchen aktiv zu beeinflussen und ihre Aussagen zu verhindern, wurde er in Berlin-Moabit in Untersuchungshaft genommen.[22] Er soll die Mädchen angerufen, ihnen Briefe geschrieben und ihre Wohnanschriften aufgesucht haben. Im Gefängnis schloss Demmler sich einer Gitarrengruppe an und gestaltete das Weihnachtskonzert mit. In einem Turnus von 14 Tagen besuchte ihn seine Familie, seine Frau zuletzt am 21. Januar 2009. Die Hauptverhandlung gegen Demmler begann am 22. Januar 2009 vor dem Landgericht Berlin. Dort äußerte sich der Angeklagte nicht zu den Vorwürfen.[21] Er sei „hoffnungsvoll“ gewesen und hätte „äußerst positiv reflektiert“.[5] Im Rahmen der Ermittlungen meldeten sich auch mutmaßliche Opfer Demmlers aus den 1980er Jahren. Die Ermittlungen zu diesen Fällen wurden jedoch wegen Verjährung eingestellt.[13]

Freitod[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In der Nacht vom 2. auf den 3. Februar 2009 beging Kurt Demmler mit zwei zusammengeknoteten Gürteln Suizid. Um 06:23 wurde sein Tod durch einen Justizbeamten festgestellt.[23] Einen Abschiedsbrief hinterließ er nicht.[5] Der Suizid erfolgte in der Nacht vor dem zweiten Verhandlungstag.[24][25] Durch seinen Suizid in der Nacht bevor die Betroffenen aussagen sollten, konnte der Fall beziehungsweise konnten die Fälle nicht aufgearbeitet und der Prozess nicht abgeschlossen werden.[26] Demmler hinterließ seine Frau und zwei erwachsene Kinder.

Trivia[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Kurt Demmler war ein Anhänger der konsequenten Kleinschreibung.[6]

Diskografie[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • 1971: Kurt Demmler – Lieder (Amiga)
  • 1975: Verse auf sex Beinen (Amiga)
  • 1979: Komm in mein Gitarrenboot (Amiga)
  • 1982: Jeder Mensch kann jeden lieben (Amiga)
  • 1985: Die Lieder des kleinen Prinzen (Amiga)
  • 1989: Kerzenlieder 1989 (Amiga)
  • 1990: Windsandundsternenlieder (DSB)
  • 2001: Mein Herz muss barfuß gehn (Unionton)

Auswahl bekannter Titel und Interpreten[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Außerdem schrieb Kurt Demmler Liedtexte für Brigitte Ahrens, Peter Albert, Marek Grechuta & Gruppe Anawa, Babylon, Inka Bause, Bergendy, Hans-Jürgen Beyer, Hansi Biebl Band, Brot und Salz, Uschi Brüning, Budka Suflera, Ralf Bursy, Dialog, Chris Doerk, Drei, Katja Ebstein, Gunther Emmerlich, Express, Veronika Fischer, Reinhard Fißler, Dagmar Frederic, Maja Catrin Fritsche, Gruppe G. E. S., Karel Gott, Monika Hauff & Klaus-Dieter Henkler, Kati Kovács, Horst Krüger Band, Kreis, Aurora Lacasa, Wolfgang Lippert, Locomotiv GT, Marita & Rainer, Đani Maršan, Gerti Möller, Thomas Natschinski, Anett Navall, Oktoberklub, Omega, Pankow, Peter und Paul und Aniko, Prinzip, Dean Reed, Maryla Rodowicz, Rote Gitarren, Gaby Rückert, Uve Schikora, Frank Schöbel, SET, Skaldowie, Vlady Slezák, Brigitte Stefan & Meridian, Peter Tschernig, 4 PS, Winni II, Wir, Helga Zerrenz, Petra Zieger, 2 plus 1 und weitere Interpreten.

Auszeichnungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Paul D. Bartsch: DDR-Rockmusik im literarischen Blick. Ein Thema für den Unterricht?, in: Popularmusik und Musikpädagogik in der DDR. Forschung – Lehre – Wertung, hg. von Georg Maas & Hartmut Reszel, Augsburg 1997, S. 92–107.
  • Sabine Deckenwerth & Abini Zöllner: Der bekannte DDR-Rocktexter Kurt Demmler stand wegen Kindesmissbrauchs vor Gericht. Jetzt hat er sich umgebracht. Der Liedermacher und die Mädchen, Berlin/Köln 2009.
  • Kerstin Gehrke: Liedermacher soll Kinder missbraucht haben, Berlin 2009.
  • Bernd Gürtler: Beschallung der DDR mit subtiler Gesellschaftskritik [Interview mit Peter Wicke vom 1. Juni 2013], Köln 2013.
  • H. P. Hofmann: Beat Lexikon. Interpreten, Autoren, Sachbegriffe. VEB Lied der Zeit Musikverlag, Berlin (DDR) 1977.
  • Lutz Kirchenwitz: Demmler, Kurt. In: Wer war wer in der DDR? 5. Ausgabe. Band 1, Ch. Links, Berlin 2010, ISBN 978-3-86153-561-4.
  • Edward Larkey: Rotes Rockradio. Populäre Musik und die Kommerzialisierung des DDR-Rundfunks, Berlin 2007.
  • Wolfgang Mühl-Benninghaus: Unterhaltung als Eigensinn. Eine ostdeutsche Mediengeschichte, Frankfurt am Main 2012.
  • Günter Noll: Musik und die staatliche Macht. Ausgewählte Beispiele aus der Geschichte der DDR zur Situation der Musiker, Musikpädagogik und Musikwissenschaft, in: Popularmusik und Musikpädagogik in der DDR. Forschung – Lehre – Wertung, hg. von Georg Maas & Hartmut Reszel, Augsburg 1997, S. 9–51.
  • Birgit & Michael Rauhut: Amiga. Die Diskographie aller Rock- und Pop-Produktionen 1964–1990, Berlin 1999.
  • David Robb: Censorship, Dissent and the Metaphorical Language in GDR Rock, in: Popular Music in East Europe. Breaking the Cold War Paradigm, ed. von Ewa Mazierska, Basingstoke 2018.
  • Ed Stuhler: „Jeder Mensch kann jeden lieben?“. Der Liedermacher Kurt Demmler und die Mädchen [Unkorrigiertes Manuskript des Features vom 23. Juni 2009 von 19.15 bis 20.00 Uhr], Köln 2009.
  • Michael Tsokos: Die Zeichen des Todes. Neue Fälle von Deutschlands bekanntestem Rechtsmediziner [eBook], München 2017.
  • Peter Wicke: Popmusikforschung in der DDR, in: Popularmusik und Musikpädagogik in der DDR. Forschung – Lehre – Wertung, hg. von Georg Maas & Hartmut Reszel, Augsburg 1997, S. 52–68.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Kurt Demmler – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Selbstmord in der Zelle. In: Süddeutsche Zeitung, 3. Februar 2009
  2. Lutz Kirchenwitz: Demmler, Kurt. In: Wer war wer in der DDR? 5. Ausgabe. Band 1, Ch. Links, Berlin 2010, ISBN 978-3-86153-561-4.
  3. a b Kurt Böttcher (Red.): Schriftsteller der DDR. Bibliographisches Institut, Leipzig 1975, S. 113, bezeichnet Demmler als Sohn eines Arbeiters.
  4. Roswitha Baumert: Kurt Demmler – und die Wende der Liedermacherei (Memento vom 30. Oktober 2008 im Internet Archive). In: Melodie & Rhythmus, 1/1990
  5. a b c d e f g h i Ed Stuhler: Jeder Mensch kann jeden lieben? Der Liedermacher Kurt Demmler und die Mädchen. In: deutschlandfunkkultur.de. Abgerufen am 9. Oktober 2019.
  6. a b c d Kurt Demmler: Demmlersong. Abgerufen am 9. Oktober 2019.
  7. Sabine Deckenwert & Abini Zöllner: Der bekannte DDR-Rocktexter Kurt Demmler stand wegen Kindesmissbrauchs vor Gericht. Jetzt hat er sich umgebracht. Der Liedermacher und die Mädchen. Berliner Zeitung, 2009, abgerufen am 9. Oktober 2019.
  8. Wolfgang Mühl-Benninghaus: Unterhaltung als Eigensinn. Eine ostdeutsche Mediengeschichte. Frankfurt am Main 2012.
  9. Anja Braatz: "Karat" auf die Goldwaage gelegt. Band 34, Nr. 230. Berliner Zeitung, Berlin 28. September 1978, S. 6.
  10. A. K.: Boxring für Autoren. Band 34, Nr. 293. Neue Zeit, 12. Dezember 1978, S. 4.
  11. Edward Larkey: Rotes Rockradio. Populäre Musik und die Kommerzialisierung des DDR-Rundfunks. Berlin 2007.
  12. Kerstin Gehrke: Liedermacher soll Kinder missbraucht haben. In: tagesspiegel.de. 2009, abgerufen am 9. Oktober 2019.
  13. a b c Der Liedermacher und die Mädchen. In: Berliner Zeitung, 4. Februar 2009.
  14. o. V.: Hohe Auszeichnungen zum 36. Jahrestag der DDR. Band 41, Nr. 234. Neue Zeit, 5. Oktober 1985, S. 3–4.
  15. Karsten Schmidt: Gute Macht, Freunde! Band 46, Nr. 35. Berliner Zeitung, Berlin 31. März 1988, S. 7.
  16. Alexanderplatz-Demonstration: Kurt Demmler (Audiodateien), Internetseite des Deutschen Historischen Museums, Berlin. Abgerufen am 2. Januar 2017.
  17. Roswitha Baumert: Kurt Demmler – und die Wende der Liedermacherei. In: ostmusik.de. 29. November 1989, abgerufen am 9. Oktober 2019.
  18. a b o. V.: Kurt Demmler im Online-Interview. In: ostmusik.de. Abgerufen am 9. Oktober 2019.
  19. Ilona Rothin: Der Osten prägte mich stärker, als mir lieb war. Band 48, Nr. 148. Berliner Zeitung, Berlin 8. August 1992, S. 35.
  20. Kurt Demmler: Liedermacher wegen Kindesmissbrauchs angeklagt. Spiegel Online, 4. November 2008.
  21. a b Liedermacher Demmler vor Gericht. Anklage wirft ihm sexuellen Missbrauch in 212 Fällen vor. In: Berliner Zeitung, 20. Januar 2009.
  22. Liedermacher Kurt Demmler sitzt in Haft. In: Berliner Zeitung, 7. August 2008.
  23. Michael Tsokos: Die Zeichen des Todes. Neue Fälle von Deutschlands bekanntestem Rechtsmediziner. München 2017.
  24. Kurt Demmler begeht Selbstmord. (Memento vom 6. Februar 2009 im Internet Archive) Mitteldeutscher Rundfunk, 3. Februar 2009
  25. DDR-Liedermacher Kurt Demmler tot in seiner Zelle aufgefunden. Spiegel Online, 3. Februar 2009.
  26. Liedermacher Kurt Demmler begeht Selbstmord – Verfahren eingestellt. In: Der Tagesspiegel, 3. Februar 2009