Kurt Heißmeyer

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Kurt Heißmeyer (* 26. Dezember 1905 in Lamspringe; † 29. August 1967 in Bautzen) war Arzt im Konzentrationslager Neuengamme in Hamburg.

Leben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Kurt Heißmeyer studierte Medizin in Freiburg im Breisgau und Marburg, wo er 1926 der Burschenschaft Arminia Marburg beitrat. Nach seinem Examen war er Assistenzarzt in einem Lungensanatorium in Davos und am Berliner Auguste-Viktoria-Krankenhaus. Seit 1938 arbeitete er als Oberarzt in der Tuberkulose-Heilanstalt in Hohenlychen von Karl Gebhardt. Er hatte gute Beziehungen zur SS, da er mit dem General der Waffen-SS Oswald Pohl befreundet war. Jener war zuständig für Konzentrationslager durch seinen Posten im SS-Wirtschafts- und Verwaltungshauptamt der SS. Sein Onkel, August Heißmeyer, war ebenfalls General der Waffen-SS. So erklärt sich seine spätere Karriere in Neuengamme. Um seinen Traum einer Professur verwirklichen zu können, musste Heißmeyer eine wissenschaftliche Arbeit verfassen. So wandte er sich an den Reichsgesundheitsführer Leonardo Conti. Er wollte Versuche zur Tuberkulose durchführen, um eine wirkungsvollere Bekämpfung zu entwickeln. Dabei vertrat er die Hypothese, dass eine Tuberkulose durch eine zweite Infektion im Sinne einer Impfung geheilt werden könne. Diese Meinung war schon zur damaligen Zeit widerlegt, was Heißmeyer aber nicht wusste, da er sich nicht eingehend mit der Materie beschäftigt hatte.

Menschenversuche im Konzentrationslager Neuengamme[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Um Zeit zu sparen, sollte gleich an Menschen experimentiert werden. Heißmeyer begann mit diesen Experimenten ab April 1944 im Konzentrationslager Neuengamme. Es wurde dort eine Baracke eingerichtet, die „Sonderabteilung Heißmeyer“ hieß. Die Versuche wurden zuerst an Erwachsenen durchgeführt, später an Kindern. Man verwendete dazu die Tuberkuloseerreger, womit Heißmeyer die Tötung der Probanden in Kauf nahm. Um die Experimente geheim zu halten, wurde die Baracke abgeschottet und eigenes Häftlingspersonal verwendet. 30 Russen, die sich aufgrund der besseren Verpflegung freiwillig gemeldet hatten, wurden für die Versuche ausgewählt. Sie wurden nicht darüber in Kenntnis gesetzt, was mit ihnen geschah. Vier der Häftlinge wurden im Anschluss gehängt und von Heißmeyer seziert.

Heißmeyer entschloss sich, 20 jüdische Kinder aus Auschwitz anzufordern. Die Kinder trafen am 29. November 1944 in Neuengamme ein. Er infizierte sie teils intradermal, teils mit einer Lungensonde mit Mycobacterium tuberculosis und ließ ihnen anschließend die Achsellymphknoten herausnehmen.

Als die britischen Truppen bereits das Hamburger Stadtgebiet erreicht hatten, befahl man Heißmeyer am 20. April, alle Kinder und Pfleger zu töten, um Spuren zu vernichten. In der Nacht auf den 21. April 1945 wurden sie in Neuengamme abgeholt und in die Spaldingstraße nach Hamburg gebracht, später in die Schule am Bullenhuser Damm. Ihnen wurde Morphin gespritzt, anschließend wurden sie im Keller der Schule erhängt, ebenso ihre Pfleger. Dem Historiker Joachim Lietzke nach ist die in diesem Zusammenhang genannte These der „gnädigen“ Morphiumspritzen eine nicht bewiesene Schutzbehauptung.[1]

Die Vorkommnisse in der Schule am Bullenhuser Damm wurden später während der Curiohaus-Prozesse verhandelt. Nach den Namen der getöteten Kinder, darunter Eduard Reichenbaum, wurden Straßen in Hamburg benannt.

Nach dem Krieg[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Trotz Untersuchungen gegen SS-Ärzte wurde kein Haftbefehl gegen Heißmeyer erlassen. Er kehrte in sein Elternhaus zurück und arbeitete in der Praxis seines Vaters in Sandersleben. Da er sich sicher fühlte, eröffnete er unter richtigem Namen die einzige Tuberkulose-Privatpraxis der DDR in der Gellertstraße in Magdeburg und wurde Direktor der privaten Magdeburger Klinik des Westens.

1959 wurde man durch einen Artikel in der Illustrierten Stern zufällig auf ihn aufmerksam. Aber erst am 13. Dezember 1963 wurde er verhaftet.

Heißmeyer hatte nach Kriegsende in Hohenlychen eine Kiste vergraben, in der sich neben persönlichen Materialien auch seine Arbeit und Bilddokumente verbargen. Als in der Berliner Charité festgestellt worden war, dass ihn diese Dokumente nicht entlasteten, gestand Heißmeyer. Nach zweieinhalbjähriger Untersuchungshaft wurde am 21. Juni 1966 vor dem Bezirksgericht Magdeburg der Prozess gegen Heißmeyer eröffnet, in dem ihn der Rechtsanwalt Wolfgang Vogel verteidigte. Heißmeyer wurde wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit angeklagt und am 30. Juni 1966 zu lebenslanger Strafe im Zuchthaus verurteilt. Die Strafe verbüßte er in Bautzen. Nach einem Jahr verstarb Heißmeyer dort an einem Herzinfarkt.

Die Burschenschaft Arminia Marburg schloss Kurt Heißmeyer aufgrund seiner Taten posthum Mitte 2001 aus der Studentenverbindung aus.[2]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Helge Dvorak: Biographisches Lexikon der Deutschen Burschenschaft. Band I: Politiker. Teilband 7: Supplement A–K. Winter, Heidelberg 2013, ISBN 978-3-8253-6050-4, S. 445–446.
  • K.H.: Untersuchungen über die Veränderung des in Körperhöhlen ergossenen Blutes. Vogel, Berlin 1931. In: Deutsche Zeitschrift für Chirurgie. Band 231, H. 2/4, S. 227–236, ISSN 0367-0023.
  • Paulus Hochgatterer: Helene, Mio und der Tod. In: Katzen, Körper, Krieg der Knöpfe. Eine Poetik der Kindheit, Reden, Aufsätze, Vorlesungen. Essays. Deuticke, Wien / Frankfurt am Main 2012, ISBN 978-3-552-06182-8
  • Wolfgang Schulz: Heissmeyer, Kurt. In: Guido Heinrich, Gunter Schandera (Hrsg.): Magdeburger Biographisches Lexikon 19. und 20. Jahrhundert. Biographisches Lexikon für die Landeshauptstadt Magdeburg und die Landkreise Bördekreis, Jerichower Land, Ohrekreis und Schönebeck. Scriptum, Magdeburg 2002, ISBN 3-933046-49-1, S. 284.
  • Günther Schwarberg: Der SS-Arzt und die Kinder. Bericht über den Mord vom Bullenhuser Damm Dokumentation: Daniel Haller. Hrsg. Henri Nannen. 2 Bände. Gruner und Jahr, Hamburg 1979, ISBN 3-570-02940-9; 1980 Dokumentation und Unterrichtshilfe, ausgezeichnet mit dem Anne-Frank-Preis 1988. Häufige Neuauflagen, zuletzt unter dem Titel: Der SS-Arzt und die Kinder vom Bullenhuser Damm. Steidl-TB 37, Göttingen 2001, ISBN 978-3-88243-306-7 (zahlreiche Übersetzungen: englisch, italienisch, rumänisch, polnisch).
  • Günther Schwarberg, Reinhard Bockhofer, Bruni Eisele: Zwanzig Kinder – Wenn die Würde des Menschen nichts mehr gilt. Drei Theaterstücke für Tage des Gedenkens an Verbrechen der Nazi-Diktatur gegen die Menschlichkeit. Für Jugendtheater, Jugendarbeit und Schule. Donat, Bremen 2000, ISBN 978-3-931737-97-9.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Joachim Lietzke, zitiert von Thomas Frankenfeld, «Hier ist etwas Diabolisches geschen», Hamburger Abendblatt, 22. April 2013, Seite 11
  2. Erklärung Burschenschaft Arminia zu Kurt Heißmeyer