Läuferknie

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche
Klassifikation nach ICD-10
M76.3 Tractus-iliotibialis-Scheuersyndrom (Iliotibial band syndrome)
ICD-10 online (WHO-Version 2013)
Oberschenkelmuskulatur und Knie

Das Läuferknie oder Ilio-tibiales Bandsyndrom (ITBS) oder Tractussyndrom ist ein weitverbreitetes Schmerzsyndrom, das durch Überbeanspruchung des Bewegungsapparates vor allem bei Läufern auftritt.[1]

Anatomie[Bearbeiten]

Der Tractus iliotibialis ist ein Faszienstreifen, das heißt eine breit ausgedehnte sehnenartige Hülle auf den Muskeln, die an der Außenseite des Oberschenkels die Muskulatur stützt und vom Darmbeinkamm nach unten zieht und am Schienbeinkopf verankert ist.

Lange Zeit nahm man an, dass die Schmerzen auftreten, wenn der Tractus iliotibialis an der Gelenksvorwölbung des Oberschenkels (Epicondylus) – ähnlich einem Seil an einer Felskante – reibt. Neue Untersuchungen legen nahe, dass der Tractus iliotibialis nicht über Epicondylus reibt, sondern stattdessen auf diesen drückt. Einige Wissenschaftler empfehlen aus diesem Grunde, nicht von „friction“ und vielmehr von „compression“ zu reden.[2] Vor allem bei Langstreckenläufern kann dies zu Überlastungen und Reizzuständen der Knochenhaut und des Schleimbeutels führen. Das Schmerzsyndrom selbst ist vielen Langstreckenläufern und Radfahrern bekannt. ITBS ist die häufigste Ursache für Schmerzen im Bereich der Außenseite des Kniegelenkes.[3]

Während im deutschen Sprachraum das Läuferknie identisch mit dem Ilio-tibialen Bandsyndrom benannt wird, wird im anglo-amerikanischen Sprachraum zwischen dem Runner’s Knee (Chondromalacia patellae) und dem Iliotibial Band Syndrome unterschieden.

Ursachen[Bearbeiten]

Letztliche Ursache für das Schmerzsyndrom ist eine dauerhafte Belastung des Bewegungsapparates, wie sie bei Langstreckenläufen oder Radfahren[4] üblich ist. Begünstigt wird sie durch Beinachsenabweichungen (O- oder X-Beine) sowie Fußfehlstellung, wie sie langfristig z. B. nach Sprunggelenksdistorionen (=Umknicken) auftreten können. Des Weiteren kann eine Schwäche der Beckenstabilisatoren das Auftreten von ITBS fördern. Dabei sinkt die nicht belastete Hüfte ab und es entsteht ein übermäßiger Zug am Tractus. Eine Über-Supination des Fußes beim Laufen, unterschiedliche Beinlängen und eine verkürzte unflexible Muskulatur, insbesondere an der Außenseite des Oberschenkels, sind weitere anatomische Faktoren, die ein Läuferknie begünstigen können. Zu häufige Trainingseinheiten auf nach außen abschüssigen Straßen,[5] ein zu schneller Trainingsaufbau und zu viele schnelle Trainingseinheiten sind dagegen methodische Ursachen eines Läuferknies.[6]

Symptome[Bearbeiten]

Die stechenden Schmerzen beim Läuferknie können so stark werden, dass sie das Laufen unmöglich machen und selbst das normale Gehen stark behindert ist. Häufig beobachtet man die Schmerzen zunächst nur bei längerem Laufen, dann beim Treppen steigen und danach auch beim Gehen. Die Schmerzen, die sowohl von Muskeln, Sehnen, Kapsel als auch Gelenkknorpel ausgehen können, werden meist stechend am Kniegelenk oder an der Außenseite des Knies angegeben. Außerdem kann eine Blockade des Schienbeinkopfes, an dem der Tractus iliotibialis ansetzt, Ursache sein. Dies geschieht z. B. bei "in ein Loch treten" oder einem Sturz.

Diagnose[Bearbeiten]

Das Krankheitsbild kann von einem Arzt relativ einfach, auch ohne bildgebende Verfahren wie Röntgen oder Kernspintomografie[7] diagnostiziert werden. Dabei ist der Bereich, in dem der Tractus iliotibialis. über den Oberschenkelknochen gleitet, schmerzhaft zu ertasten.

In weniger eindeutigen Fällen ist ITBS von Kniegelenksschäden mit ähnlicher Symptomatik abzugrenzen. Neben anderen Sehnenentzündungen können in diesem Bereich beispielsweise auch Meniskusschäden und Arthrosen ähnliche Beschwerden am äußeren Kniegelenk hervorrufen.

Therapien[Bearbeiten]

Bei dem akuten Auftreten von Schmerzen ist die Kryotherapie („Eisbeutel“), entzündungshemmende Salben oder Pflaster und eine Trainingspause sehr hilfreich. Dehnungsübungen für den Tractus und Kräftigungsübungen der Beckenstabilisatoren sowie der Bauch- und Rückenmuskulatur wirken vorbeugend. Gute Laufschuhe, Aufwärmen und Dehnungsübungen vor einer längeren Belastung können das Auftreten des Schmerzsyndromes ebenfalls verhindern. Zusätzlich ist es ratsam physiotherapeutisch durch myofasziale Techniken und Lockerung der Muskulatur ein erneutes Auftreten zu verhindern. Nach sechs bis acht Wochen ist die Verletzung meist verheilt.

Bei zu früh oder zu stark einsetzender Wiederbelastung des Knies kann es zu einem so genannten „Verletzungskreislauf“ (injury cycle) kommen.[8] Bei Beinachsenabweichungen sind angepasste Einlagen sehr hilfreich.

Ist die Behandlung erfolglos, wird häufig eine entzündungshemmende Injektion verabreicht.

Chirurgie[Bearbeiten]

Als letzte Maßnahme, wenn alle oben aufgeführten Therapiemaßnahmen versagt haben, bleibt noch die Möglichkeit eines operativen Eingriffes.[9] Dabei wird der Tractus durch einen Z-förmigen Einschnitt verlängert und damit entlastet.[10] Neuere OP-Verfahren verzichten mittlerweile auf solch einen Einschnitt. Stattdessen setzen aktuelle arthroskopische Verfahren auf die Entfernung des entzündeten Gewebes zwischen IT-Band und Epicondylus.[11]

Siehe auch[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

  • M. Fredericson, C. Wolf: Iliotibial band syndrome in runners: innovations in treatment. In: Sports Med. 35/2005, S. 451–459, PMID 15896092.
  • R. H. Miller u. a.: Lower extremity mechanics of iliotibial band syndrome during an exhaustive run. In: Gait Posture. 26/2007, S. 407–413, PMID 17134904.
  • J. M. Stirling u. a.: Iliotibial Band Syndrome.
  • R. Ellis u. a.: Iliotibial band friction syndrome – a systematic review. In: Man Ther. 12/2007, S. 200–208, PMID 17208506.
  • J. Fairclough u. a.: The functional anatomy of the iliotibial band during flexion and extension of the knee: implications for understanding iliotibial band syndrome. In: J Anat. 208/2006, S. 309–316, PMID 16533314.
  • V. Akuthota u. a.: Iliotibial band syndrome. In: W. R. Frontera, J. K. Silver (Hrsg.): Essentials of Physical Medicine and Rehabilitation. Verlag Hanley & Belfus, Philadelphia PA 2002, S. 328–333.
  • S. P. Messier u. a.: Etiology of iliotibial band friction syndrome in distance runners. In: Med Sci Sports Exerc. 27/1995, S. 951–960. PMID 7564981
  • P. Gunter, M. P. Schwellnus: Local corticosteroid injection in iliotibial band friction syndrome in runners: a randomised controlled trial. In: Br J Sports Med., 38/2004, S. 269–272, PMID 15155424.
  • J. W. Orchard u. a.: Biomechanics of iliotibial band friction syndrome in runners. In: Am J Sports Med. 24/1996, S. 375–379, PMID 8734891.

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. G. Lindenberg u. a.: Iliotibial band friction syndrome in runners. In: Phys Sports Med. 12/1984, S. 118–130.
  2. PMID 23954385
  3. Läuferknie / Ilio-tibiales Bandsyndrom (ITBS) bei sportordination.de
  4. J. C. Holmes u. a.: Iliotibial band syndrome in cyclists. In: Am J Sports Med. 21/1993, S. 419–424, PMID 8166785.
  5. U. Wegner: Sportverletzungen: Symptome, Ursachen, Therapie. Schlütersche, 2002, ISBN 3-87706-632-1, S. 108, eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche
  6. P. van den Boasch: Mein Marathontraining: Vom Einsteiger zum Finisher. Meyer & Meyer Verlag, 2007, ISBN 978-3-89899-278-7, S. 163. eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche
  7. E. F. Ekman u. a.: Magnetic Resonance Imaging of Iliotibial Band Syndrome. In: Am J Sports Med. 22/1994, S. 851–854.
  8. Verletzungskreislauf
  9. M. Martens u. a.: Surgical treatment of the iliotibial band friction syndrome. In: Am J Sports Med. 17/1989, S. 651–654, PMID 2610280.
  10. D. P. Richards u. a.: Iliotibial band Z-lengthening. In: Arthroscopy. 19/2003, S. 326–329, PMID 12627161.
  11. PMID 24843846
Gesundheitshinweis Dieser Artikel behandelt ein Gesundheitsthema. Er dient nicht der Selbstdiagnose und ersetzt keine Arztdiagnose. Bitte hierzu diese Hinweise zu Gesundheitsthemen beachten!