Léonard Defrance

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Selbstporträt an der Staffelei, 1791 (Grand Curtius, Lüttich)
Besuch in der Tabakmanufaktur, 1787/88 (Musée des Beaux-Arts, Lüttich)
Besuch in der Druckerei, ca. 1782 (Musée des Beaux-Arts, Grenoble)

Léonard Defrance (* 5. November 1735 in Lüttich; † 22. Februar 1805 ebenda) war ein wallonischer Maler, der nach Aufenthalten in Rom und im Languedoc in der Hauptstadt des Fürstbistums Lüttich (französisch Liège, heute Teil Belgiens) wirkte. Der „Maler-Aufklärer[1] zeichnete sich namentlich in der neuen Kunstgattung der Industriemalerei aus. Zur Zeit der Französischen Revolution beteiligte er sich in vorderster Linie am Kampf gegen die Herrschaft der Geistlichkeit.

Lebensstationen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Er war das zweite von elf Kindern des Gastwirts Jean-Charles Defrance (1699–1770) und der Marie-Agnès Clermont. Der Vater, Sohn eines ehemaligen Abbés, hatte Deutschland, Italien und Frankreich durchwandert und verschiedene Berufe ausgeübt. Mit zehn Jahren begann Defrance eine Lehre beim Kirchen- und Historienmaler Jean-Baptiste Coclers (1696–1772) in Lüttich, der sich und seinen Schülern beim Malen Bücher vorlesen ließ.

Eigentlich hätte der junge Mann lieber Literatur studiert, doch fehlte ihm dazu das nötige Schulwissen. So ging er 1754 zur weiteren Ausbildung nach Rom, wo Lütticher fünf Jahre in einem Studentenheim wohnen konnten. Direktor Charles-Joseph Natoire (1700–1777) erlaubte ihm, in der Académie de France à Rome nach dem lebenden Modell und nach Antiken zu zeichnen. Einige Zeit war Defrance Schüler des Genre-, Historien- und Porträtmalers Laurent Pécheux (1729–1821) aus Lyon. 1758 erhielt er für eine Aktstudie den zweiten Preis der Accademia di San Luca. In Rom malte er auch das erste von zahlreichen Selbstporträts. In seinen um 1800 entstandenen Memoiren bezeichnet er die Verwicklung in ein Verfahren der römischen Inquisition als erste Veranlassung dafür, dass er sich vom Glauben an Gott abwandte.

Mit seinem Landsmann Robert de Limbourg (1731–1792), einem Arzt, reiste er von Rom nach Neapel und 1760 nach Montpellier. Dort erteilte er den Offizieren der Garnison Zeichenunterricht und lebte nach eigenen Angaben heimlich mit einer entlaufenen Gefangenen zusammen, bis diese einen wohlhabenderen Verehrer fand.[2] 1761 folgte Defrance einer Einladung des örtlichen Bischofs nach Castres. Als er sich 1761–1763 in Toulouse aufhielt, wurde er Augenzeuge des von Voltaire (1694–1778) angeprangerten Justizmords am Protestanten Jean Calas (1698–1762). In der Hauptstadt des Languedoc entstand unter anderem das Porträt des Astronomen Antoine Darquier (1718–1802).

Dann kehrte Defrance nach Lüttich zurück, wo gerade ein Regierungswechsel stattgefunden hatte. Eigentlich wollte er sich nach dem Wiedersehen mit der Familie in Paris niederlassen, doch hielt ihn die Liebe zu seiner Cousine Marie-Jeanne Joassin in der Heimatstadt zurück. Die beiden heirateten 1765. Aus der Ehe gingen die Töchter Marie-Agnès (* 1766) und Elisabeth-Ursule (* 1772) hervor.

Im Gegensatz zu Fürstbischof Charles Nicolas d’Oultremont (Regierungszeit 1763–1771) war dessen aufgeklärter Nachfolger Franz Karl von Velbrück (Regierungszeit 1772–1784) dem Künstler gewogen. 1773 unternahm dieser mit dem Landschaftsmaler Nicolas-Henri de Fassin (1728–1811) eine Reise nach Amsterdam. Anschließend sattelte er von der Porträt- und Dekorationsmalerei für einheimische Kunden auf die einträglichere Produktion von Interieur- und Genreszenen für den französischen Markt um. Auch erreichten Fassin und er, dass Velbrück eine Kunstakademie gründete (die heutige Académie Royale des Beaux-Arts de Liège). Defrance stand dieser 1778–1784 als Direktor vor. Daneben unterrichtete er am ehemaligen Jesuitenkollegium Académie anglaise in Lüttich.

Werk[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Seiltänzerin, ca. 1785 (Metropolitan Museum, New York)
Inneres einer Gießerei, 1789 (Walker Art Gallery, Liverpool)

In seiner zweiten Schaffensphase malte der Gastwirtssohn Wirtshaus- und Straßenszenen. Von Rom her mit Jean-Honoré Fragonard (1732–1806) befreundet, versuchte er sich auch auf dem Gebiet der erotischen Kunst.

Vor allem aber gehört er neben dem Franzosen Louis Jean-Jacques Durameau (1733–1796), dem Engländer Joseph Wright of Derby (1734–1797) und dem Schweden Pehr Hilleström (1732–1816) zu den frühen Vertretern der Industriemalerei. Der Kohlengürtel Haine-Sambre-Maas war auf dem Weg, das zweitwichtigste Industriegebiet der Welt zu werden. Als Sujets wählte Defrance eine Kohlegrube, Gießereien, Schmieden aller Art, Hammerwerke und eine Waffenfabrik, aber auch einen Marmorbruch, eine Gerberei, eine Tabakmanufaktur und eine Druckerei (unter Velbrück überschwemmte Lüttich die katholischen Staaten mit verbotenen Büchern). Dabei konfrontierte er die Arbeitenden – zum Teil auch Kinder – mit Besuchern und Besucherinnen aus der Unternehmerschicht, welche die neueste Mode zur Schau tragen.

Der ästhetische Aspekt der Proto-Industrialisierung faszinierte den Maler. In der zweiten Fassung seiner Memoiren schreibt er: „Welcher Unterschied (…) zwischen dem Licht der Esse eines Hufschmieds oder Schlossers und dem des Hochofens, in dem man Erz oder Luppe schmilzt, um Eisen zu Barren zu gießen! Ist Ersteres gelblich und spielt ins Rote, so ist Letzteres milchweiß. Es macht das Inkarnat der Männer, die es beleuchtet, fahl wie das eines entkräfteten Kranken. Welche Fülle schöner Effekte, welche Harmonie, welche Weichheit, welcher Feuerdampf entspringen nicht diesen blendendweißen Lichtquellen!“[3]

Defrance setzte sich aber auch für die Gesundheit der Arbeiter ein: Mit einer Schrift über die Farbenreiber und ihre Krankheiten[4] gewann er 1789 einen Preis der Académie des sciences in Paris.

Politik[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Auf Betreiben von Defrance zerstörte Lambertuskathedrale in Lüttich (Jean Deneumoulin, 1802)

Zu seinen Werken zählen Allegorien auf die Erfüllung von Postulaten der Aufklärung: auf die Aufhebung der Leibeigenschaft auf den königlichen Domänen durch Ludwig XVI. von Frankreich (1779), auf das Toleranzpatent Kaiser Josephs II. (1781) und auf die Säkularisation der Klöster in den Österreichischen Niederlanden (1782).

Nach Velbrücks Tod schloss sich Defrance der Opposition gegen den reaktionären Fürstbischof Cäsar Constantin Franz von Hoensbroech (Regierungszeit 1784–1792) an, von dem er als Akademiedirektor abgesetzt wurde. Er gilt als Autor des 1786 erschienenen Pamphlets Cris générale (sic) du peuple liégeois (Allgemeiner Schrei des Lütticher Volkes).

1789 beteiligte er sich an der Lütticher Revolution. Nach der Wiederherstellung des Fürstbistums durch kaiserliche Truppen (1791 und 1793) ging Defrance nach Givet bzw. Charleville ins Exil. Während der Besetzung Lüttichs durch die Franzosen (1792/93) betrieb er den Abbruch der gotischen Lambertuskathedrale als eines Symbols der verhassten Herrschaft der Geistlichkeit. Dieses Vorhaben wurde nach der definitiven Besetzung der Stadt (1794) und während deren Zugehörigkeit zu Frankreich (1795–1814) in die Tat umgesetzt. (Die mit Bleiplatten gedeckten Dächer lieferten das Material für die Herstellung von Gewehrkugeln.)

1797 zog sich Defrance aus dem politischen Leben zurück. Er unterrichtete Zeichenkunst an der Ecole centrale des neugeschaffenen Departements Ourthe, bis diese 1804 geschlossen wurde.

Galerie[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Schriften[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Cris générale (sic) du peuple liégeois. Vox populi, vox Dei. (Urbain, Herve) 1786.
  • Les broyeurs de couleurs, leur métier et leurs maladies. Mémoire sur la question proposée par l’Académie Royale des Sciences de Paris (…) Hrsg. v. Philippe Tomsin. Éditions du Céfal, Liège 2005, ISBN 2-87130-199-9.
  • Autobiographie d’un peintre liégeois. (Erste Fassung.) Hrsg. v. Théodore Gobert. Cormaux, Liège 1906.
  • Léonard Defrance: Mémoires. Edition annotée. (Zweite Fassung.) Hrsg. v. Françoise Dehousse, Maurice Pauchen. Eugène Wahle, Liège 1980, ISBN 2-87011-066-9, S. 155–160 (Bibliografie).

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Françoise Dehousse, Maïté Pacco, Maurice Pauchen: Léonard Defrance. L’œuvre peint. Editions du Perron et Eugène Wahle, Liège 1985, ISBN 2-87011-099-5.
  • Daniel Droixhe: Une histoire des Lumières au pays de Liège. Livre, idées, société. Les Éditions de l’Université de Liège, Liège 2007, ISBN 9-782874-560361, S. 148–150.

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Daniel Droixhe: Une histoire des Lumières au pays de Liège. (…) Liège 2007, S. 148.
  2. Léonard Defrance: Mémoires. Hrsg. v. Françoise Dehousse, Maurice Pauchen. Liège 1980, S. 46–51.
  3. Léonard Defrance: Mémoires. Hrsg. v. Françoise Dehousse, Maurice Pauchen. Liège 1980, S. 96.
  4. Les broyeurs de couleurs, leur métier et leurs maladies. Mémoire sur la question proposée par l’Académie Royale des Sciences de Paris (…) Hrsg. v. Philippe Tomsin. Liège 2005.