L’Anse aux Meadows

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Historische Nationalstätte L’Anse aux Meadows
UNESCO-Welterbe UNESCO-Welterbe-Emblem

Authentic Viking recreation.jpg
Rekonstruktion der Wikingersiedlung
Vertragsstaat(en): Kanada Kanada
Typ: Kultur
Kriterien: (vi)
Fläche: 7.991 ha
Referenz-Nr.: 4bis
UNESCO-Region: Europa und Nordamerika
Geschichte der Einschreibung
Einschreibung: 1978  (Sitzung 2)
Erweiterung: 2017
Lage der Siedlung auf Neufundland

L’Anse aux Meadows ist eine archäologische Fundstätte an der Nordspitze der kanadischen Insel Neufundland: die einzige sicher nachgewiesene isländisch-grönländische Siedlung in Nordamerika. Sie bestand nur kurze Zeit ab 1021.[1]

Ihre Entdeckung durch das norwegische Archäologenpaar Helge und Anne-Stine Ingstad 1961 bewies, dass die isländischen Vinland-Sagas um Leif Eriksson auf historische Tatsachen zurückgehen.

Der Ortsname ist eine französisch-englische Mischform, wie sie häufig im östlichen Kanada vorkommt und bedeutet so viel wie „Die Bucht bei den Wiesen“ (französisch anse ‚Bucht‘, englisch meadow ‚Wiese‘). Der Name könnte aber auch eine Verformung des französischen L’Anse-aux-Méduses sein („Quallen-Bucht“).

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Menschen lebten spätestens seit 4000 v. Chr. in der Gegend um L’Anse aux Meadows. Man unterscheidet fünf bis sechs Gruppen, unter ihnen Angehörige der Inuit-Kultur, die oft als Dorset-Eskimos bezeichnet werden. Sie lebten zumindest im 8. Jahrhundert n. Chr. am Südende der Bucht, doch gibt es keine Hinweise darauf, dass sie bei der Ankunft der Europäer noch dort lebten.

Skandinavier, möglicherweise die Gruppe um Leif Eriksson, legten die Siedlung nach 1000 an. Bei jener Küstenregion könnte es sich um die in isländischen Sagas genannten Gegenden Markland oder Vinland gehandelt haben. Neuere Forschungen lokalisieren Markland eher auf der Labrador-Halbinsel. Vinland dürfte auf Neufundland gelegen haben. Um 1000 wuchsen dort noch wilde Trauben. Da seit einer deutlichen Klimaveränderung im 12. und 13. Jahrhundert auf Neufundland kein Wein mehr wächst, wurde Vinland lange südlicher vermutet.

Die skandinavische Siedlung war wahrscheinlich nur wenige Jahre bewohnt. Darauf deuten die Isländersagas hin, die von Kämpfen mit Eingeborenen berichten. Ob es sich bei den Skrælingern um Indianer oder Inuit handelte, ist ungewiss. Die archäologischen Befunde sprechen für eine nur kurze Siedlungsperiode: In der Schmiede wurde nur wenig Schlacke gefunden. Dort schmiedete man maximal einige Kilogramm Eisen. Dass man bei Ausgrabungen kaum Wertgegenstände und keine Waffen fand, spricht für einen geordneten Rückzug der Siedler und die Aufgabe des kleinen Ortes.

Aus europäischer Perspektive ist die Siedlung, die die einzige bisher entdeckte ihrer Art in Nordamerika darstellt, von größter Bedeutung: Sie beweist die lange strittige These, wonach die Entdeckung Amerikas durch europäische Seefahrer schon 500 Jahre vor Christoph Kolumbus stattfand. Jedoch blieben die skandinavischen Expeditionen im Unterschied zu den Fahrten des Kolumbus welthistorisch folgenlos.

Ausgrabungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Eingang eines rekonstruierten Grassodenhauses

Die Siedlung an der Epaves Bay wurde ab 1961 von Helge und Anne-Stine Ingstad ausgegraben. Sie bestand aus elf Häusern und einer Schmiede, in der Raseneisen verarbeitet wurde, das Indianer nicht kannten. Der Baustil der Häuser entsprach dem der zeitgenössischen Isländer und Grönländer, dem Grassodenhaus. In den Häusern fanden sich wenige Artefakte, darunter eine bronzene Nadel und ein Spinnwirtel. Eine beinerne Nadel war möglicherweise eine Art Stricknadel. Auch ein Wetzstein zum Schärfen von Scheren und Klingen wurde entdeckt.[2]

Von 1973 bis 1976 setzte Parks Canada die Grabung fort. Schwerpunkt war das Torfmoor unterhalb der Siedlungsterrasse. Dort fand man in drei Schichten rund 2000 hölzerne Artefakte. In einer Schicht, die den Skandinaviern zugewiesen wurde, fanden sich Bearbeitungsabfälle, vermutlich von Schiffbauten, dazu eine Bodenbohle. Um die archäologischen Spuren nicht zu zerstören und künftiger Forschung offenzuhalten, wurde die Stätte wieder mit Sand und Torf abgedeckt.

Eine 2021 veröffentlichte Arbeit stellte fest, dass in L’Anse aux Meadows im Jahr 1021 Bäume durch die Skandinavier gefällt worden waren. Dies wurde durch die Kombination der C-14-Methode mit dendrochronologischen Auswertungen und der Berücksichtigung von Schwankungen der kosmischen Strahlung in den Jahren zuvor erreicht. Konkret konnte der Sonnensturm des Jahres 993 lokalisiert werden, und von dem entsprechenden Jahresring aus schlossen sich bis zur Borke der Föhren noch genau 28 weitere Jahresringe an.[1][3]

Seit dem 28. November 1968 gehört L’Anse aux Meadows zu den National Historic Sites of Canada[4], und 1978 erklärte die UNESCO die Siedlung zum Weltkulturerbe. Vorbedingung dafür war der Erhalt der archäologischen Stätte und der dort gemachten Funde in situ, also am Ort selbst. Zwei Häuser wurden nachgebaut und sind heute eine Touristenattraktion. Ein Besucherzentrum (Visitor Information Centre) bietet eine Einführung in die Geschichte der Stätte.

Eintragung als Weltkulturerbe[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Aufgrund eines Beschlusses der zweiten Sitzung des Welterbekomitees im Jahr 1978 wurde der „Historische Nationalpark L’Anse aux Meadows“ (englisch L’Anse aux Meadows National Historic Park) zusammen mit dem Nationalpark Nahanni als erste Welterbestätte Kanadas in die Liste des UNESCO-Welterbes eingetragen.[5] Die Welterbestätte umfasste ursprünglich eine Land- und Seefläche von insgesamt 8.055,67 Hektar, die 2017 durch eine geringfügige Änderung der Grenzen auf 7.991 Hektar reduziert wurde. Im Jahr 2000 erfolgte die Umbenennung nach „Historische Nationalstätte L’Anse aux Meadows“ (englisch L’Anse aux Meadows National Historic Site).[6][7]

In der Begründung für die Eintragung heißt es unter anderem:[6]

Die Überreste entsprechen den Erzählungen in den Vinland-Sagas, die die Reisen von Leif Erikson und anderen nordischen Entdeckern dokumentieren, die sich von Island und Grönland aus über den Atlantischen Ozean nach Westen wagten, um neue Gebiete zu finden und zu erforschen – eine bedeutende Errungenschaft in der Geschichte der menschlichen Migration und Entdeckungen.

Die Eintragung erfolgte aufgrund des Kriteriums (vi).[6]

(vi): L’Anse aux Meadows ist der erste und einzige bekannte Ort, der von Wikingern in Nordamerika gegründet wurde, und der früheste Beweis für eine europäische Besiedlung in der Neuen Welt. Als solcher ist er ein einzigartiger Meilenstein in der Geschichte der menschlichen Migration und Entdeckungen.

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Helge Ingstad, Anne-Stine Ingstad: The Viking Discovery of America: The Excavation of a Norse Settlement in L’Anse Aux Meadows. Newfoundland 2001.
  • Paul M. Ledger, Linus Girdland-Flink und Véronique Forbes: New horizons at L’Anse aux Meadows. In: PNAS. Online-Vorabveröffentlichung vom 15. Juli 2019, doi:10.1073/pnas.1907986116
  • Farley Mowat: The Farfarers – before the Norse. Toronto 1998.
  • Birgitta Wallace: L’Anse Aux Meadows, Leif Eriksson’s Home in Vinland. In: Journal of the North Atlantic. 2 (sp2), 2009, S. 114–125, Volltext

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Commons: L'Anse aux Meadows – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Anmerkungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. a b Kuitems, M., Wallace, B.L., Lindsay, C. et al: Evidence for European presence in the Americas in ad 1021. In: Nature. 20. Oktober 2021 (nature.com).
  2. Discover. In: L'Anse aux Meadows National Historic Site. Parks Canada, 30. März 2017, abgerufen am 5. August 2020 (englisch): „A small whetstone, used to sharpen needles and small scissors, was found near the spindle whorl.“
  3. Hans-Arthur Marsiske: Präsenz von Wikingern in Amerika aufs Jahr genau datiert. In: Heise Online. 20. Oktober 2021, abgerufen am 20. Oktober 2021.
  4. L'Anse aux Meadows National Historic Site of Canada. In: Canada's Historic Places. Parks Canada, 17. Januar 2006, abgerufen am 5. August 2020 (englisch): „Formally Recognized: 1968/11/28“
  5. Decision - 2 COM VIII.38. UNESCO World Heritage Centre, 1978, abgerufen am 4. Juni 2022 (englisch).
  6. a b c Eintrag auf der Website des Welterbezentrums der UNESCO (englisch und französisch).
  7. L’Anse aux Meadows, National Historic Site. Canada. No 4 Bis. (PDF; 115 KB) ICOMOS, 2017, abgerufen am 4. Juni 2022 (englisch).


Koordinaten: 51° 35′ 42″ N, 55° 31′ 49″ W