Die Atempause (Primo Levi)
Die Atempause (italienischer Originaltitel La tregua) ist ein Werk von Primo Levi, das seine Erlebnisse auf der Rückreise nach Italien nach seiner Gefangenschaft im Konzentrationslager Auschwitz schildert. Die autobiographische Erzählung wurde 1963 bei Einaudi veröffentlicht und im selben Jahr mit dem Premio Campiello ausgezeichnet.

Nach dem 27. Januar 1945, dem Tag der Befreiung, begann für die Überlebenden die abenteuerliche Heimreise von Auschwitz nach Turin: eine neunmonatige Odyssee zurück ins Leben.
Die Atempause kann als Fortsetzung von Ist das ein Mensch? (Se questo è un uomo; 1947) gesehen werden, in dem Levi das Leben im Lager bis zur Befreiung durch die Rote Armee schildert. Zusammen mit dem späteren Werk I sommersi e i salvati (Die Untergegangenen und die Geretteten) vervollständigt es die Trilogie, in der Levi über die Schrecken der Nazi-Haft berichtet. In diesem zweiten Buch bleibt die Auseinandersetzung mit dem „Lagerjargon“[1], der brutalen und verzerrten Sprache von Kapos und SS, über deren Ursachen auch Eugen Kogon[2] sich in seinem Buch Der SS-Staat äußert, auf das zweite Kapitel (Das Große Lager) beschränkt.
Handlung
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Die Erzählung ist in siebzehn Kapitel eingeteilt: Tauwetter, Das Große Lager, Der Grieche, Kattowitz, Ceasare, Victory Day, Die Träumer, Nach Süden, Nach Norden, Ein Kuritsachen, Alte Straßen, Wald und Weg, Ferien, Theater, Von Staryje Doroghie nach Jasy, Von Jasy an die Demarkationslinie, Das Erwachen.
Kapitel I–III
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Der Augenzeugenbericht des Autors beginnt mit der Schilderung von Schicksalen der Gefangenen des Konzentrationslagers in den zehn Tagen zwischen dem Abzug der SS und der Etablierung erster Hilfsmaßnahmen durch die Rote Armee und polnische Helfer.[3] Während die SS die „gesunden“ Häftlinge in die KZ Mauthausen und KZ Buchenwald „evakuiert“, bleiben achthundert kranke Häftlinge im Lager zurück. Als der Bericht beginnt, sind noch zirka 300 Häftlinge übrig, zwei Drittel davon so schwer krank, dass sie noch nach dem Eintreffen der Sowjetarmee versterben.
Zu den geschilderten Schicksalen gehören auch die einiger Kinder. Das des etwa drei Jahre alte Hurbinek, der vielleicht in Auschwitz geboren wurde und dessen Namen niemand kennt; der unfähig ist zu sprechen und zu laufen und noch Anfang März, nach der Befreiung des Lagers, stirbt. Henek-König, der 14-jährige ungarische Jude, der trotz allem versuchte, Hurbinek zu helfen. Er selbst überlebte im Lager als Kapo des Kinderblocks. „Der kleine Kiepura“, der als Zwölfjähriger der Bursche und Schützling des Lagerkapos wurde, schließlich die zynische Sprache der Kapos verinnerlichte und davon träumte, selbst Kapo zu werden.
Der Februar wird für den Autor, nach dem Umzug von Auschwitz Monowitz ins neue Lazarett des Großen Lagers, zum Beginn der Abreise aus Auschwitz. Levi entkommt, langsam vom Scharlach genesend, der neuen Hierarchie der alten Kapos im nun durch die Russen verwalteten Lager. Mit zehn Kameraden erreicht er auf einem Militärfahrzeug die Bahnlinien nach Kattowitz und Krakau. Er und seine Kameraden nehmen den Zug nach Krakau. Mit Mordo Nahum, einem sprachgewandten Juden aus Saloniki, entdeckt Levi das turbulente Leben in Krakau, wo sich bereits ein großer Schwarzmarkt etabliert hat. Von Krakau aus brechen sie in Richtung Kattowitz auf und kommen nach drei Tagen dort an. Nach Aufenthalten in Trzebinia und an einem Rot-Kreuz-Versorgungspunkt in Szczakowa erreichen sie schließlich ein Sammellager in Bogucice.
Kapitel IV–VI
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]In Bogucice findet der vielsprachige Levi Arbeit als Assistent der Krankenschwester Marja Fjodorova Prima, die die Apotheke des Lagers betreut. Der italienische Arzt Leonardo setzt ihn außerdem in der Ambulanz ein. Levi erhält einen Ausweis, der ihm mehr Freiheiten verschafft. Bei der Erstellung des Patientenregisters der Ambulanz lernt er Galina, die Sekretärin der Kommandantur, kennen. Sie war in ihrer Heimat im Kaukasus auf der Straße angesprochen und zur Kommandantur mitgenommen worden. Sie folgte den Soldaten von der Krim bis nach Finnland. In Bogucice trifft Levi Cesare wieder, einen Italiener aus dem Lager Auschwitz, mit dem er sich anfreundet.
Als die beiden zum ersten Mal in die Stadt Kattowitz gehen, sehen sie entsetzt „die Spuren der ungeheuerlichen Tragödie, die uns gestreift und wunderbarerweise verschont hatte: Gräber an jeder Wegkreuzung, stumme, hastig geschaufelte Gräber ohne Kreuz, unter dem Zeichen des roten Sterns, Gräber von sowjetischen Soldaten, die im Kampf gefallen waren. Ein endloser Soldatenfriedhof in einem Park der Stadt, Kreuze und Sterne durcheinander.“ Aber die Stadt lebt auf, die Kohlengruben arbeiten, es gibt einen Markt, Kinos und Cafés öffnen. Cesare erweist sich als ähnlich geschickter Händler wie Mordo Nahum, auch wenn seine Mentalität eine andere ist. „Der Grieche: ein einsamer Wolf, im ewigen Krieg gegen alle, vor der Zeit gealtert, eingeschlossen in der Beschränkung seines jämmerlichen Ehrgeizes; Cesare: ein Kind der Sonne, mit aller Welt gut Freund, keinen Hass und keine Verachtung kennend, wechselhaft wie der Himmel, vergnügt, schlau und naiv, mutig und vorsichtig, sehr unwissend, sehr unschuldig und sehr zivilisiert.“ Er ist ein geschickter Marktschreier, macht Geschäfte auch mit demobilisierten Soldaten und anderen Heimkehrern. Bald hat Cesare in der Stadt ein Mädchen, andere finden Anschluss in Familien, arbeiten in den Kohlengruben oder hinterm Ladentisch.
Ende April steht in der Zeitung, dass Berlin gefallen ist. Es fegt ein Orkan der Begeisterung durch das Lager, die Kommandantur, durch Bogucice, Kattowitz, und durch ganz Polen. Der Fall Berlins und die Befreiung von den Nazis werden am achten Mai im Lager mit einer improvisierten Theaterveranstaltung gefeiert. Es gibt auch ein Fußballspiel zwischen Italienern und Polen. Levi erkrankt allerdings nach dem Heimweg im Regen an einer Pleuritis.
Kapitel VII–X
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Levis Freunde, der Arzt Leonardo und Cesare, versuchen ohne Erfolg Sulfonamide aufzutreiben. Sie finden allerdings in Dr. Gottlieb einen Arzt, der Auschwitz überlebte und es schaffte, „in wenigen Monaten ein wohlhabender Mann und der am meisten geschätzte Arzt von Kattowitz zu werden.“ Er kuriert Levi in drei Tagen. Die drei Wochen bis zur vollständigen Erholung verbringt Levi in einem Raum mit zwanzig Personen, die aus ihrem Leben erzählen: Der Maurer Avesi, der unentwegt flucht und schon überall in der Welt gearbeitet hat, Ferrari, der wie auch Cesare eine Diebesschule absolviert hat, Trovati, genannt Der Untergang, ein ehemaliger Friseur und Schauspieler aus Mailand, der inzwischen Theater und Wirklichkeit nicht mehr unterscheiden kann. Herr Unverdorben, Überlebender des KZ Birkenau, ein Komponist und Dirigent, der auch schon als Schiffskoch auf Überseelinien unterwegs war. Er ist ein ausdauernder und bereitwilliger Gesellschafter für den noch schwachen Levi. Da ist auch D’Agata, ein kleinwüchsiger, pedantischer Maurer mit panischer Angst vor Wanzen, die er energisch bekämpft.
Während Levis Rekonvaleszenz macht die Nachricht einer bevorstehenden Repatriierung der Italiener im Lager Bogucice die Runde, die mit einer Fahrt nach Odessa beginnen soll. Die Italiener strömen in die Stadt, um vor der Reise die letzten Zloty gut anzulegen.
Levi und Cesare geraten in den Laden einer Händlerin, die sie auf ein Bier einlädt, als sie sich als italienische Juden vorstellen. Dort erzählt die Berlinerin ihre Geschichte. Ihren Mann hatte die Gestapo bereits 1935 verhaftet. 1938 hatte sie nach einer Rede Hitlers, in der er seine Kriegspläne offenlegte, einen Brief an ihn geschrieben. Sie hatte ihm vom Krieg abgeraten, da zu viele Menschen sterben müssten und ihm vorgerechnet, er werde den Krieg verlieren. Daraufhin wurde ihre Wohnung und ihr Laden von Nazi-Schlägern[4] verwüstet, sie musste vor der Gestapo aussagen, verlor die Lizenz für ihren Laden und wurde aus Berlin ausgewiesen. Daraufhin ging sie nach Schlesien, wo sie als Schwarzhändlerin lebte, bis die Deutschen den Krieg verloren hatten. Dann erhielt sie von den Polen ohne Probleme eine Lizenz für den Lebensmittelladen in Kattowitz.
Mitte Juni 1945 setzt sich der Zug mit den Lagerbewohnern unter Leitung des Dr. Gottlieb nach Odessa in Bewegung. Während der sechstägigen Fahrt gelingt es dem Doktor, an den Haltepunkten die Versorgung der Reisenden zu sichern. Der Zug mit dem vermeintlichen Ziel Odessa fährt jedoch über Rzeszów, Przemysl, Lemberg, Ternopol nach Proskurov, dessen Bahnhof zum Treffpunkt und Rastplatz zahlloser displaced persons als auch russischer Soldaten geworden ist. Die Reise geht weiter bis zum Eisenbahnbahnknotenpunkt Schmerynka, 350 km von Odessa entfernt, wo sich Gottlieb mitsamt Bruder und Schwager mit einem Militärtransport nach Odessa absetzt.
Levi beobachtet zahlreiche ukrainische Zwangsarbeiterinnen, die aus Deutschland zurückkehren. Odessa aber bleibt, wahrscheinlich wegen der Transporte alliierter Truppen, für ihn unerreichbar. Ihr Zug fährt weiter über die Beresina nach Sluzk. Unterwegs trifft er auf Mordo Nahum, der jetzt ein improvisiertes Bordell betreibt.
Nach zehn Tagen sollen die Italiener in das 70 km entfernte Sammellager in Staryje Doroghi marschieren. Am 20. Juli beginnt für Levi der Marsch entlang der zerstörten Autobahn Warschau-Moskau durch die Steppe. Unterwegs setzen sich Levi, Cesare und ihre engeren Kameraden von der Karawane ab. Abends organisieren sie im Dorf ein Huhn für ihr Abendessen, das sie bei den Dorfbewohnern gegen sechs Teller eintauschen.
Kapitel XI–XIV
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Am nächsten Morgen liegen noch dreißig Kilometer Fußmarsch, vorbei an den Prypjatsümpfen, vor ihnen. Ein Bauer fährt sie jedoch mit seinem Eselskarren nach Staryje Doroghi. Im Wald liegt das riesige Rote Haus, in dem die 1400 Reisenden und auch die russischen Soldaten, die das Lager bewachen, wohnen sollen. Die Russen machen bei Verpflegung und Unterkunft keinen Unterschied zwischen den Soldaten und ihren Gästen. Cesare beginnt einen Handel mit Waren, wie getrocknetem Fisch, den die Italiener für ungenießbar halten, der aber als Tauschobjekt im Dorf taugt. Das Rote Haus bleibt ihre Herberge vom 15. Juli bis zum 15. September 1945. Die Bauern der umliegenden Dörfer treiben einen regen Handel mit den Lagerinsassen. Zur Lagerroutine gehört die Nutzung eines öffentlichen Bades und regelmäßige Desinfektion. Als hunderte, in Deutschland beschlagnahmte, Pferde an Staryje Doroghi vorbeigetrieben werden, gelingt es, eines der erschöpften Tiere zu schlachten, eine willkommene Bereicherung des Speiseplans für die vom KZ Auschwitz Geschwächten.
Die Langeweile wird zunehmend zum Problem. Einige Bewohner des Roten Hauses verlassen das Lager, um auf eigene Faust nach Hause zu kommen. Aber alle kehren über kurz oder lang zurück, denn die Grenzen nach Westen sind geschlossen. Kontakte zwischen den Lagerinsassen und den Soldaten bleiben schwierig. Die Offiziere, die Fremdsprachen beherrschen, halten Distanz, die einfacheren Soldaten sprechen nur Russisch.
Für drei Tage unterbricht ein russisches Militärkino die Langeweile. Ein alter österreichischer, ein sowjetischer und ein amerikanischer Film werden gezeigt, auf die die Zuschauer emotional unterschiedlich reagieren. Danach führen die rumänischen Insassen eine Revue auf. Zehnmal wird ein Schauspiel mit dem Titel Der Schiffbruch der Willenlosen gezeigt, in dem die Italiener der Insel Staryje Doroghi und die „guten Russen“ des Lagers als Kannibalen die Protagonisten sind. Die Aufführungen enden nicht mit der befürchteten Reise der Schauspieler nach Sibirien, sondern beim letzten Auftritt mit der Mitteilung des Oberkannibalen: „Das Telegramm ist gekommen, morgen fahren wir alle nach Hause!“ Die Anzeichen, dass die Ankündigung wahr werden könnte, nehmen zu. Es werden Geld und Schuhe verteilt, und sieben russische Soldaten reisen als künftige Zugbegleitung aus Österreich an.
Eines Tages rollt ein verrosteter Fiat 500 Topolino ins Lager, dem ein Marschall der Sowjetunion, Semjon Timoschenko, entsteigt. Nach dem Empfang bei den Russen unterhält er sich mit den Lagerbewohnern, mit den Rumänen auf Rumänisch und den Italienern auf Italienisch. Er liefert die Bestätigung für die Abreise: die Begleitmannschaften sind bereit, desgleichen Reiseproviant und Papiere.
Kapitel XV–XVII
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Im fünfzehnten Kapitel zieht Levi eine erste Bilanz: Nachdem die Abreise feststand, „merkten wir zu unserer eigenen Verwunderung, daß dieses unendliche Land, die Felder und Wälder, wo die Schlachten stattgefunden hatten, denen wir unsere Rettung verdankten, daß diese unberührten und urtümlichen Horizonte, die kräftigen und lebensfrohen Menschen uns ans Herz gewachsen waren und sich einen Platz darin erobert hatten, den sie noch lange behaupten sollten, glorreiche und lebendige Bilder einer einzigartigen Phase unseres Lebens.“
Am 15. September 1945 verteilt sich die internationale Gesellschaft aus dem Roten Haus auf sechzig Eisenbahnwaggons. Entsprechend den Gruppen, die sich im Lager zusammengefunden hatten, belegen sie jeweils einen oder mehrere Güterwagen: Die Gruppe um Levi und Cesare, die Familien mit ihren Kindern, sonstige Paare, die Rumänen, die Bruderschaft von San Vittore, alleinstehende Frauen, die Theatertruppe mit ihren Instrumenten. Der Zug fährt am 16. September ab, erreicht Bobruisk und am 17. September Ovruč. Es geht auf demselben Weg zurück, auf dem sie gekommen waren. Einen Tag später, beim Halt in Kosjatyn (Kazàtin), begegnet Levi noch einmal Galina, dem Mädchen aus der Kommandantur des Lagers von Bogucice.
Am 19. September erreicht der Zug den Pruth an der Grenze zu Rumänien. Nach dem Umstieg in Waggons mit westlicher Spurweite treffen sie in Iași auf rumänischen Gebiet ein. In der Nacht zum 23. September sehen die Reisenden die Feuer der Erdöltürme von Ploiești und die Burg von Peleș.
Die russischen Soldaten sind weiterhin für die Versorgung des Transports zuständig: Die Beschaffung der Lebensmittel ist kompliziert, das Essen, das den Reisenden ausgehändigt wird, steckt voller Überraschungen. Vagabunden umlagern den Zug an den Haltepunkten. Die Zuginsassen ihrerseits plündern Holzvorräte und stehlen Holzzäune in der Umgebung.
Schließlich gelangt der Zug am 24. September über den Predeal-Pass nach Brasov und erreicht nach 800 Kilometern Fahrt am 26. September Curtizi, ein Dorf nahe Arad auf rumänischem Boden. Auch hier geht das Plündern weiter. Der zermürbte Cesare verlässt den Transport mit einem Zug nach Bukarest und dem Ziel, Rom mit dem Flugzeug zu erreichen.
Am 19. Tag der Reise erreicht der Zug Ujpest am Rande von Budapest und schließlich Szob, wo Levi seine Auschwitzjacke auf dem Markt gegen ein verlockendes Gericht aus gegorenem Käse und Zwiebeln tauscht. Am 7. Oktober sehen sie Bratislava und bald die Vorstädte von Wien. Dort beobachtet Levi, wie die sieben jungen Soldaten ihrer Begleitung, in rasendem Tempo, ohne Rücksicht auf die Haltestellen und mit einem totbleichen Fahrer, unter Hurra-Rufen ihre erste Straßenbahnfahrt erleben.
Am 11. Oktober fährt der Zug mit ungewohnt hoher Geschwindigkeit in Richtung Demarkationslinie. Hinter Amstetten sehen sie auf der Straße den ersten amerikanischen Jeep. Der Fahrer ruft ihnen zu: „Es geht heim, Jungs!“ In Sankt Valentin nehmen sie Abschied von ihrer Eskorte und dem „verdienstvollen Maschinisten“. Es folgen nun die Übergangslager der Amerikaner, je kürzer der Aufenthalt, desto schmutziger und primitiver. Kein Licht, keine Heizung, keine Betten, Desinfektion mit DDT, aber ein luxuriöses Bad.
Italien ist nah. Erst überquert der Zug aber noch die deutsche Grenze und fährt nach München. Levi begegnet mit einer „Mischung aus Unduldsamkeit, Frustration und Anspannung“ zum ersten Mal einem Stück „vom wirklichen Deutschland“. „Die tätowierte Zahl auf meinem Arm brannte wie eine Wunde.“
Zu den sechzig Waggons des Zuges gesellt sich in München unerlaubt ein weiterer. Die jungen Juden aus ganz Osteuropa, die ihn angehängt haben, wollen sich in Bari nach Israel ausschiffen, ihr Schicksal in die eigenen Hände nehmen. Die Steigung bei der Fahrt über den Brennerpass schafft der altersschwache Zug jedoch nicht so leicht. Er bricht auseinander. Es gibt Verletzte.
Am 17. Oktober erreichen die durch Europa Getriebenen das Lager im italienischen Pescantina und am 19. Oktober, fünfunddreißig Tage nach der Abfahrt von Staryje Doroghi, ist Levi im heimatlichen Turin.
Er hat Glück: Die Familie ist beisammen, das Leben wird geregelt und normal. Doch die Schrecken von Auschwitz verfolgen ihn weiter: „Aber es dauerte noch viele Monate, bis ich die Gewohnheit verlor, den Blick beim Gehen stets auf den Boden zu heften, als sei ich immer auf der Suche nach Eßbarem“.
Verfilmung
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]1997 drehte Francesco Rosi mit Die Atempause seinen letzten Spielfilm. Die Hauptrollen des Films, der von Levis Buch inspiriert wurde, spielten John Turturro und Rade Šerbedžija.
Literatur
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- Primo Levi: La tregua. Einaudi, Turin 1963. (I coralli. 176.)
- Primo Levi: Atempause. Aus dem Italienischen von Barbara u. Robert Picht. Wagner, Hamburg 1964.
- Primo Levi: Ist das ein Mensch? - Die Atempause. Übersetzt aus dem Italienischen von Robert Picht, Barbara Picht, Heinz Riedt. Hanser, München 2011.
Weblinks
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- Primo Levi, Ses Œuvres Mémorial de la Shoa
- Der Roman La tregua von Primo Levi (1963) wollheim-memoria.de
Einzelnachweise und Fußnoten
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- ↑ Judith Klein: Sprache als Widerspruch: Primo Levi, Deutschland und die deutsche Sprache. Neue Zürcher Zeitung, Nr. 151, 3./4.7. 1999, S. 50.
- ↑ Eugen Kogon: Der SS-Staat – Das System der deutschen Konzentrationslager, 3. Auflage, 2023, Wilhelm Heyne Verlag München, ISBN 978-3-45302978-1
- ↑ Primo Levi: Die Atempause: Roman (= Dtv. Nr. 11779). Ungekürzte Ausgabe, 7. Auflage. Dt. Taschenbuch-Verlag, München 2010, ISBN 978-3-423-11779-1.
- ↑ Der Begriff Nazi wird in Die Atempause nicht verwendet, stattdessen die Bezeichnungen „Braunhemden“, „SS“ und „die Deutschen“.