Labrador-Halbinsel

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche

Koordinaten: 55° 0′ 0″ N, 70° 0′ 0″ W

Labrador-Halbinsel, Kanada

Labrador ist eine zum großen Teil sehr dünn besiedelte nordamerikanische Halbinsel im Osten Kanadas. Verwaltungsmäßig ist sie aufgeteilt zwischen der Provinz Québec und der Provinz Neufundland und Labrador.

Name[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Name der Halbinsel geht aber auf den spätmittelalterlichen portugiesischen Titel und Namensbestandteil Lavrador zurück, den mehrere portugiesische Entdecker trugen. Wahrscheinlich stammt er vom portugiesischen Seefahrer João Fernandes Lavrador. Das von den Azoren übernommene Wort „Lavrador“ bedeutet im Portugiesischen „Landwirt“ bzw. „Landeigentümer“.

Lage[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Halbinsel grenzt im Norden an die Hudsonstraße und die Ungava Bay, an die sich die Baffininsel anschließt, im Westen an die Hudson Bay und im Osten an die zum Atlantischen Ozean gehörende Labradorsee mit gegenüber liegender Insel Grönland. Im Südosten grenzt Labrador an die Belle-Isle-Straße, an die sich die Insel Neufundland anschließt, und an den Sankt-Lorenz-Strom. Im Südwesten geht sie südlich der James Bay in das kanadische Festland über.

Größe[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weil die südwestliche Abgrenzung der Halbinsel offensichtlich nicht hundertprozentig festgelegt ist, wird ihre Größe in den verschiedensten Nachschlagewerken auf 1,3 bis 1,5 Millionen km² beziffert; mit diesen unterschiedlichen Angaben ist sie trotzdem die viertgrößte Halbinsel der Erde. Die südwestliche Abgrenzung dürfte jedoch etwa der Luftlinie vom südlichen Ende der James Bay zum nordöstlichen Stadtrand von Québec entsprechen; Letzteres bezeichnet die Stelle, wo aus dem Sankt-Lorenz-Strom eine Meeresbucht wird.

Der in der Provinz Neufundland und Labrador gelegene Teil hat eine Fläche von 294.330 km² und ist etwa so groß wie Italien. Die Bevölkerungszahl beträgt 27.860 (2001), mit etwa 30 % Ureinwohnern, (Inuit, Innu und Métis). Der in der Provinz Québec gelegene Teil hat etwa 1,0 bis 1,2 Millionen km². Die Bevölkerungszahl beträgt 300.000.

Klima und Vegetation[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Borealer Herbstwald nahe Nain an der mittleren Ostküste.

Der Großteil der Halbinsel besteht aus Tundren und borealem Wald; im Süden gibt es auch Nadelwald. Rund 25 % ihrer Fläche wird von Seen, Bächen und Flüssen eingenommen. Das Klima ist arktisch und subarktisch. Der Nordteil der Halbinsel wird Ungava genannt.

Geologie[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Labrador ist der Ostteil des Kanadischen Schildes, der hier aus Gneisen und Graniten besteht und von der Hudson Bay von Normalnull in östlicher Richtung auf bis zu 1652 m Höhe ansteigt. An das plateauartige Zentrum der Halbinsel schließt sich im Osten die durch tief eingeschnittene Fjorde gekennzeichnete Atlantikküste an. Die Nordostspitze der Labrador-Halbinsel mit den Torngatbergen bildet einen Teil der Arktischen Kordillere.

Begrifflichkeiten[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Mit Labrador wird meistens die gesamte Labradorhalbinsel bezeichnet. In manchen Zusammenhängen ist jedoch nur der innerhalb der Provinz Neufundland und Labrador liegende Teil gemeint; dann wird der in Québec liegende Teil als Nord-du-Québec bezeichnet.

Entdeckung aus Europa[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Nach den indianischen und Inuit-Ureinwohnern waren die ersten europäischen Entdecker der Küste Labradors norwegische Wikinger, die um 1000 unter Leif Eriksson von Grönland kamen.

Die erste nachweisbare (Wieder-)Entdeckung der Labrador-Halbinsel waren zwei Expeditionen 1497 und 1498 unter dem in englischen Diensten stehenden venezianischen Seemann Giovanni Caboto (John Cabot), der den Seeweg nach China suchte,[1] gefolgt von einer portugiesischen Expedition 1499 unter João Fernandes, genannt Lavrador[2] und João Gonsales[3], auf die wahrscheinlich der Name zurückgeht (beide waren Landeigentümer auf den Azoren), und die die Region nach dem Vertrag von Tordesillas zum portugiesischen Besitz erklärten, was Portugal später nicht weiter verfolgte. Ihnen folgten zwei weitere portugiesische Landungen unter Gaspar Corte-Real 1500 und 1501.[4]

Weltkarte 1606-26 mit Terra de Labrador, Terra Corterealis und Terra Nova de Bacalaos an der Nordostküste Nordamerikas.

Es gibt daneben auf Indizien beruhende Hypothesen und Legenden einer Entdeckung schon vor Kolumbus 1492, die nicht gesichert sind, weil die Indizien auch anders erklärbar sind. Im Jahr 1473 erreichte eine Expedition im Auftrag des dänisch-norwegisch-schwedischen und des portugiesischen Königs, die seit etwa 1406 nicht mehr befahrene Verbindung nach Grönland zu suchen, unter Didrik Pining (wohl aus Hildesheim, danach 1478–90 dänischer Gouverneur Islands), Hans Pothorst (auch aus Norddeutschland), dem Navigator Johannes Scolvus (Herkunft sehr umstritten, vielleicht polnisch, vielleicht dänisch, einige spekulierten, das sei der junge Kolumbus) und dem portugiesischen Gesandten João Vaz Corte-Real (danach 1474–96 portugiesischer Gouverneur der Azoren und Lavrador auf Terceira) die Insel Grönland erneut. Weil der azorische Priester und Historiker Gaspar Frutuoso um 1590 schrieb, Corte-Real habe seine Besitzungen auf den Azoren als Dank für die Entdeckung von Terra Nova do Bacalao (=Neues Land des Kabeljaus/Stockfischs) erhalten,[5] was nach späteren Karten am ehesten Neufundland ist, aber auf den damals häufig neu gezeichneten Atlanten erst 1506 (nach den Landungen Cabotos, Fernandes Lavradors und Gaspar Corte-Reals) auftaucht, führte die Angabe oft zu Hypothesenbildungen, die besonders in skandinavischen Ländern, Deutschland, Portugal und Polen populär sind. Weil auch die Schenkungsurkunde an Corte-Real diesen Grund nicht erwähnt, glauben viele Historiker, der 120 Jahre später schreibende Frutuoso habe die Folge dieser Ernennung mit der Ursache verwechselt. Mit Corte-Reals Gouverneursamt begannen nach 1474 portugiesische Such- und Entdeckungsfahrten im nordwestlichen Atlantik im Auftrag des portugiesischen Königs, aber oft organisiert von Corte-Real und seinen Söhnen.[6] Auch die Expedition von Fernandes und Gonsales 1499 wurde von der Corte-Real-Familie gefördert, Angaben zeitgenössischer Kartographen lassen sich außerdem so deuten, dass Fernandes Lavrador und Gonsales an der englischen Expedition unter Caboto teilgenommen hatten und auch dadurch zu ihrer Entdeckungsfahrt angeregt wurden.[7] In den Jahren 1500 und erneut 1501 ging der Sohn Gaspar Corte-Real selbst auf Entdeckungsfahrten, bei der zweiten ging er verschollen. Eine Suchexpedition seines Bruders Miguel Corte-Real 1502 verschwand ebenfalls, eine weitere Suche durch den dritten Bruder Vasco Anes Corte-Real verbot der König.[8] Somit ist weder der Name Terra de Labrador, noch der bis ins 17. Jahrhundert verwendete Alternativname Terra Corterealis (Land Corte-Reals), noch der portugiesische Name Neufundlands Terra Nova do Bacelao ein Beweis der portugiesischen Entdeckung 1473, wie Befürworter glauben. Der erste Name meint am ehesten Fernandes, vielleicht auch Gonsales oder Gaspar Corte-Real, der zweite Name könnte sich auf einen der entdeckenden Söhne beziehen und der dritte Name wird erst um 1500 in Quellen nachweisbar. Dass Vasco Anes Corte-Real familiäre Besitzansprüche auf Labrador (Terra Corterealis) aufrechthielt, belegt ebenfalls nicht Ansprüche seit 1473, denn der König hatte Miguel Corte-Real das Privileg des Privateigentums der Entdeckungen verliehen.[9] Auch die Angaben des schwedischen Erzbischofs und Kartographen Olaus Magnus zu Entdeckungen Pinings und Pothorsts („hoher Berg, Hvitsark genannt“, „zwischen Island und Grönland“) und des Kieler Bürgermeisters Carsten Grypp („nye insulen und lande“, darunter die „klippen Wydtszerk vor Gronlandth“), beziehen sich im Kontext wohl auf Regionen und Inseln an der Fjordküste Grönlands.[10] Ob die Expedition 1473 neben Grönland weitere Länder gesehen hat, reichen nach Meinung der meisten Historiker die Beweise in den zeitnahen, noch nicht so stark von Missverständnissen und Legenden überformten Quellen nicht aus.[11]

Vor dem Hintergrund, dass die geografisch zu Amerika gehörende Insel Grönland in den mittelalterlichen skandinavischen Ländern nie unbekannt war, es auch bis ins 15. Jahrhundert eine kleine skandinavische Bevölkerungsgruppe hatte, ist nicht auszuschließen, dass es in Nordwest-Europa kleine Milieus gegeben hat, die halb legendäre Kenntnisse über Länder hinter Grönland hatten, wie die Vinland-Sagas aus Island, und aus denen heraus es vielleicht zu einzelnen Sichtungen oder Landungen auf Labrador kam, wie vielleicht baskische Walfänger und Fischer im Nordatlantik.[12] Die ersten zweifelsfrei bewiesenen europäischen Landungen nach Leif Erikson auf Labrador und Neufundland sind aber die von Caboto 1497 und 1498, von Fernandes Lavrador und Gonsales 1499 und von Gaspar Corte-Real 1500 und 1501.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Bernhard Hantzsch: Beiträge zur Kenntnis des nordöstlichsten Labradors. In: Mitteilungen des Vereins für Erdkunde zu Dresden. Heft 8 und 9, 1909, S. 168–320.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Fußnoten[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Eintrag über Cabot im Dictionary of Canadian Biographies (DCB)
  2. Eintrag über Fernandes im Dictionary of Canadian Biographies (DCB).
  3. Artikel über Gonsales im DCB
  4. Artikel über Gaspar Corte-Real im DCB
  5. Alan G. Macpherson: Pre-Columbian Discoveries and Explorations in North America In: John Logan Allan (Hrsg.): North American Exploration., Bd. 1, Lincoln & London 1997.
  6. Dass Corte-Real die Expeditionen nicht nur anregte, sondern die Entdecker ausnahmslos ebenfalls Bewohner der kleinen, damals dünn besiedelten Insel Terceira waren, einer sogar ein ehemaliger Angestellter, erwähnt der DCB-Artikel über Gaspar Corte-Real.
  7. So vom Autor des Artikels über Fernandes in der DCB, Arthur Davies, interpretiert.
  8. Artikel über Miguel Corte-Real im DCB.
  9. Artikel über Miguel Corte-Real im DCB.
  10. Reportage des Kieler Journalisten Peter J. Gollnick über die Expedition 1473 aus norddeutscher Perspektive.
  11. Thomas Hughes (German Historical Institute): The German Discovery of America: A Review of the Controversy over Didrik Pining’s Voyage of Exploration in 1473 in the North Atlantic. Symposiumsbeitrag an der Johns-Hopkins-Universität 2003.
  12. Vgl. z.B. Ivan Valiela: Global Coastal Change. Singapur 2006, S. 247. Eindeutig der Zeit vor den Entdeckungen des 16. Jahrhunderts zuzuordnende Fundplätze und Ortsnamen sind aber auch hier noch nicht gefunden.