Lahad Datu Standoff

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Lahad Datu Standoff

Lahad Datu Standoff (dtsch: Pattsituation von Lahad Datu) oder Lahad-Datu-Krise ist die Bezeichnung der malaysischen Medien für einen bewaffneten Konflikt an der Ostküste des malaysischen Bundesstaates Sabah, der im Dorf Kg. Tanduo[Anm. 1] im Distrikt Lahad Datu begann. Am 11. Februar 2013 gingen dort etwa 200 militante Anhänger von Jamalul Kiram III an Land, um eine Neuverhandlung historischer Territorialansprüche der Nachfahren des Sultan von Sulu geltend zu machen.[1] Der Vorfall löste erhebliche diplomatische Spannungen zwischen den Philippinen und Malaysia aus und erreichte mit einem Kampfeinsatz der malaysischen Streitkräfte am 5. März 2013 eine weitere Stufe der Eskalation. Die malaysische Regierung erklärte den Konflikt am 29. Juni 2013 mit der Beendigung der militärischen Operation DAULAT für beendet.[2]

Hintergründe[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Konflikt speiste sich aus zwei verschiedenen Auseinandersetzungen, deren Wurzeln teilweise weit in die Geschichte Malaysias bzw. der Philippinen zurückreichen, nämlich den

In Territorialstreit um Nordborneo machen die Philippinen Ansprüche auf das Gebiet des malaysischen Bundesstaats Sabah gelten. Basis der Ansprüche ist dabei der historische Einflussbereich des Sultanats von Sulu, der sich ursprünglich vom Sulu-Archipel bis in die nördlichen Teile von Borneo erstreckte. Für das von Sultan Jamal-ul Azam am 22. Januar 1878 an die North Borneo Chartered Company abgetretene Land bezahlte die Gesellschaft 5.000 Straits-Dollar.[3][4][5] Bis zum heutigen Tag bezahlt Malaysia eine Summe von jährlich 5.000 Ringgit zur Aufrechterhaltung des Vertrags an die Regierung der Philippinen, widerspricht aber jeglichen weiteren Ansprüchen.[6]

Im Erbfolgestreit um das Sultanat von Sulu beanspruchen verschiedene Abkömmlinge des letzten Sultans von Sulu, der rechtmäßige Thronfolger zu sein. Die bewaffnete Gruppierung in Kg. Tanduo besteht aus Anhängern von Jamalul Kiram III. Neben Kiram III gibt es noch weitere Verwandte des früheren Sultans, die jedoch unterschiedliche Standpunkte im Lahad Datu Konflikt vertreten.[7]

Den entscheidenden Auslöser für den Beschluss, mit einer bewaffneten Gruppe auf malaysischem Staatsgebiet einzudringen, lieferte das am 7. Dezember 2012 durch den philippinischen Präsidenten Benigno Aquino III vorgestellte Gerüst für einen Friedensvertrag („Framework Agreement on the Bangsamoro“) mit der Islamischen Befreiungsfront der Moros (MILF), durch das sich die Erben des Sultans von Sulu um ihre Rolle in der Zukunft von Sulu übergangen sahen. In einer Erklärung vom 11. November 2012 forderte Jamalul Kiram III, dass ein Kontingent aus zivilen und militärischen Kräften unter Führung seines Bruders Raja Muda Agbimuddin Kiram seinem Anspruch auf Nordborneo Geltung verschaffen sollte.[8][9][Anm. 2]

Ablauf[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ausgangspunkt der Krise in Kg. Tanduo

Besetzung von Kg. Tanduo[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Kg Tanduo im Jahr 2014, nach der Umwandlung in einen militärischen Stützpunkt

Am 11. Februar 2013 erreichte eine Gruppe von 235 uniformierten und teilweise bewaffneten Filipinos unter Führung von Raja Muda Agbimuddin Kiram, von Simunul, Tawi-Tawi kommend die kleine Ortschaft Tanduo, etwa 135 Kilometer nordöstlich von Lahad Datu.[8][10][11] Der Auftraggeber der Gruppe, die sich selbst „Royal Security Forces of the Sultanate of Sulu and North Borneo“ nennt,[8] war Jamalul Kiram III, der sich selbst als rechtmäßiger Thronfolger des Sultanats von Sulu bezeichnet. Kirams Ziel ist eine Geltendmachung territorialer Ansprüche an den östlichen Teilen Sabahs, die sich aus dem Nordborneo-Disput über das frühere Nordborneo ergeben.[12]

Feuergefecht vom 1. März 2013[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ein erweitertes Ultimatum, mit dem die Regierung Malaysias die Besatzer aufgefordert hatte, Sabah unverzüglich zu verlassen, verstrich am 26. Februar 2013. Am 1. März gegen 10:15 Uhr ereignete sich ein Schusswechsel zwischen den „Royal Security Forces of the Sultanate of Sulu and North Borneo“ und der malaysischen Polizei in dessen Verlauf 10 bewaffnete Angehörige des Sultanats getötet und vier weitere verletzt wurden.[13] Auf Seiten der malaysischen Polizeikräfte waren zwei Tote zu beklagen.[14]

Ausweitung des Konflikts[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Am 2. März 2013 meldete der Polizeichef von Sabah, Ismail Omar, dass nahe der zwischen Lahad Datu und Semporna gelegenen Stadt Kunak eine Gruppe von zehn Bewaffneten gesichtet wurde, deren Kampfanzüge denen der Sultanatskämpfer glichen.[15] Die malaysische Regierung begann daraufhin mit einer Verstärkung der Polizei- und Armeeeinheiten, außerdem wurden Angehörige des Royal Malay Regiment nach Sabah verlegt.[16]

Am folgenden Tage, dem 3. März 2013, geriet eine lokale Polizeieinheit während eines Streifengangs gegen 6:30 Uhr in einen Hinterhalt im Dorf Kampung Sri Jaya Siminul. Die knapp zehn Bewaffneten des Sultanats töteten dabei den Leiter der Polizeistation von Bukit Aman und vier Polizisten. Die übrigen Polizisten – etwa 30 Männer aus dem Hauptquartier der Distriktspolizei in Semporna – verschanzten sich im Dorf.[17][18] Während des Schusswechsels wurden auch zwei Kämpfer des Sultanats getötet.[19] Anderen Berichten zufolge wurden insgesamt sechs malaysische Polizisten und sieben Angreifer getötet; darunter ein Angreifer, der von Dorfbewohnern zu Tode geprügelt worden war, als er versuchte, eine Geisel zu nehmen.[20][21]

Angriff der Malaysian Armed Forces[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Am 5. März 2013 griffen Kampfflugzeuge der Royal Malaysian Air Force (drei F/A-18 Hornet und fünf BAE Hawks) Kirams Camp in Tanduo an.[22][23][24] Die gleichzeitig angreifenden Einsatzkräfte der Armee und der Polizei trafen auf gegnerisches Gewehrfeuer.[25] Bei der nachfolgenden Sicherungsmaßnahme (Codename „Ops Sulu“ bzw. „Ops Daulat“, „Operation Staatshoheit“)[26][27] wurde festgestellt, dass der Rebellenführer Agbimuddin Kiram und einige seiner Anhänger offensichtlich aus dem Belagerungsring um Kampung Tanduo entkommen waren. Die Sicherheitskräfte durchsuchten daraufhin das umliegende Farmland und die FELDA-Plantagen.[28][29][Anm. 3]

Politische Auswirkungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einige Beobachter äußerten, der Vorfall könne einen Einfluss auf die Immigrationspolitik Malaysias haben. Möglicherweise werde Malaysia entschlossen(er) gegen philippinische Immigranten vorgehen. Zurzeit leben mehrere hunderttausend Filipinos als illegale Immigranten im Land. Die bisherige Einwanderungspolitik ließ den Illegalen relativ viel Spielraum und mündete in der Vergangenheit mehrfach in großangelegten Legalisierungsprogrammen, bei denen die Illegalen auf einfache Weise die malaysische Staatsbürgerschaft erwerben konnten.

Reaktionen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Mehrere Staaten gaben nach dem Standoff Reisewarnungen heraus; das Auswärtige Amt riet am 3. März 2013 „aufgrund der augenblicklich unübersichtlichen Lage und einer nicht auszuschließenden Gefährdung auch von Touristen bis auf weiteres von nicht absolut notwendigen Reisen in die Distrikte Tawau, Semporna, Kunak, Lahad Datu, Kinabatangan und Sandakan“ ab.[30] Am 28. Juni 2013 wurde diese Reisewarnung aufgehoben und allgemein auf das Bestehen von Sicherheitszonen ("Eastern Sabah Safety Zone (ESSZONE)") in einigen Ortschaften der Ostküste hingewiesen; dort sei mit einem erhöhten Aufkommen von Polizei und Militär zu rechnen.[31]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Philippines' Aquino calls for talks on Sabah. In: Agence France Presse. Abgerufen am 18. März 2013. 
  2. The Star Online: Lahad Datu: Ops Daulat officially ends today (Memento vom 30. Oktober 2013 im Internet Archive) vom 29. Juni 2013
  3. Owen Rutter: British North Borneo - An Account of its History, Ressources and Native Tribes, Seite 119, Constable & Company Ltd, London, 1922
  4. Regina Lim: Federal-state relations in Sabah, Malaysia: the Berjaya administration 1976-85, Seite 17, Institute of Southeast Asian Studies, 2008, ISBN 978-981-230-811-5
  5. Geoffrey Marston: International Law and the Sabah Dispute (PDF; 312 kB), darin enthalten die offizielle englische Übersetzung des Vertrags
  6. Randy David: The Sabah Standoff. In: Malaysia Today. Archiviert vom Original am 24. Februar 2013.  Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprüft. Bitte prüfe Original- und Archivlink gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.@1@2Vorlage:Webachiv/IABot/malaysia-today.net Abgerufen am 6. März 2013.
  7. Allan Afdal Nawal: 2 more claim to be real sultan of Sulu. In: Philippine Daily Inquirer, 26. Februar 2013. Abgerufen am 6. März 2013. 
  8. a b c Heirs of Sultan of Sulu pursue Sabah claim on their own. In: Philippine Daily Inquirer, 16. Februar 2013. Abgerufen am 3. März 2013. 
  9. Malaysian security forces moving in on village. In: The Star Online. Abgerufen am 6. März 2013.
  10. No surrender, we stay. In: Philippine Daily Inquirer, 3. März 2013. Abgerufen am 6. März 2013. 
  11. Jethro Mullen: Filipino group on Borneo claims to represent sultanate, Malaysia says. In: CNN, 15. Februar 2013. Abgerufen am 6. März 2013. 
  12. Mike Frialde: Sultanate of Sulu wants Sabah returned to Phl. In: The Philippine Star, 23. Februar 2013. Abgerufen am 6. Februar 2013. 
  13. Dennis Carcamo: Sulu sultan spokesman: 10 men killed in Sabah. In: The Philippine Star, 1. März 2013. 
  14. Malaysia standoff with armed Filipinos ends in violence. In: Yahoo! News, 1. März 2013. Archiviert vom Original am 3. März 2013. 
  15. Pi, Thomas: Another group of intruders spotted. In: Free Malaysia Today, 3. März 2013. Archiviert vom Original am 4. März 2013  Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprüft. Bitte prüfe Original- und Archivlink gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.@1@2Vorlage:Webachiv/IABot/www.freemalaysiatoday.com. 
  16. Police, Armed Forces Beef Up Operations in Sabah's East Coast. In: Bernama, 3. März 2013. Abgerufen am 6. März 2013. 
  17. Sean Yoong: 5 Police, 2 Assailants Killed Amid Malaysian Siege. In: ABC News, 3. März 2013. Abgerufen am 6. März 2013. 
  18. Charles Ramendran: Lahad Datu crisis: Five more cops killed in Semporna. In: The Sun Daily, 3. März 2013. @1@2Vorlage:Toter Link/www.thesundaily.my (Seite nicht mehr abrufbar, Suche in Webarchiven Info: Der Link wurde automatisch als defekt markiert. Bitte prüfe den Link gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.
  19. Malaysia police die in fresh Sabah gun battle. In: BBC News, 3. März 2013. Abgerufen am 6. März 2013. 
  20. Archivierte Kopie (Memento des Originals vom 21. September 2013 im Internet Archive)  Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprüft. Bitte prüfe Original- und Archivlink gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.@1@2Vorlage:Webachiv/IABot/www.washingtonexaminer.com
  21. Archivierte Kopie (Memento des Originals vom 7. März 2013 im Internet Archive)  Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprüft. Bitte prüfe Original- und Archivlink gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.@1@2Vorlage:Webachiv/IABot/www.nst.com.my
  22. BBC: Malaysia soldiers attack armed Filipino clan in Borneo, 5. März 2013; Zugriff am 6. März 2013
  23. Malaysiakini: F/A-18 and Hawk fighters bomb Kg Tanduo, 5. März 2013; Zugriff am 6. März 2013
  24. GMA News: Malaysian fighter jets bomb Sabah camp of sultan's men, 5. März 2013; Zugriff am 6. März 2013
  25. Malaysian security forces in all out attack against Sulu gunmen. In: The Star Online, 5. März 2013. Abgerufen am 6. März 2013. 
  26. Archivierte Kopie (Memento des Originals vom 7. März 2013 im Internet Archive)  Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprüft. Bitte prüfe Original- und Archivlink gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.@1@2Vorlage:Webachiv/IABot/www.freemalaysiatoday.com
  27. Archivierte Kopie (Memento des Originals vom 3. März 2016 im Internet Archive)  Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprüft. Bitte prüfe Original- und Archivlink gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.@1@2Vorlage:Webachiv/IABot/www.themalaysianinsider.com
  28. Archivierte Kopie (Memento des Originals vom 9. März 2013 im Internet Archive)  Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprüft. Bitte prüfe Original- und Archivlink gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.@1@2Vorlage:Webachiv/IABot/www.freemalaysiatoday.com
  29. Archivierte Kopie (Memento des Originals vom 1. Januar 2016 im Internet Archive)  Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprüft. Bitte prüfe Original- und Archivlink gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.@1@2Vorlage:Webachiv/IABot/www.themalaysianinsider.com
  30. Malaysia: Reise- und Sicherheitshinweise; Stand 6. März 2013 (Inhalt dieser Reisewarnung nicht mehr am angegebenen Platz verfügbar). In: Auswärtiges Amt - Berlin. Abgerufen am 6. März 2013.
  31. Malaysia: Reise- und Sicherheitshinweise; Stand 28. August 2013. In: Auswärtiges Amt - Berlin. Abgerufen am 28. August 2013.

Anmerkungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Die Abkürzung „Kg.“ oder „Kg“ steht für (mal.) „kampung“ und bedeutet „Dorf“. „Kg.“ ist integraler Bestandteil des Ortsnamens und wird in Malaysia dem Namen eines Dorfes vorangestellt.
  2. Raja Muda: mal. für „Thronfolger“ oder „Kronprinz“.
  3. FELDA ist eine Abkürzung für „Federal Land Development Authority“. Das bedeutet, dass die Plantagen auf Basis einer Entwicklungsmaßnahme des malaysischen Staates betrieben werden.