Lann Hornscheidt

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Lann Hornscheidt (* 1965 als Antje Hornscheidt in Velbert) ist auf dem Gebiet der Linguistik und Skandinavistik akademisch tätig. Hornscheidt hatte bis zum 1. Dezember 2016 die Professur für Gender Studies und Sprachanalyse am Zentrum für transdisziplinäre Geschlechterstudien der Humboldt-Universität zu Berlin inne.

Lann Hornscheidt betrachtet sich als neutrois, möchte also keinem Geschlecht zugeordnet sein.[1]

Leben und Forschung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Lann Hornscheidt[2] wurde 1991 mit der Arbeit „Der L1- und L2-bilinguale Erwerb pronominaler Referenz bei Kindern. Eine Untersuchung von Schwedisch und Englisch im L2- sowie Schwedisch im nicht-dominanten L1-Erwerb“ an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel zum Dr. phil. promoviert. 2004 erfolgte die Habilitation in skandinavistischer Linguistik an der Humboldt-Universität zum Thema Genderspezifizierung und ihre diskursive Verhandlung im modernen Schwedisch. Hornscheidt hielt Gastprofessuren an der Karl-Franzens-Universität Graz (Institut für Germanistik), der Universität Örebro (Institut für Geschichtswissenschaften), der Universität Turku/Abo (Institut für schwedische Linguistik), der Universität Lund (Institut für Germanistik) und an der Universität Uppsala (Institut für Germanistik).[3]

Lann Hornscheidt hat die Professur für Gender Studies und Sprachanalyse gekündigt und ist seit dem 1. Dezember 2016 nicht mehr an der Humboldt-Universität tätig.[4][5]

Gendertheorie und geschlechtsneutrale Sprache[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Hornscheidt kritisiert die generelle zweigeschlechtliche Grundkonzeption der Gesellschaft („ZweiGenderung“) und deren Vorstellungen von Normalität und Kategorisierbarkeit. Geschlechtliche Diskriminierung kann nach Ansicht Hornscheidts, selbst weiß und nicht-behindert, nicht losgelöst von den gesellschaftlichen Herrschaftsverhältnissen betrachtet werden, rassistische und ableistische Strukturen müssten daher stets mitbetrachtet werden. Ausgehend von der feministischen Linguistik befürwortet Hornscheidt eine geschlechtsneutrale Sprache, mit der sich auch diejenigen identifizieren können, die sich nicht als Mann oder Frau betrachten, und schlägt die Verwendung einer „x“-Form vor, die geschlechtsspezifische Wortendungen aufhebt (z. B. „Einx schlaux Sprachwissenschaftx liebt xs Bücher“).[6][7] Dieser Vorschlag ist nicht als Forderung zur allgemeinen Einführung einer „x“-Form als Ersatz für männliche oder weibliche Formen gedacht, sondern eine neutrale Ergänzungsform. Hornscheidt betont, dass es sich um Vorschläge handelt, nicht um Forderungen, und dass bei der Verwendung der Sprachform immer auch Kontext und Adressat betrachtet werden sollten. So sei es beispielsweise unsinnig, eine geschlechtsneutrale Form zu wählen, wenn sich in der beschriebenen Gruppe ausschließlich Männer befinden. Auch solle sich niemand eine geschlechtsneutrale Bezeichnung geben, der sich selbst mit einem Geschlecht identifiziert. Für sich selbst lehnt Hornscheidt eine Identifikation als Mann oder Frau in der Anrede ab und bezeichnet sich im Sinne der geschlechtsneutralen Sprache als „Professx“ (gesprochen: Professiks).[8][9] In einem Gedicht thematisiert Hornscheidt die Entscheidung, sich selbst den geschlechtsneutralen Namen „Lann“ zu geben.[10]

Im Jahr 2012 organisierte Hornscheidt die Ausstellung „to dyke_trans“ in Berlin, die Kunst ausstellte, „die einen feministischen, ungewöhnlichen Blick auf ‚trans‘“ ermöglicht und so auf alle, „die nicht in ein klassisches Geschlechterbild passen“.[11]

Hornscheidt ist mitverantwortlich für den Leitfaden für Feministisches Sprachhandeln.[12]

Kritik und Anfeindungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Hornscheidts Vorschläge stießen vielfach auf Kritik. So bewertete Anne-Catherine Simon, gegen die „x-Form“ als „individuelle Form des Aktivismus“ sei nichts einzuwenden, als „ernst gemeinter akademischer Vorstoß für eine neue Sprachnorm“ führe der Vorschlag aber „in unfreiwilliger Ironie gerade die jahrzehntelangen feministischen Bemühungen ad absurdum“. Es sei lange darum gekämpft worden, dass Frauen in der Sprache präsenter werden, jetzt solle „genau das wieder eliminiert werden, weil das System der Zweigeschlechtlichkeit angeblich eine Ungerechtigkeit“ bedeute.[13]

Arno Frank von der taz bezeichnete die von Hornscheidt vorgeschlagenen geschlechtergerechten Formen als „elitären Neusprech“ und „kaum praktikabel“. Eine Forschung, die „unter anderem in schwülen Oden auf ihre selbstgebastelten Vornamen“ bestehe und „experimentelle Poesie nicht von politischem Handeln unterscheiden“ könne, sei aber nicht völlig sinnlos, denn „eine offene, aufgeklärte und gerechte Welt braucht solche Menschen“.[7]

Zudem sah sich Hornscheidt auch persönlichen Anfeindungen ausgesetzt. Insbesondere in Sozialen Medien kam es neben inhaltlicher Kritik auch zu Beschimpfungen und massiven Gewaltaufrufen, die auch aus dem rechten Milieu stammten. Nach Ansicht Hornscheidts werde dieser Hass vielfach mit Nationalismus verbunden, mit „Angst um Deutschland“, da die Verfasser Frauen und Männer als „natürliche Grundlage Deutschlands“ betrachten und durch Menschen wie Hornscheidt bedroht sehen.[14] Robin Detje sieht den Grund für Beleidigungen und Drohungen auch in süffisanter Verächtlichmachung in Massenmedien, wie es etwa durch Ulf Poschardt, Harald Martenstein, Jan Fleischhauer oder Matthias Matussek zu beobachten sei. In der Folge übersetzten „echte Männer […] für sich den Geist, der sie aus den Glossen von #Ulfharaldjanmatthias anweht, in Facebook- und Internet-Kommentare voller Morddrohungen und Vergewaltigungsphantasien“.[15]

Schriften (Auswahl)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Die sprachliche Benennung von Personen aus konstruktivistischer Sicht. Genderspezifizierung und ihre diskursive Verhandlung im heutigen Schwedisch. de Gruyter, Berlin und New York 2006, ISBN 978-3-11-018526-3, zugleich: Habilitationsschrift, Humboldt-Universität Berlin, 2004, unter dem Titel: Personale Appellation aus konstruktivistischer Sicht am Beispiel von Genderspezifizierung und ihrer diskursiven Verhandlung im heutigen Schwedisch.
  • mit Katharina Walgenbach, Gabriele Dietze und Kerstin Palm: Gender als interdependente Kategorie. Neue Perspektiven auf Intersektionalität, Diversität und Heterogenität. Barbara Budrich, Leverkusen 2007, ISBN 978-3-86649-871-6, 2. Auflage, 2012, ISBN 978-3-86649-496-1
  • Gender resignifiziert. Schwedische (Aus)Handlungen in und um Sprache. Humboldt-Universität Berlin, 2008, ISBN 978-3-932406-29-4
  • mit Adibeli Nduka-Agwu (Hrsg.): Rassismus auf gut Deutsch. Ein kritisches Nachschlagewerk zu rassistischen Sprachhandlungen. Brandes & Apsel, Frankfurt am Main 2010, ISBN 978-3-86099-643-0
  • mit Hanna Acke, Gisa Marehn, Ines Jana (Hrsg.): Schimpfwörter – Beschimpfungen – Pejorisierungen. Wie in Sprache Macht und Identitäten verhandelt werden. Brandes & Apsel, Frankfurt am Main 2011, ISBN 978-3-86099-684-3
  • feministische w_orte. ein lern-, denk- und handlungsbuch zu sprache und diskriminierung, gender studies und feministischer linguistik. Brandes & Apsel, Frankfurt am Main 2012, ISBN 978-3-86099-948-6

Stipendien und Auszeichnungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • 2011/2012: Erik-Wellander-Stipendium für Sprachpflege des Svenska språknämnden
  • 2009: Einjähriger Forschungspreis von Riksbankens Jubileumsfond Schweden
  • 2001 und 2003: Preis für herausragende Lehre der Philosophischen Fakultät II der Humboldt-Universität zu Berlin

Rundfunkberichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Lann Hornscheidt: LANN. Abgerufen am 21. November 2015.
  2. Prof. Dr. phil. Lann Hornscheidt, Mitarbeiterseite der Humboldt-Universität zu Berlin
  3. Curriculum Vitae auf der Website der Humboldt-Universität
  4. Lann Hornscheidt: Kündigung der Professur für Gender Studies und Sprachanalyse, In: Bulletin-Info, Zentrum für transdisziplinäre Geschlechterstudien, Humboldt-Universität zu Berlin, Berlin 28, 2017, 54 (PDF), S. 4–5, abgerufen am 3. August 2017.
  5. [1] Website Prof. Lann Hornscheidt, abgerufen 16. Januar 2017
  6. Martin Brandt: Sprachpolitik als Klassenprivileg. kritisch-lesen, Ausgabe 30, 1. Oktober 2013
  7. a b Arno Frank: Die Wahrheit. Pfeilkröte Feminismus, taz, 18. November 2013
  8. Gerechte Sprache an der Uni: Professix im Geschlechterkampf. Spiegel Online, 24. April 2014
  9. Antonia Baum: Sagen Sie bitte Profx. zu mir, FASZ, 16. November 2014
  10. w_ortungen / lann auf der Website von Lann Hornscheidt
  11. „Den Blick auf die Geschlechter verwirren“, taz, 25. Mai 2012
  12. Zweite Auflage des Sprachleitfadens (PDF; 24,5 MB) der AG Feministisch Sprachhandeln
  13. „Gendergerechte“ Sprache: „Professx“ und andere Sprachmutanten, Die Presse, 29. November 2014
  14. Antonia Baum: Sagen Sie bitte Profx. zu mir, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 17. November 2014
  15. Robin Detje: Anschwellender Ekelfaktor, Zeit, 24. November 2014