Lanze von Lehringen

Die Lanze von Lehringen ist ein 1948 nahe Lehringen in Niedersachsen entdeckter, 2,38 m[1] langer Eibenholzspieß aus dem Mittelpaläolithikum, womit er dem Neandertaler zugewiesen werden kann. Heute wird der als „Lanze“ nicht ganz zutreffend bezeichnete, etwa 115.000 bis 120.000 Jahre alte Spieß im Historischen Museum Verden aufbewahrt. Eine Nachbildung findet sich im Niedersächsischen Landesmuseum in Hannover.
Fundsituation
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Anfang März 1948[2] wurden beim Abtragen einer Mergelgrube nahe Lehringen in etwa zwei Metern Tiefe zunächst das Skelett eines großen Tieres, dann auch Steingeräte und ein hölzerner Spieß entdeckt. Der überwiegende Teil des Fundgutes wurde in den folgenden Tagen zusammen mit dem Mergel abgefahren und damit vernichtet. Der heimatkundlich interessierte Mergelgruben-Besitzer Franz Werner rief, allerdings erst am 18. März, den Rektor im Ruhestand Alexander Rosenbrock herbei, um die Bergung der insgesamt nur noch zwei Loren durchzuführen. Inzwischen war der überwiegende Teil des Fundgutes abtransportiert und zum Teil von Schaulustigen mitgenommen worden.
Besonders die Dokumentation des Befundes erwies sich aus archäologischer Sicht als mangelhaft. So wurden weder Lagepläne noch Fotos angefertigt. Bei dem Tier handelte es sich um einen Europäischen Waldelefanten (Palaeoloxodon antiquus), der seinerzeit auf ein Alter von 45 Jahren geschätzt wurde. Zwischen seinen Knochen fanden sich Bruchstücke eines insgesamt 2,15 m langen „Speeres“.
Fundauseinandersetzung
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]An der Grabungsstelle besichtigten 1948 zwei archäologisch ausgebildete Mitarbeiter des hannoverschen Landesmuseums, die der Museumsleiter Karl Hermann Jacob-Friesen geschickt hatte, die Fundstücke und sahen bei dieser Gelegenheit zum ersten Mal die „Lanze“. Unter der Zusage, das Stück nur dem Präparator der Technischen Hochschule zu geben, händigte ihnen der frühere Rektor Alexander Rosenbrock die Holzstücke aus. Jacob-Friesen behauptete gegenüber dem Grubenbesitzer, dass dieser zwar als Finder das Verfügungsrecht habe, das Land Niedersachsen jedoch die Auslieferung verlangen könne. Nun forderten Rosenbrock und der Verdener Stadtrat den Speer unverzüglich zurück, was im Lande ein Novum bedeutete, denn bis dahin waren alle Funde von größerer Bedeutung im Landesmuseum deponiert worden. Das mangels Reaktion des Museums angerufene Bezirksverwaltungsgericht gab den Vorgang an den Kulturminister weiter, gegen den Alexander Rosenbrock nach einem weiteren Wartejahr klagte. Erst 1955 nach sieben Jahren kam der Spieß unter zahlreichen Auflagen nach Verden.
Archäologische Untersuchungen und Interpretation
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Die Skelettreste wurden als die eines ausgewachsenen Waldelefanten identifiziert. Zwischen seinen Rippen steckte ein „Speer“, bei dem es sich wohl eher um einen Spieß handelte, der aus Eibenholz bestand. Die Spitze aus dem gleichen Material war leicht versetzt angebracht worden. Sie muss dem Waldelefanten von vorne in den Brustkorb getrieben worden sein. Durch das Gewicht des darauf stürzenden Waldelefanten war der Spieß bei der Bergung halbkreisförmig gebogen, plattgedrückt und in elf Teile zerbrochen. Gebrauchs- und Politurspuren weisen darauf hin, dass der Spieß vorher vermutlich zu verschiedenen Zwecken benutzt worden war.
Bei den mindestens 28 gefundenen Steinartefakten handelt es sich um Abschläge aus baltischem Feuerstein. Auffällig ist das Fehlen von unbearbeitetem Feuerstein (Rohknollen) und fertigen Steinwerkzeugen. Mikroskopische Gebrauchsspurenanalysen wiesen an drei Abschlägen Fleischpolitur auf. Wahrscheinlich wurden die Abschläge vor Ort genutzt, um den Waldelefanten zu zerlegen.
Pollenanalysen wie auch der Waldelefant selbst weisen das Jagdereignis in das letzte Interglazial vor 128.000 bis 115.000 Jahren BP. Dieses Interglazial wird auch als Eem-Warmzeit bezeichnet und datiert in die Sauerstoff-Isotopenstufe 5e. Kulturell ist dies die Zeit des Mittelpaläolithikums, in der in Europa ausschließlich der Neandertaler lebte.
Durch das Jagdinventar von Lehringen konnte das erste Mal nachgewiesen werden, dass der Neandertaler aktiv Großwild jagte und sich dazu hölzerner Spieße bediente.
2025 wurde eine neue Untersuchung der Fundstücke durch ein Expertenteam mit moderner Technik und eine fachgerechte Restaurierung bekannt gegeben, die unter der Leitung des prähistorischen Archäologen Thomas Terberger vom Niedersächsischen Landesamt für Denkmalpflege stand.[3] Demnach ließen sich an mehreren Rippen und Wirbeln des Europäischen Waldelefanten Schnittspuren nachweisen, die das Zerlegen des Kadavers durch den frühen Menschen belegen. Zudem fanden sich ähnliche Marken auch an einzelnen weiteren Resten, so von Bär und Auerochse, ebenso wie Einschlagnarben am Schädel eines Bibers.[4]
Literatur
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- Karl Dietrich Adam: Der Waldelefant von Lehringen – eine Jagdbeute des diluvialen Menschen. In: Quartär. Band 5, 1951, S. 79–92. (online)
- Hartmut Thieme, Stephan Veil: Neue Untersuchungen zum eemzeitlichen Elefanten-Jagdplatz Lehringen, Ldkr. Verden. In: Die Kunde. Band 36, 1985, S. 11–58.
- Waltraut Deibel-Rosenbrock: Die Funde von Lehringen. Schriftenreihe des Verdener Heimatbundes e. V., Sonderdruck aus dem Stader Jahrbuch 1960.
- Ernst Andreas Friedrich: Die Elefantenkuhle von Lehringen, S. 13–15. In: Wenn Steine reden könnten. Band I, Landbuch-Verlag, Hannover 1989, ISBN 3-7842-03973.
- Ernst Probst: Die Lanze von Lehringen. Der Jahrhundertfund aus der Altsteinzeit. Amazon Distribution GmbH, Leipzig 2021, ISBN 979-8-503-02513-2.
- Ivo Verheijen, Gianpiero Di Maida, Gabriele Russo, Thomas Terberger: Faunal exploitation at the elephant hunting site of Lehringen, Germany, 125,000 years ago. In: Scientific Reports. Band 16, Artikel-Nr. 9836 (2026), doi:10.1038/s41598-026-42538-4 (freier Volltext).
Weblinks
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- Die Lanze von Lehringen mit Bildern bei Archäologisches Lexikon
- Präsentation im historischen Museum Verden
- „Die Lanze von Lehringen“ in: Der Spiegel vom 9. Februar 1955
- Als Neandertaler einen Elefanten schlachteten in: Der Spiegel vom 29. März 2026
- Klima vor 100.000 Jahren: Alte Lanze aus Verden soll Infos liefern bei ndr.de vom 21. Januar 2025
- Jede Menge Elefantenfleisch beim Niedersächsischen Landesamt für Denkmalpflege
- Lanze und Knochen beweisen: Neandertaler aßen Elefanten-Fleisch bei ndr.de vom 27. März 2026
Anmerkungen
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- ↑ Friedemann Schrenk, Stephanie Müller: Die Neandertaler, C. H. Beck, 2005, S. 89.
- ↑ Karl Dietrich Adam: Der Waldelefant von Lehringen – eine Jagdbeute des diluvialen Menschen. Quartär 5, 1951, S. 79–92, hier: S. 79.
- ↑ Neandertaler unter warmer Sonne bei archaeologie-online.de vom 10. Januar 2025.
- ↑ Ivo Verheijen, Gianpiero Di Maida, Gabriele Russo und Thomas Terberger: Faunal exploitation at the elephant hunting site of Lehringen, Germany, 125,000 years ago. Scientific Reports 16, 2026, S. 9836, doi:10.1038/s41598-026-42538-4