Lavin

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche
Lavin
Wappen von Lavin
Staat: Schweiz
Kanton: Graubünden (GR)
Region: Engiadina Bassa/Val Müstair
Politische Gemeinde: Zernezi2
Postleitzahl: 7543
Koordinaten: 803256 / 182946Koordinaten: 46° 46′ 0″ N, 10° 6′ 0″ O; CH1903: 803256 / 182946
Höhe: 1412 m ü. M.
Fläche: 46,26 km²
Einwohner: 226 (31. Dezember 2013)
Einwohnerdichte: 5 Einw. pro km²
Website: www.lavin.ch
Lavin

Lavin

Karte
Lavin (Schweiz)
Lavin
ww

Lavin (Audio-Datei / Hörbeispiel [lɐˈvin]?/i) ist ein Dorf in der Gemeinde Zernez, die im Kreis Sur Tasna im Bezirk Inn des Kantons Graubünden in der Schweiz liegt.

Bis am 31. Dezember 2014 war Lavin eine eigenständige politische Gemeinde. Am 1. Januar 2015 wurde sie mit der Gemeinde Susch in die Gemeinde Zernez fusioniert. Lavin ist Landsgemeindeort des Kreises Sur Tasna.

Wappen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Blasonierung: In Schwarz eine silberne (weisse) Spitze belegt mit einem aufrechten schwarzen, rot bewehrten Steinbock

Nach dem Gemeindestempel, dessen Motive für die Übernahme in das Wappen vereinfacht wurden.

Geographie[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Gemeindestand vor der Fusion am 1. Januar 2015

Der Ort liegt auf einer Schotterterrasse rund 40 m linksseitig über dem Inn an der Ausmündung des Val Lavinuoz, das vom Lavinuoz entwässert wird, am Südostfuss des Piz Linard (3411 m). Vom gesamten ehemaligen Gemeindeareal von über 46 km² sind 2827 ha unproduktive Fläche, meist Gebirge. Weitere 917 ha können zwar landwirtschaftlich genutzt werden, sind aber grösstenteils Maiensässen. Nebst 29 ha Siedlungsfläche umfasst das ehemalige Gemeindegebiet 845 ha, die von Wald oder Gehölz bedeckt sind.

Bevölkerung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Sprachen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Bereits im 19. Jahrhundert gab es eine kleine deutschsprachige Minderheit. Dennoch benutzt bis heute die grosse Mehrheit der Einwohner die bündnerromanische Mundart Vallader als Alltagssprache. Zwischen 1880 und 1941 blieb der romanischsprachige Bevölkerungsanteil unverändert (1880 83 %, 1941 83 %). In den letzten Jahrzehnten sank dieser nur um wenige Prozentpunkte. Gemeinde und Schule unterstützen das Romanische, welches 1990 von 91 % und 2000 von 86 % der Einwohnerschaft verstanden wird. Die Entwicklung der vergangenen Jahrzehnte zeigt untenstehende Tabelle:

Sprachen in Lavin
Sprachen Volkszählung 1980 Volkszählung 1990 Volkszählung 2000
Anzahl Anteil Anzahl Anteil Anzahl Anteil
Deutsch 33 18,13 % 38 20,65 % 40 22,99 %
Rätoromanisch 147 80,77 % 145 78,80 % 132 75,86 %
Einwohner 182 100 % 184 100 % 174 100 %

Religionen und Konfessionen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Bürger des Orts wechselten bereits 1529 unter dem Einfluss des Bündner Reformators Philipp Gallicius zur protestantischen Lehre.

Herkunft und Nationalität[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Von den Ende 2010 220 Bewohnern waren 197 Schweizer Bürger.

Politik[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der ehemalige Gemeinderat bestand aus fünf Personen. Der Gemeindepräsident war bis 2014 Linard Martinelli (Stand 2010).

Wirtschaft[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Früher lebte die Bevölkerung von Viehzucht, Getreideanbau, Holzexport und von Solddiensten. Heutzutage ist die Landwirtschaft immer noch wichtig, jedoch arbeitet eine Mehrheit der Bevölkerung in Handwerks- und Dienstleistungsberufen. Zwei Hotels und einige Ferienwohnungen dienen einem sanften, nachhaltigen Tourismus mit Schwerpunkten Radfahren, Wandern und Langlaufen.[1]

Verkehr[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Bahnhof Lavin 2008
Bahnhof Lavin 1913

Lavin liegt an den Bahnstrecken Scuol-Tarasp – Pontresina und Chur – Scuol-Tarasp der Rhätischen Bahn und an der Hauptstrasse 27 vom Engadin zur Landesgrenze und weiter nach Landeck in Tirol.

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Bei Las Muottas auf der Südseite des Inns fand Hans Conrad in den Jahren 1938/39 eine Siedlungsstelle, bei der Keramikfragmente und andere Fundstücke aus der mittleren Bronzezeit zu Tage gefördert wurden. Die Gegend wurde also bereits früh bewohnt. Das verlassene Dorf Gonda wurde erstmals 1160 erwähnt, die heutige ehemalige Gemeinde ebenso im 12. Jahrhundert mit dem Namen Lawinis. Lavin wurde erst im 13. oder 14. Jahrhundert ein geschlossenes Dorf, bis 1325 war es nach Ardez kirchgenössig. Danach wurde es gemeinsam mit dem Nachbarort Susch kirchlich betreut und ist seit 1422 eine eigene Pfarrei. Die ehemalige Gemeinde wurde 1499 und auch 1621/1622 während der Bündner Wirren von österreichischen Truppen zerstört. 1480–1500 wurde die Kirche San Güerg mit bedeutenden spätgotischen Malereien errichtet, die 1529 überstrichen und erst 1955–1956 anlässlich einer Renovation wieder freigelegt wurden.[1]

Im Jahr 1529 nahmen Lavin und der Nachbarort Guarda unter dem Wirken des Reformators Philipp Gallicius die Reformation an. 1652 kaufte sich der Ort von der österreichischen Herrschaft los. Bis 1851 gehörte Lavin zur Gerichtsgemeinde Untertasna und war auch Landsgemeindeort des Kreises. Die Bewohner lebten von Viehwirtschaft, Getreidebau, Holzexport und Solddiensten. Am Lavinuozbach entstanden Gewerbebetriebe und Verhüttungsanlagen für die im 18. Jahrhundert geförderten Kupfererze.

1869 brannten 68 Häuser bei einem Dorfbrand nieder; das Dorf hatte damals um die 300 Bewohner, die obdachlos wurden. Das heutige Dorfbild ist geprägt durch den nur teilweise erfolgten Wiederaufbau in neuer, grosszügiger Bauweise mit flachen Dächern. 1900 lebten noch 242 Personen in Lavin. 1913 erhielt das Dorf eine RhB-Station. Nach dem Zweiten Weltkrieg nahm die Bevölkerung weiter ab, bis 1970 noch 155 Personen dort wohnten, seither konnte eine leichte Zunahme verzeichnet werden. 1971 wurde eine Umfahrungsstrasse gebaut. 1999 wurde der Eisenbahntunnel Vereina eröffnet, dessen Südportal mit Autoverladestation sich auf Laviner Boden befindet. Im Jahr 2000 hatte Lavin 174 Einwohner, gut die Hälfte der Erwerbstätigen arbeitete im 3. Sektor.[2]

Der Dorfbrand von 1869[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Um 14.30 Uhr des 1. Oktobers 1869 brach im Haus des Lureng Bisatz ein Feuer aus; heute liegt hier die bekannte Bäckerei Giacometti. Ursache war ein defekter Telegraph. Vom heftigen Wind genährt, geriet innert einer Stunde der ganze Dorfteil nördlich des Lavinuoz-Baches in Brand. Verschont blieben nur die Kirche und zwei benachbarte Häuser.

Viele Männer waren damals an der Viehausstellung in Samedan; und die unzulänglich ausgerüstete Feuerwehr vermochte den Brand der Häuser mit leicht entflammbaren Holzschindeldächern in der verschachtelten Struktur des Dorfes aus dem 17. und 18. Jahrhundert nicht einzudämmen. 68 Häuser brannten vollständig nieder, drei ältere Bewohner kamen im Feuer um; gegen 300 Personen wurden obdachlos. Der Schaden betrug etwa 700.000 Schweizer Franken, eine folgende Sammlung erbrachte 67.207 Schweizer Franken.

Am 20. März 1870 nahm die Gemeindeversammlung die dritte Fassung eines Wiederaufbauplans an. An Stelle der 68 abgebrannten Häuser sollte – vorwiegend von italienischen Arbeitern aus der Lombardei – nur etwa die Hälfte im italienischen Stil neu aufgebaut werden. Die neuen Bauvorschriften des Kantons bestimmten das grosszügige heutige Aussehen des neuen Dorfteils. Bezirksingenieur Rudolf von Albertini und Nicolaus Hartmann arbeiteten den Gestaltungsplan aus. Strassenbreiten von 4.5 bis 5 Metern, ein minimaler Gebäudeabstand von 6.2 Metern sowie Bestimmungen über Brandmauern, Kamine und Bedachungen sollten künftige Dorfbrände verhindern. Der italienische Architekt Giovanni Sottovia entwarf das Gemeindehaus und ein weiteres Gebäude.

Während des Zweiten Weltkriegs wurde das Dorf mit dem Bau der Sperrstelle Lavin zu einer Festung.

Erstmals im Kanton Graubünden wurden in Lavin flache „Holzcementdächer“ gebaut, die etwa zehnmal weniger Holz benötigen als die mit Holzschindeln gedeckten Satteldächer.[1][3]

Sehenswürdigkeiten[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Die vom Brand verschonte Laviner Dorfkirche stammt aus der Spätgotik und beherbergt Fresken aus der Zeit der Spätgotik und Frührenaissance.
  • Plazza gronda[4].
  • Altes Schul- und Gemeindehaus[5]
  • Auf dem Weg nach Guarda liegen die Ruinen von Gonda.
Panoramabild, bei der Dorfkirche links beginnend bis zum RhB-Bahnhof rechts

Kultur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Hotel Piz Linard

In der Tradition der Übernamen der Engadiner Dörfer heissen die Einwohner Lavins ils stranglavachas (deutsch: «die Kuhwürger»).

Persönlichkeiten[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Philipp Gallicius (1504–1566), Theologe, Reformator 1529 in Lavin und Kirchenlieddichter
  • Oscar Peer (1928–2013), Schriftsteller und Philologe

Sonstiges[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Seenplatte von Macun auf dem Gemeindegebiet von Lavin ist Teil des Schweizerischen Nationalparks.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Erwin Poeschel:Die Kunstdenkmäler des Kantons Graubünden III. Die Talschaften Räzünser Boden, Domleschg, Heinzenberg, Oberhalbstein, Ober- und Unterengadin. (= Kunstdenkmäler der Schweiz. Band 11). Hrsg. von der Gesellschaft für Schweizerische Kunstgeschichte GSK. Bern 1940. DNB 760079625.
  • Die Gemeinden des Kantons Graubünden. Rüegger, Chur / Zürich 2003, ISBN 3-7253-0741-5.
  • Jürg Wirth: Ein Ferienort stellt sich vor: Lavin. Gammeter, St. Moritz und Scuol 2014

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Lavin – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. a b c Jürg Wirth: Ein Ferienort stellt sich vor: Lavin. Gammeter, St. Moritz und Scuol 2014
  2. Paul Eugen Grimm: Lavin. In: Historisches Lexikon der Schweiz.
  3. Geschichte Lavin
  4. Plazza gronda
  5. Altes Schul- und Gemeindehaus