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Leïla Slimani

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Leïla Slimani (2025)

Leïla Slimani (* 3. Oktober 1981 in Rabat, Marokko[1]) ist eine französisch-marokkanische Schriftstellerin und Journalistin. Für ihren Roman Chanson douce wurde sie 2016 mit dem Prix Goncourt ausgezeichnet.

Slimani ist die mittlere dreier Töchter des Ökonomen Othman Slimani und der HNO-Ärztin Béatrice-Najat Dhobb Slimani.[2] Ihr Vater war zeitweise Regierungsminister und später Banker; als Slimani 20 Jahre alt war, wurde er im Zusammenhang mit einem Finanzskandal verhaftet und inhaftiert, starb jedoch vor Prozessbeginn und wurde später postum entlastet.[3] Ihre Großmutter, Anne Ruetsch (1921–2015), stammte aus dem Elsass und übersiedelte nach dem Zweiten Weltkrieg mit ihrem marokkanischen Ehemann nach Meknès in Marokko.[4]

Slimani besuchte das Lycée Descartes in Rabat, eine französische Sekundarschule mit weltweit überdurchschnittlichem Niveau. 1999 ging sie nach Paris und studierte Medien und Politik am Institut d’études politiques de Paris und an der ESCP Europe. Nach ihrem Studium besuchte sie den Cours Florent und versuchte sich kurzzeitig als Schauspielerin. In Paris empfand sie es später als beschämend, sich gegenüber Franzosen dafür rechtfertigen zu müssen, dass sie kein Arabisch sprach, und deutete diese Erfahrung als Teil einer Identität, die ihr stärker von außen zugeschrieben wurde als von ihr selbst.[5] Schreiben beschrieb sie in diesem Zusammenhang als Möglichkeit, sich von solchen Zuschreibungen zu lösen und ihrer brüchigen, unvollkommenen Identität Nuancen hinzuzufügen.[5]

Sie arbeitete seit 2008 als Journalistin für das Magazin Jeune Afrique, für das sie über nordafrikanische Themen berichtete.[1][6] Ein erster literarischer Manuskriptentwurf wurde zunächst vielfach abgelehnt, bevor sie ihren Debütroman veröffentlichte.[3] 2014 veröffentlichte sie mit Dans le jardin de l’ogre ihren ersten Roman, der in Marokko mit dem Prix de La Mamounia ausgezeichnet wurde.[7] In Dans le jardin de l’ogre, auf Deutsch All das zu verlieren, nahm Slimani bereits Themen wie sexuelle Selbstbestimmung, bürgerliche Doppelleben und weibliche Transgression auf.[3] Zwei Jahre später folgte der psychologische Thriller Chanson douce. Der Roman knüpft an reale Fälle tödlicher Gewalt durch Kinderbetreuerinnen an und erzählt nach einem schockartigen Anfang rückwärts von Klasse, Herkunft und Mutterschaftsängsten.[3] Er entwickelte sich mit einer Auflage von mehr als 76.000 Exemplaren innerhalb von zweieinhalb Monaten bereits vor seiner Auszeichnung mit dem Prix Goncourt zu einem Bestseller.[8][9] Mit der Auszeichnung wurde Slimani als erste Marokkanerin mit dem Prix Goncourt geehrt.[3] Innerhalb eines Jahres nach der Veröffentlichung wurden insgesamt 600.000 Exemplare verkauft.[2] Im Jahr 2019 kam die Verfilmung des Romans in die französischen Kinos, in der Karin Viard die Hauptrolle übernahm.

In ihrem Sachbuch Sexe et Mensonges sammelte Slimani Aussagen von Frauen über deren verdeckte Sexualleben und positionierte sich zu Abtreibung und sexueller Freiheit.[3] Im November 2017 ernannte Emmanuel Macron sie zur persönlichen Vertreterin des französischen Präsidenten für die Frankofonie; in dieser Funktion sollte sie Frankreich im Ständigen Rat der Internationalen Organisation der Frankofonie vertreten und für die französische Sprache, Mehrsprachigkeit sowie gemeinsame Werte werben.[10]

Zwischen 2020 und 2025 erschien Slimanis autobiographisch gefärbte Trilogie Le Pays des autres über drei Generationen einer marokkanisch-französischen Familie. Der erste Band ist lose von der Geschichte ihrer Großeltern inspiriert: einem marokkanischen Soldaten, der im Zweiten Weltkrieg für Frankreich kämpft, und einer Elsässerin, die nach der Ehe mit ihm nach Marokko zieht.[11] Band 1 hatte „Marokkos Weg nach dem Zweiten Weltkrieg bis zur Unabhängigkeit von Frankreich 1956 im Blick“, Band 2 von 2022 „die späten 60er Jahre bis Mitte der 70er Jahre, in der Zerrissenheit zwischen kolonialem Erbe und einer autoritären Monarchie“.[12] Band 3, J’emporterai le feu (Trag das Feuer weiter) spielt in den 1980er bis 2000er Jahren und zeigt eine neue Generation, die zwischen Tradition und Globalisierung steht. Der Abschlussband folgt zwei Schwestern bei der Suche nach Identität, Zugehörigkeit und Aufbruch und führte Slimani nach eigenen Angaben besonders nah an die Geschichte ihres Vaters heran.[3] Auch dieser Roman ist durch die Figur des Vaters Mehdi autobiografisch gefärbt, der wie Slimanis Vater ins Gefängnis muss; aber anders als die Autorin ist die Protagonistin Mia lesbisch, wodurch Thesen aus ihrem Buch Sexe et Mensonges (Sex und Lügen) literarisch aufgearbeitet werden.[13]

2021 zog Slimani mit ihrer Familie nach Lissabon, um dort in Ruhe an ihrer Romantrilogie arbeiten zu können.[14][15] Im Jahr 2025 wurde sie beim 78. Filmfestival von Cannes als Jurymitglied des Hauptwettbewerbs ausgewählt.[16] 2026 nahm Slimani an der internationalen Literaturresidenz Writing the Prado im Museo del Prado in Madrid teil, einem vom Prado und der Loewe Foundation in Zusammenarbeit mit Granta en Español getragenen Programm.[3] Während ihres Aufenthalts setzte sie sich besonders mit Francisco de Goyas Schwarzen Gemälden auseinander, die sie als Bilder menschlicher Enttäuschung und gesellschaftlicher Abgründe las.[3] Ebenfalls 2026 veröffentlichte sie bei Gallimard den Essay Assaut contre la frontière, in dem sie ihr Verhältnis zum Arabischen, zu Darija und zur Erfahrung sprachlich gebrochener Identitäten untersucht.[5] In Interviews beschreibt Slimani Literatur als Mittel gegen Dogmatismus und als Ort der Nuance, der sich einfachen Identitätszuschreibungen entzieht.[3]

Im deutschsprachigen Raum erschien 2017 neben der deutschen Übersetzung von Chanson douce (als Dann schlaf auch du bei Luchterhand)[17] und der Trilogie Le Pays des autres auch ihre Kurzgeschichte Dornröschen in der Anthologie L’amour toujours – toujours l’amour? Junge französische Liebesgeschichten.[18]

Dokumentationen

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Commons: Leïla Slimani – Sammlung von Bildern

Einzelnachweise

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  1. 1 2 Alexandra Schwartzbrod: Leïla Slimani. «Madame Bovary X» Libération, 29. September 2014.
  2. 1 2 Lauren Collins: The Killer-Nanny Novel That Conquered France, in: The New Yorker, 1. Januar 2018, abgerufen am 8. Februar 2018.
  3. 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 Nadia Khomami: ‘Writing is exactly like love – you need to do it in the dark’: novelist Leila Slimani on why literature is erotic. In: The Guardian. 27. Mai 2026, abgerufen am 27. Mai 2026 (englisch).
  4. Littérature. Leïla Slimani fait revivre sa grand-mère alsacienne. In: lalsace.fr. 5. März 2020, abgerufen am 7. Mai 2026 (französisch).
  5. 1 2 3 Agence France-Presse: Leïla Slimani ausculte son rapport à la langue arabe avec son nouveau livre. In: France 24. 18. März 2026, abgerufen am 27. Mai 2026 (französisch).
  6. Wichtigster französischer Literaturpreis: Leïla Slimani mit Prix Goncourt ausgezeichnet Spiegel Online, 3. November 2016.
  7. Dark novel on female sex addiction wins prize in Morocco France 24, 29. September 2015.
  8. Prix Goncourt für Leïla Slimani (Memento vom 4. November 2016 im Internet Archive) In: Luzerner Zeitung, 3. November 2016.
  9. Benoit Morenne: Leïla Slimani Wins Prix Goncourt, France’s Top Literary Award New York Times, 3. November 2016.
  10. Entretien avec Mme Leïla Slimani. In: elysee.fr. 6. November 2017, abgerufen am 27. Mai 2026 (französisch).
  11. Meena Kandasamy: Leïla Slimani Tells the Story of Her Interracial Grandparents in Post-WWII Morocco. In: The New York Times. 10. August 2021, abgerufen am 27. Mai 2026 (englisch).
  12. Kai Nonnenmacher: Hippies in Marokko: zu Leïla Slimani, Le Pays des autres 2: Regardez-nous danser. In: Rentrée littéraire: französische Literatur der Gegenwart. 7. Februar 2022, abgerufen am 17. Februar 2022.
  13. Kai Nonnenmacher: Leïla Slimani: die Wahrheit den fantasielosen Familien. In: Rentrée littéraire: Die französische Literatur der Gegenwart. 1. Februar 2025, abgerufen am 1. Februar 2025.
  14. Leïla Slimani: „Contar histórias é a melhor forma de dizer a verdade“. In: Jornal Expresso. Abgerufen am 4. November 2023 (europäisches Portugiesisch).
  15. Leïla Slimani – Die Leidenschaftliche. Der Spiegel 39/2022
  16. The Jury of the 78th Festival de Cannes. In: Festival de Cannes. 28. April 2025, abgerufen am 27. Mai 2026 (englisch).
  17. Rezension von Carola Ebeling: Vertraue nie deiner Babysitterin zeit.de, 10. November 2017.
  18. Übersetzt von Paula Rauhut, in: Annette Wassermann (Hrsg.): L’amour toujours – toujours l’amour? […] Verlag Klaus Wagenbach, Berlin 2017, ISBN 978-3-8031-2776-1, S. 141–149.
  19. Assaut contre la frontière de Leïla Slimani. In: Gallimard. 19. März 2026, abgerufen am 27. Mai 2026 (französisch).