Leben des vergnügten Schulmeisterlein Maria Wutz in Auenthal

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Zur Navigation springen Zur Suche springen
Jean Paul um 1797
* 1763 † 1825

Leben des vergnügten Schulmeisterlein Maria Wutz in Auenthal ist eine Erzählung von Jean Paul, die, 1790[1] geschrieben, im Januar 1793[2], in den Roman Die unsichtbare Loge eingelegt, erschien.

Inhalt[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Erzähler hat das Ende des Schulmeisterleins Wutz miterlebt. So erzählt er von Wutzens „Leben und Sterben“, das „so sanft und meeresstille“ gewesen war. Wutz war sein Leben lang bettelarm, so arm, dass er sich kein Buch kaufen konnte.

Aber er besorgt sich den Leipziger „Meßkatalog“ und schreibt seine Bücher eigenhändig. Unter anderem gelangen auf diesem Wege in sein Bücherregal: Lavatersphysiognomische Fragmente“, „Schillers Räuber, Kants Kritik der reinen Vernunft“ und die „Cookische Reise“. Als geborener Lebenskünstler konstruiert Wutz jeden Morgen eine rosige Zukunft. Aber nur für den kommenden Tag. Also hat er immer etwas, auf das er sich freuen kann. Und wenn es einmal schlimm kommt und er nichts zu lachen hat, dann freut er sich einfach nur auf den Abend. Wenn er dann glücklich in den Federn liegt, so spricht er zu sich: „Siehst du, Wutz, es ist doch vorbei.“ Er begehrt – wie gesagt – nie mehr als die Gegenwart, ist mit dem Wenigen zufrieden, das er hat, bleibt lebenslang in dem Haus, das er als Schulmeister bewohnen darf, liebt seine Justina (von den Auenthalern Justel genannt), die er heiraten darf. Justina ist sein zweites Ich, mit dem er am Sonntag spazieren geht. Eine Freude reiht sich in diesem einfachen Leben an die nächste. Wutzens „Lebensbeschreiber“ – der Erzähler – hat keinerlei Mühe mit seiner kleinen Biographie. Er kann das meiste – diese „Brennpunkte menschlicher Entzückung“ – aus Wutzens Manuskript „Werthers Freuden“ abschreiben. Manchmal hört Wutz „in seiner tanzenden taumelnden Phantasie nichts als Sphärenmusik“. Kurz gesagt, Wutz beherrscht eine große Kunst – schifft fröhlich über seinen „verdünstenden Tropfen Zeit“.

Plötzlich vollführt der Lebensbeschreiber einen gewaltigen Zeitsprung: Wutz liegt auf dem Gottesacker in seinem "verrasetem[3] Grab". Der Biograph war zu Wutz an das Bett geeilt, nachdem der Schlag dem Kranken die linke Seite gelähmt hatte. „Vorausfreuen“ vermag sich Wutz nicht mehr. So freut er sich zurück. Es glückt. „Die Strahlen der auferstehenden Kindheit“ spielen. Der Biograph wacht am Krankenbett und befürchtet, in der Nacht würde sich der Schlag wiederholen. Das geschieht nicht. Der Schlag tut Wutz den Gefallen und lässt ihn nicht im Finstern sterben. Der Biograph kennt die betreffende Stelle aus Wutzens Papieren: An einem heiteren Tag soll die Seele durch die geschlossenen Augen die Sonne sehen, wenn sie aus dem vertrockneten Leib in das weite blaue Lichtmeer draußen steigt. Wutzens allerletzter Traum im Leben ist: „Er schwankte als ein Kind sich auf einem Lilienbeete, das unter ihm aufgewallet“ und ihn emporhebt „durch goldne Morgenröten über rauchende Blumenfelder“ weg.

So kann der Lebensbeschreiber vom Schulmeisterlein Wutz sagen: „Als er noch das Leben hatte, genoß ers fröhlicher wie wir alle.“

Selbstzeugnis[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Als in der Unsichtbaren Loge vom Auenthaler Schulmeister Sebastian Wutz die Rede ist, gesteht Jean Paul in einer Fußnote: „Den ganzen Lebenslauf seines Vaters, Maria Wutz, hab' ich dem Ende des zweiten Bandes beigegeben. Allein ob er gleich eine Episode ist, die mit dem ganzen Werke durch nichts zusammenzuhängen ist als durch die Heftnadel und den Kleister des Buchbinders: so sollte mir doch die Welt den Gefallen erweisen und ihn sogleich lesen nach dieser Note.“[4]

Rezeption[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • „Schulmeisterlein Wutz“ umfasse nach Friedrich Hebbel den „ganzen Succus[5] des echten Jean Paul“[6].
  • Ueding weist auf den Qualitätsverlust eines Lebens hin, das, wie im Falle Wutz, im „Kindheitsparadies“ verharren möchte[7].
  • Nach Walter Höllerer ist Wutz „das Gegenteil“ eines „Spießerideals“[8].
  • Wutz überwinde die widrigen äußeren Umstände mit seiner „inneren Kraft“[9].
  • De Bruyn nennt „dieses herrliche Stück Prosa eine Anleitung zum Überleben“ und bewundert die „mit Wehmut getränkte Heiterkeit, die liebevolle Ironie“[10].
  • Nach Ortheil wolle Jean Paul den Leser wegführen von den „Modetorheiten“, von den „großen tragischen Stoffen“. Die Erzählung sei Medizin gegen „fiebrige Lebensunruhe“. Gleichzeitig müsse jedoch bedacht werden, nicht jeder sei ein Wutz[11].
  • „Trotzig“ halte Wutz, bei allem Jammer, an seiner Würde fest[12].
  • Zeller geht auf eine Relation des Textes zur Französischen Revolution ein[13].

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Quelle
  • Norbert Miller (Hrsg.): Jean Paul: Leben des vergnügten Schulmeisterlein Maria Wutz in Auenthal. Eine Art Idylle. In: Jean Paul: Sämtliche Werke. Abteilung I. Erster Band. S. 422–462. Wissenschaftliche Buchgesellschaft Darmstadt. Lizenzausgabe 2000 (© Carl Hanser München Wien 1960 (5.,korr. Aufl. 1989), ISBN 978-3-446-10745-8). 1359 Seiten. Mit einem Nachwort von Walter Höllerer (S. 1313–1338), Bestellnummer 14965-3
Ausgaben
  • Jean Paul: Leben des vergnügten Schulmeisterlein Maria Wutz in Auenthal. Eine Art Idylle. Insel-Taschenbücher 1685. 102 Seiten (4. Aufl. 8. November 2007), ISBN 978-3-458-33385-2
  • Jean Paul: Leben des vergnügten Schulmeisterlein Wutz. Nachwort und Anmerkungen von Jürgen Drews. Reclams Universal-Bibliothek 18522. 64 Seiten. November 2007, ISBN 978-3-15-018522-3
Audio-CD
Vertonungen
Sekundärliteratur
  • Günter de Bruyn: Das Leben des Jean Paul Friedrich Richter. Eine Biographie. Halle (Saale) 1975, ISBN 3-596-10973-6
  • Gerhard Schulz: Die deutsche Literatur zwischen Französischer Revolution und Restauration. Teil 1. Das Zeitalter der Französischen Revolution: 1789–1806. 763 Seiten. München 1983, ISBN 3-406-00727-9
  • Hanns-Josef Ortheil: Jean Paul. Reinbek bei Hamburg 1984, ISBN 3-499-50329-8
  • Werner Wilhelm Schnabel: Erzählerische Willkür oder säkularisiertes Strukturmodell? Jean Pauls „Leben des vergnügten Schulmeisterlein Maria Wutz in Auenthal“ und die biographische Form. In: Athenäum. Jahrbuch für Romantik 11 (2001), S. 139–158.
  • Gert Ueding: Jean Paul. München 1993, ISBN 3-406-35055-0
  • Christoph Zeller: Allegorien des Erzählens. Wilhelm Raabes Jean-Paul-Lektüre. Metzler, Stuttgart 1999, ISBN 3-476-45218-2.
  • Gero von Wilpert: Lexikon der Weltliteratur. Deutsche Autoren A–Z. S. 306. Stuttgart 2004, ISBN 3-520-83704-8

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Verweise auf eine Literaturstelle sind gelegentlich als (Seite, Zeile von oben) notiert.

  1. Wilpert, S. 306
  2. Ortheil (49,16)
  3. von „Rasen“ (Gras)
  4. Quelle (181, 33)
  5. succus (lat.): Saft
  6. zitiert von Walter Höllerer im Nachwort der Quelle (1332, 25)
  7. Ueding, S. 57/58
  8. Quelle (1332, 22)
  9. Schulz (337, 29)
  10. De Bruyn, S. 121/122
  11. Ortheil, S. 41 unten
  12. Ortheil (42,15)
  13. Zeller (98,2)