Lebenslüge

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Eine Lebenslüge ist eine Selbsttäuschung, auf der jemand sein Leben aufbaut.[1] Sie ist eine beliebige Vorstellung, deren Fürwahrhalten, so unbegründet oder ungereimt sie auch sein mag, einem Menschen das Dasein erträglich macht und aus der er den Mut schöpft, weiterzuleben.[2]

Als Lebenslüge wird somit eine Unwahrheit bezeichnet, die jemand während seines Lebens als Wahrheit bezeichnet und so behandelt, obwohl er das Gegenteil kennt oder kennen müsste.

Begriffsprägung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Begriff wurde von dem Dramatiker Henrik Ibsen Ende des 19. Jahrhunderts eingeführt.[3] Er prangerte damit scheinheilige Verlogenheit, Doppelmoral und krampfhaftes Festhalten am schönen Schein an, was in seiner Sicht typisch war für das Bürgertum seiner Zeit.

„Nehmen Sie einem Durchschnittsmenschen die Lebenslüge, und Sie nehmen ihm zu gleicher Zeit das Glück.“

Relling: Ibsens "Die Wildente"

Institutionen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Auch Institutionen kann man Lebenslügen zuschreiben:

  • Manche bezeichnen es als eine „Lebenslüge der (Nachkriegs-)Bundesrepublik“, die alten Eliten und Institutionen des Reichs (zum Beispiel das Auswärtige Amt) seien trotz der Usurpierung der Macht durch Hitler im Kern „anständig“ geblieben und hätten sogar „Schlimmeres verhütet“.
  • Vor dem Fall der Mauer bezeichneten ab 1956 einige Autoren und Politiker, darunter Fritz René Allemann, Burghard Freudenfeld, Gollo Mann, Egon Bahr und Willy Brandt, das Streben nach Wiedervereinigung als eine „Lebenslüge der Bundesrepublik“. Ihnen ging es hauptsächlich darum, dass ein Deutschland in den Grenzen von 1937 keiner deutschen Wirklichkeit mehr entsprach und somit die Diskussion um ein mögliches Zusammengehen von BRD und DDR nicht auf dieser Basis geführt werden konnte.[4][5]
Willy Brandt auf dem Parteitag der SPD am 18. Dezember 1989 in Berlin:
«Wir können helfen, daß zusammenwächst, was zusammengehöhrt. Eine Wiedervereinigung von Teilen, die so noch nie zusammen waren, wird es nicht geben; eine Rückkehr zum „Reich“ erst recht nicht. Das und nichts anderes war die „Lebenslüge“ der 50er Jahre, an der ich ja auch mal beteiligt war, die aber weiter zu pflegen ich nicht für richtig hielt.»
  • Als „Lebenslüge“ der Zweiten Republik wird die Opferthese bezeichnet, nach deren weit verbreitetem Argumentationsmuster der Staat Österreich das erste Opfer der nationalsozialistischen Aggressionspolitik gewesen sei. Im kollektiven Gedächtnis sollte sie das Verdrängen der österreichischen Mittäterschaft an den Untaten Österreichs in der Zeit des Nationalsozialismus bewirken.
  • "Resozialisierung muss als die große Lebenslüge unsres Strafvollzugssystems bezeichnet werden" Johannes Feest, Humanismus und Strafvollzug, in: Wolfgang Stelly/Jürgen Thomas (Hrsg.) Erziehung und Strafe. Mönchengladbach 2011, S. 13.

Theater[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die tragische Toxizität einer Lebenslüge und deren schrittweise, gegen innere und äußere Widerstände vollzogene Auflösung ist Thema des „König Ödipus“ des Sophokles, der um 430 v. Chr. uraufgeführt wurde und zu den bedeutendsten Werken der Weltliteratur gezählt wird.

Filme[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Es gibt mehrere Filme, in denen es um die Entlarvung und Verarbeitung von Lebenslügen geht, unter anderem:

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Victor Chu: Lebenslügen und Familiengeheimnisse. Auf der Suche nach der Wahrheit. Kösel, München 2005, ISBN 3-466-30678-7.
  • Daniel Goleman: Lebenslügen und einfache Wahrheiten. Warum wir uns selbst täuschen. Beltz, Weinheim 1987, ISBN 3-407-85080-8.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Lebenslüge, die, Website des Duden, abgerufen am 26. Dezember 2015.
  2. Theodor Geiger: Ideologie und Wahrheit. Eine soziologische Kritik des Denkens. 2. Auflage. Luchterhand, Neuwied/ Berlin 1968, S. 84.
  3. Steffen Dietzsch: Kleine Kulturgeschichte der Lüge. Reclam, Leipzig 1998, S. 109.
  4. Gustav Norgall: Das Ende der Brüderlichkeit. In: Mittelbayerische Zeitung. 12. August 2009, abgerufen am 5. November 2014.
  5. Heinrich August Winkler: Der lange Weg nach Westen – Deutsche Geschichte: Vom «Dritten Reich» bis zur Wiedervereinigung. 7. Auflage. Band 2. C.H. Beck Verlag, München 2010, ISBN 978-3-406-66050-4, S. 472, 536.