Lebenslanges Lernen

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Lebenslanges Lernen ist ein Konzept, das Menschen befähigen soll, während ihrer gesamten Lebensspanne zu lernen. Lebenslanges Lernen setzt wesentlich auf die Selbstkompetenz, Informationskompetenz des Einzelnen und hat Aufnahme in viele bildungspolitische Programme, konservative wie progressive, gefunden.

Hintergrund[Bearbeiten]

1962 wird erstmals in den Dokumenten der internationalen Organisationen "lifelong education" als Thema geführt. Im Rahmen der damaligen UNESCO-Konferenz in Hamburg findet sich der Hinweis, dass von der Pariser Zentrale eingesetzte International Committee for the Advancement of Adult Education die Forderung "lifelong education for all" thematisiert.[1] Trotz der vielfachen Verwendung des Ausdrucks existiert derzeit keine allgemein gültige Definition. Einzelne historiographische Arbeiten haben einschlägige Ideen von der éducation permanente, lifelong education, recurrent education [2] hin zum lebenslangen Lernen [3], entlang von Expertenpapieren sowie politischen Programmatiken[4] [5] und zum Teil auch bis weit in die Ideengeschichte nachverfolgt.[6]

Schlüsseldokumente der zunächst globalen Debatte waren der Faure-Bericht [7] und der Delors-Bericht [8], später wurde eine stärkere Akzentuierung im europäischen Raum vorgenommen.[9] [10]

Deutschsprachige Bildungsdebatte und -politik[Bearbeiten]

Wissen und Fähigkeiten des (hoch)schulischen Lernens sowie der Berufsausbildung und der ersten Berufsjahre genügen - so die Annahme - zunehmend seltener, um eine dreißig bis vierzig Jahre lange Berufslaufbahn zu bewältigen und aktiv an der Gesellschaft zu partizipieren. Schon während und vielmehr noch nach der Schule und Berufsausbildung wird nicht nur durch Teilnahme an Veranstaltungen der Weiterbildung gelernt. Mit dem Lernen in der alltäglichen Lebensführung und durch die wechselnden Arbeitsbedingungen und -anforderungen sowie infolge der Ansprüche einer sich ständig im Wandel befindlichen Gesellschaft bilden sich darüber hinaus auch neue Formen des informellen Lernens sowie neue, weniger an die berufliche Erstausbildung, sondern an bestimmte formelle und informelle innerorganisatorische Lernprozesse geknüpfte Karrierepfade heraus. Auch der ehrenamtliche Bereich bzw. das Freiwilligen-Engagement sowie der private, familiäre Bereich wird als lern- oder kompetenzförderliche Umgebung benannt.

Lebenslanges Lernen hat in den letzten Jahrzehnten steigende Aufmerksamkeit erhalten und Einzug in viele bildungspolitische Forderungen und Konzepte (Curricula) gefunden. Die Europäische Kommission legte daraufhin ein Memorandum über lebenslanges Lernen vor, das die Förderung der aktiven Staatsbürgerschaft und der Beschäftigungsfähigkeit hervorhebt.[11] Auch im Regierungsprogramm Österreichs ist 2004 die Zielsetzung des „lebensbegleitenden Lernens“ ein Schwerpunkt und es wurde eine interministerielle Strategie bis 2020 ausgearbeitet [12]. Das deutsche Bundesministerium für Bildung und Forschung schrieb 2004: „Lebenslanges Lernen hilft, den Zusammenhalt in der Gesellschaft zu stärken und Ausgrenzung so weit wie möglich zu vermeiden. Im Rahmen einer Gesamtstrategie soll das Ziel verfolgt werden, die Bildungsteilhabe zu erhöhen, allen Menschen mehr Chancen zur persönlichen, ihren Begabungen entsprechenden gesellschaftlichen und beruflichen Entwicklung zu ermöglichen und den Standort Europa mitzugestalten“.[13]

In diesem Zusammenhang ist das Projekt ProfilPASS zu sehen, das im Rahmen der Machbarkeitsstudie „Weiterbildungspass mit Zertifizierung informellen Lernens“ von der Bund-Länder-Kommission für Bildungsplanung und Forschungsförderung (BLK) zur Förderung des lebenslangen Lernens entwickelt wurde.

Trotz dieser vielfältigen Bezüge auf den Begriff des lebenslangen Lernens ist es nicht möglich, eine allgemein gültige Definition davon zu geben, was genau damit gemeint ist – zum Beispiel die Forderung nach einer größeren Durchlässigkeit des Bildungssystems oder die Möglichkeit der Zertifizierung informell erworbener Kenntnisse.

Kritik[Bearbeiten]

Die Forderung nach „Bereitschaft zum lebenslangen Lernen“ ist auch auf scharfe Kritik gestoßen. Diese Kritik stellt diese Forderung in den Kontext der Reduktion von Bildung auf die „Optimierung von Lernprozessen im Hinblick auf deren Relevanz für ökonomisch verwertbare Arbeit“ (Erich Ribolits[14]), der auch die Diskussion über die Ergebnisse der Pisa-Studie prägt. Welche Inhalte jeweils angeeignet werden sollen, entscheidet der Markt bzw. das Arbeitsamt. Die allseits erhobene Forderung nach Flexibilität des „Humankapitals“ erscheint dieser Kritik als Forderung nach vorauseilendem Gehorsam.

„Endgültig angesagt ist der Abschied von jener seit Luther noch immer in den Köpfen der Menschen herumspukenden Vorstellung, dass die berufliche Tätigkeit eines Menschen etwas mit dessen ‚Eignung und Neigung‘ – mit seiner ‚Berufung‘ – zu tun haben sollte. Heute gilt es dagegen, die wahllose Vermarktung seiner selbst für selbstverständlich zu halten und widersinnigerweise, trotz des immer schnelleren Veraltens der Qualifikationen, alles daranzusetzen, qualifikatorisch ‚am Ball zu bleiben‘. Ziel heutiger Bildung ist die Akzeptanz des post-fordistischen Legitimationsmusters, dass das Recht der Partizipation an den prinzipiell knappen Früchten der gesellschaftlichen Arbeit nur jenen zusteht, die ihre grundsätzliche Austauschbarkeit akzeptiert haben und, aus diesem Bewusstsein heraus, sich permanent um ihre weitere und bessere Vermarktbarkeit bemühen.“

Erich Ribolits[14]

Dieser Kritik zufolge ist, entgegen den offiziellen Versicherungen, eine der Funktionen des Schlagworts „lebenslanges Lernen“ gerade die Legitimation von Ausgrenzung. Wer es nicht schafft, sich permanent anzupassen oder nicht dazu bereit ist, ist selbst schuld.

Ideengeschichte[Bearbeiten]

Lebenslanges Lernen wird vielfach als politische Programmatik angesehen, die anhaltende Anpassungsleistungen von Individuen in einem sich zunehmend beschleunigenden technologischen und sozialen Wandel fordert und zum anderen hierfür Instrumente der Unterstützung thematisiert oder fordert.

Entgegen dieser Lesart findet man auch historiografische Untersuchungen zu einem lebenslangen Lernbegriff. Etwa wird lebenslanges Lernen als ein kulturelles Phänomen in den Kontext gottesdienstlicher Ordnung judaistischer Lebensführung gestellt [15] oder als Auftrag an die Christenmenschen aus dem reformatorischen Verständnis Luthers.[16] In den Schlüsseldokumenten zum lebenslangen Lernen, wie dem Faure- und dem Delors-Bericht oder im Memorandum der Europäischen Kommission, finden sich tatsächlich immer auch Hinweise auf soziale Dimensionen des Lernens und auf den erwarteten Beitrag zur Verbesserung der Partizipation an gesellschaftlichen und politischen Prozessen. Die dort gezeichneten Verständnisse moderner Subjektivität im (post-)industriellen Zeitalter zielen dabei nicht auf Fortschrittsdenken in Gestalt der Dienstbarmachung der Natur oder auf Rekapitulation von Kultur ab.

Ein dem LLL-Konzept zugrundeliegendes Subjektverständnis, das seinen Ursprung im amerikanischen Transzendentalismus und Pragmatismus hat und demokratische und plurale Gesellschaften durch individuelle und kollektive Erfahrung ermöglichen will, lässt sich aber auch als Gegenkonzept zum Begriff Bildung verstehen. Es steht am Beginn der Konzeptionen zu Beginn des 20sten Jahrhundert [17] und wird erst seit kurzem im deutschsprachigen Diskurs aufgegriffen.[18]

Siehe auch[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Hausmann, Gottfried. (1972). Einleitung Lengrand, Paul: Permanente Erziehung. München-Berlin: Verlag Dokumentation, S. 17
  2. OECD/CERI. (1973). Recurrent Education. A Strategy for Lifelong Learning. A Clarifying Report. Paris.
  3. OECD (Ed.). (1996). Lifelong Learning for All. Paris: OECD Publishing.
  4. Kraus, Katrin. (2001). Lebenslanges Lernen - Karriere einer Leitidee. Bielefeld: W. Bertelsmann.
  5. Strzelewicz, Willy. (1984). Lebenslanges Lernen als Bildungsaufgabe in sozialhistorischer Sicht. In Horst Ruprecht & Gerhard-H. Sitzmann (Eds.), Erwachsenenbildung als Wissenschaft (Akten des Kongresses der Weltenburger Akademie. Bd. 12) (pp. 29-53). Wellenberg.
  6. Ledl, Andreas. (2006). Eine Theologie des lebenslangen Lernens. Studien zum pädagogischen Epochenwandel bei Luther (Vol. Band 24). Berlin: LIT Verlag.
  7. Faure, Edgar; Herrera, Felipe; Kaddoura, Abdul-Razzak; Lopes, Henri; Petrovsky, Arthur V.; Rahnema, Majid & Ward, Frederik Champion: Learning to Be. The World of Education Today and Tomorrow.. UNESCO, 1972.
  8. Delors, Jacques: Learning: The Treasure within. Report to the UNESCO of the International Commission on Education for the Twenty-first Century. UNESCO, 1996.
  9. Europäische Kommission. (1995). Lehren und Lernen. Auf dem Weg zur kognitiven Gesellschaft. Weißbuch zur allgemeinen und beruflichen Bildung.
  10. Europäische Kommission. (2000). Memorandum über Lebenslanges Lernen (Arbeitsdokument der Kommissionsdienststellen) SEK(2000) 1832.
  11. Helle Becker: Politische Bildung in Europa. Bundeszentrale für politische Bildung, 6. November 2012, abgerufen am 22. Februar 2013.
  12. http://www.bmukk.gv.at/medienpool/20916/lllarbeitspapier_ebook_gross.pdf
  13. http://www.bmbf.de/de/411.php, Stand November 2004
  14. a b Erich Ribolits: Die Arbeit hoch? Berufspädagogische Streitschrift wider die Totalverzweckung des Menschen im Post-Fordismus, München und Wien: Profil 1995. Seite 13a und Seite 168f.b
  15. Goldman, Israel M. (1975). Lifelong Learning among Jews. Adult Education in Judaism form Biblical Times to the Twentieth Century. New York: Ktav Pub Inc.
  16. Ledl, Andreas. (2006). Eine Theologie des lebenslangen Lernens. Studien zum pädagogischen Epochenwandel bei Luther (Band 24). Berlin: LIT Verlag.
  17. Yeaxlee, Basil A. (1929). Lifelong Education. London, Toronto, Melbourne and Sydney: Cassell
  18. Schlögl, Peter. (2014). Ästhetik der Unabgeschlossenheit. Das Subjekt des Lebenslangen Lernens. Bielefeld: transcript.