Lehmputz

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Fachwerkausfachung mit Lehmputz in verwittertem Zustand.

Der Begriff Lehmputz bezeichnet einen Mörtel aus Lehm, der als Putz für Gebäudeflächen im Innen- und Außenbereich dient. Die Verwendung von Lehmputz zählt zu den ältesten Bautechniken der Menschheit, da der Baustoff weit verbreitet, leicht verfügbar und einfach zu verarbeiten ist. In Mitteleuropa ist er erstmals bei Häusern der ungarischen Körös-Kultur nachgewiesen.[1]

Als natürlicher Baustoff mit günstigen Eigenschaften ist der Lehmputz seit Ende des 20. Jahrhunderts in das Zentrum der Aufmerksamkeit von Bauherren, Architekten und Innenausstattern geraten. Der Einsatz von Lehmputzen bei der Gestaltung von Innenräumen und Außenwänden erzeugt durch spezielle Anwendungsformen eine dekorative Wirkung, so etwa als farbiger Dekorputz.

Arten[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Lehmputze können nach ihrer Schichtstärke, nach ihrer Verarbeitung, nach dem Werkzeug, mit dem sie aufgebracht werden, oder nach ihrem Einsatzbereich unterschieden werden.

  • Tonputz Schichtstärke zwischen 1 und 30 mm. Kann händisch (traditionell mit der Kelle aufgetragen) oder maschinell bearbeitet werden. Durch sehr cremige Konsistenz ist die Verarbeitung ähnlich dem Gipsputz. Einziger Lehmputz, der als Einlagenputz verarbeitbar ist.
  • Beim Einlagenputz beträgt die Schichtstärke zwischen 7 und 10 mm, der Putz wird mit Putzmaschine oder Hand aufgetragen und mit Stuckateurwerkzeugen wie dem Reibebrett oder Kartätsche verzogen. Einsatzgebiete sind Vollputz und Tonputz.
  • Der Grundputz dient als Unterputz und wird 5 bis 35 mm dick aufgetragen, Regelstärke ist etwa 12–15 mm. Auch Grundputz ist maschinengängig, er kann also vor dem Verziehen mit einer Putzmaschine aufgetragen werden. Bei der Verwendung von Containerware ist auch der Einsatz von Silomischpumpen möglich.
  • Feinputz ist ein fester Oberputz in Schichtstärken bis 5 mm, meist mit zusätzlichen Bindemitteln wie z.B. Cellulose, Kasein, Methylcellulose oder Gummi-Aribicum. Die Oberfläche wird gerieben oder geglättet.
  • Mit der Hand angebracht wird der Spachtelputz in Schichtstärken von 1 bis 2 mm. Er ist ein Dekorputz. Zum Auftrag wird ein so genannter „Venezianischer Glätter“ verwendet, eine spezielle, leicht konisch geformte Kelle mit abgerundeten Ecken oder eine Japankelle. Dekorputze können farbig sein, rein weiß oder dunkelgrau, mit oder ohne Zuschlagstoffe, die ästhetische Effekte hervorrufen.
  • Streichputz ist ein Dekorputz, kann weiß, farbig oder sogar dunkelgrau sein und wird in einer nur 0,1 mm dünnen Schicht mit der Lasurbürste aufgetragen. Häufig werden dem Dekorputz Stroh, Pflanzenfasern oder Steine beigemischt, die nach dem Freiwischen optische Akzente setzen und zusätzlichen Bindemitteln wie z. B. Kasein, Methylcellulose oder Gummi-Aribicum.
  • Mineralputz ist eine besondere Rezeptur aus Lehm und besonderen Sanden mit einer guten Festigkeit auch ohne pflanzliche Zuschlagstoffe wie z. B. Strohhäcksel. Er ist maschinengängig und silofähig. Die Verarbeitungszeiten sind kürzer als bei Lehmputzen mit pflanzlichen Zuschlagstoffen. Er eignet sich als Grund- und Deckputz. Er kann von Putzern ohne besondere Lehmerfahrung aufgebracht werden. Die Oberfläche kann naturbelassen bleiben, gestrichen oder tapeziert werden. Wichtig ist darauf zu achten, dass der Mineralputz oder auch Lehmputz oder Edelverputz aus Lehm, unvergütet bleibt um die Eigenschaften des Lehms nicht einzuschränken.
  • Harl ist eine spezielle Lehmputztechnik bei der auf die frische Lehmschicht eine Kieselsteinschicht aufgebracht wird.

Bestandteile[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Lehmputz besteht aus Ton, Sand und Schluff (Feinstsande). Er härtet durch die besonderen strukturellen Eigenschaften des Tons allein durch Verdunstung von Wasser und haftet durch mechanische Verkrallung am Untergrund. Die feinen plättchenförmigen Tonbestandteile wirken dabei als Verbund beziehungsweise als „Klebstoff“.

Zur Verbesserung der Eigenschaften wie Verarbeitbarkeit, (Riss)festigkeit, Haftung, Abrieb- und Feuchtigkeitsbeständigkeit und Oberflächenstruktur oder zur Einfärbung von Oberputzen werden dem Lehmputz je nach Einsatzbereich verschiedene Materialien beigemischt. Dazu gehören beispielsweise Pigmente; Gesteinsmehle wie Marmormehl; Fasern wie Zellulose, gehäckseltes Stroh oder Heu, Kuh- oder Pferdedung, Tierhaare; eiweißhaltige Stoffe wie Molke, Quark, Tierblut; (hydraulische) Bindemittel wie Silikate, Kalk oder Zement.[2][3]

In manchen Trockengebieten der Subtropen wird der Lehmputz traditionell über die gesamte Außenhaut des Hauses inklusive des Dachs gezogen. Um die Widerstandsfähigkeit gegenüber den seltenen aber oft heftigen Niederschlägen zu erhöhen, werden dem Lehm verschiedene organische (Faser)Stoffe oder heutzutage auch Zement beigemischt.[4] In manchen Regionen wird der Putz nach dem Auftrag durch Schlämmen oder Sperranstriche auf pflanzlicher Basis oder durch die Mischung mit Teer witterungsbeständiger gemacht.[5]

Bautechnische Eigenschaften[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Lehmputz ist wasserlöslich. Im Außenbereich ist er damit in niederschlagsreichen Regionen Einschränkungen unterworfen. In Innenräumen dagegen besitzt der Lehm besonders durch seine feuchtigkeitsregulierenden Eigenschaften viele Vorteile gegenüber konventionellem, zementgebundenem Putzmörtel.

Die hohe Bindekraft des Lehms, welche er als Rohstoff bereits aufweist, kann zusätzlich durch die Beigabe von Pflanzenstärke und Fasermaterial (Stroh, Schilf, Pferdedung, Zellulose) verbessert werden. Wie bei anderen Baustoffen (beispielsweise Kalk- oder Gipsmörtel, Beton) sorgt eine ausgewogene Sieblinie für eine widerstandsfähige, harte Oberfläche von hoher Festigkeit. Bei geeigneter Verarbeitung ist der Einsatz von Lehmputz selbst in Badezimmern außerhalb des Spritzwasserbereiches möglich.

Einfluss auf das Raumklima[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Grundsätzlich wirken sich alle Wandbeschichtungen auf das Raumklima aus: diffusionsoffene, also „dampfdurchlässige“ Beschichtungen, kapillarleitfähig ausgeführt, ermöglichen es, dass dahinter liegende Wandschichten Feuchtigkeit aufnehmen und wieder abgeben können. In Verbindung mit der Eigenschaft des Lehmputzes, sehr viel Feuchtigkeit aufzunehmen (bis zu neunmal mehr als Gips), bildet sich ein Klimapuffer an der Wand, der Feuchte aufnimmt und sie bei geringer Luftfeuchtigkeit wieder abgibt. Lehmputze stehen mit diesen Eigenschaften im Gegensatz zu sogenannten „filmbildenden“ Oberflächen wie Dispersionsfarbe und Latexfarbe, die wenig oder keine Feuchte in dahinterliegende Schichten hindurchlassen.

Den größten Einfluss auf die Fähigkeit des Lehmputzes für die Klimapufferwirkung hat die Fläche der verputzten Wand. Die Schichtstärke des Lehms ist bei der Nutzung von Räumen von nachrangiger Bedeutung, denn mehr als 80 % der Feuchtigkeit wird zunächst in den oberen zwei Millimetern der Lehmwand gebunden.[6] Lediglich 10 mm sind bei „normalem Wohnverhalten“ für die „Klimapuffer-Wirkung“ relevant, da die Reaktionsfähigkeit starker Putzlagen (> 20 mm) zu träge ist, um auf die ständig wechselnde Raumluftfeuchte reagieren zu können.

Lehm speichert Wärme (in Abhängigkeit von der eingebauten Menge) und aufgrund der hohen spezifischen Wärmekapazität sind Lehmwände in der Lage Temperaturunterschiede auszugleichen. Die Wärmeleitfähigkeit beträgt 0,47… 0,93 W/m·K.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Gernot Minke: Handbuch Lehmbau – Baustoffkunde, Techniken, Lehmarchitektur, 7. Auflage, Ökobuch, Staufen bei Freiburg 2009, ISBN 978-3-936896-41-1
  • Wolfgang Lenze: Fachwerkhäuser, restaurieren – sanieren – modernisieren. Materialien und Verfahren für eine dauerhafte Instandsetzung. 3. erweiterte Auflage. Fraunhofer-IRB, Stuttgart 2004, ISBN 3-8167-6431-2.
  • Ulrich Röhlen, Franz Volhard: Lehmbau Regeln. Begriffe – Baustoffe – Bauteile. 3. überarbeitete Auflage. Vieweg + Teubner, Wiesbaden 2009, ISBN 978-3-8348-0189-0, (Praxis).
  • Ulrich Röhlen, Christof Ziegert: Lehmbau-Praxis Planung und Ausführung. 1. Auflage. Bauwerk, Berlin 2010, ISBN 978-3-89932-125-8

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Alasdair Whittle (Hrsg.): The Early Neolithic on the Great Hungarian Plain: investigations of the Körös culture site of Ecsegfalva 23, County Bekes. Varia Archaeologica Hungarica XXI, Budapest, 2007. 810 S. ISBN 978-963-7391-90-3
  2. Backe, Hiese: Baustoffkunde. Werner Verlag, 2004, ISBN 3-8041-4459-4
  3. Informationen der Fachagentur Nachwachsende Rohstoffe e. V. (FNR)
  4. Zawde Berhane: Rigours of the humid tropics. Witterungseinflüsse auf Bauten in feuchtem Tropenklima. In: Zeitschrift Batiment international. Building research and practice, ISSN 0182-3329, Nr.1/2, 1985, Seite 52–54, Abb.,Lit.
  5. Franz Kröger: Materielle Kultur und traditionelles Handwerk bei den Bulsa (Nordghana)
  6. Gernot Minke: Lehmbau Handbuch. ökobuch, 1. Aufl. 1994, ISBN 978-3-936896-41-1.