Leipziger Wingolf

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Leipziger Wingolf (LW)

Wappen Zirkel
Alternativtext zum Wappen Alternativtext zum Zirkel
Basisdaten
Hochschule/n: Universität Leipzig
Gründung: 9.7.1855
Gründungsort: Leipzig
Korporationsverband: Wingolfsbund
Farben: schwarz-weiß-gold

Konkneipanten: schwarz-weiß auf goldenem Grund

Art des Bundes: Männerbund
Stellung zur Mensur: nichtschlagend
Wahlspruch: Δι' ἕνος πάντα
Di henos panta! (griech.: Durch einen (Jesus Christus) alles!)
Mitglieder insgesamt: 100
Aktive: 25
Website: www.leipziger-wingolf.de

Der Leipziger Wingolf ist eine christliche, farbentragende und nichtschlagende Studentenverbindung in der Universitätsstadt Leipzig. Er ist die älteste nichtschlagende Verbindung in Sachsen und Mitglied im Wingolfsbund, dem ältesten Korporationdachverband in Deutschland.

Wahlspruch und Prinzipien[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Wahlspruch des Leipziger Wingolfs lautet:

„Δι’ ἕνος πάντα“ - „Di hénos pánta“

(altgriech.: Durch einen – Jesus Christus – alles!), entlehnt der Bibelstelle Phil 4,13 Lut

Als seine drei Prinzipien sieht der Leipziger Wingolf das Christentum, das Farbenstudententum und die Ablehnung von Duell und Mensur.

Couleur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Leipziger Wingolf trägt die Farben schwarz-weiß-gold mit silberner Percussion. Er führt kein Fuxenband. Das Konkneipantenband ist schwarz-weiß auf goldenem Grund.

Die Mütze des Leipziger Wingolfs ist eine schwarze Tuchmützen in Tellerform mit weißer Paspel. Sowohl Mütze als auch Tönnchen haben im Steg die Farben in umgekehrter Reihenfolge (gold-weiß-schwarz von oben gelesen). Bis 1935 wurden vereinzelt auch Stürmer getragen.

Im Bier- und Weinzipfel werden neben den Farben des Leipziger Wingolfs auch die Farben der Wittenbergia Leipzig (grün-gold-grün) geführt.

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Gründungszeit bis zur Etablierung (1854–1865)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Zeichnung des Wappens der Wittenbergia (1856)

Nachdem sich im Wintersemester 1854/55 vier in Leipzig studierende Erlanger Wingolfiten trafen und einen Kommers des Hallenser Wingolfs besuchten, entstand die Motivation zur Gründung einer Wingolfsverbindung in Leipzig. Dies wurde am 9. Juli 1855 realisiert und mit einer Andacht zu 1 Thess 5,14-18 Lut vollzogen. Die hierzu notwendige Anerkennung beim Universitätsgericht der Alma Mater Lipsensis wurde hingegen versagt, da vermutete burschenschaftliche Tendenzen und die neuartige Verwerfung von Duell und Mensur den Frieden innerhalb der Studentenschaft empfindlich stören könnten. Da sich das Universitätsgericht auch von Einsprüchen und Widerlegungen nicht umstimmen ließ, entschied man sich zur Gründung einer Verbindung „Wittenbergia Leipzig“ in den Farben grün-gold-grün, welche ein vereinfachtes Prinzip und pro forma keinen Bezug zu anderen Wingolfsverbindungen aufwies. Nach erfolgreicher Bestätigung des Universitätsgerichts wurde diese am 21. Januar 1856 offiziell gegründet. Unter der Hand bestanden die Verhältnisse zum Gesamtwingolf jedoch weiter, die Wittenbergia trat noch im gleichen Jahr ins Freundschaftsverhältnis ein. Dieses Verhältnis wurde dem Universitätsrektor von ehemaligen Mitgliedern der Wittenbergia mitgeteilt. Daraufhin wurden einige Mitglieder inhaftiert, das Archiv wurde beschlagnahmt. Obwohl die Wittenbergia vom Vorwurf staatsfeindlicher Tendenzen freigesprochen wurde, war die Verbindung ihrer Lebenskraft beraubt, die folgenden Semester gestalteten derartig schwierig, dass sich die Wittenbergia 1858 vorläufig und im darauf folgenden Jahr endgültig vertagte.

Die Farben der Wittenbergia änderte man 1857 in grün-weiß-gold. Diese Farbgebung findet sich bis heute im Herzschild des Wappens wieder.

Stifter des Leipziger Wingolfs von 1865

Als sich 1861 mit der Burschenschaft Alemannia eine christliche Studentenverbindung in Leipzig etablieren konnte, sah man den Boden geebnet, einen neuen Gründungsversuch zu wagen. Dieser gelang nach einigen vorbereitenden Maßnahmen am 29. Juni 1865 mit einer Andacht zu Ps 103 Lut. Dieses Datum galt bis zur 1931 erfolgten Rückdatierung (auf den 9. Juli 1855 s. o.) als Stiftungsdatum des Leipziger Wingolfs. In der Folgezeit etablierte sich die junge Verbindung sowohl im Leipziger interkorporativen Umfeld als auch im Wingolfsbund. Hierbei ist vor allem der intensive Austausch mit dem Hallenser Wingolf zu erwähnen.

Kaiserreich bis zum Ende des Ersten Weltkrieges (1871–1918)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Leipziger Wingolf 1881

Bei den theologischen und politischen Streitfällen innerhalben des Wingolfsbundes, welche die die Zeit des Kaiserreichs prägten, fiel dem Leipziger Wingolf eine bedeutende Rolle zu. Die dogmatisch-strenge und konsequente Haltung führten zu regelmäßigen Zerwürfnissen, vor allem mit den eher liberal geprägten Bruderverbindungen des Hallenser und dem Marburger Wingolf. Unter zwei Vorortschaften des Leipziger Wingolfs wurde die Auflösung des Wingolfsbundes vollzogen (1877 und 1885). Kurz vor der zweiten Auflösung kam es 1884 jedoch innerhalb des Leipziger Wingolfs zu einer Abspaltung der sogenannten Verbindung "Vitebergia Leipzig", die am Erhalt des Dachverbandes interessiert war. Die Spaltung wurde jedoch bereits ein Semester später aufgehoben.

Der Austausch mit anderen Leipziger Verbindungen war rege, vor allem mit der christlichen Verbindung Nordalbingia Leipzig.

Leipziger Wingolfshaus 1912

In diese Zeit fällt auch die Gründung der Philisterverbände: 1891 der Philistervereinigung des Leipziger Wingolfs, 1902 des westsächsischen und 1913 des ostsächsächsischen Philisterverbandes. Ersterer war vor allem für die Frage eines dauerhaften Quartiers der aktiven Verbindung notwendig geworden. Durch einige Spendenmaßnahmen konnte man sich ab 1902 ins „Rosentalcasino“ einmieten. Zwischen 1906–1912 erwarb der Leipziger Wingolf eine Etage im „Zum Kaffeebaum“. Die unbefriedigenden Erfahrungen führten zum Wunsch nach einem eigenen Haus. Die zahlungskräftige Unterstützung ermöglichte 1912 den Hauserwerb in der Pestalozzistraße 1 (heute Telemannstraße) im Leipziger Musikviertel.

Der Erste Weltkrieg brachte starke Einschränkungen, sodass sich die Verbindung zwischen 1917–1919 vertagen musste. 41 Leipziger Wingolfiten fielen während des Krieges.

Weimarer Republik und Drittes Reich (1919–1945)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Am 21. Mai 1919 wurde der Leipziger Wingolf wiedergegründet. Die Weimarer Zeit brachte der Verbindung einen starken Zulauf. Ab 1923 wurde das Format der Mütze zu einer Hinterhauptcouleur geändert.

Confuxia in den 20er Jahren

Die Zeit des NS-Regimes war von zahlreichen Repressalien geprägt. Durch das 1933 eingeführte Führerprinzip wurde die Verbindung ihrem basisdemokratischen Element, durch den sog. Arierparagraphen ihrer jüdisch-stämmigen Mitglieder beraubt. Die Umfunktionierung des Wingolfshauses 1934 als Wohnkameradschaft brachte eine große Kluft zwischen jüngeren und älteren Mitgliedern. Die stetigen Forderungen der Diktatur ermöglichten keinen geregelten Aktivenbetrieb mehr, sodass sich die Verbindung am 31. Oktober 1935 auflöste.

Der Zweite Weltkrieg kostete 22 Leipziger Wingolfiten das Leben.

Die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg (1949–2000)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Couleurkarte des Kieler und des Leipziger Wingolfs

Die sozialistische Diktatur stellte sich als erklärter Gegner des als reaktionär und elitär empfundenen Verbindungswesens dar. Ein aktives Verbindungsleben war verboten: Treffen wurden untersagt, Couleurgegenstände beschlagnahmt. Obwohl sich zwischen 1948–1953 ein Philisterkreis traf, musste die Gründung des "Verein[s] der Leipziger Philister" am 27. Mai 1953 daher in der Bundesrepublik erfolgen. Die Bewahrung der Tradition durch eine Patenschaft übernahm im gleichen Jahr der Kieler Wingolf, welcher von Leipziger Philistern finanziell unterstützt wurde.

Das Wingolfshaus wurde enteignet und um 1968, obwohl höchstwahrscheinlich vom Krieg verschont, abgerissen.

Zwischen 1972 und 1991 fanden regelmäßige Treffen der Leipziger Philister in Mainz statt.

Das Band des Leipziger Wingolfs wurde zwischen 1961 und 2000 an dem Leipziger Wingolf nahestehende Personen verliehen.

Wiedergründung und Gegenwart (ab 2001)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Derzeitige Konstante

Auf Eigeninitiative von sieben Leipziger Studenten wurde am 1. Februar 2001 der Leipziger Wingolf wiedergegründet. 2003 wurde dieser Vollmitglied im Wingolfsbund.

2001 mietete sich die Verbindung in einer Wohnung in der Breitkopfstraße 20 ein, ab 2004 bewohnte man den Olympia- und den Universitätsflügel der Gohliserstraße 11. Seit 2011 ist eine Hochparterrewohnung in der Friedrich-Ebert-Straße 71 die Konstante des Leipziger Wingolfs. Ein Förderverein betreibt ebenda ein Studentenwohnheim. Von 2013 bis 2014 fand eine umfangreiche Comment- und Satzungsrevision statt.

Besonderheiten[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Beziehungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Leipziger Wingolf ist Mitglied der Ostkreuz-Konvention, einer regelmäßigen Zusammenkunft der Wingolfsverbindungen in den neuen Bundesländern.

Seit 2011 unterhält er freundschaftliche Beziehungen zur KDStV Germania, Mitglied im CV und der Rudelsburger Allianz.

Erwähnung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In dem Gedicht „Simplicissimus-Träume“ (1910) von Joachim Ringelnatz wird der Leipziger Wingolf als Gast in der überfüllten Studentenkneipe „Simplicissimus“ in München erwähnt:

„(…) Und der Lärm ward toller und immer toller

Und der Simpel voller und immer voller,

Und draußen standen noch zwanzig Soldaten,

Die schwer betrunken sich Einlass erbaten.

Aber: ‚Es ist noch viel Platz, nur immer herein!‘

Ein Turn- und ein Männergesangverein,

Eine lustige Damenkapelle aus Wien,

der Leipziger Wingolf, ein Chor aus Berlin,

Schon wurden sie schichtweis‘ untergebracht,

Da kam noch ein Bote zur späten Nacht.

Die Rosa Luxemburg, die ließ sagen,

Ein Jungfrauenbund wolle gern hier tagen (…)“[1]

Bekannte Mitglieder (Auswahl)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Albrecht Alt (1883–1956), evangelischer Theologe, Professor für Altes Testament, Propst der Erlöserkirche in Jerusalem
  • Johannes Biernatzki (1849–1935), evangelischer Pfarrer und Kunsthistoriker
  • Hans Bluntschli (1877–1962), Schweizer Anatom
  • Theodor Braun (1833–1911), evangelischer Pfarrer, Generalsuperintendent der Neumark und Niederlausitz in der altpreuß. Kirchenprovinz Brandenburg
  • Eduard Büchsel (1917–1980), deutscher Organist, Kantor und Kirchenmusikdirektor
  • Friedrich Delitzsch (1850–1922), Assyrologe, Mitbegründer und Förderer der Deutschen Orientgesellschaft
  • Karl Eberhardt (1884–1980), württembergischer Ministerialdirektor
  • Wilhelm Eichhorn (1846–1923), evangelischer Pfarrer und Rektor der Diakonie Neuendettelsau
  • Heinz Erich Eisenhuth (1903–1983), evangelischer Theologe und Pfarrer, Professor für Systematische Theologie, Superintendent von Eisenach
  • Hans-Werner Gensichen (1915–1999), evangelischer Theologe, Missions- und Religionswissenschaftler, Professor Religionsgeschichte und Missionswissenschaft
  • Hermann Volrath Hilprecht (1859–1925), deutsch-amerikanischer Archäologe und Assyriologe, Begründer der Hilprecht-Sammlung Vorderasiatischer Altertümer
  • Fritz Hommel (1854–1936 in München), Orientalist, Professor für semitische Sprachen
  • Friedrich Högner (1897–1981), Organist und Kirchenmusiker, Landeskirchenmusikdirektor der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern, Professor an der Staatlichen Hochschule für Musik in München
  • Ludwig Ihmels (1858–1933), evangelischer Theologe und Pfarrer, Professor für Dogmatik, erster Landesbischof der Landeskirche Sachsens
  • Robert König (1828–1900), Philologe, Schriftsteller und Zeitschriftenredakteur
  • Alfons Kreußel (1910–1963), evangelischer Pfarrer, Politiker (CSU)
  • Johannes Kuhlo (1856–1941), evangelischer Pfarrer, Begründer der Posaunenmission
  • Georg Leibbrandt (1899–1982), russisch-deutscher Dolmetscher, Bürokrat und Diplomat, Teilnehmer der Wannsee-Konferenz
  • Christhard Mahrenholz (1900–1980), evangelischer Theologe, Liturgie- und Musikwissenschaftler
  • Johannes Meinhof (1859–1947), evangelischer Pfarrer und Superintendent von Halle
  • Johannes Müller (1864–1949), evangelischer Theologe, führender Judenmissionar
  • Albrecht Oepke (1881–1955), evangelischer Theologe, Professor an der Universität Leipzig
  • Hugo Reich (1854–1935), evangelischer Pfarrer, Gründer der Kreuznacher Mission
  • Gerhard Ritter (1888–1967), Historiker, Professor für Geschichte, Begründer des Deutschen Historikerverbandes
  • Theodor Schäfer (1846-1914), evangelischer Theologe, Pionier der Körperbehindertenfürsorge
  • Martin Schmidt (1883–1964), evangelischer Theologe und Pfarrer, Professor für evangelische Religionswissenschaft
  • Ernst Sellin (1867–1946), evangelischer Theologe, Professor für Altes Testament, Pionier der Biblischen Archäologie
  • Gerhard Tolzien (1870–1946), evangelischer Theologe, Volksmissionar und Landesbischof von Mecklenburg-Strelitz
  • Friedrich Ulmer (1877–1946), evangelischer Theologe und Pfarrer, Professor für Praktische Theologie, Präsident des Martin-Luther-Bundes
  • Friedrich Wiegand (1860–1934), evangelischer Theologe, Professor für Kirchengeschichte

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Leipziger Wingolf – Album mit Bildern, Videos und Audiodateien

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Johannes Beyrich: Geschichte des Leipziger Wingolfs, in: Hans Waitz (Hrsg.): Geschichte der Wingolfsverbindungen, Verlag des Verbands alter Wingolfiten Darmstadt 1914, S. 611–669
  • Michael Doeberl/ Alfred Bienengräber (Hrsg.): Das akademische Deutschland, Band 2: Die deutschen Hochschulen und ihre akademischen Bürger, Berlin 1931. S. 933.
  • Verband Alter Wingolfiten (Hrsg.): Geschichte des Wingolfs 1830–1994, Hannover 1998
  • Hans Waitz: Geschichte des Wingolfbundes aus den Quellen mitgeteilt und dargestellt. Darmstadt 1896, 2. Aufl. 1904, 3. Aufl. 1926
  • Aus dem Leipziger Wingolf. Winter–Semester 1924–25, Leipzig 1925
  • Festschrift des Leipziger Wingolf zum 60. Stiftungsfeste. 1865–1925, Leipzig 1925
  • Klein Paris IX. - Festschrift des Leipziger Wingolfs zum 150. Stiftungsfest, Leipzig 2005
  • Leipziger Wingolf. Verbindungsgeschichte, in: Aus dem Wingolf. Eine Blütenlese, Als Manuskript gedruckt, Halle an der Saale 1875, S. 341–382

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Joachim Ringelnatz: Simplicissimus-Träume. In: Walter Pape (Hrsg.): Das Gesamtwerk in sieben Bänden. Band 2. Zürich 1994, S. 135.