Lenné-Dreieck

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Luftbild von 1989. Unter der Spitze links von der Mitte die M-Bahn-Endstation Kemperplatz[1]

Als Lenné-Dreieck wird die Fläche zwischen Lennéstraße, Bellevuestraße und Ebertstraße am Potsdamer Platz im Berliner Ortsteil Tiergarten (Bezirk Mitte) bezeichnet. Dieser inoffizielle Name kommt von der Lennéstraße; diese wiederum ist benannt nach Peter Joseph Lenné, der im 19. Jahrhundert den Großen Tiergarten zum Landschaftspark umgestaltet hatte. Bekanntheit erlangte das Areal durch den an dieser Stelle kuriosen Grenzverlauf zwischen Ost- und West-Berlin, da es zwar westlich der Mauer lag, aber zu Ost-Berlin gehörte, und seine Besetzung im Jahr 1988 durch politische Aktivisten. Heute befinden sich hier das Beisheim Center und der Henriette-Herz-Park.

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Vor der Teilung Deutschlands[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Columbushaus, 1932: links Bellevuestraße, rechts Ebertstraße
Beisheim-Center von der Bellevuestraße aus, links die Lennéstraße
Glasarchitektur im Lenné-Dreieck, Ecke Ebert-/Lennéstraße

Entstanden ist die Fläche mit der Erweiterung der Berliner Stadtmauer um 1735. Nördlich vor dem Potsdamer Tor wurde ein Exerzierplatz angelegt, der durch die Akzisemauer (heute: Ebertstraße), die Allee nach Charlottenburg (heute: Bellevuestraße) und den Kanonenweg (heute: Lennéstraße) begrenzt war. Ein vergleichbarer, aber erheblich größerer Exerzierplatz entstand vor dem Brandenburger Tor – der heutige Platz der Republik. Unter Friedrich II. wurde das Gelände am Potsdamer Tor allerdings als zu klein für die militärischen Übungen befunden. Der König schenkte es 1749 als Schulgarten der Ökonomisch-Mathematischen Realschule, geleitet durch Johann Julius Hecker.

Um 1825 war die Schulbotanik Vergnügungslokalen[2] gewichen. Bald darauf entstanden auf dem Gelände Villen in Fortsetzung des „Geheimratsviertels“. In den Gründerjahren ab 1870 wurden sie durch repräsentative viergeschossige Hotels und Geschäftshäuser ersetzt. Ein architekturgeschichtlicher Höhepunkt war 1931 das Columbushaus von Erich Mendelssohn als Eckgebäude zwischen Bellevuestraße und Ebertstraße. Dieses Hochhaus sollte der Auftakt einer völligen Neugestaltung des Potsdamer Platzes werden.[3]

Während der Teilung Deutschlands[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im Rahmen einer Reform der Verwaltungsbezirke war das Lenné-Dreieck am 1. April 1938 vom damaligen Bezirk Tiergarten zum Bezirk Mitte gekommen. Während der Teilung Berlins gehörte das Grundstück deshalb zu Ost-Berlin. Im kriegsbeschädigten Columbushaus wurde eine Dienststelle der Volkspolizei eingerichtet, die beim Aufstand des 17. Juni 1953 gestürmt und angezündet wurde. Als damit das letzte Gebäude des Lenné-Dreiecks unbenutzbar geworden war, wurde es abgerissen und 1956/1957 die gesamte Ruinenfläche des Lenné-Dreiecks eingeebnet. 1961 wurde die Berliner Mauer im Verlauf der Ebertstraße errichtet. Am vor der Mauer liegenden Lenné-Dreieck wurde hingegen von der DDR der eigentliche Grenzverlauf nur durch einen einfachen Zaun dargestellt. Dieser Zaun wurde von West-Berlinern an mehreren Stellen niedergetreten. So entstanden Trampelpfade als Abkürzung über das zu Ost-Berlin gehörende Territorium.

Am 31. März 1988 wurde eine Vereinbarung zwischen West-Berlin und der DDR über einen Gebietstausch geschlossen, durch den 96,7 Hektar (zu denen das Lenné-Dreieck gehörte) mit Wirkung zum 1. Juli 1988 an West-Berlin gingen. Die DDR erhielt im Gegenzug Grundstücke mit einer Gesamtgröße von 87,3 Hektar und eine Ausgleichszahlung von 76 Millionen Mark. West-Berlin wollte auf dem Lenné-Dreieck eine Verbindungsstraße (laut den ursprünglichen Plänen ein Teilstück der Westtangente) errichten.

Besetzung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Am 25. Mai 1988 – noch vor der Wirksamkeit der Übergabe – wurden auf der Großdemonstration zum 1. Jahrestag der Volkszählung Flugblätter mit dem Aufruf das Lenné-Dreieck zu besetzen verteilt. Einige linksalternative West-Berliner trafen am späten Nachmittag, beziehungsweise frühen Abend auf dem mit Wildwuchs bewachsenen Gelände ein und beratschlagten darüber, wie nun weiter vorzugehen sei. Sie beschlossen das Lenné-Dreieck in „Kubat-Dreieck“ umzubenennen und mit einem weiteren Flugblatt in der Stadt für weitere Unterstützer der Besetzung zu werben. Norbert Kubat war am Morgen des 2. Mai 1987 festgenommen worden. Ihm wurde Landfriedensbruch im Rahmen der Unruhen am Ersten Mai 1987 vorgeworfen. Am 26. Mai nahm sich Norbert Kubat in der Untersuchungshaft das Leben. Eine Haftverschonung war abgelehnt worden.[4][5] Im Verlauf des ersten Abends erschienen Ost-Berliner Grenzpolizisten durch die in diesem Bereich in der Mauer eingelassene Tür und wiesen die Erstbesetzer an sich an den Rand des Geländes zu begeben. Dort errichteten sie dann nach und nach ein Zelt- und Hüttendorf. Es sollte dem Schutz der dort weitgehend unberührten Natur dienen, sowie den seit langem vom Berliner Senat geplanten Stadtautobahnabschnitt der Westtangente verhindern.[6][7][8][9] Die Besetzung wurde durch die komplizierte politische Lage begünstigt: Die West-Berliner Polizei durfte das Ost-Berliner Territorium nicht betreten, sperrte es allerdings mit Metallgitterzäunen ab und versuchte die verbliebenen schmalen Zugänge am Mauerstreifen schleusenartig zu überwachen, während die Behörden der DDR an dem Konflikt nicht interessiert waren.

Mit Wirksamkeit der Übergabe am 1. Juli 1988 wurde das Lenné-Dreieck von mehreren Hundertschaften der West-Berliner Polizei geräumt. 182 Personen, Besetzer sowie abenteuerlustige Touristen kletterten als sogenannte „Mauerspringer“ über selbstgebastelte Leitern und Gittern aus der Umzäunung durch die Berliner Polizei über Barrikaden an der Mauer nach Ost-Berlin. Im Todesstreifen standen Lastwagen bereit, die die Personen aufnahmen und in eine Betriebskantine in Ost-Berlin brachten, wo sie ein Frühstück bekamen. Anschließend verließen sie in kleineren Gruppen die DDR über reguläre Grenzübergänge. Im Vorfeld der „Fluchtaktion“ hatten einige Besetzer Kontakt zur DDR aufgenommen. Der Buchautor Martin Schaad beschreibt in seinem Buch diese in Stasi-Akten festgehaltenen Kontaktaufnahmen so:

„Es gab mehrere Versuche der Kontaktaufnahme mit DDR Behörden – einmal über die SEW (Sozialistische Einheitspartei Westberlin), dann durch direkte Ansprache eines Majors der Grenztruppen und schließlich ein Telefonanruf beim Ministerium für Staatssicherheit. Die Belege für diese Vorgänge finden sich im Archiv des Bundesbeauftragten für die Unterlagen des Ministeriums für Staatssicherheit; hier besonders im Maßnahmeplan der Hauptabteilung I/GKM vom 29.6.1988, in: MfS HA I 14319, S. 31, aber auch in den Akten MfS HA IX 17457, S. 24, MfS HA XXII 242/2, S. 28, und MfS HA XXII 1702, S. 168.“

Martin Schaad: „Dann geh doch rüber“: über die Mauer in den Osten.[10]

Nach der Wiedervereinigung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Nach der politischen Wende wurde das Lenné-Dreieck vom Land Berlin übernommen und 1991 für eine D-Mark dem Warenhaus Hertie in der Absicht überlassen, dieses möge dort seine Zentrale errichten. 1994 wurde Hertie von Karstadt übernommen, wodurch Karstadt gleichzeitig Besitzer des Grundstücks am Lenné-Dreieck wurde. Der Karstadt-Konzern fühlte sich nicht an die Hertie-Zusage an den Senat gebunden und machte aus dem kostbaren Senats-Geschenk ein ertragreiches Geschäft: Dasselbe Stück Land wurde im Jahr 2000 für 145 Millionen Euro an den Metro-Eigentümer Otto Beisheim verkauft. Der Karstadt-Konzern wurde gerichtlich dazu verurteilt, dem ursprünglichen Grundstückseigentümer, der Familie Wertheim, eine Entschädigung zu zahlen.[11][12][13]

Das Lenné-Dreieck steht seit der abschließenden Neugestaltung des Potsdamer Platzes im Jahr 2004 in unmittelbarer Nachbarschaft zum Sony Center und dem Bahntower. Im östlichen Bereich wurde auf einem Großteil des Geländes das Beisheim Center errichtet, in dem sich unter anderem das Ritz-Carlton- sowie ein Marriott-Hotel befinden, in der westlich gelegen Dreiecksspitze wurde der Henriette-Herz-Park angelegt.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Lenné-Dreieck auf www.berlin.de – Gebietsaustausch
  2. Bericht von Friedrich Tietz um 1826. In: Berlinische Monatsschrift 1/1999 beim Luisenstädtischen Bildungsverein
  3. Columbushaus am Potsdamer Platz in Berlin. Erich Mendelsohn. In: Bauwelt, Jg. 22 (1931) Heft 46, Kupfertiefdruckbeilage, S. 29–32
  4. Peter Pragal: Fünf Wochen im Juni. In Berliner Zeitung, 20. Juni 1998.
  5. Rübergemacht in die DDR. In: Der Tagesspiegel, 2. Juli 2003
  6. Die Westtangente
  7. Bürgerinitiative Westtangente
  8. Westtangente: Die nie gebaute Autobahn. In: Der Tagesspiegel, 18. März 2006
  9. Die verlassene Autobahnverlängerung – das Ende der Berliner Westtangente. In: withberlinlove, 28 September 2017
  10. Ch. Links, Berlin 2009, ISBN 978-3-86153-516-4. S. 139 ff.
  11. Otto Köhler: Arisiert, betrogen, verkauft. In: der Freitag, 11. März 2005.
  12. Karstadt legt Streit mit Wertheim-Erben bei. In: Die Welt, 30. März 2007.
  13. Legitime Recht, finanzielle Interessen, historische Last. In: Berliner Zeitung, 4. März 2005

Koordinaten: 52° 30′ 39″ N, 13° 22′ 30″ O