Lethe (Mythologie)

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Lethe (altgriechisch ἡ Λήθη ē Lḗthē, deutsch ‚das Vergessen‘) ist einer der Flüsse in der Unterwelt der griechischen Mythologie.

Bedeutung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Name bedeutet Vergessen, Vergessenheit, auch im Sinne von Verborgenheit, zu altgriechisch λήθω lḗthō, deutsch ‚verborgen sein‘. Das griechische Wort für Wahrheit, ἀλήθεια alḗtheia, leitet sich von derselben Wurzel her und bedeutet eigentlich Unverborgenheit.

Man glaubte im alten Griechenland, wer vom Wasser der Lethe trinke, verliere seine Erinnerung vor dem Eingang ins Totenreich. Nach einer anderen Überlieferung mussten die Seelen aus dem Fluss trinken, damit sie sich nicht mehr an ihr vergangenes Leben erinnerten, um wiedergeboren zu werden. Wie es in der Aeneis Vergils heißt: „Die Seelen nun, denen das Fatum andere Leiber bestimmt, / schöpfen aus Lethes Welle heiteres Nass, so trinken sie langes Vergessen.“

Bekannt war noch ein anderer Fluss der Unterwelt, die Mnemosyne. Wer aus ihr trank, erinnerte sich an alles und war danach mit der Gabe der Allwissenheit ausgestattet. Hier wurden also die Dinge umgekehrt aus der Vergessenheit herausgeholt – die Wahrheit, a-lḗtheia, bildet sich aus der Verneinung des Vergessens.

Oftmals wurde sie mit dem gleichnamigen Daimon Lethe gleichgesetzt.

Orphicae Lamellae[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Bacchischem oder orphischem Kult entstammen die in Süditalien, Nordgriechenland, Kreta, Sizilien und Rom gefundenen Orphicae Lamellae („Totenpässe“) aus dem 4. Jahrhundert v. Chr., die in die Gräber gelegt wurden. Sie enthielten schriftliche Anweisungen in Versform, sollten dem Toten als Pass dienen und als Ausweis vor der unterirdischen Herrscherin Persephone, dass dieser von einem weltlichen Totengericht im Namen des Bacchus seliggesprochen wurde. Eines der Goldblättchen aus der Nähe von Lebadeia zeigt die beiden Quellen Mnemosyne und Lethe. Und im Dokument der Mnemosyne (Blättchen aus Petelia, Pharsalos, Hipponion und Entella) heißt es:

„Du wirst im Haus des Hades rechts eine Quelle finden, neben der eine weiße Zypresse steht. Dort kühlen sich die herabsteigenden Seelen der Toten. Dieser Quelle sollst du nicht nahekommen. Weiterhin wirst du das kühle Wasser finden, das aus dem Teich der Mnemosyne hervorströmt. Darüber befinden sich Wächter. Sie werden dich fragen, warum du dorthin kommst. Sprich: Ich bin ein Sohn der Erde (G≤) und des gestirnten Himmels (Uranos), aber mein Geschlecht ist himmlisch, das wisst ihr ja auch selbst. Aber ich bin ausgetrocknet vor Durst und gehe zugrunde; so gebt mir rasch das kühle Wasser, das aus dem Teich der Mnemosyne fließt. Dann werden die Könige unter der Erde Mitleid mit dir haben, und sie selbst werden dir aus der göttlichen Quelle zu trinken geben. Und wenn du dann getrunken hast, darfst du den heiligen Weg gehen, den auch die anderen berühmten Mysten und Bakchoi gehen. Dann wirst du zusammen mit den anderen Toten-Heroen ein Herrscher sein...“

Auch der in einem Heroengrab bei Thurioi, Süditalien, gefundene Spruch warnt den Toten, nicht aus dem Fluss Lethe zu trinken[1].

Spätere Bezüge auf Lethe[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

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Lethe (Trinkende) von Wilhelm Wandschneider
  • Am Ende von Platons Politeia – dem sogenannten Mythos von Er – wird von den Seelen berichtet, die an der Ebene von Lethe ankommen, durch die der Fluss Ameles (Sorglos) fließt.
  • Die Flüsse Lethe und Mnemosyne lassen sich auch am Schrein von Trophonius in Böotien finden, von denen Gläubige trinken sollten bevor sie orakelhafte Ratschläge von den Göttern erhielten.
  • In der Göttlichen Komödie wird der Fluss Lethe erwähnt. Sein Oberlauf befindet sich bei Dante im Irdischen Paradies auf der Spitze des Läuterungsberges und fließt von dort hinunter zum Erdmittelpunkt. Der Held der Göttlichen Komödie, Dante Alighieri, muss sich im Fluss Lethe waschen, bevor er das Paradies betreten darf.
  • In Shakespeares Drama Julius Cäsar ruft Antonius den Höllenfluss Lethe an, als er die mit Cäsars Blut getränkten Hände der Mörder sieht. In Shakespeares Komödie Was ihr wollt sagt Sebastian: „Füll mir den Becher, Lethe, dunkler Fluss, dass aus dem Traum ich nicht erwachen muss.“
  • In Friedrich Schillers Gedicht Hektors Abschied spielt der Fluss Lethe eine Rolle. Es wird in Schillers Drama Die Räuber von Amalia dem alten Moor vorgesungen.
  • In Goethes Drama Faust II (1. Akt, Anmutige Gegend) fordert Ariel die Geister auf, Faust „im Tau von Lethes Flut“ zu baden, damit dieser seine Erinnerungen an den Teufelspakt und seine Sünden aus Faust I vergessen könne.
  • In Hölderlins Briefroman Hyperion gibt es ebenfalls eine Erwähnung der Lethe. Dort beschreibt der Protagonist Hyperion seine Beziehung zu Diotima wie folgt: „Sie war mein Lethe, diese Seele, mein heiliger Lethe, woraus ich die Vergessenheit des Daseyns trank, daß ich vor ihr stand, wie ein Unsterblicher, und freudig mich schalt, und wie nach schweren Träumen lächeln mußte über alle Ketten, die mich gedrükt.“
  • Conrad Ferdinand Meyer schrieb ein Gedicht mit dem Titel Lethe.
  • In Jacques Offenbachs Operette Orpheus in der Unterwelt trinkt Hans Styx, der Diener des Unterweltgottes Pluto, ausgiebig vom Wasser des Letheflusses. Dementsprechend vergisst er alles.
  • Der französische Dichter Charles Baudelaire schrieb ein Gedicht mit dem Titel Le Lethe, in dem eine beliebte, aber grausame Frau als Metapher für die Vergesslichkeit, die von dem Fluss Lethe ausgeht, hergenommen wird.
  • Der Komponist und Freund Friedrich Nietzsches, Peter Gast (eigentlich: Heinrich Köselitz), hat auf einen Text von Conrad Ferdinand Meyer 1896 sein Opus 3 für Bariton und Orchester komponiert und mit dem Titel Lethe bezeichnet.
  • Wilhelm Busch deutet in seinem Gedicht Abschied an, dass sein Tod kurz bevorstehe, indem er schreibt, die Lethe fließen zu hören.
  • Der Bildhauer Wilhelm Wandschneider modellierte 1908 die Figur einer trinkenden Frau, die er Lethe nannte.
  • Bertolt Brecht lässt in seinem Drama Baal den Protagonisten einen Monolog an eine Schnapsflasche halten, die er „Lethe“ nennt.
  • Der amerikanische Autor Perry Pirsch schrieb eine Novelle mit dem Titel The River Lethe.
  • In dem Streichquartett Arcadiana, Op. 12 des Komponisten Thomas Adés ist der siebente und letzte Abschnitt mit Lethe überschrieben.
  • In Sarah Ruhls Stück Eurydice müssen alle Seelen aus Lethe trinken, woraufhin sie wie Steine werden, in ihren unhörbaren Sprachen reden und alles vergessen. Der Fluss Lethe ist das zentrale Thema des Stückes.
  • Der russische Autor Sasha Sokolov beschreibt in seinem Erstlingswerk школа для дураков ('Schule für Dumme'), das 1976 in den USA erschien, die Lethe als Ort der Selbstaufloesung, des Sich-Vergessens des Protagonisten.
  • Die Melodic-Death-Metal-Band Dark Tranquillity spielt in ihrem Song Lethe textlich auf den Verlust der Erinnerungen infolge des Trinkens aus dem mythologischen Fluss an.
  • Die Black-Metal-Band Nocte Obducta nimmt, unter anderem in ihrem 1999 erschienenen Album Lethe (Gottverreckte Finsternis), auf den Fluss Lethe Bezug.
  • In Stephen Kings Roman Das Bild muss die Protagonistin Rose McClendon eine schwierige Aufgabe bewältigen; dabei muss sie einen Fluss überqueren, von dessen Wasser sie keinesfalls trinken darf, um nicht sämtliche Erinnerungen zu verlieren. Da sie in der Vergangenheit jahrelang misshandelt wurde, denkt sie sogar kurz darüber nach, eben deshalb erst recht davon zu kosten.
  • In Dan Simmons' Buch Hyperion ist Sol Weintraubs Geschichte mit der Überschrift The River Lethe's Taste is Bitter. („Der Fluss Lethe schmeckt bitter.“) betitelt. Sols Tochter hat sich mit einer mysteriösen Krankheit namens Merlins Krankheit infiziert, welche dazu führt, dass sie zu dem Stadium ihrer Geburt zurückaltert und ihr Leben vergisst, wenn sie schläft.
  • In der Episode Der Zentralnervensystemmanipulator (engl.: Dagger of the Mind) der ersten Staffel der Fernsehserie Raumschiff Enterprise gibt es eine junge Frau namens Lethe. Lethe ist eine Verbrecherin, deren Gedächtnis gelöscht wird.
  • Im Rahmen eines Happenings erinnerte das Zentrum für politische Schönheit 2009 mit sogenannten „Lethe-Bomben“ daran, dass die Alliierten keine Luftangriffe gegen die Vernichtungslager Nazideutschlands geflogen hatten.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Reinhold Merkelbach: Die Goldenen Totenpässe: ägyptisch, orphisch, bakchisch. aus: Zeitschrift für Papyrologie und Epigraphik 128 (1999) 1–13 (PDF; 306 kB)