Letzter Mensch (Nietzsche)

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Der Philosoph Friedrich Nietzsche (1844–1900) verwendete den Begriff der letzte Mensch in seinem philosophisch-literarischen Werk Also sprach Zarathustra (1883–1885), um einen Gegensatz zu seinem Konzept des Übermenschen herzustellen. Indem er den letzten Menschen als konfliktscheu, sicherheitsfixiert und verwöhnt darstellt, kritisiert Nietzsche zugleich die Entwicklungen der (zeitgenössischen) Moderne.

Erläuterung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der letzte Mensch wird von Nietzsche/Zarathustra bewusst als Gegensatz zum Übermenschen konstruiert. Bei diesen Übermenschen handelt es sich um ein imaginäres höheres Wesen, dessen baldiges Erscheinen von Zarathustra angekündigt wird. Während der Übermensch als Idealmensch vorgestellt wird, der über das gewöhnliche Leben hinauswächst bzw. -strebt, wird der letzte Mensch dagegen als lebensmüde, uninteressiert und lethargisch beschrieben. Er will keine Risiken mehr eingehen und sucht nur noch Trost und Geborgenheit.

Zarathustra beschreibt den letzten Menschen als eine Daseinsform, der alles zu beschwerlich geworden ist, was über die direkte Bedürfnisbefriedigung und die Sicherung des eigenen Komforts hinausgeht:
„Sie [d. h. die letzten Menschen] haben die Gegenden verlassen, wo es hart war zu leben: denn man braucht Wärme. Man liebt noch den Nachbar und reibt sich an ihm: denn man braucht Wärme.
Krankwerden und Mißtrauen-haben gilt ihnen sündhaft: man geht achtsam einher.[…]
Man arbeitet noch, denn Arbeit ist eine Unterhaltung. Aber man sorgt, daß die Unterhaltung nicht angreife.
Man wird nicht mehr arm und reich: beides ist zu beschwerlich. Wer will noch regieren? Wer noch gehorchen? Beides ist zu beschwerlich.“[1]

Das Leben des letzten Menschen ist pazifistisch, komfortabel und dekadent. Es gibt keine Unterscheidung mehr zwischen Herrscher und Beherrschten, stark und schwach, Überlegenheit und Mittelmaß. Soziale Konflikte und Herausforderungen werden vermieden. Individualität und Kreativität werden unterdrückt.

In Also sprach Zarathustra schildert Zarathustra den letzten Menschen als abschreckendes Beispiel. Er möchte die Bevölkerung, zu der er spricht, dazu bringen, stattdessen den Übermensch als Ziel der Gesellschaft zu akzeptieren. Doch sein Vorhaben scheitert, Zarathustra erreicht genau das Gegenteil: Die Bevölkerung spricht sich begeistert für die komfortable Vision des letzten Menschen aus:
„Und hier endete die erste Rede Zarathustras, welche man auch ‚die Vorrede‘ heißt: denn an dieser Stelle unterbrach ihn das Geschrei und die Lust der Menge. ‚Gib uns diesen letzten Menschen, oh Zarathustra‘, – so riefen sie – „mache uns zu diesen letzten Menschen! So schenken wir dir den Übermenschen!“ Und alles Volk jubelte und schnalzte mit der Zunge.“[1]

Der letzte Mensch kann nach Nietzsche als das Ziel verstanden werden, das sich die moderne Gesellschaft und die westliche Zivilisation gesetzt haben, das Nietzsche/Zarathustra aber ablehnen. Die Gesellschaft des letzten Menschen steht im Widerspruch zum Willen zur Macht, nach Nietzsche die Haupttriebkraft der menschlichen Natur wie auch alles anderen Lebens im Universum.

„Letzter Mensch“ und „Untermensch“[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die biologistische und immoralistische Seite von Nietzsches Übermenschen-Konzeption bot dem Nationalsozialismus die Möglichkeit, seine Lehre mit der „Herrenmenschen-Ideologie“ im Sinne des nationalsozialistischen Gesellschaftsmodells gleichzusetzen. Nietzsches Ablehnung des Nationalismus wurde von den Nationalsozialisten ignoriert. Maßgeblichen Anteil an dieser Interpretation hatte vor allem Nietzsches Schwester Elisabeth Förster-Nietzsche, die unter Einfluss ihres Gatten Bernhard Förster, eines radikalen Antisemiten, im Gegensatz zu Nietzsche selbst in einem Naheverhältnis zu national-völkischen Kreisen stand. Indessen ist der von den Nationalsozialisten verwendete Gegenbegriff Untermensch nirgends in Nietzsches Werken zu finden.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Also sprach Zarathustra, Digitale Kritische Gesamtausgabe Werke und Briefen auf der Grundlage der Colli / Montinari Ausgabe, herausgegeben von Paolo D’Iorio.

Quellen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. a b Friedrich Nietzsche: Also sprach Zarathustra – Ein Buch für Alle und Keinen. In: zeno.org. Abgerufen am 15. April 2020.