Levalloistechnik

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Levalloiskern mit Abfall
Kernstein und Abschlag aus Silex, Haute-Saone

Die Levalloistechnik (auch Schildkern-Technik) war die typische Abschlagtechnik des Neandertalers bei der Bearbeitung von Feuerstein. Sie ist bereits während des Acheuléen im Vorfeld der Saaleeiszeit seit mindestens 200.000 Jahren belegt. Daher schlug Gerhard Bosinski im Jahre 1965 vor, die Epoche des Mittelpaläolithikums (= Mittlere Altsteinzeit, traditionell etwa von 100.000 bis 40.000 vor heute) bereits mit dem Auftreten der Levallois-Technik beginnen zu lassen (also vor über 200.000 Jahren).[1][2] Diese Definition des Mittelpaläolithikums hat sich seitdem auch international durchgesetzt.[3]

Als eigene Bearbeitungstechnik beschrieb sie 1909 Victor Commont.[4] Benannt wurde das Levalloisien vom französischen Archäologen Henri Breuil 1926 nach Funden in einem Vorort von Paris, Levallois-Perret. Heute wird er als Chronostufe jedoch nicht mehr verwendet. Verbreitet war diese Technik im Acheuléen, Moustérien und Châtelperronien, das heißt bis zum Ende des Mittelpaläolithikums.

Technologische Kennzeichen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Levalloiskern und bevorzugter Zielabschlag

Gekennzeichnet ist diese Technologie durch eine aufwendige Präparation des Kernsteins, bevor ein Abschlag durch einen einzelnen gezielten Schlag gewonnen werden kann (auch „Schildkern-Technik“ genannt). Die so erzielten Abschläge sind häufig sehr groß und dünn und weisen umlaufend scharfe Kanten auf. Diese Abschlagtechnik rationalisierte den Einsatz des gesuchten Rohstoffes Stein und führte zur Verfeinerung der damit hergestellten Werkzeuge. Hergestellt wurden neben den Levallois-Zielabschlägen auch Klingen, Spitzen und Schaber.

Victoria West-Technik[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Diese Technik, benannt nach einer FundsteIle in Südafrika, ist lange als Proto-Levalloistechnik angesehen worden.[5] Der Kern, von dem die Abschläge erfolgten, ist hier eher breit als lang. Eine neuere Untersuchung zeigt keine genealogischen Zusammenhänge zu Inventaren mit Levalloistechnik in Europa und bezeichnet sie treffender als Para-Levalloistechnik.[6] Daher besteht kein Anlass, die Genese der Levalloistechnik in Südafrika zu verorten.

Levallois-Spitzen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Herstellung einer Levallois-Spitze

Einige Bearbeiter sind der Ansicht, dass Levalloisspitzen die eigentlichen Zielprodukte der gesamten Levalloistechnik seien. Dabei wird auf der Abbauseite des Kerns durch gegenläufige oder gleichgerichtete Abschlagnegative ein Leitgrat angelegt, der die spitz zulaufende Form der Levalloisspitze ermöglicht.

Die Nutzung von Levallois-Spitzen für Jagdspeere kann mit einem Befund aus Syrien bewiesen werden, wo eine solche Projektilspitze noch im Wirbelknochen eines Afrikanischen Esels steckte. Der Fund wurde in Moustérien-Schichten gemacht.[7]

Zeitgleich gibt es ebenfalls in Syrien einen Nachweis von Schäftungsklebstoff an einer Levallois-Spitze. Das im Gebiet der Levante und Syrien natürlich vorkommende Bitumen bot hier einen frei verfügbaren Klebstoff, der schon vor ca. 50.000 Jahren genutzt wurde.[8]

Kritik des Levallois-Konzeptes[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Da in den vergangenen Jahrzehnten unter Levallois-Technik, der Technik des „Präparierten Kerns“, einerseits zum Teil bereits das Vorhandensein zentripetaler Abschlagnegative, andererseits lediglich der präformierte Schildkern verstanden wurde (vgl. Bordes 1980), bestand bis vor wenigen Jahrzehnten große Subjektivität in der Ansprache von Levallois-Grundformen.[9] In einem Experiment wurde 1986 ein Inventar von Ault (Nordfrankreich) von drei erfahrenen Archäologen unabhängig auf seinen Levallois-Anteil untersucht, wobei nur zu 69 % Übereinstimmung in der Ansprache erzielt wurde.[10] Es bestand also ein subjektiver Faktor bei der Klassifikation von Levallois-Grundformen gegenüber anderen Abschlagtechniken.

Fundstellen in Deutschland[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Gerhard Bosinski: Abschläge mit facettierter Schlagfläche in mittelpaläolithischen Funden. Fundberichte aus Schwaben N.F. 17, 1965, S. 5–10.
  2. Gerhard Bosinski: Die mittelpaläolithischen Funde im westlichen Mitteleuropa. Fundamenta A 4. Köln/ Graz (Böhlau), 1967.
  3. Gerhard Bosinski: The Transition Lower/Middle Paleolithic in Northwestern Germany. In: A. Ronen (Hrsg.): The transition from lower to middle Paleolithic and the origin of modern man. In: British Archaeological Reports 151 (International Series). 1982, S. 165–175.
  4. Ausführlich zur Entwicklung der Begrifflichkeit s. Abschnitt 1.1 History of the term ‘Levallois’ and the problem with blades, in: Dorota Wojtzak: The Early Middle Palaeolithic Blade Industry from Hummal, Central Syria, Diss., Bael 2012, S. 15–26.
  5. A. J. H. Goodwin: South African stone implement industries. In: S. Afr. J. Sci. Band 23, 1926, S. 784–788.
  6. Stephen J. Lycett: Are Victoria West cores “proto-Levallois”? A phylogenetic assessment. In: Journal of Human Evolution, Band 56, Nr. 2, Februar 2009, S. 175–191. doi:10.1016/j.jhevol.2008.10.001.
  7. Eric Boëda, J. M. Geneste, C. Griggo: A Levallois Point embedded in the vertebra of a wild ass (Equus africanus): hafting, projectiles and Mousterian hunting weapons. In: Antiquity. Band 73, 1999, S. 394–402.
  8. Eric Boëda, Jacques Connan, Daniel Dessort, Sultan Muhesen, Norbert Mercier, Hélène Valladas, Nadine Tisnérat: Bitumen as a Hafting Material on Middle Palaeolithic Artefacts. In: Nature. Band 380, 1996, S. 336–337.
  9. Dieter Schäfer: Grundzüge der technologischen Entwicklung und Klassifikation vor- jungpaläolithischer Steinartefakte in Mitteleuropa. Bericht der Römisch-Germanischen Kommission 74, 1993.
  10. Marie Perpére: Apport de la typométrie à la définition des éclats Levallois. In: Búlletin de la Société préhistorique francaise. 83, 1986, S. 115–118.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Eric Boëda: Le concept Levallois: variabilité des méthodes. Monographie du CRA 9. Paris 1994.
  • François Bordes: Le débitage Levallois et ses variantes. In: Bulletin de la Société Pré-historique Francaise. 77, 1980, S. 45–49.
  • Gerhard Bosinski: Das Mittelpaläolithikum: Steinbearbeitung – Steinwerkzeugformen und Formengruppen – Bearbeitung von Holz, Knochen und Geweih – Schmuck. In: E.-B. Krause (Hrsg.): Die Neandertaler. Feuer im Eis. 250.000 Jahre europäische Geschichte. Gelsenkirchen 1999, S. 74–104.
  • Harold L. Dibble, Ofer Bar-Yosef (Hrsg.): The Definition and Interpretation of Levallois Technology. Monographs in World Archaeology, Nr. 23. Prehistory Press, Madison, Wisconsin 1995.
  • Philip Van Peer: The Levallois Reduction Strategy. Monographs in World Archaeology, Nr. 13. Madison, 1992.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Levalloistechnik – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien