Leviathan (Arno Schmidt)

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Leviathan oder Die beste der Welten ist eine Erzählung des Schriftstellers Arno Schmidt. 1946 entstanden, erschien sie erstmals 1949 im Sammelband Leviathan, gemeinsam mit den Erzählungen Enthymesis oder W.I.E.H. und Gadir. Das Buch war die erste literarische Veröffentlichung Schmidts.

Der Text beginnt mit einer Herausgeberfiktion: Ein englischsprachiger, einleitender Brief vom 20. Mai 1945 verrät, dass ein Notizheft mit einem Beutepaket eines Soldaten in die USA geschickt wird, und ist die Rahmenerzählung. Die Notizen entpuppen sich als ein Tagebuch, in dem es um Liebe, Krieg und die Bösartigkeit der Schöpfung geht, sie spielen im Februar 1945 – gegen Ende des Zweiten Weltkrieges – in der Lausitz, und ihr Verfasser ist ein Unteroffizier.

Zum Ablauf: Gegen Ende des Zweiten Weltkrieges gelingt es einer bunt zusammengewürfelten Gruppe von Männern, Frauen und Kindern, eine herrenlose Lokomotive mit einem Güterwagen in Gang zu bringen, um aus der unter schwerem feindlichem Beschuss liegenden Stadt Lauban auf dem Schienenweg zu fliehen. An den Wagon ist noch ein defekter Schwellenreißer angekoppelt, der den Gleiskörper hinter ihnen zerstört. Die Beobachtungen dieser uneinigen, durch Todesfälle schrumpfenden Gruppe und einige Gespräche – vor allem zwischen dem Ich-Berichter und einem greisen Postboten – über den Abersinn des Ganzen machen den Hauptteil der Erzählung aus. Die Aufzeichnungen enden, als sich der Protagonist mit seiner, von ihm lange heimlich verehrten, jetzt gefundenen großen Liebe Anne Wolf alleine auf der beidseits zerstörten Hochbrücke über die Neiße wiederfindet und sich mit ihr auf den tödlichen Sprung hinab vorbereitet.

Vorbild für Anne Wolf, die jugendliche Geliebte des Ich-Erzählers, ist eine Schülerin des Görlitzer Lyzeums, Hanne Wulff, für die Arno Schmidt als Fahrschüler schwärmte. Ihre Gestalt lieferte auch die Vorlage für die Primanerin Käthe, mit der der Ich-Erzähler in Aus dem Leben eines Fauns (1953) eine Liaison eingeht, noch in Zettel’s Traum (1970) kommt sie in Gestalt einer Zote vor: „Hah: ne Vulv“.[1]

Eisenbahnviadukt über die Neiße

Es geht in diesem Erzähltext nicht nur um eine rabiate Auseinandersetzung mit Nationalsozialismus und Militarismus.[2] In die Handlung sind auch kosmologische Überlegungen des Tagebuchschreibers zu einem vieldimensionalen Universum eingefügt, dessen Verständnis sich dem – auf seine räumliche Dreidimensionalität reduzierten – Menschen verschlösse. Auf diesem Hintergrund erörtert der Notierende auch das Theodizee-Problem: Angesichts der Vielfalt menschlichen Leides kommt er zu einer radikalen Kirchen- und Glaubenskritik und verwirft nicht nur die Hoffnung auf das Wirken eines guten Gottes, sondern führt (analog zu früher versuchten Gottesbeweisen und anknüpfend an Schopenhauers Konzept von der „Welt als Wille“) einen regelrechten „Teufelsbeweis“: Er konstatiert eine weltbeherrschende böswillige Chaosmacht – verkörpert durch den „Leviathan“: „Wir selbst sind ja ein Teil von ihm.[3]

Wirkung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Für die Erzählung Leviathan oder die beste der Welten erhielt Arno Schmidt 1949 den großen Akademie-Preis für Literatur der Mainzer Akademie der Wissenschaften und der Literatur aus der Hand seines Vorbilds Alfred Döblin.

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Heinz Jerofsky: Erinnerungen an Arno Schmidt. In: Jan Philipp Reemtsma und Bernd Rauschenbach (Hrsg.): „Wu Hi?“. Arno Schmidt in Görlitz Lauban Greiffenberg. Edition der Arno Schmidt Stiftung im Haffmans Verlag, Zürich 1986, S. 36 f. und 48; Wolfgang Albrecht: Arno Schmidt. J. B. Metzler, Stuttgart und Weimar 1998, S. 22 f.
  2. Tilman Spreckelsen, „Wie die Scheiben brennender Irrenhäuser“, Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, Nr. 17, 1. Mai 2005, S. 13
  3. Lars Clausen, Axiomatisches in Arno Schmidts Weltmodell, in: Hefte zur Forschung der Arno Schmidt Stiftung, 1992, H. 1, S. 53–63