Ley-Linie

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Als Ley-Linien (gelegentlich auch „Heilige Linien“ genannt) bezeichnet man die geradlinigen Anordnungen von Landmarken, insbesondere in England und Wales, wie zum Beispiel: Megalithen, prähistorischen Kultstätten und Kirchen. Esoteriker messen ihnen außergewöhnliche Eigenschaften bei. Ihre Existenz wird in der seriösen Wissenschaft bestritten.

Karte von zwei britischen Ley-Linien

Entdeckung der Ley-Linien[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Architekt und Altertumsforscher Joseph Houghton Spencer entdeckte bei der Erforschung des Taunton Castle einen historischen Pfad, der klösterliche Anlagen miteinander verband und den Anwohnern als „Mönchspfad“ (Monks’ Walk) bekannt war. Er glaubte, dass es weitere dieser Verbindungswege in der Landschaft gäbe und vermutete, dass sie einst Klöster und andere Denkmale miteinander verknüpften. Die bereits seit vorchristlicher Zeit bestehenden Pfade seien der Kirche bekannt gewesen, die dies bei ihren Klosterbauten berücksichtigt habe.[1]

Der Begründer der Archäoastronomie, Joseph Norman Lockyer (1836–1920), hatte bei seinen Forschungen erkannt, dass der Steinkreis von Stonehenge sowie andere prähistorische Steinsetzungen in England zum Sonnenaufgang am Mittsommertag, nach dem Mondlauf oder nach Sternkonstellationen ausgerichtet waren. Er äußerte die Vermutung, dass diese Anlagen auf einer auf astronomischen Prinzipien beruhenden Ebene miteinander in Verbindung zu bringen seien.[2]

Der britische Historiker Walter Johnson erkannte bereits zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts, dass alte Kirchen in England und Wales oft auf noch älteren oder sogar prähistorischen Kultstätten errichtet worden waren, eine weltweit bei Sakralbauten zu beobachtende und inzwischen archäologisch vielfach abgesicherte Tatsache. Er stellte daraus eine Beziehung zwischen Menhiren, Steinkreisen, Dolmen und frühchristlichen Kirchen her.[3]

Als der eigentliche Entdecker der Ley-Linien gilt der britische Getränkehändler, Amateur-Archäologe und Hobbyfotograf Alfred Watkins. Er bemerkte bei einer Wanderung im Juni 1920 (oder nach einer anderen Version der Geschichte: bei der Planung dieser Reise auf einer Karte), dass in dem Dorf Blackwardine in seiner Heimat Hertfordshire mehrere alte Ruinen auf umliegenden Hügeln augenscheinlich in einer geraden Linie angeordnet waren. Er stellte dieses Phänomen auch an anderen Stellen in der näheren Umgebung fest und schloss daraus, dass es ein Netzwerk gerader Wege geben müsse, das historische Bauwerke in England miteinander verbindet.

Im September 1921 hielt Watkins vor dem traditionsreichen Woolhope Naturalists` Field Club in Hereford einen Vortrag über historische Landmarken im Grenzgebiet zwischen Herefordshire und Wales, der später auch als Buch veröffentlicht wurde.[4] Er glaubte, es gäbe alte Handelspfade, die sich schnurgerade, ohne Rücksicht auf Hindernisse wie Moore, Wälder, Höhenzüge und ähnliche, quer durch die Landschaft ziehen. Sie würden uralte Grabhügel, Kultstätten, prähistorische Siedlungen, Menhire, Kirchen, Burgen, Wegkreuzungen und heilige Quellen, aber auch auffällige, natürliche Landschaftsmerkmale miteinander verbinden. Sie seien dadurch leicht zu identifizieren. Watkins Intension war es, alte Handelswege zu definieren, um weiträumige historische oder sogar prähistorische Wirtschaftsbeziehungen auf den britischen Inseln zu beweisen. Er führte deren Linienführung auf rein praktische Erwägungen der Vorfahren zurück, nämlich auf die Tatsache, dass eine gerade Linie die kürzeste Verbindung zwischen zwei Punkten darstellt. Watkins führte die Bezeichnung „Ley“ für diese Routen ein, die von Suffixen historischer Ortsnamen entlehnt ist, die häufig auf „-leigh“ oder „-ley“ (abgeleitet vom altenglischen „lēah“ für Rodung, Lichtung) enden. Bald schlossen sich andere, vorwiegend Laienforscher, seinen Ansichten an.

Gegenargumente[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Watkins Schlussfolgerungen waren und sind in der ernstzunehmenden Wissenschaft heftig umstritten. Die Ley-Linien verknüpfen historische Stätten aus weit auseinanderliegenden Zeitabschnitten miteinander, aus dem Neolithikum, der Bronzezeit, der Eisenzeit und dem Mittelalter. Außerdem repräsentieren die Ley-Punkte ganz verschiedenartige Funktionen. Die Vielzahl der höchst unterschiedlichen Elemente aus verschiedenen Epochen schließt eine Verkettung von Zufällen nicht aus.[5]

Die Historiker Tom Williamson und Liz Bellamy analysierten das Phänomen mit statistischen Methoden und wiesen nach, dass die Dichte der bekannten archäologischen Stätten in Großbritannien so groß ist, dass jede beliebige auf einer Karte gezogene, gerade Linie zwangsläufig eine gewisse Anzahl davon verbinden müsse.[6][7]

Der Prähistoriker Richard J. C. Atkinson, der in der 1950er Jahren Stonehenge erforschte, erstellte anhand der Position von Londoner Telefonzellen hypothetische „Telefonzellen-Linien“ (englisch: telephone box leys), um zu demonstrieren, dass solche Verbindungslinien rein zufälliger Natur sind.[8]

Ley-Linien in Deutschland[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Theologe Wilhelm Teudt, ein völkischer Laienforscher und Gründer der „Vereinigung der Freunde germanischer Vorgeschichte“, glaubte, archäologische Beweise für eine pangermanische Hochkultur gefunden zu haben. Er befasste sich mit den Externsteinen und anderen Kultstätten und stellte fest, dass sich, wie er glaubte „germanische“ Bergheiligtümer mittels gerader Linien in der Landschaft miteinander verbinden lassen.[9] Seine Thesen, obwohl von der seriösen Forschung abgelehnt, stießen im Dritten Reich auf großes Interesse und erfreuen sich heute noch in esoterischen und neuheidnischen Zirkeln einiger Beliebtheit.

Esoterik[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Spirituelle und mystische Aspekte brachte der englische Schriftsteller und Esoteriker John Michell 1969 in die Diskussion ein, dessen umfangreiches Gesamtwerk auch andere transzendente, quasi-religiöse und pseudowissenschaftliche Felder wie zum Beispiel: Atlantis, Fliegende Untertassen, Numerologie, Prä-Astronautik und ähnliche Themen abdeckte. Er hatte erkannt, dass sowohl auf dem Burrow Mump in Somerset als auch auf dem Glastonbury Tor eine dem Erzengel Michael geweihte Kirche steht. Er dehnte die Verbindungslinie zwischen den beiden Monumenten aus, vom St. Michael’s Mount bis Avebury, und stellte fest, dass auf dieser rund 300 km langen Linie zahlreiche andere, dem Erzengel Michael (und dem heiligen Georg) geweihte Stätten liegen. Allerdings ist diese „Linie“, wie Nachprüfungen ergaben, eher ein mehrere Kilometer breites Band, außerdem ist in ganz Südengland eine große Anzahl von Kirchen verteilt, die dem Erzengel Michael geweiht sind, sodass dem Zufälligkeitsprinzip unterworfene Verbindungslinien möglich sind.[10]

Michells empirisch kaum nachvollziehbare Schlussfolgerung, dass die Linien eine besondere spirituelle Aura ausstrahlen, veranlasste zahlreiche Enthusiasten dazu, überall – nicht nur in England – auf Karten und Wanderungen in der Landschaft nach Leys zu suchen. Sie sammelten sich in der „Society of Ley Hunters“ und begründeten 1969 das Journal „The Ley Hunter“. Dessen Herausgeber war von 1975 bis 1995 der britische Autor und Amateurarchäologe Paul Devereux. Er aktualisierte Watkins Theorien und unterzog sie einer kritischen Prüfung. Devereux vertrat die Vorstellung, die Ley-Linien seien eine physische Manifestation astraler Pfade für Schamanen und Verstorbene.[11]

Weitere unkonventionelle und eher spekulative Interpretationen definieren die Ley-Linien als Manifestationen einer geheimnisvollen Erdenergie, als Geister- oder Seelenwege, stellen eine Verbindung zu UFO-Sichtungen her oder mit den Nazca-Linien in Peru als Landebahnen außerirdischer Astronauten. Andere Vermutungen unterstellen ein prähistorisches System der Landesvermessung, basierend auf astronomischen und religiösen Grundlagen. Geomantische, nichtwissenschaftliche Theoriebildungen basieren auf angeblichen Kraftfeldern oder Erdstrahlungen. Sie sollen, analog zu den Meridianen der Akupunktur, Wasseradern und Kraftlinien aufzeigen.

Moderne Forschung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Neuen Auftrieb erhielt die Ley-Forschung jedoch in einer ganz anderen Richtung, als man in England unter Einbeziehung der modernen Luftbildarchäologie die kilometerlangen Cursus-Anlagen (u. a. eine von Stonehenge ausgehende) entdeckte, die wahrscheinlich neolithische Prozessionswege sind. Ihre Existenz ist mit seriösen wissenschaftlichen Methoden nachgewiesen. Sie lassen sich durchaus als die wahren „Ley-Linien“ interpretieren.

Rezeption in fiktionalen Werken[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Verschiedene Fantasy-Schriftsteller verwenden Ley-Linien in ihren Werken, wo sie meist als Strömungen magischer Energie beschrieben werden, die Magie-Anwendern als Kraftquellen dienen. Dazu gehören etwa Harry Turtledoves Darkness-Reihe, Robert Asprins Dämonen-Serie, Kim Harrisons Rachel-Morgan-Reihe, Michael Scott in Die Geheimnisse des Nicholas Flamel, Joseph Delaneys Spook-Zyklus, Jim Butchers Dresden Files-Reihe, Diana Gabaldon in der Highland-Saga, in In Anbruch der Finsternis der Reihe Weltendämmerung von Mark Chadbourn, Terry Pratchett und Neil Gaiman in Ein gutes Omen, Charles Stross in seiner Laundry Files-Reihe, Robert N. Charrettes Shadowrun-Roman Wähle deine Feinde mit Bedacht oder in der Schwestern des Mondes-Reihe von Yasmine Galenorn sowie in Maggie Stiefvater's The Raven Cycle Reihe und Lord of Shadows von Cassandra Clare. Auch in den populären MMORPGs Guild Wars 2 und World of Warcraft finden Ley-Linien Erwähnung innerhalb der fortlaufenden lebendigen Geschichten dieser Online-Spiele.

Im Film Ghostbusters werden Ley-Linien ebenfalls angesprochen und sind Teil der Handlung. Auch in den Serien The Quest – Die Serie und Truth Seekers spielen Ley-Linien eine wichtige Rolle.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Joseph Houghton Spencer: Ancient Trackways in England. In: The Antiquary, Volume 19, Juli-Dezember 1889, S. 94–101
  2. Joseph Norman Lockyer: Stonehenge and Other British Stone Monuments Astronomically Considered. Macmillan and Company, London 1909
  3. Walter Johnson: Byways in British Archaeology. Cambridge University Press 1912 (Kapitel I und II: Churches on Pagan Sites)
  4. Alfred Watkins: The Old Straight Track: Its Mounds, Beacons, Moats, Sites and Mark Stones. The Watkins Meter & Co., Hereford 1922
  5. Peter James, Nick Thorp: Halley, Hünen, Hinkelsteine. Sanssouci, Zürich 2001, ISBN 3-7254-1199-9, S. 298 f.
  6. Tom Williamson, Liz Bellamy: Ley Lines in Question. Littlehampton Book Services Ltd, Worthing 1983, ISBN 9780437192059
  7. Tom Williamson, Liz Bellamy: Ley-lines: Sense and nonsense on the fringe. In: Robert Bewley (Hrsg.): Archaeological Review of Cambridge, Volume 2.1 (Frühjahr 1983)
  8. Clive L. N. Ruggles: Ancient astronomy: An encyclopaedia. ABC-CLIO (Verlag), Santa Barbara-Denver-Oxford 2005, ISBN 1-85109-477-6, S. 225
  9. Wilhelm Teudt: Germanische Heiligtümer. Eugen Diederichs, Jena 1936, Kapitel 15: Heilige Linien – Ortung germanischer Heiligtümer, Seite 300 f.
  10. John Michell: The View Over Atlantis. Sago Press, 1969
  11. Paul Devereux: The New Ley Hunter's Companion. Thames and Hudson, London 1979, ISBN 978-0500012086