Libra (Internetwährung)

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Libra
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Erscheinungsjahr 2020
Website libra.org

Libra (zuvor unter dem spekulativen Namen FacebookCoin bekannt)[1] ist eine von Facebook Inc. geplante private Komplementärwährung, die 2020 auf den Markt kommen soll.[2] Die digitale Währung soll durch eine zu diesem Zweck gegründete Organisation namens Libra Association betrieben werden.[3] Nutzer kaufen Libra mit ihrer Landeswährung. Die dadurch eingenommenen Gelder werden durch die Libra Association zu 100 % möglichst sicher und mit dem Ziel geringer Kursschwankungen der Libra in einem Währungskorb angelegt.[4] Die bei dieser Anlage erzielte Rendite kommt der Libra Association zugute und wird neben der Gewinnabsicht für den technischen Betrieb der Währung eingesetzt.[5][6] Auf Einlagen in Libra werden ähnlich zu Sichteinlagen oder Bargeld keine Zinsen gezahlt, jedoch ist zu erwarten, dass insbesondere internationale Transaktionen schneller und billiger in Libra abgewickelt werden können als im herkömmlichen bargeldlosen Zahlungsverkehr. Facebook Inc. bewirbt Libra als Lösung für Menschen in Schwellenländern ohne guten Zugang zum Bankenwesen; jedoch erfordern Libra-Einzahlungen des Überweisenden ein Bankkonto.[7]

Die Libra Association hat ihren Hauptsitz in Genf.[8] Zu den 28 Gründungsmitgliedern der Libra Association gehören unter anderem Facebook Inc., Spotify,[9] Paypal, Vodafone,[10] eBay, Visa, Mastercard,[11] Stripe, Lyft, Uber, Coinbase und Kiva.

Facebook Inc. hat am 18. Juni 2019 seine Pläne erstmals öffentlich vorgestellt.

Technik[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Obwohl Libra technisch auf der Blockchain-Technologie basiert, handelt es sich nicht um eine unabhängige und verteilte Kryptowährung. So ist vorgesehen, die mit Libra verbundene Blockchain nur Mitgliedern der Libra Association und evtl. Aufsichtsbehörden zugänglich zu machen. Um Konsens über die Blockerzeugung zu erreichen, könnten Verfahren mit dem Proof-of-Stake-Konzept im Gegensatz zu den rechenintensiven Proof-of-Work-Methoden unabhängiger Kryptowährungen zum Einsatz kommen.[12] Offensichtlich wird die Libra Association die Geldpolitik der Währung im Sinne eines Stablecoin steuern, im Gegensatz zum Mining-Prozess z. B. beim Bitcoin.

Libra ist über die Währung hinausgehend ein quelloffenes verteiltes System zum Anlegen, Verwalten und Ausführen dezentraler Programme bzw. Kontrakte (Smart Contracts) in einer Libra-Blockchain.[13] Es stellt ähnlich dem verteilten Ethereum-System einen Gegenentwurf zur klassischen Client-Server-Architektur dar. Im Unterschied zu Bitcoin ist Libra sowohl Währung als auch Plattform für Smart Contracts. Hierfür sind vielfältige Anwendungen denkbar: Erwirbt man eine Fahrkarte für einen Zug oder ein Ticket für einen Flug, kann daran eine Versicherung zur Preiserstattung bei Verspätung gekoppelt sein. Der Smart Contract prüft und überweist Erstattungen bei Verspätung automatisch. Alle Teilnehmer verwenden Daten gemeinsam in Form einer stetig wachsenden Blockchain. Sie benötigen ein Client-Programm, das sich mit dem Netzwerk synchronisiert.

Smart Contracts[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Smart Contracts sind Programme, die automatisch ausgeführt werden, sobald eine im Contract vereinbarte Summe überwiesen ist – ohne manuelle Prüfung des Zahlungseingangs. Smart Contracts für Libra werden in der eigens entwickelten Programmiersprache Move geschrieben und auf einer virtuelle Maschine ausgeführt zum Zweck, die Clients der Anwender von der Host-Umgebung, also anderen Anwendungen auf einem Computer, abzukoppeln.

Eine Transaktion kostet Libra-Coins. Anwender oder genauer deren Geldbörsen (Wallets) geben den maximalen Preis an, den sie dafür bezahlen wollen.

Dezentrale Apps (Dapps)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Dapps sind Programme, die auf der Libra-Blockchain und damit auf allen Knoten-Rechnern (Nodes) parallel ausgeführt werden. Während beispielsweise klassische Websites via API mit einem zentralen Server und ggf. Datenbanken verbunden sind, ist die Dapp via Smart Contract mit der Blockchain verbunden. Dies ist teurer und langsamer als im Client-Server-Modell, bietet aber Manipulationssicherheit. Da die Unversehrtheit der Blockchain ständig und dezentral überprüft wird, sind dezentrale Apps fehlertolerant und sehr robust.[13]

KYC-Prozess und Wallet[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Libra wird nicht anonym sein. Die von der Facebook-Tochter Calibra entwickelte gleichnamige Wallet-Anwendung soll einen Know-your-customer-Prozess (KYC) enthalten. Bevor ein Benutzer die Wallet nutzen kann, wird er sich mit einem amtlichen Ausweisdokument identifizieren müssen. Dadurch wird der Libra-Nutzer gläsern; alle weltweiten Transaktionen werden sich den daran beteiligten Personen zuordnen lassen.[14]

Aufgaben und Rechte der Mitgliedsunternehmen der Libra Association[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das zentralisierte Libra-Netzwerk steht ausschließlich Mitgliedsunternehmen der hinter dem Libra stehenden Organisation Libra Association offen. Die Mitglieder müssen sich den Zugang durch eine Aufnahmegebühr von zehn Millionen Dollar erkaufen. Es wird angestrebt, dass beim Start mindestens hundert solcher Firmen die Geschicke des Libra bestimmen und alle Transaktionen validieren.[15]

Rechtliche Fragen und Regulierung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ungeklärt ist, inwiefern es bei sich Libra im rechtlichen Sinne um eine Bank handeln würde und welche Bankenaufsicht für die entsprechende Regulierung verantwortlich ist. Sowohl das Federal Reserve System als auch US-Präsident Donald Trump bestehen auf einer staatlichen Regulierung.[16] Der französische Minister Bruno Le Maire, rief die Zentralbankchefs der G7-Staaten zu einem Bericht über die Facebook-Pläne auf und sagte gegenüber dem Radiosender Europe 1, dass Libra nicht erlaubt werden dürfe, zu einer eigenständigen Währung zu werden. Er warnte vor der Gefahr, dass durch Libra in großem Umfang Geldwäsche und Terrorismusfinanzierung ermöglicht würden. Auch Markus Ferber, Mitglied des Europaparlamentes, warnte davor, dass Facebook mit der Einführung von Libra zu einer unregulierten Schattenbank werden würde.[17] Die EU-Wettbewerbsbehörden überprüfen, ob Libra ein Verstoß gegen Wettbewerbsregeln darstellt, da Konkurrenten auf unzulässige Art ausgesperrt würden.[18]

Finance Watch beschreibt Libra als ein "großes Risiko für die öffentliche Finanzsouveränität"[19] und fasst zusammen, dass Libra eine schlechte Idee ist – für seine Nutzer, für die Stabilität des Finanzsystems und nicht zuletzt für die Demokratie."[20]

Weil die Libra Association ihren Sitz in der Schweiz hat, kommt das Schweizer Finanzmarktrecht zum Zug. Die Eidgenössische Finanzmarktaufsicht (FINMA) prüft derzeit das Projekt.[21] Aus Sicht der Schweizer Finanzmarktregulierung ist besonders die Charakterisierung der Libra-Token von Bedeutung. Diese Token stellen je nach Halter ein unterschiedliches Recht dar: Ein Wertrecht, wenn die von der Libra Association vordefinierten autorisierten Wiederverkäufer den Token halten, bzw. ein reiner Zahlungstoken der FINMA,[22] wenn Endnutzer den Token halten.[23]

Risiken und Vorteile für die Nutzer[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Inhaber von Libras gehen eine Reihe von Risiken ein:

  • Wechselkursrisiko: Ähnlich wie die Sonderziehungsrechte basiert die Wertsicherung des Libra auf einem Währungskorb. Entsprechend hat der Inhaber des Libra ein Wechselkursrisiko, das um so größer ist, je geringer die Gewichtung seiner Heimatwährung im Währungskorb des Libra ist. Liegt z. B. der Anteil des Euro im Währungskorb bei 30 %, so erwirbt der Anleger in Libra aus dem Euroraum faktisch 30 % Euro und 70 % Fremdwährung. Im Falle einer Wirtschafts- oder Währungskrise behält sich das Konsortium vor, den Währungskorb anzupassen. Dies verursacht weitere Wechselkursrisiken.
  • Keinen direkten Anspruch auf Auszahlung in etablierten Währungen: Es gibt statt dessen einen Währungshandel zwischen Libra und anderen Währungen. Aufgrund der Abdeckung durch Währungsreserven sollte sich der Kurs entsprechend dem Wert des Währungskurses einpendeln. Dies setzt das Vertrauen des Marktes in die Werthaltigkeit voraus. Geht dieses Vertrauen verloren, so würden sich andere Marktpreise des Libra ergeben.
  • Liquiditätsrisiko: Die Reserven werden nicht in Bargeld oder Sichteinlagen gehalten, sondern in festverzinslichen Anleihen. Im Fall eines Bankansturms, wenn viele Anleger gleichzeitig aus dem Libra aussteigen wollen und die Reserve hierzu genutzt werden soll, ist diese nicht sofort liquide und der Verkauf mit einem Wertverlust verbunden.

Die Konstruktion von Libra als zinslose internationale Währung – ähnlich den Sichteinlagen in nationaler Währung – zielt jedoch eindeutig auf die Zahlungsmittelfunktion des Geldes und nicht auf die Wertaufbewahrung. Ob Nutzer trotz der Risiken zu der neuen Währung tendieren, hängt von den zu erwartenden Kosten für Transaktionen in Libra und deren Geschwindigkeit z. B. im internationalen Zahlungsverkehr ab. Libra könnte den Nutzern im Gegensatz zu Kreditkartenunternehmen, herkömmlichen Bankkonten oder Bargeldtransfers mit Western Union schnelle, kostenlose Transaktionen zwischen allen Teilnehmern bieten, weil der Reservestock Zinseinkommen zur Kostendeckung abwerfen soll. Die Kosten durch aktuell negative Leitzinsen bei Yen und Euro könnten im Währungskorb kompensiert werden.[24] Halten Nutzer wie beim Bargeld nur geringe Beträge in ihrer elektronischen Börse, fallen die oben genannten Risiken nicht stark ins Gewicht.

Kritik[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Datenschutz: Die Nutzerdaten der an der Libra Association beteiligten Unternehmen könnten mit den Einkaufsgewohnheiten und Finanztransaktionen der Nutzer in allen Lebensbereichen, in denen Libra eingesetzt wird, gekoppelt werden.[25]
  • Währungspolitische Machtverschiebungen durch Libra werden befürchtet. Politiker der Republikanischen wie auch der Demokratischen Partei in den USA um Maxine Waters (Mitglied im Finanzausschuss des US-Repräsentantenhauses) und US-Senator Sherrod Brown (Ranking Member im Bankenausschuss des US-Senats) fordern, die Libra-Einführung aufzuschieben. Es bedürfe zuvor ausführlicher Bewertungen damit einhergehender Risiken für das bereits fragile Finanzsystem, bevor 2,4 Milliarden Facebook-Anwender einen Zugang zu Libra-Coins erhalten. Weltweit verwendbare Komplementärwährungen könnten als schwankungsresistente Alternative Zentralbanken ihre Finanzhoheit über nationale Währungen entziehen.[26]
  • Ökonomische Marktbeherrschung: Gründungsmitglieder der Libra-Stiftung wie Facebook, PayPal, Visa und MasterCard, Coinbase, Xapo, eBay, Uber und Spotify nehmen bereits in ihren Geschäftsfeldern eine den Markt nahezu völlig beherrschende Stellung ein. Im Verbund koordiniert würde diese Marktbeherrschung noch deutlich verfestigt.[27][28]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Usman W. Chohan: Social Media Monopolies and Cryptocurrencies: Facebook's Proposed Coin. (PDF) In: Social Science Research Network. 12. März 2019, abgerufen am 19. Juni 2019 (englisch).
  2. Jürgen Geuter: Libra vorgestellt: Wie Facebook mit eigener Kryptowährung seine Macht ausbaut. In: Spiegel Online. 18. Juni 2019 (spiegel.de [abgerufen am 18. Juni 2019]).
  3. Facebook’s cryptocurrency partners revealed—we obtained the entire list of inaugural backers. In: The Block. 14. Juni 2019, abgerufen am 18. Juni 2019 (amerikanisches Englisch).
  4. ZEIT ONLINE: Libra: Facebook verspricht digitale Währung ohne Kursschwankungen. In: Die Zeit. 18. Juni 2019, ISSN 0044-2070 (zeit.de [abgerufen am 18. Juni 2019]).
  5. https://libra.org/de-DE/white-paper/ Libra Whitepaper
  6. FOCUS Online: Facebook schafft neue Weltwährung: Werden wir bald alle in Libra zahlen? Abgerufen am 18. Juni 2019.
  7. Daniel Eckert: Facebook-Geld: Libra kann auch per WhatsApp verschickt werden. 18. Juni 2019 (welt.de [abgerufen am 18. Juni 2019]).
  8. The Libra Association – Nonprofit Organization | Libra. Abgerufen am 18. Juni 2019 (deutsch).
  9. Why We’re Joining the Libra Association. 18. Juni 2019, abgerufen am 18. Juni 2019 (amerikanisches Englisch).
  10. The Libra Association – Nonprofit Organization | Libra. Abgerufen am 18. Juni 2019 (deutsch).
  11. Partner with Libra | Join the Libra Association. Abgerufen am 18. Juni 2019 (amerikanisches Englisch).
  12. Jan Lansky: Possible State Approaches to Cryptocurrencies. In: Journal of Systems Integration. Band 9, Nr. 1, 31. Januar 2018, S. 19–31, doi:10.20470/jsi.v9i1.335 (si-journal.org [abgerufen am 20. Juni 2019]).
  13. a b Facebooks Zuckerbucks: Es hätte schlimmer kommen können. Abgerufen am 18. Juni 2019.
  14. Mirko Dölle: Ungleiche Brüder. Wie viel Bitcoin in Facebooks Libra steckt. c't 16 vom 20. Juli 2019, S. 41.
  15. Mirko Dölle: Ungleiche Brüder. Wie viel Bitcoin in Facebooks Libra steckt. c't 16 vom 20. Juli 2019, S. 40f.
  16. Trump gegen Facebooks "Libra" "Die einzig wahre Währung ist der Dollar" - ARD.de
  17. France Calls for Central Bank Review of Facebook Token, Bloomberg News. 18. Juni 2019. Abgerufen im 30. August 2019. 
  18. EU prüft Facebooks Kryptowährung - boerse.ard.de
  19. Pablo Grandjean: Don't let Facebook take over the financial system (en-EN) 14. August 2019.
  20. Christian M. Stiefmüller: Libra: Heads I win – tails you lose. 22. Juli 2019.
  21. Martin Lanz: Facebooks Libra will sich von der Schweizer Finma beaufsichtigen lassen | NZZ. 16. Juli 2019, ISSN 0376-6829 (nzz.ch [abgerufen am 6. September 2019]).
  22. David Schechtman: Necessidade de registro de ICO: tokens são valores mobiliários? (Necessity of ICO Registration: Are Tokens Securities?). In: SSRN Electronic Journal. 2018, ISSN 1556-5068, doi:10.2139/ssrn.3203911.
  23. Libra, das globale Finanzsystem und die Schweiz. In: Avenir Suisse. Abgerufen am 6. September 2019 (Schweizer Hochdeutsch).
  24. − Mayers Weltwirtschaft : Lieber Libra als Euro. 7. Juli 2019, abgerufen am 8. Juli 2019.
  25. ZEIT online: Kryptowährung: Einmal mit Libra zahlen, bitte! https://www.zeit.de/digital/internet/2019-06/kryptowaehrung-libra-facebook-bitcoin-blockchain#gelangt-facebook-dadurch-an-noch-mehr-daten Abgerufen am 5. September 2019.
  26. Pete Schroeder: Waters leads a chorus of caution about Facebook cryptocurrency. Abgerufen am 19. Juni 2019.
  27. Facebooks «von einem Schweizer Bankkonto aus geführte» Kryptowährung im Visier der amerikanischen Politik
  28. www.brown.senate.gov: Financial Watchdogs Must Scrutinize Facebook Cryptocurrency Closely