Lichtermeer

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Das Lichtermeer am 23. Jänner 1993 in Wien war eine von der österreichischen nichtstaatlichen Organisation SOS Mitmensch organisierte Großdemonstration, die als Protest gegen das „Österreich-zuerst“-Volksbegehren gedacht war.

SOS Mitmensch war im Jahr davor gegründet worden, mit dem Schriftsteller Josef Haslinger und dem Musiker Willi Resetarits als Vorsitzenden. Diese von Kritikern oft auch als „Anti-Ausländer“-Volksbegehren bezeichnete Initiative der FPÖ unter Jörg Haider markiert den Rechtsruck der Partei mit der Abspaltung des liberalen Flügels unter Heide Schmidt. Es forderte eine restriktive Immigrationspolitik, etwa mit einer Verfassungsbestimmung, dass Österreich „kein Einwanderungsland“ sei und einem Einwanderungsstop. Die Demonstration stand im Vorbild der Lichterketten-Veranstaltungen 1992/93 in Deutschland, einer Reaktion auf Übergriffe Rechtsradikaler auf Asylwerberheime. Sie gehört auch in den Kontext der Vorverhandlungen zum EU-Beitritt Österreichs 1995.

Bei dieser größten Demonstration der Zweiten Republik zogen rund 300.000 Menschen (laut Schätzung der Veranstalter,[1] nach anderen Quellen 200.000[2] bis 250.000[3] Teilnehmer) mit Kerzen und Fackeln durch die Wiener Innenstadt. Sie demonstrierten für Solidarität und gegen Fremdenfeindlichkeit. Treffpunkt war der Wiener Heldenplatz, der Platz, auf dem Adolf Hitler im Jahre 1938 im Rahmen des Anschlusses Österreichs an das Deutsche Reich jubelnd empfangen worden war. Das brachte André Heller bei seiner Ansprache am Abend des Lichtermeeres zur Aussage: „Dies ist die größte Demonstration, die jemals am Heldenplatz stattgefunden hat!“

Das Volksbegehren (Laufzeit 25. Jänner – 1. Februar des Jahres) liegt mit etwas über 400.000 Unterschriften nur im oberen Mittelfeld der direktdemokratischen Initiativen der Zweiten Republik, und zeigte nicht die von den Intitiatioren erhoffte Beteiligung. Entgegen weitverbreiteten Erwartungen bewirkten diese Ereignisse keine Änderungen im Asyl- und Fremdenrecht, auch nach empfindlichen Einbußen der SPÖ und Franz Vranitzky und Gewinnen der FPÖ in der Nationalratswahl vom Oktober 1994 kam es zu keiner Trendwende. Die Demonstration gilt als Markstein der österreichischen Demokratiegeschichte.[4]

Anlässlich der Protestaktion erschien ein „Lichtermeer“-Sampler mit Liedern von Wolfgang Ambros, Andy Baum, Bruji, Boris Bukowski, Peter Cornelius, Georg Danzer, Erste Allgemeine Verunsicherung, André Heller, Ludwig Hirsch, Adi Hirschal, Leo Lukas, Opus, Ostbahn-Kurti & Die Chefpartie, STS, Schürzenjäger, Hans Theessink, Wiener Tschuschenkapelle, Wilfried und Folke Tegetthoff zugunsten der Organisation SOS Mitmensch. Das Plattencover gestaltete Christian Ludwig Attersee.

Literatur[Bearbeiten]

  • Stichwort Lichtermeer. In: Oswald Panagl, Peter Gerlich (Hrsg.): Wörterbuch der politischen Sprache in Österreich. Österreichischer Bundesverlag, Wien 2007, ISBN 978-3-209-05952-9.

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Lichtermeer. Eintrag in Demokratiezentrum Wien : Wissenslexikon, abgerufen am 9. September 2015.
  2. Österreichische Mediathek, abgerufen am 12. Oktober 2011
  3. Zehn Jahre "Lichtermeer" gegen Ausländerfeindlichkeit. Webpräsenz der Erzdiözese Wien, abgerufen am 12. Oktober 2011.
  4. Vergl. etwa 20 Jahre Lichtermeer. ORF.at, 20. Januar 2013.