Lichtwarkschule

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Lichtwarkschule
Gründung 1914
Schließung 1937
Ort Hamburg-Winterhude
Land Hamburg
Staat Deutschland
Koordinaten 53° 35′ 33″ N, 10° 0′ 40″ OKoordinaten: 53° 35′ 33″ N, 10° 0′ 40″ O

Die Lichtwarkschule war eine 1914 gegründete reformpädagogische Schule in Hamburg-Winterhude. Zwischen 1920 und 1937 war sie nach Alfred Lichtwark benannt, einem der Begründer der Museumspädagogik und der Kunsterziehungsbewegung sowie erstem Direktor der Hamburger Kunsthalle. Im Zuge nationalsozialistischer Gleichschaltung wurde das Profil der Schule nach 1933 schrittweise verändert, bis diese 1937 endgültig von der Landesunterrichtsbehörde aufgelöst und mit dem Heinrich-Hertz-Realgymnasium zur Oberschule am Stadtpark für Jungen zusammengelegt wurde. Heute befindet sich in dem Schulgebäude die Heinrich-Hertz-Schule.

Heinrich-Hertz-Schule, Grasweg 72

Pädagogik und Schulprofil[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

1914 wurde die Lichtwarkschule gegründet, zunächst als Realschule mit dem Grundgedanken der Reformpädagogik und dem Bildungsziel selbstbestimmter und verantwortlicher Teilhabe an der Demokratisierung des gesellschaftlichen Lebens. Später strebte man einen neuen Typ der höheren Schule an, der die Kultur in den Mittelpunkt stellt, das Prinzip der Aneignung durch Arbeit und den Gemeinschaftsgedanken betont. Die wichtigsten Fächer waren Deutsch, Englisch, Geschichte, Erdkunde, Musik, Kunst, Wirtschaftslehre sowie Werkunterricht. Die Einführung der Koedukation und die tägliche Sportstunde stellten weitere Besonderheiten dar. Sie war die einzige Reformschule in Hamburg, die bis zum Abitur führte.

1919 übernahm der Reformpädagoge Peter Petersen die Leitung der Lichtwarkschule, bevor er 1923 an die Friedrich-Schiller-Universität Jena berufen wurde. Füssl beschreibt die unmittelbare Zeit nach Petersen als eine des Umbruchs und der Neuorientierung: „Seit dem raschen Weggang PETER PETERSENS nach Jena 1923 verfügte die Schule über keine Leitfigur mehr, die eine Richtung für die Ausgestaltung des Versuchs hätte weisen können. Sie entwickelte sich zum Sammelbecken unterschiedlichster Reformansätze und zum Konfliktfeld, aber auch zum Modell für die Definition and Spannweite reformpädagogischer Möglichkeiten. In der Praxis kehrte sie sogar zum System des Klassenunterrichts zurück.“[1]

In dieser Situation ergriff Anfang 1924 eine Gruppe von Lehrern die Initiative, um der Schule ein Programm auf sozialistischer Basis zu geben. Eine Mehrheit innerhalb des Kollegiums setzte sich unter der Führung von Heinrich Landahl dagegen zur Wehr. Allerdings musste der nach Petersen amtierende Schulleiter zurücktreten. Er wurde ersetzt von dem vom Schulkollegium zum Rektor gewählten Fritz Wiesner, „der konsequent eine Pädagogik vom Kinde aus vertrat, aber die offene Politisierung ablehnte“.[1]

Lehrer[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Peter Petersen
  • Fritz Wiesner
  • Ernst Loewenberg war von 1921 bis 1929 und erneut von 1931 bis 1934 Lehrer an der Lichtwarkschule und zugleich Dozent für Deutsche Literatur an der Universität Hamburg.
  • Fritz C. Neumann kam um die Jahreswende 1921/22 an der Lichtwarkschule. Er wurde 1930 wegen seiner inner- und außerschulischen politischen Aktivitäten an die Oberrealschule am Kaiser Friedrich Ufer[2] versetzt. Er ging nach 1933 in die Emigration. Seine 1924 in Hamburg geborene Tochter ist die deutschamerikanische Dichterin und Übersetzerin Lisel Mueller.
  • Heinrich Landahl war von 1926 bis zu seiner Entlassung 1933 durch die Nationalsozialisten Rektor.
  • Hans Liebeschütz war von 1928 (nach anderen Angaben 1929) für die Lichtwarkschule tätig, bis er 1934 aufgrund des Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums aus dem Schuldienst entlassen wurde.
  • Erna Stahl, die zum Umfeld des Hamburger Kreises der Weißen Rose zählte, war Lehrerin an der Lichtwarkschule von 1930 bis 1935.
  • Ernst Lewalter
  • Gustav Heine, ehemaliger Lehrer an der Lichtwarkschule, emigrierte nach Brasilien.[3]

Schüler[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ein früher Lichtwarkschüler war der Esperantist Richard Schulz, dessen Engagement für die Plansprache Esperanto in seine Schulzeit zurückreicht.

Bis 1928 besuchte die spätere kommunistische Juristin und Wirtschaftswissenschaftlerin Lola Zahn die Lichtwarkschule. Der spätere Journalist, Unteroffizier und Widerstandskämpfer Heinz Strelow, 1943 in Berlin-Plötzensee hingerichtet, besuchte die Schule. Heinz Kucharski und Traute Lafrenz, die Unterricht bei Erna Stahl hatten, gehörten wie diese zum Hamburger Zweig der Weißen Rose, wie auch Karl Ludwig Schneider und Margaretha Rothe, die die Schule von 1936 bis 1937 besuchte. Neben Strelow wurde auch der spätere Schriftsetzer Heinz Prawitt wegen seines antifaschistischen Widerstands ermordet. Darüber hinaus sind 28 weitere Lichtwarkschüler als Widerstandskämpfer bekannt geworden.[4]

1937 legte der spätere Bundeskanzler Helmut Schmidt hier das Abitur ab. Im selben Jahrgang waren dessen Ehefrau Loki Schmidt sowie der spätere SPD-Bundestagsabgeordnete Rolf Meinecke. Sie wurden u. a. von Ernst Lewalter unterrichtet.

Zu den Schülern, die besonders durch die musische Erziehung geprägt wurden, zählen der Geiger und Komponist Bernhard Hamann, die Komponistin Felicitas Kukuck, der Typograf und Buchgestalter Richard von Sichowsky und der Kunsthistoriker John Rewald.

Schulgebäude und Kunstwerke[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das Schulgebäude Am Grasweg wurde nach Plänen Fritz Schumachers, eines Mitbegründers des Deutschen Werkbundes und Förderers der neuzeitlichen Backsteinbauweise in Norddeutschland, errichtet. Die Planungen begannen bereits 1910, der Bau konnte aber erst im April 1925 bezogen werden. Das Gebäude war auch architektonisch als Gegensatz zur nahegelegenen traditionsbewussten Gelehrtenschule des Johanneums geplant. Es wurde im Zweiten Weltkrieg stark beschädigt und beim Wiederaufbau vor allem im Dachbereich verändert.

Eine Orgel des Schriftstellers und Orgelbauers Hans Henny Jahnn wurde 1931 von Karl Kemper gebaut und 1991 von Orgelbaumeister G. Christian Lobback restauriert.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Anne-Kathrin Beer: Eine Schule, die hungrig machte. Helmut und Loki Schmidt und die Lichtwarkschule (= Studien der Helmut-und-Loki-Schmidt-Stiftung. Bd. 3). Edition Temmen, Bremen 2007, ISBN 978-3-86108-895-0.
  • Angela Bottin: Enge Zeit. Spuren Vertriebener und Verfolgter der Hamburger Universität (= Hamburger Beiträge zur Wissenschaftsgeschichte. Bd. 11). Katalog zur gleichnamigen Ausstellung im Audimax der Universität Hamburg vom 22. Februar bis 17. Mai 1991. Reimer, Berlin u. a. 1992, ISBN 3-496-00419-3.
  • Jörg Deuter: Nicht nur Lili Marleen. Hans Leip und der Esperantologe Richard Schulz, Nordhausen 2013, ISBN 978 3-88309-794-7 (Traute Lafrenz über ihre Erinnerungen an die Lichtwarkschule, S. 32, 39 – 42).
  • Ursel Hochmuth, Gertrud Meyer: Streiflichter aus dem Hamburger Widerstand. 1933–1945. Nachdruck der Ausgabe von 1969. Röderberg-Verlag, Frankfurt am Main 1980, ISBN 3-87682-036-7.
  • Reiner Lehberger: Die Lichtwarkschule in Hamburg. Das pädagogische Profil einer Reformschule des höheren Schulwesens in der Weimarer Republik. Darstellung und Quellen. Herausgegeben von der Freien und Hansestadt Hamburg, Behörde für Schule, Jugend und Berufsbildung, Amt für Schule, Referat S 13/31, Hamburg 1996, ISBN 3-929728-27-3.
  • Lichtwarkschule (Hrsg.): 50. Geburtstag eines Gebäudes. Jahrzehnte der Erinnerung. 19. April 1975. Lichtwarkschule, Hamburg 1975.
  • Herbert Meinke, Marianne Schmidt (Red.): Die Lichtwarkschule. Idee und Gestalt. Herausgegeben vom Arbeitskreis Lichtwarkschule, Hamburg 1979.
  • Joachim Wendt: Die Lichtwarkschule in Hamburg (1921–1937). Eine Stätte der Reform des höheren Schulwesens (= Beiträge zur Geschichte Hamburgs. Bd. 57 = Hamburger Schriftenreihe zur Schul- und Unterrichtsgeschichte. Bd. 8). Verein für Hamburgische Geschichte, Hamburg 2000, ISBN 3-923356-95-1 (Zugleich: Hamburg, Univ., Diss., 1996).
  • Karl-Heinz Füssl: Fritz C. Neumann (1897-1976). Ein radikaler deutscher Pädagoge als Emigrant in Europa und den USA, in: Jahrbuch für Historische Bildungsforschung, Band 5, Verlag Julius Klinkhardt, Bad Heilbrunn, 1999, ISBN 3-7815-1065-4, S. 225–246. (Online-Zugang zur Volltextausgabe des Jahrbuches für Historische Bildungsforschung, Band 5) Eine leicht geänderte Fassung des Aufsatzes erschien am 1. Oktober 1999 in englischer Sprache: Karl-Heinz Fuessl: Cross-Cultural Developments in Education: The Comparative Experiences of Fritz C. Neumann in Europe and the United States, Historical Studies in Education / Revue D’histoire De L’éducation 11 (2) 1999, S. 170-187

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. a b Karl-Heinz Füssl: Fritz C. Neumann (1897-1976), S. 231
  2. Oberrealschule in Eimsbüttel (Gymnasium Kaiser-Friedrich-Ufer), 1888-2004; siehe auch: Gymnasium Kaiser-Friedrich-Ufer.
  3. Zeitschrift für Pädagogik, Jahrgang 32 (1986), Heft 3
  4. Ursel Hochmuth, Gertrud Meyer: Streiflichter aus dem Hamburger Widerstand 1933–1945. 1980, S. 80.