Liebfrauenkirche (Oberwesel)

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Liebfrauenkirche von Süden
Kirche und Umfeld
Innenansicht mit Lettner
Der filigrane Lettner

Die Liebfrauenkirche in Oberwesel ist ein gotischer Sakralbau am Mittelrhein.

Seit 2002 ist die Liebfrauenkirche Teil des UNESCO-Welterbes Oberes Mittelrheintal.

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ursprünglich außerhalb der Stadtmauern am Fuße der Schönburg gelegen, wurde die 1213 erstmals erwähnte Kirche wahrscheinlich bereits im 12. Jahrhundert gegründet. 1258 wurde sie zu einer Stiftskirche erhoben. Der heutige Bau ist in der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts entstanden. Der Baubeginn ist über eine Inschrift, welche aus 44 Buchstaben besteht und auf Glasfenstern im Maßwerk des Chores verläuft, von denen sich 30 im Original erhalten haben,[1] auf 1308 datiert, auch wenn die Inschrift selbst später entstand, wohl um 1331.[2] Die Chorweihe 1331 ist urkundlich belegt, die Vollendung ist nach dendrochronologischer Datierung des Westturms nach 1351 anzusetzen. In der Folgezeit gab es kaum mehr nennenswerte bauliche Veränderungen. Um 1400 wurde die Kirche bei der Erweiterung der Stadtmauer in die Stadtbefestigung mit einbezogen. Der gravierendste Einschnitt war der Abriss der Stiftsgebäude und des Kreuzgangs nach der Säkularisation 1803.

Ab 1727 ist hier Martin Augsthaler († 1749) als Stiftskapitular belegt.[3] Er war auch Domvikar in Worms und stiftete im Wormser Dom sowie in der Peterskirche zu Sausenheim Altäre. An diesen befinden sich Dedikationsinschriften, die u. a. das Liebfrauenstift Oberwesel benennen. In Oberwesel verfügte er eine testamentarische Stiftung zum Aufbau der Lateinschule beim Minoritenkloster.[4]

Bau und Ausstattung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Außen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die dreischiffige querhauslose Basilika mit Westturm und 5/8-Chor in der für die spätgotische Zeit typischen, durch die Bettelorden-Architektur beeinflussten reduktiven Gotik ist in der Länge verhältnismäßig kurz, außergewöhnlich dagegen in ihrer Schlankheit und Steilheit. Der Außenbau kommt bis auf den Westturm ganz ohne Strebepfeiler aus, die tragenden Stützen sind als Wandpfeiler ins Innere verlegt. Die verhältnismäßige Kürze des Baues zugunsten seiner Steilheit wird im Inneren noch eklatanter. Das eigentliche Langhaus ist abzüglich des durch einen Lettner abgegrenzten tief eingezogenen Stiftschores und der niedrigeren Turmjoche mit drei Jochen gerade mal so lang wie hoch (diese Proportion des Innenraums erinnert im Übrigen auch an die romanische Pfarrkirche im benachbarten Bacharach).

Innen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Stiftschor, der vom Chorhaupt aus gemessen länger als das eigentliche Langhaus ist, wird durch einen filigranen Lettner aus der Erbauungszeit abgeschlossen, mit offenem Maßwerk und zwei (von ursprünglich sechs) Statuetten in den Zwickeln. Der Hochaltar, der wahrscheinlich bereits bei der Chorweihe 1331 fertig war, ist eine Miniaturwiedergabe gotischer Portalskulptur (nach dem Diebstahl der Altarfiguren 1975 sind inzwischen die meisten wieder zurückgekehrt). Ein um 1340 entstandenes Kruzifix aus Eichenholz wurde zusammen mit anderen Figuren bereits im späten 19. Jahrhundert vom Hochaltar gestohlen und gelangte in das Mainzer Altertums-Museum, heute Landesmuseum Mainz.[5] Die „Architektur“ des Altarschreins erinnert mit ihrem Maßwerk und den Rosetten an die Südfassade der Katharinenkirche zu Oppenheim.

Des Weiteren gibt es etliche Grabdenkmäler vom 14. bis 17. Jahrhundert, hervorzuheben sind die Epitaphien für den Speyerer Domdekan Hartmann von Landsberg († 1340)[6] und für Ludwig von Ottenstein[7] (16. Jh.), gotische Wandmalereien an den Pfeilern – herauszuheben sind die sogenannte ‚Länge Christi[8] als besonderes Beispiel spätmittelalterlicher Frömmigkeit und die Darstellung des hl. Rochus[9] –, die Barock-Orgel von Franz Joseph Eberhard (1740/45) sowie barocke Ziborien, Kelche und Monstranzen des 18. Jahrhunderts in der Sakristei.

Orgel[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Orgel der Liebfrauenkirche von Franz Joseph Eberhard aus dem Jahr 1745 wurde mehrfach umgebaut, erweitert und renoviert. 1936 erfolgte eine Restaurierung durch Johannes Klais Orgelbau und eine Ergänzung um ein kleines Rückpositiv. Bei einer weiteren Restaurierung in den Jahren 1977–1980 durch dieselbe Firma wurde der ursprüngliche Zustand zum großen Teil wiederhergestellt. Auf einem dritten Manual wurde ein Schwellwerk ergänzt. Zuletzt baute Klais 2001 eine elektronische Setzeranlage ein. Das Instrument verfügt insgesamt über 55 Register auf drei Manualen und Pedal. Die Spieltrakturen sind mechanisch, die Registertrakturen sind elektrisch.[10] Organist ist seit 2008 Lukas Stollhof.

I Hauptwerk C–g3
Principal 16′
Octav 08′
Hohlpfeife 08′
Viola da Gamba 0 08′
Octav 04′
Rohrflöte 04′
Gemshorn 04′
Quint 0223
Nasard 0223
Octave 02′
Cornett III
Mixtur IV
Scharff III
Trompete 08′
Vox humana 08′
II Oberwerk C–g3
Rohrflöte 8′
Spitzflöte 8′
Flöte 8′
Quintadena 8′
Fugara 8′
Principal 4′
Salicional 4′
Octav 2′
Quint 113
Sesquialter II 0 223
Mixtur III
Vox humana 8′
Tremulant
III Schwellwerk C–g3
Bourdon 16′
Geigenprinzipal 0 08′
Holzflöt 08′
Salicional 08′
Vox coelestis 08′
Octav 04′
Querflöte 04′
Waldflöte 02′
Terz 0135
Rohrnasard 0113
Sifflet 01′
Mixtur V
Basson-Hautbois 16′
Trompete harmonique 08′
Oboe 08'
Clairon 04′
Tremulant
Pedal C–f1
Principal (aus HW) 0 16′
Subbaß 16′
Quintbaß 1023
Octav 08′
Violon 08′
Quint 0513
Octav 04′
Octav 02′
Mixtur VI
Posaune 16′
Trompete 08′
Trompete 04′
  • Koppeln: II/I, III/I, III/II, I/P, II/P, III/P

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Regine Dölling: Die Liebfrauenkirche in Oberwesel = Denkmalpflege in Rheinland-Pfalz. Forschungsberichte 6. Wernersche Verlagsgesellschaft, Worms 2002. ISBN 978-3-88462-182-0.
  • Hans-Jürgen Kotzur (Hrsg.): Hochgotischer Dialog. Die Skulpturen der Hochaltäre von Marienstatt und Oberwesel im Vergleich (Ausstellungskatalog). Wernersche Verlagsgesellschaft, Worms 1993. ISBN 978-3-88462-106-6.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Commons: Liebfrauenkirche Oberwesel – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. „Die […] Inschrift galt spätestens seit 1912 als verloren. Sie wurde jedoch - allerdings in desolatem Zustand - im Jahr 1991 im Verlauf langjähriger Renovierungsmaßnahmen an Ort und Stelle aufgefunden, ausgebaut, identifiziert, anschließend restauriert, textlich wiederhergestellt und im Sommer 1996 erneut an ihrem ursprünglichen Platz angebracht.“ (DI 60, Rhein-Hunsrück-Kreis I, Nr. 27 (Eberhard J. Nikitsch), in: www.inschriften.net, urn:nbn:de:0238-di060mz08k0002707)
  2. „[D]ie Chorverglasung mit der Inschrift [dürfte] frühestens mit der baulichen Fertigstellung der mittleren Maßwerkzone der Chorfenster angebracht [worden sein] – somit dürfte die Inschrift frühestens im Zusammenhang mit der Kirchweihe 1331 und nicht schon 1308 angefertigt worden sein.“ (DI 60, Rhein-Hunsrück-Kreis I, Nr. 27 (Eberhard J. Nikitsch), in: www.inschriften.net, urn:nbn:de:0238-di060mz08k0002707)
  3. Ferdinand Pauly: Germania Sacra Neue Folge, Band 14: Die Bistümer der Kirchenprovinz Trier: Das Erzbistum Trier (Band 2), Die Stifte St. Severus in Boppard, St. Goar in St. Goar, Liebfrauen in Oberwesel, St. Martin in Oberwesel, Verlag Walter de Gruyter, 1980, S. 396; (Ausschnittscan)
  4. Webseite zum Minoritenkloster Oberwesel
  5. Oberweseler Kruzifix in der Objektsammlung des Landesmuseums Mainz auf museum-digital
  6. Webseite zur Grabplatte in Oberwesel
  7. Siehe DI 60, Rhein-Hunsrück-Kreis I, Nr. 169 (Eberhard J. Nikitsch), in: www.inschriften.net, urn:nbn:de:0238-di060mz08k0016909.
  8. Siehe DI 60, Rhein-Hunsrück-Kreis I, Nr. 140 (Eberhard J. Nikitsch), in: www.inschriften.net, urn:nbn:de:0238-di060mz08k0014001.
  9. Siehe DI 60, Rhein-Hunsrück-Kreis I, Nr. 182 (Eberhard J. Nikitsch), in: www.inschriften.net, urn:nbn:de:0238-di060mz08k0018205.
  10. Nähere Informationen zur historischen Orgel der Liebfrauenkirche, abgerufen am 20. August 2015.

Koordinaten: 50° 6′ 14,9″ N, 7° 43′ 49,6″ O