Lilium Jet

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Lilium Jet
Typ: elektrisches VTOL-Flugzeug
Entwurfsland:

DeutschlandDeutschland Deutschland

Hersteller:

Lilium GmbH

Erstflug:

20. April 2017

Der Lilium Jet ist ein 36-motoriges elektrisch angetriebenes, senkrecht startendes und landendes Luftfahrzeug des deutschen Herstellers Lilium.[1] Es ist geplant, dass es fünf Personen autonom fliegend als Lufttaxi befördern kann.[2] Entgegen der verwendeten Bezeichnung „Jet“ besitzt das Fluggerät keine Strahltriebwerke, sondern schwenkbare Mantelpropeller.

Entwicklung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Anhand vieler Modelle in verkleinertem Maßstab wurden Konstruktionsvarianten untersucht, bei denen die Tragflächen für den Übergang von Senkrecht- zu Horizontalflug nach vorn klappen. 2015 flog ein erster Demonstrator mit der Bezeichnung Falcon im Maßstab 1:2.[3]

Der unbemannte Erstflug eines zweisitzigen Prototyps fand am 20. April 2017 auf dem Sonderflughafen Oberpfaffenhofen, in der Nähe von München, statt.[4] Ebenfalls dort hob am 4. Mai 2019 erstmals der fünfsitzige Prototyp des Lilium Jets für etwa 40 Sekunden vom Boden ab. Er wurde wenig später der Öffentlichkeit präsentiert.[5][6] Im Laufe weiterer Test erreichte der Prototyp eine Geschwindigkeit von über 100 km/h.[7]

Die Serienreife wird für die Mitte der 2020er Jahre angestrebt. Seit 2019 durchläuft der Lilium Jet nach Herstellerangaben das Zulassungsverfahren der EASA.[8] Die Carbonfasern wird Lilium in Zukunft von Toray beziehen. Daraus werden der Rumpf, die Flügel und die Klappen hergestellt.[9]

Konstruktion[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Antrieb des Fluggeräts besteht aus 36 Elektromotoren, die jeweils auf einen Mantelpropeller wirken. Bei dem als Entenflugzeug ausgelegten Wandelflugzeug befinden sich je sechs Mantelpropeller auf den vorderen beiden Tragflächen und je zwölf auf den hinteren Flächen. Hinter einem festen Teil der Tragflächen sind die Propeller und Triebwerke jeweils in zwölf kippbaren Tragflächenteilen (vom Hersteller in Analogie zu Landeklappen als flaps bezeichnet) installiert. Die den Antrieb tragenden „Klappen“ werden zum senkrechten Start nach unten geschwenkt. Bei der Transition in die horizontale Lage wird ein Vorwärtsschub erzeugt, wonach die Tragflächen den notwendigen Auftrieb übernehmen. Dies ist energetisch wesentlich ökonomischer als die Auftriebserzeugung durch Rotoren.[10]

Einschätzungen zur Realisierbarkeit[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In Fachartikeln wurde seit 2016 wiederholt in Frage gestellt, ob die angestrebten Zielparameter des Lilium Jets mit heutiger oder in naher Zukunft erreichbarer Batterietechnologie technisch realisierbar sind: Der Journalist Eric Adams vertrat 2016 in einem Artikel des Magazins Wired den Standpunkt, dass entweder nur eine deutlich geringere Reichweite möglich ist, oder wesentlich schwerere Batterien nötig seien.[11] Im August 2018 erschien im selben Magazin ein Artikel,[12] der vorrechnete, dass unter den gegebenen Randbedingungen nur wenige Minuten Nettoflugzeit verfügbar wären. Im US-amerikanischen Magazin The Drive bezeichnete Adams im Oktober 2018 das Konzept als „weit jenseits der Möglichkeiten, die über 100 Firmen bei ihren Versuchen, ein Elektroflugzeug zu entwickeln, bisher erreicht hätten.“[13]

Anfang 2020 veröffentlichte das Fachmagazin aerokurier unter dem Titel „Hoffnungsträger oder Hochstapler?“ eine Fundamentalkritik am Konzept des Lilium Jets,[14] die kurz darauf vom Spiegel aufgegriffen und verstärkt wurde.[15][16] Die Kritik basiert auf einer Studie,[17] die ein noch unbekannter Fachmann erstellt hat, deren Ergebnisse aber inzwischen von zwei unabhängigen Luftfahrtexperten, Erol Özger von der TH Ingolstadt und Mirko Hornung von der TU München bestätigt wurden. Darin wird detailliert hergeleitet, dass die von Lilium bekanntgegebene Reichweite von 300 km mit heutiger Batterietechnik und den eingeplanten 36 kleinen Mantelpropellern (Ducted Fans) nicht einmal annähernd erreichbar ist. Dem widersprach in einem Artikel des Magazins Technology Review vom 24. Februar 2020 der Fachgebietsleiter für Luftfahrzeugbau und Leichtbau an der TU Berlin Andreas Bardenhagen. Nach seiner Analyse sind die Ziele von Lilium zwar „sehr ambitioniert, aber nicht unmöglich“.[18] Allerdings wäre dazu unter anderem eine erhebliche Steigerung der Energiedichte der Akkus notwendig.

In einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung am 14. Juli 2020 ging der Vorstandsvorsitzende Daniel Wiegand indirekt auf die Reichweitendiskussion ein, indem er sagte: "Wir müssen am Anfang mindestens 150 bis 180 Kilometer erreichen (...), und das werden wir deutlich übertreffen".[19]

Nutzung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Lilium Jet soll nicht als Fluggerät selbst verkauft werden, sondern seine Dienstleistung als Flugtaxi. Es ist geplant, dass dieses Angebot ab 2025 in mindestens zwei Städten eingerichtet wird.[20]

Zwischenfall[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Am 27. Februar 2020 verbrannte der erste Prototyp bei Wartungsarbeiten.[21]

Technische Daten[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die technischen Daten[22][23][24] sind aus der Entwicklungsphase April 2017.[25]

Kenngröße Daten 2-Sitzer Daten 5-Sitzer
Besatzung Pilot, selbststeuernd möglich
Passagiere 2 5
max. Startmasse 640 kg 1500 kg[26]
Leermasse 440 kg
Nutzlast 200 kg
Reisegeschwindigkeit 280 km/h
Höchstgeschwindigkeit 300 km/h
Reichweite 150[19]-300 km
max. Flugdauer 60 min
Triebwerke 36 Elektromotoren, die jeweils schwenkbare,
Mantelpropeller antreiben, mit zusammen 320 kW

Auszeichnung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Am 25. September 2019 wurde in Singapur der Design-Preis Red Dot Award Design Concept vergeben. Lilium wurde Preisträger der Unternehmen Amerikas und Europas, zusammen mit 12 anderen Firmen.[27]

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Alex Davies: Lilium’s Funky ‘Jet’ Could Make Our Dreams of Flying Cars Come True (Liliums unkonventioneller ‚Jet‘ könnte unsere Träume von fliegenden Autos wahr werden lassen). In: wired.com. 20. April 2017, abgerufen am 19. Oktober 2018 (englisch).
  2. Alexander Davies: Weltpremiere aus München: Interview mit dem Lilium-Gründer. In: wired.de. 20. April 2017, abgerufen am 18. Oktober 2018.
  3. HERZKAMMER: Auf der Höhe der Zeit. In: herzkammer.bayern. Abgerufen am 1. Mai 2019.
  4. Andreas Donath: Elektrokleinflugzeug Lilium hebt ab. In: golem.de. 21. April 2017, abgerufen am 30. April 2018.
  5. Lilium Jet fliegt: Fünf Sitze, tolles Reiseerlebnis ab 2025 im Einsatz. In: CleanThinking.de. 16. Mai 2019, abgerufen am 16. Mai 2019.
  6. Astrid Becker: Flugtaxi, bitte! In: sueddeutsche.de. 16. Mai 2019, abgerufen am 16. Juli 2019.
  7. Media Releases: Lilium completes funding round worth more than $240 million. Lilium, 23. März 2020, abgerufen am 23. März 2020 (englisch).
  8. Stefan Krempl: E-Mobilitäts-Pionier: Flugtaxis sind auf dem Markt, bevor 5G in die Fläche kommt. In: heise.de. 18. Dezember 2018, abgerufen am 23. März 2019.
  9. Toray to supply carbon composites for Lilium Jet. In: evtol.com. 20. Juli 2020, abgerufen am 25. Juli 2020 (englisch).
  10. Manne Kreuzer: Erstflug eines elektrischen VTOL-Lufttaxis. In: elektroniknet.de. 21. April 2017, abgerufen am 30. April 2018.
  11. Eric Adams: This Bizarre Private Jet Concept Might Fly—But It Won't Take You Far. In: Wired. 15. Juni 2016, ISSN 1059-1028 (wired.com [abgerufen am 28. Januar 2020]).
  12. Oliver Franklin-Wallis: The battery to power Uber’s flying car dreams doesn’t exist (yet). In: wired.co.uk. 2. August 2018, abgerufen am 1. Mai 2019.
  13. Eric Adams: Air Taxi Start-Up Lilium Boldly Claims It Will Start Flying 'Much Sooner Than' 2025. In: www.thedrive.com. 29. Oktober 2018, abgerufen am 28. Januar 2020 (englisch).
  14. Hoffnungsträger oder Hochstapler?, abgerufen am 23. Januar 2020
  15. DER SPIEGEL: Experten des Fachmagazins "Aerokurier" zweifeln am Elektro-Lufttaxi Lilium-Jet. 18. Januar 2020, abgerufen am 28. Januar 2020.
  16. Lufttaxi-Start-up weiter in Erklärungsnot, Der Spiegel 22. Januar 2020
  17. o. V.: Die Flugleistung des Lilium-„Jets“ und eVTOL ́im Allgemeinen – eine Konzeptberechnung. Hrsg.: Aerokurier. (aerokurier.de [PDF; 340 kB; abgerufen am 23. Januar 2020]).
  18. Sascha Mattke: Luftnummer Lilium? Technology Review, 24. Februar 2020, abgerufen am 27. Februar 2020.
  19. a b Stoff für Flugtaxis, Süddeutsche, 14. Juli 2020, Seite 22.
  20. ZEIT ONLINE, dpa, AFP, jk: Elektroflugtaxi schafft Jungfernflug. Zeit, 16. Mai 2019, abgerufen am 23. März 2020.
  21. Christoph Koopmann: Flugtaxi abgebrannt – Lilium verliert Prototypen. Süddeutsche Zeitung, 28. Februar 2020, abgerufen am 28. Februar 2020.
  22. Ulrike Ebner: Ein Elektroflugzeug für den Alltag. In: flugrevue.de. Flugrevue, 16. Mai 2016, abgerufen am 7. August 2018.
  23. Christian Vetterlein: Lilium Jet – Elektroflieger der Zukunft? – Der Lilium Jet – eine Innovation in der Luftfahrt. In: arts.eu. ARTS, abgerufen am 7. August 2018.
  24. Marinela Potor: Lilium vs. Pop.Up: Welches E-Flugzeug ist der Überflieger? In: mobilitymag. 28. April 2017, abgerufen am 30. September 2018.
  25. Lilium Jet Specifications. In: evtol.news. The Electric VTOL News, abgerufen am 4. März 2020 (englisch).
  26. dpa: Fünfsitziges Elektro-Flugtaxi Lilium Jet hebt ab. Tagesspiegel, 16. Mai 2019, abgerufen am 23. März 2020.
  27. Red Dot Design Ranking. In: red-dot.org. 25. September 2019, abgerufen am 27. September 2019.