Lilly Dieckmann

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Zur Navigation springen Zur Suche springen

Lilly Theodora Dieckmann, geb. Distel (* 18. September 1882 in Dresden; † 15. August 1958 in Lübeck) war eine deutsche Pianistin, Salonnière und Mäzenin.

Leben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Villa Distelheim in Blasewitz

Lilly[1] Distel war die Tochter des königlich sächsischen Archivrats Dr. jur. Ernst August Theodor Distel (1849–1912) und seiner Frau Theodora (Dora), geb. Souchay (1857–1945). Ihre Mutter entstammte dem Lübecker Zweig der erfolgreichen hugenottischen Kaufmannsdynastie Souchay und war eine Tochter von Marc André Souchay (1824–1880) und seiner Frau Mathilde, geb. Irsengarten (1829–1916). Theodor Souchay war ihr Großonkel.[2]

Ihre zwei Jahre ältere Schwester Hilde (1880–1917) war Sängerin und eine Jugendfreundin von Thomas Manns Schwester Julia. Die Familien waren weitläufig verschwägert. Beide Schwestern waren ungewöhnlich musikbegabt.[3] Sie wuchsen gemeinsam mit den Brüdern Paul und Carl Ehrenberg, die früh ihre Mutter verloren hatten, in der Villa Distelheim in der Marschallallee 21 (heute Händelallee 3) in Blasewitz auf.[4]

Parkstr. 60 in Lübeck

Lilly Distel heiratete am 3. Dezember 1903 in Dresden den Kaufmann (Ernst Wilhelm) Reinhard Dieckmann (* 28. Apriljul./ 10. Mai 1879greg. in Wladiwostok; † 21. August 1958 in Lübeck) und zog mit ihm nach Lübeck, wo er 1904 das Bürgerrecht erwarb und mit seinem Onkel Charles Hornung Petit Teilhaber des Lübecker Handelshauses Charles Petit & Co sowie dänischer Konsul wurde.

In ihrem Stadthaus in der Parkstraße am Stadtpark und ihrem Sommerhaus am Ratzeburger See in Groß Sarau führte die Konsulin Dieckmann einen einflussreichen musikalischen Salon und förderte neben Ida Boy-Ed den jungen Wilhelm Furtwängler als Nachfolger von Hermann Abendroth maßgeblich.

Nachlass[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die letzte Ruhestätte der Eheleute Dieckmann im Familiengrab Souchay auf dem Friedhof der St.-Jürgen-Kapelle in Lübeck. Das Grabmal ist ein Werk des Architekten Joseph Christian Lillie.[5]

Das kinderlose Ehepaar, das kurz nacheinander verstarb, setzte die Gesellschaft zur Beförderung gemeinnütziger Tätigkeit als Alleinerbin seines Vermögens ein. Mit den finanziellen Mitteln konnte 1958 das Kolosseum umgebaut und 1959 mit mehr als tausend Plätzen als seinerzeit modernster Konzertsaal Norddeutschlands wiedereröffnet werden.[6] Eine marmorne Gedenktafel in der Wandelhalle des Kolosseums erinnert an diese Großspende der Eheleute.[7]

Durch gemeinsames Testament der Eheleute Dieckmann wurden der Briefnachlass und die Tagebücher von Lilly Dieckmann dem Archiv der Hansestadt Lübeck überwiesen.[8] Der Briefnachlass enthält Briefe von Wilhelm Furtwängler, Edwin Fischer, Arthur Nikisch, Conrad Hansen, Fritz Behn und Thomas Mann.

Ihr großes Puppenhaus aus Kindertagen ist heute eines der zentralen Ausstellungsstücke der Spielzeugabteilung des St. Annen Museums in Lübeck.[9]

Die Gesellschaft zur Beförderung gemeinnütziger Tätigkeit besitzt ein 1917 von Paul Ehrenberg gemaltes Ölporträt von Lilly Dieckmann.[10]

Schriften[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Furtwängler in Lübeck 1911–1915. Aus Briefen einer Musikfreundin an ihre Mutter. In: Martin Hürlimann (Hrg.): Wilhelm Furtwängler: im Urteil seiner Zeit. Atlantis, Zürich/Freiburg i. Br. 1955, S. 131ff.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Günter Zschacke: Furtwängler in Lübeck. Die Jahre 1911–1915 im Spiegel der Briefe von Lilli Dieckmann an ihre Mutter in Dresden. Hrsg. von „Orchesterfreunde – Verein Konzertsaal der Hansestadt Lübeck e. V.“ Lübeck 2000.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. So nach dem Eintrag im Geburtenregister, abgerufen über ancestry.com am 7. Juni 2016, oft auch Lilli
  2. Otto Döhner: Das Hugenottengeschlecht Souchay de la Duboissière und seine Nachkommen. Neustadt an der Aisch: Degener 1961 (Deutsches Familienarchiv 19) Digitalisat, S. 159.
  3. Peter de Mendelssohn: Der Zauberer. Das Leben des Schriftstellers Thomas Mann. Band 1: 1875–1918. Fischer, Frankfurt am Main 1975, ISBN 3-10-04940-2-4, S. 377.
  4. Thomas Mann, Heinrich Detering, Eidgenössische Technische Hochschule Zürich, Thomas-Mann-Archiv: Grosse kommentierte Frankfurter Ausgabe: Briefe 1, 1889–1913, in: Band 21: von Thomas Mann Grosse kommentierte Frankfurter Ausgabe, S. Fischer, Frankfurt, 2002, S. 579; Helmut Keiber: „...dass du mir werth und wichtig bist“ : Thomas Mann und Paul Ehrenberg. VPK, Verlag Pfälzer Kunst, Landau in der Pfalz 2005, S. 18, 320, 321.
  5. Hartwig Beseler (Hrsg.): Kunsttopographie Schleswig-Holstein. Neumünster 1974, S. 159
  6. Georg Behrens: 175 Jahre Gemeinnütziges Wirken. Lübeck 1964, S. 142.
  7. Abb. auf der Homepage des Kolosseums.
  8. Findbuch-Eintrag
  9. Max Hasse: Spielzeug und Spiele. Museen für Kunst und Kulturgeschichte der Hansestadt Lübeck, 1974.
  10. Die Lübecker im Portrait, 1780–1930: zum fünfzigjährigen Bestehen des Behnhauses als Museum neuerer Kunst. Behnhaus, Lübeck 1973, S. 20.