Lindau 21

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Lindau 21 war ein Projekt zur Neuordnung der Eisenbahnanlagen im Raum Lindau (Bodensee). Der bisherige Hauptbahnhof Lindau, ein Kopfbahnhof, sollte dabei durch einen viergleisigen Durchgangsbahnhof ersetzt werden. Lindau 21 zählte zu den Projekten Bahnhof 21 der Deutschen Bahn (DB).

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Gleisanlagen des Lindauer Hauptbahnhofs
Der heutige Hauptbahnhof auf der Insel südlich des Zentrums mit dem Bahnhof Reutin nordöstlich davon auf dem Festland (links oben)

Erste Konzeption[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Planung eines neuen Hauptbahnhofs für Lindau in Reutin begann 1995. Dazu sollte das Gelände des ehemaligen Güterbahnhofs Lindau-Reutin, ein Durchgangsbahnhof, genutzt werden und den alten Hauptbahnhof komplett ersetzen. Maßgeblicher Grund dafür war, dass die Konzeption der Bahnanlagen in Lindau im Prinzip aus der Zeit vor deren Eröffnung 1853 stammt und nicht mehr zeitgemäß war. Die Siedlungsstruktur hatte sich grundlegend verändert, der Kopfbahnhof war für durchgehenden Verkehr betrieblich ungünstig und die Güterverkehrsanlagen für das noch bestehende Aufkommen überdimensioniert. Auch wirtschaftliche Gründe sprachen für den neuen Standort.[1] Außerdem mussten die Bahnanlagen modernisiert werden, da sie unterdimensioniert und technisch überholt waren. Das Stellwerk war zu erneuern und sechs höhengleiche Bahnübergänge sollten beseitigt werden. Das Vorhaben war Teil des Ausbaus der Verbindung München-Memmingen–Lindau–Bregenz–Zürich.

Planung 1997[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im April 1997 kündigte die DB unter dem Arbeitstitel Lindau 21 an, den Kopfbahnhof der Stadt durch einen Durchgangsbahnhof ersetzen zu wollen. Der Verkehr zwischen München und Zürich sollte damit wesentlich beschleunigt werden. Einschließlich eines Streckenausbaus sowie des Einsatzes von Neigetechnik-Zügen sollte die Fahrzeit zwischen München und Zürich um eine Stunde verkürzt werden.

Als Standorte für einen Durchgangsbahnhof auf dem Festland wurden neben dem Güterbahnhof Reutin auch der Europaplatz erwogen. Als Vorteil der Europaplatz-Variante galt die Erreichbarkeit der Innenstadt zu Fuß, während der Reutiner Standort etwa zwei Kilometer entfernt liegt. An beiden Standorten waren je zwei Durchgangsgleise und zwei Überholungsgleise vorgesehen. Die DB sicherte zu, an beiden Standorten auch in Zukunft alle Züge halten zu lassen. Der damalige Vorstandsvorsitzende der Deutschen Bahn AG, Heinz Dürr, forderte eine Standortentscheidung seitens der Stadt Lindau bis Ende 1997 und gab die Gesamtkosten für den Neubau von Stellwerk und Bahnhof mit 70 Millionen DM an. Der Großteil der Kosten sollte durch den Verkauf von rund 35 Hektar nicht mehr benötigter Bahnflächen des dann alten Hauptbahnhofs und in Reutin aufgebracht werden. Die Inbetriebnahme sollte, bei günstigem Ablauf, etwa fünf Jahre später erfolgen.[2]

Die Entscheidung, den Stadtbahnhof aufzugeben, wurde von Pro Bahn und von Bürgern kritisiert.[3] Ende November 1997 sprach sich der Stadtrat dafür aus, den Inselbahnhof zu erhalten und schlug eine Verschiebung des Empfangsgebäudes um 200 Meter vor.[4] Mitte Juli 1999 endete eine Abstimmung über das Projekt im Stadtrat mit einem Patt, womit das Projekt abgelehnt war.[5]

Planung 2002[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Erste Planung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Anfang Juni 2000 kündigte die DB erneut an, den bestehenden Kopfbahnhof aus Kostengründen aufgeben zu wollen.[6] Im Dezember 2002 wurde ein entsprechendes Planfeststellungsverfahren eingeleitet. Die Unterlagen wurden im Dezember 2003 öffentlich ausgelegt und im April 2004 erörtert. 2005 wurden Einwendungen in die Planung eingearbeitet. Der Planfeststellungsbeschluss wurde für 2005 erwartet, der Baubeginn für 2007.[1] Die geschätzten Kosten des Projekts wurden 2005 mit rund 65 Millionen Euro beziffert.[1]

Umstritten war in der Öffentlichkeit weiter, ob der bestehende Kopfbahnhof bestehen bleiben solle. Während die Stadt auf dessen Erhalt beharrte, lehnte die DB das ab. Nach ihren Angaben bedeutete das Mehrkosten bis zu 25 Millionen Euro.[7] Um die geplante Reisezeitverkürzung zwischen München und Zürich insgesamt realisieren zu können, sei ein Durchgangsbahnhof in Lindau erforderlich.[7]

Kompromisslösung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Am 31. Mai 2011 kündigte die DB an, im weiteren Dialog mit der Stadt bis spätestens Herbst 2011 eine Entscheidung treffen zu wollen. Neben den Varianten für den Reutiner Durchgangsbahnhof werde dabei nun auch eine Variante zur Modernisierung des bestehenden Bahnhofs geprüft. Bei einem Gespräch wurde Anfang August 2011 ein Kompromissvorschlag zur Diskussion gestellt. Dieser sah einen Erhalt des Inselbahnhofs für den Großteil des Regionalverkehrs sowie einen reduzierten Reutiner Durchgangsbahnhof für den Fern- und einen Teil des Regionalverkehrs vor. Eine solche Investition ließe, so die DB, allerdings keine darüber hinausgehenden Investitionen, wie etwa Lärmschutz entlang der Bestandsstrecke, zu.[8] Ferner könne ein Erhalt des Fernverkehrshalts Lindau nicht zugesagt werden. Eine vom Stadtrat geforderte Lösung eines Durchgangsbahnhofs in Reutin, mit Erhalt des bestehenden Bahnhofs, wurde von der Deutschen Bahn aus Kostengründen abgelehnt.[9]

Erster Bürgerentscheid[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Am 25. Oktober 2011 stimmte der Lindauer Stadtrat in einer öffentlichen Sitzung mit 20:10 für diese so genannte „Kombilösung“.[10] In einer weiteren Abstimmung wurde ein Bürgerentscheid dazu mit 19:11 Stimmen beschlossen.[10] Der Bürgerentscheid wurde am 11. Dezember 2011 durchgeführt. Bei einer Beteiligung von 40,86 % stimmten 61,03 % für die Kombilösung, 38,97 % dagegen.[11] Die DB bat das Eisenbahn-Bundesamt daraufhin um Einstellung des Planfeststellungsverfahrens.

Zweiter Bürgerentscheid[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Bürgerinitiative „Hauptbahnhof Reutin“ mit dem ehemaligen CSU-Oberbürgermeisterkandidaten Rainer Rothfuß als Vorsitzendem forderte einen weiteren Bürgerentscheid. Ihrer Meinung nach sollte auch über eine Lösung „Hauptbahnhof in Reutin mit eingleisiger Inselanbindung“ abgestimmt werden. Dieser Bürgerentscheid fand am 18. März 2012 statt. Bei einer Beteiligung von 43,97 % sprachen sich 53,13 % für und 46,87 % gegen den Vorschlag aus.[12] Damit war das gesetzliche Quorum erfüllt, das Votum für einen Hauptbahnhof in Reutin somit für den Stadtrat bindend und das Ergebnis des vorherigen Ratsentscheids hinfällig.[13]

Dritter Bürgerentscheid[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ein dritter Bürgerentscheid am 22. Juli 2012 befand darüber, wie der Ersatz der Bahnübergänge Langenweg und Bregenzer Straße gestaltet werden solle. Eine Bürgerinitiative forderte Überführungen, ein Ratsbegehren dagegen Unterführungen.[14] Beide Begehren scheiterten, weil nur 26,6 % der Berechtigten abstimmten, das erforderliche Quorum damit verfehlt wurde. Die Ergebnisse der Entscheide waren für den Stadtrat deshalb rechtlich nicht bindend.[15]

Folgen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Vier Monate nach dem zweiten Bürgerentscheid erklärte die Deutsche Bahn Ende Juli 2012, dass sie nun neu und mit zwei Bahnhöfen plane. Der Inselbahnhof soll dabei in seiner Größe deutlich verringert werden.[16]

Die örtliche CSU versuchte, den Bürgerentscheid rückgängig zu machen. Die parteilose, der CSU nahestehende Oberbürgermeisterin, Petra Seidl, wurde daraufhin abgewählt, der Kandidat der CSU für ihre Nachfolge verlor die Wahl gegen Gerhard Ecker, SPD.[17]

Um den Bürgerentscheid umzusetzen, war ein neues Planfeststellungsverfahren notwendig.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Bürgerbahn statt Börsenbahn, Aktionsgemeinschaft Inselbahnhof Lindau, Bahn für alle (Hrsg.): „… und der Bahnhof bleibt auf der Insel!“, 24-seitige Broschüre, 3. Auflage, ca. 2012 (2. Auflage verfügbar als PDF-Datei).
  • pd/an: Spatenstich in Lindau. In Eisenbahn-Revue International 12/2016, S. 606f.
  • Manfred Rauscher: Ein Durchgangsbahnhof für Lindau (Bodensee). In Eisenbahn-Revue International 5/2005, S. 246–251.
  • Harald Schönfeld: Insel-Idyll mit Verfallsdatum. Lindau Hbf – Erhalt oder Ende? In: eisenbahn magazin. Nr. 9/2012. Alba Publikation, September 2012, ISSN 0342-1902, S. 30–34 (Artikel über Historie und Zukunftspläne des Inselbahnhofs).
  • Winfried Wolf, Klaus Gietinger, Karl Schweizer, Wolfgang Hesse: Inselkrimi Bahnhof Lindau. Eigenverlag, Berlin 2004, ISBN 3-922504-44-2.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. a b c Manfred Rauscher: Ein Durchgangsbahnhof für Lindau (Bodensee). In: Eisenbahn-Revue International, Heft 5/2005, ISSN 1421-2811, S. 246–251.
  2. Eine Jahrhundertchance für die Bodensee-Insel. In: Süddeutsche Zeitung, Nr. 99, 1997, ISSN 0174-4917, S. 43.
  3. Fahrgäste kämpfen für Lindauer Inselbahnhof. In: Süddeutsche Zeitung, Nr. 226, 1997, ISSN 0174-4917, S. 61.
  4. Bahnhof bleibt auf der Insel. In: Süddeutsche Zeitung, Nr. 275, 1997, ISSN 0174-4917, S. 59.
  5. Lindauer Bahnhof bleibt auf der Insel. In: Süddeutsche Zeitung, Nr. 161, 1997, ISSN 0174-4917, S. L7.
  6. Meldung Aktuelles in Kürze. In: Eisenbahn-Revue International, Heft 8–9/2000, ISSN 1421-2811, S. 340.
  7. a b Stillstand am Bodensee. In: Süddeutsche Zeitung, 26. Januar 2009, S. 50.
  8. DB Mobility Logistics AG (Hrsg.): Lindau: Bahn will Entscheidung über künftigen Bahnhof. Presseinformation vom 1. Juni 2011.
  9. In Sachen Lindauer Bahnhof und Unterführung fangen Stadt und Bahn AG ganz neu an. In: Schwäbische Zeitung (Onlineausgabe), 1. Juni 2011.
  10. a b Stadt Lindau: Aktuelles aus der Stadtratssitzung vom 25. Oktober 2011
  11. Stadt Lindau: „Bürgerentscheid 2011 Kombilösung Bahnhof Vorläufiges Endergebnis“.
  12. http://www.lindau.de/wahl/BEBReutin/BER2012.html
  13. „Lindauer stellen die Weichen für Reutin“. In: Schwäbische Zeitung (Onlineausgabe), 18. März 2012.
  14. Der Westallgäuer: Lindauer stimmen über Bahnübergang Langenweg ab, 19. Juli 2012, abgerufen am 26. Juli 2012
  15. Lindau.de:„Ergebnis Bürgerentscheide am 22. Juli 2012 Vorläufiges Endergebnis“, 22. Juli 2012, abgerufen am 26. Juli 2012
  16. Lindauer Zeitung: „Bahn plant jetzt doch zwei Bahnhöfe“, 24. Juli 2012, abgerufen am 26. Juli 2012.
  17. pd/an: Spatenstich in Lindau, S. 606.