Linksradikalismus

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Der Titel dieses Artikels ist mehrdeutig. Für Parteien in der Tradition des Radikalismus siehe Linksliberalismus

Linksradikalismus ist eine politische Metapher zur Kennzeichnung verschiedener politischer Strömungen aus dem Spektrum der politischen Linken. Der Begriff setzt sich zusammen aus der Richtungsbezeichnung „links“, die aus der Französischen Revolution stammt, beansprucht aber eine „radikale“ Form linker Politik zu sein. Der Begriff Radikalismus stammt wiederum etymologisch von lat. radix („Wurzel“), bezieht sich also auf den grundlegenden und fundamentalen Charakter der von Linksradikalen angestrebten, meist revolutionären gesellschaftlichen Veränderungen. Da sowohl links als auch radikal relative Richtungsbegriffe sind, ist die Einordnung als „linksradikal“ stets umstritten. Eine große Offenheit erhält der Begriff auch dadurch, dass er sowohl als Eigen- wie als Fremdbezeichnung benutzt wird.

Definition[Bearbeiten]

Laut dem Historisch-Kritischen Wörterbuch des Marxismus bezeichnet der Begriff „vornehmlich im sozialen Spektrum der Arbeiterbewegung, des Kommunismus und Sozialismus eine Form politischer Kritik und Praxis, die an die Wurzel (lat. radix) zu gehen beansprucht. Verwendung und Definition hängen davon ab, was im historischen Kontext als „links“ oder „radikal“ gilt. Vertreter des L beanspruchen eine unbedingt revolutionäre, grundsätzliche Kritik, die moderaten, auf systemmimmandente Reformziele verkürzten Gesellschaftskritiken vorzuziehen sei.“[1]

Der Begriff unterscheidet sich klar vom Linksextremismus, der auf der Totalitarismustheorie beruht. Diese nimmt eine Gleichsetzung von Rechts- und Linksextremismus in Abgrenzung zu einer politischen Mitte vor, die damit zur einzig gültigen Norm erklärt wird. Linksextremismus ist daher eine reine Fremdbezeichnung, überwiegend von staatlichen Verfassungsschutzorganen benutzt, während der Linksradikalismus breiter verwendet wird, auch von den Akteuren selbst.

Geschichte[Bearbeiten]

19. Jahrhundert[Bearbeiten]

Karl Marx bekannte sich bereits 1844 in der Diskussion mit den Linkshegelianern zu einer radikalen Gesellschaftskritik: „Radikal sein ist die Sache an der Wurzel fassen. Die Wurzel für den Menschen ist aber der Mensch selbst. Der evidente Beweis für den Radikalismus der deutschen Theorie, also für ihrer praktische Energie, ist ihr Ausgang von der entscheidenden positiven Aufhebung der Religion. Die Kritik der Religion endet mit der Lehre, dass der Mensch das höchste Wesen für den Menschen sei, also mit dem Kategorischen Imperativ, alle Verhältnisse umzuwerfen, in denen der Mensch ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein verächtliches Wesen ist.“[2]

Michail Bakunin. (Photographie von Félix Nadar, ca. 1860)

Marx Herleitung des Radikalismus aus der Religionskritik verweist auf eine Verbindung mit der bürgerlichen Aufklärung und dem Liberalismus. Diese beginnt sich jedoch bereits zu lösen, wenn Marx unter „positiver Aufhebung“ der Religion nicht (nur) die säkulare Demokratie, sondern auch radikale soziale Gleichheit verlangt. Damit erweitert er den Begriff des Radikalismus zum Sozialismus. Der Begriff „linksradikal“ wird weder von Marx und Engels, noch von ihren Gegnern aus anderen politischen Strömungen benutzt. Dennoch äußerten beide mehrfach Kritik an Tendenzen zum Voluntarismus oder Dogmatismus, insgesamt an der Idee, allein durch entschiedenen Willen einer Minderheit sei die Revolution auszulösen: „An die Stelle der kritischen Anschauung setzt die Minorität eine dogmatische, an die stelle der materialistischen eine idealistische. Statt der wirklichen Verhältnisse wird ihr der bloße Wille zum Triebrad der Revolution.“[3] Der Vorwurf, nicht eine Massenbewegung zu suchen, sondern sich mit radikal zugespitzten, utopischen Forderungen selbst zu isolieren sollte den Linksradikalismus auch im 20. Jahrhundert begleiten. Eine weitere Quelle der Begriffsbestimmung ist die Kontroverse zwischen Marx und Bakunin über die Natur des Staates - Während Marx diesen zur Umsetzung revolutionärer Ziele übernehmen wollte und erst später auf ein „Absterben“ setzte, waren Vertreter eines libertären oder „freiheitlichen“ Sozialismus um Michail Bakunin wesentlich staatskritischer eingestellt - aus dem Zerfall der 1. Internationale ging die Scheidung in Marxismus und Anarchismus hervor, letzterer mag als die erste organisierte linksradikale Strömung gelten, auch wenn der Begriff noch nicht verwendet wurde. Allerdings gab es, wie die spätere Geschichte zeigt, auch zentralistische Varianten des Linksradikalismus.

Nach 1917[Bearbeiten]

Prominenz erreichte der Begriff Linksradikalismus nach der Revolutionären Welle am Ende des Ersten Weltkrieges, als in ganz Europa die sozialistischen Bewegungen stark anwuchsen und sich ausdifferenzierten. Bereits während des Krieges organisierte sich in der Norddeutschen SPD ein Flügel von Kriegskritikern um Paul Frölich, Anton Pannkoek, Johann Knief und Karl Radek, der nach ihrer Hochburg „Bremer Linksradikale“ genannt wurde, aber auch in Hamburg und anderen Städten stark war. Die Gruppe benannte sich 1918 um in „Internationale Kommunisten Deutschlands“ und vereinigte sich dann mit der Spartakusgruppe zur Kommunistischen Partei Deutschlands. Die Gründung kommunistischer Parteien seit Ende 1918 kann als Aufschwung eines Linksradikalismus gelesen werden, gleichzeitig gab es ein starkes Anschwellen der anarchistischen Bewegung. Beide Bewegungen waren alles andere als klar getrennt - insbesondere die syndikalistischen Gewerkschaften wie die Union der Hand- und Kopfarbeiter schwankten zwischen Syndikalismus und Kommunismus.[4] Diese linken Strömungen nicht nur in Deutschland, sondern in ganz Westeuropa kritisierte Lenin mit seiner Schrift „Der Linke Radikalismus als Kinderkrankheit des Kommunismus“ aus dem Jahr 1920. Die Schrift galt im späteren Marxismus-Leninismus als kanonisches Urteil über jede Form des „Linksradikalismus“. Lenin kritisiert ähnlich wie Marx im 19. Jahrhundert Tendenzen zum Voluntarismus und zur Absonderung von den Massen - insbesondere durch den Boykott von Parlamentswahlen und die Verweigerung einer Mitarbeit in sozialdemokratisch dominierten Gewerkschaften. Er setzt dagegen, dass Kommunisten auch hier mitarbeiten und mit Wahlkampf und in gewerkschaftlichen Kämpfen ihre Vorstellungen einbringen sollten, um Mehrheitsfähig zu werden.

Linksradikalismus und Linkskommunismus in den 1920er Jahren[Bearbeiten]

Nachdem die syndikalistisch orientierten Kräfte des Kommunismus um 1919/1920 aus ihren Parteien herausgedrängt wurden, gründeten sie eigene Parteien wie etwa die deutsche KAPD, oder organisierten sich in linken und syndikalistischen Gewerkschaften. von Anton Pannekoek wurde die Theorie dieser Strömung später als Rätekommunismus kanonisiert. Die Arbeiterräte selbst waren in Deutschland jedoch schon 1919 aufgelöst worden, ab 1924 ebbte mit der Stabilisierung des Kapitalismus auch die Hochzeit der linken und syndikalistischen Gewerkschaften stark ab.

Jedoch entstand innerhalb der kommunistischen Parteien um 1921 eine neue Linksopposition, die Mitte der 20er Jahre das Terrain des Linksradikalismus dominierte. Diese jedoch berief sich anders als die Linksradikalen der Weltkriegsgeneration nicht auf Lokalismus und Föderalismus, sondern bejahte den leninschen Zentralismus. Diese Strömung wird auch als „Linkskommunismus“ bezeichnet, von ihren Gegnern auch als „Ultralinke“. In Deutschland gelang es den Linken um 1924 mit der Parteiführung um Arkadij Maslow, Ruth Fischer und Werner Scholem kurzzeitig, die KPD zu dominieren. Mit dem Antritt Ernst Thälmanns hatte diese Episode jedoch ein Ende.[5] Die „Ultralinken“ wehrten sich als erste entschieden gegen die Stalinisierung des Kommunismus. Ihre Opposition verschmolz später mit dem Trotzkismus.

Nach 1945[Bearbeiten]

Das Historisch-Kritische Wörterbuch des Marxismus sieht bereits 1945 einen Bruch des Linksradikalismus mit der Arbeiterbewegung, in der er entstand:

„Das Jahr 1945 markiert einen Bruch. Seitherige Varianten des L beriefen sich zwar auf die verschiedenen Strömungen des L in der Arbeiterbewgung, z.B. auf Karl Korsch und Arthur Rosenberg, Bordiga oder Nikolai Bucharin. Sie wurden jedoch weniger von der Arbeiterschaft getragen, sondern äußerten sich als Jugendrevolte mit sozialistischen Forderungen, aber heterogener Klassenlage - ein Ausdruck der seit den 1950er Jahren voranschreitenden Auflösung proletarischer Millieus bei gleichzeitig steigendem Anteil der Lohnabhängigen.“

HKWM - Band 8/2, Sp. 1200[6]

Während sich die in England entstandene „Neue Linke“ seit 1956 noch stark in der Arbeiterbewegung bzw. mit Bezug auf die Kommunistischen Parteien orientierte, aber die Politik der Sowjetunion ablehnte, entstand mit der Studentenbewegung seit Mitte der 1960er Jahre in Europa und den USA eine neue Generation des Linksradikalismus. Während der 68er-Bewegung erstarkten linksradikale antiautoritäre Bewegungen, ebenso kam es zu einer Welle von Neugründungen traditioneller Kaderorganisationen („K-Gruppen“). Das politische Potential wurde in den folgenden Jahrzehnten jedoch durch Zersplitterung stark geschwächt. Neben unterschiedlichen marxistisch und rätekommunistisch orientierten sowie operaistischen Gruppen entfaltete sich seit den 1970er Jahren eine autonome, situationistische und anarchistische Szene, die vor allem in den 1980er Jahren Auftrieb erhielt.

Linksradikalismus in der Schweiz[Bearbeiten]

Die Tradition des Linksradikalismus in der Schweiz reicht bis auf den libertären Sozialismus und Anarchismus der Juraföderation der 1. Internationale zurück, hier hatten die Anhänger eines „freiheitlichen Sozialismus“ um Bakunin ihre Hochburg. Während des Ersten Weltkriegs erwuchsen aus der Ablehnung von Burgfrieden in der Schweiz und Krieg verschiedene linksradikale Strömungen innerhalb und neben den sozialdemokratischen Parteien vom religiös-sozialen Kreis bis zum anarchistischen Zusammenhang um Fritz Brupbacher und Kommunisten um Jakob Herzog. In der gesellschaftlichen Unruhe erlangte diese soziopolitische Strömung aufgrund ihres stark aktivistisch geprägten Verhaltens und in der Projektion bürgerlicher Ängste vor revolutionären Erhebungen eine überproportionale Bedeutung. Das libertäre Gedankengut des Linksradikalismus wurde in der Folgezeit etwa vom Marxismus-Leninismus in den Hintergrund gedrängt. Zwischen den Weltkriegen kann nur vereinzeltes Vorkommen des Linksradikalismus außerhalb der großen Parteien der Arbeiterbewegung beobachtet werden, so etwa 1930 die Abspaltung des anti-stalinistischen Flügels der Kommunistischen Partei in Schaffhausen.

Verwendung und Abgrenzung von anderen Begriffen[Bearbeiten]

Radikalismus und Extremismus werden umgangssprachlich häufig synonym verwendet. Der Begriff „Linksextremismus“ geht auf die Totalitarismustheorie zurück und ist in der Politik- und Geschichtswissenschaft wenig gebräuchlich.[7] Der Begriff „Linksradikalismus“ wird ebenfalls wenig in der Wissenschaft,[8] hingegen zur Selbstbezeichnung verwendet, z.B. von Gruppen der antiautoritären Linken (Spontis, Basisgruppen, Autonome u.a.).

Literatur[Bearbeiten]

  • Hans Manfred Bock: Geschichte des „linken Radikalismus“ in Deutschland. Ein Versuch, Frankfurt/Main 1976, Suhrkamp Verlag, 370 S. (edition suhrkamp Nr. 645), ISBN 3-518-00645-2 (über die Zeit von 1890 bis 1975)
  • Walter Fähnders & Martin Rector: Linksradikalismus und Literatur. Rowohlt Taschenbuchverlag, März 1985, ISBN 978-3499250521
  • Horst Heimann: Linksradikalismus und Linksextremismus. In: Lexikon des Sozialismus, Bund-Verlag, Köln 1986, S. 40
  • Jan Gerber: Nie wieder Deutschland? Die Linke im Zusammenbruch des “realen Sozialismus”, ça ira, Freiburg i. Br. 2010, ISBN 978-3-86259-100-8
  • Ulrich Peters: Unbeugsam und widerständig. Die radikale Linke in Deutschland seit 1989/90. Unrast Verlag, Münster 2014, ISBN 978-3-89771-573-8.
  • Ralf Hoffrogge: Stichwort „Linksradikalismus“, in: Historisch-kritisches Wörterbuch des Marxismus, Band 8/II, Spalte 1193-1207, Argument-Verlag, Hamburg 2015.

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Stichwort „Linksradikalismus“ von Ralf Hoffrogge, in: Historisch-kritisches Wörterbuch des Marxismus, Band 8/II, Spalte 1193.
  2. Karl Marx, Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie, MEW Band 1, S. 385.
  3. MEW Band 8, S. 412.
  4. Stichwort Linksradikalismus, in: HKWM Band 8/2, Sp. 1197
  5. Vgl. Marcel Bois, Kommunisten gegen Hitler und Stalin, Klartext-Verlag, Essen 2014; Ralf Hoffrogge, Werner Scholem - eine politische Biographie, UVK-Verlag, Konstanz 2014.
  6. Stichwort „Linksradikalismus“, HKWM Band 8/2, Sp 1200.
  7. „Der Begriff ‚Linksextremismus‘ ist als historischer Begriff im Allgemeinen nicht gebräuchlich.“ – Friedbert Mühldorfer: Linksextremismus und Linksradikalismus (20. Jahrhundert) im Historischen Lexikon Bayerns (abgerufen am 30. Mai 2008).
  8. Gero Neugebauer: „Extremismus – Rechtsextremismus – Linksextremismus: Einige Anmerkungen zu Begriffen, Forschungskonzepten, Forschungsfragen und Forschungsergebnissen“ In: Schubarth/Stöss (Hrsg.): Rechtsextremismus in der Bundesrepublik Deutschland – Eine Bilanz. Opladen 2001 (pdf-Auszug vom 4. Dezember 2003, S. 6 ff., abgerufen am 13. Juli 2009): „Weder in den wissenschaftlichen noch in den politischen Diskussionen gibt es eine einheitliche und als verbindlich anerkannte Definition der Begriffe Linksradikalismus und Linksextremismus.“; Während sich der Begriff „Rechtsextremismus“ in der Forschung weithin eingebürgert hat und wenigstens doch eine ungefähre Vorstellung von den Untersuchungsobjekten existiert, findet der Begriff „Linksextremismus“ selten Verwendung. Literaturrecherchen unter diesem führen zu mageren Ergebnissen, und auch mit „Linksradikalismus“ kommen keine substantiell besseren Resultate zustande.