Lisdexamfetamin

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Strukturformel
Strukturformel von Lisdexamfetamin
Allgemeines
Freiname Lisdexamfetamin
Andere Namen
  • (2S)-2,6-Diamino-N-[(2S)-1-phenylpropan-2-yl]hexanamid (IUPAC)
  • (all-S)-2,6-Diamino-N-(1-phenylpropan-2-yl)hexanamid
Summenformel C15H25N3O
Externe Identifikatoren/Datenbanken
CAS-Nummer
  • 608137-32-2 (Lisdexamfetamin)
  • 608137-33-3 (Lisdexamfetamindimesilat)
PubChem 11597698
DrugBank DB01255
Wikidata Q6558704
Arzneistoffangaben
ATC-Code

N06BA12

Wirkstoffklasse

indirektes Sympathomimetikum

Wirkmechanismus

Noradrenalin/Dopamin-Freisetzung

Eigenschaften
Molare Masse 263,38 g·mol−1
Sicherheitshinweise
Bitte die Befreiung von der Kennzeichnungspflicht für Arzneimittel, Medizinprodukte, Kosmetika, Lebensmittel und Futtermittel beachten
GHS-Gefahrstoffkennzeichnung [1]
keine Einstufung verfügbar
H- und P-Sätze H: siehe oben
P: siehe oben
Soweit möglich und gebräuchlich, werden SI-Einheiten verwendet. Wenn nicht anders vermerkt, gelten die angegebenen Daten bei Standardbedingungen.
Vorlage:Infobox Chemikalie/Summenformelsuche vorhanden

Lisdexamfetamin (LDX) ist eine synthetisch hergestellte Prodrug aus der Stoffgruppe der Amphetamine.

Die Substanz wird als Arzneistoff zur Behandlung von ADHS verwendet. In Deutschland ist es für Kinder und Jugendliche ab 6 Jahren zugelassen, die auf eine Therapie mit Methylphenidat unzureichend angesprochen haben. In der Schweiz ist Lisdexamfetamin zusätzlich für Erwachsene bis 55 Jahren zugelassen, vorausgesetzt, dass eine Therapie mit Methylphenidat fehl schlug.[2][3]

In Deutschland sieht der Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA) einen Zusatznutzen gegenüber Atomoxetin als „nicht belegt“ an. Laut Arzneiverordnungs-Report für 2014 und 2015 waren die Kosten für Elvanse pro definierter Tagesdosis (DDD) deutlich höher als für Methylphenidat-Produkte, aber niedriger als für Strattera.[4][5]

Lisdexamfetamin ist in Deutschland seit dem 17. Juli 2013 in der Anlage III des Betäubungsmittelgesetz aufgeführt und somit ein verkehrsfähiges und verschreibungsfähiges Betäubungsmittel. Der Umgang ohne Erlaubnis oder Verschreibung ist grundsätzlich strafbar.[6][7]

Wirkungsmechanismus[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Lisdexamfetamin ist ein Abkömmling des Dexamfetamins (D-Amphetamin), wobei dessen primäre Aminogruppe über eine Amidbindung kovalent mit der Carboxygruppe der Aminosäure L-Lysin verknüpft ist. Arzneilich verwendet wird das Lisdexamfetamindimesilat, ein Salz der Methansulfonsäure.

Lisdexamfetamin ist ein pharmakologisch nicht aktives Prodrug und wird nach der Einnahme im Magen-Darm-Trakt rasch resorbiert. Erst dann findet vor allem an den Erythrozyten die Spaltung in Lysin und Dexamfetamin statt, welches pharmakologisch aktiv ist. Dieser Prodrug-Effekt verlängert (im Vergleich zu normalem Amphetamin) die Zeit, bis die maximale Konzentration im Blut erreicht ist: Für D-Amphetamin nach LDX-Einnahme beträgt sie 3,5 Stunden, für Amphetamin im Normalfall nur 2 Stunden. Zusätzlich führt dies auch zu einer Verlängerung der klinischen Wirkung (bis zu 13 Stunden).[8][9]

Der Mechanismus der therapeutischen Wirkung von Amphetaminen bei ADHS ist nicht vollständig geklärt. Vermutlich beruht er auf einer vermehrten Freisetzung von Noradrenalin und Dopamin in den synaptischen Spalt. Diese Ausschüttung wird vor allem durch eine Umkehr der Arbeitsrichtung der Dopamintransporter (DAT) bewirkt. Im Gegensatz zum Prinzip der Wiederaufnahmehemmung (wie etwa bei Methylphenidat) wird dabei der Transmitterspiegel unabhängig von der Aktivität der Nervenzelle erhöht.[10]

Nebenwirkungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die häufigsten Nebenwirkungen entsprechen denen anderer Stimulantien: verminderter Appetit, Schlafstörungen, Mundtrockenheit, Kopfschmerzen, Gewichtsabnahme und Oberbauchschmerzen.[8]

Anwendungsbeschränkungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Auch die Anwendungsbeschränkungen sind vergleichbar mit denen für andere Stimulantien. Es besteht ein Potential für Missbrauch, jedoch soll dieses geringer ausgeprägt sein als das des aktiven Dexamfetamins, da die Spaltung des Amids nach intravenöser Gabe nur sehr langsam erfolgt.[11][12]

Frühe Nutzenbewertung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Seit 2011 müssen sich in Deutschland neu zugelassene Medikamente mit neuen Wirkstoffen aufgrund von § 35a SGB V (AMNOG) einer „frühen Nutzenbewertung“ durch den Gemeinsamen Bundesausschuss (G-BA) unterziehen, wenn der pharmazeutische Hersteller einen höheren Verkaufspreis als nur den Festbetrag erzielen möchte. Nur wenn ein Zusatznutzen besteht, kann der Arzneimittelhersteller mit dem Spitzenverband der gesetzlichen Krankenkassen einen Preis aushandeln.

Dies gilt auch für Lisdexamfetamin. In einer ersten Bewertung hält das Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) einen Zusatznutzen von Lisdexamfetamin für nicht belegt gegenüber der zweckmäßigen Vergleichstherapie.[13] Auch die Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft (AkdÄ) sieht im Vergleich zur zweckmäßigen Vergleichstherapie keinen Zusatznutzen von Lisdexamfetamindimesilat.[14] Der G-BA traf im November 2013 den endgültigen Beschluss über das Ausmaß des Zusatznutzens, der die frühe Nutzenbewertung abschließt: "Zweckmäßige Vergleichstherapie zur Behandlung von Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitäts-Störungen (ADHS) bei Kindern ab einem Alter von sechs Jahren im Rahmen einer therapeutischen Gesamtstrategie, wenn das Ansprechen auf eine zuvor erhaltene Behandlung mit Methylphenidat als klinisch unzureichend angesehen wird, ist: Atomoxetin. Ausmaß und Wahrscheinlichkeit des Zusatznutzens gegenüber Atomoxetin: Ein Zusatznutzen ist nicht belegt."[4]

Fertigarzneimittel[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Elvanse (D, CH), Vyvanse (USA)

Situation in Deutschland: Das Pharmaunternehmen Shire plc bietet die Kapseln in verschiedenen Stärken von 20 bis 70 Milligramm (in 10-mg-Schritten) an. In Deutschland ist Elvanse seit April 2013 zugelassen. Zum 1. Juni 2014 einigten sich der Hersteller Shire Deutschland GmbH und der GKV-Spitzenverband auf einen Erstattungsbetrag für das Arzneimittel in Deutschland.[15]

Situation in der Schweiz: Das Pharmaunternehmen Opopharma bietet die Kapseln in verschiedenen Stärken von 20 bis 70 Milligramm an.[16] In der Schweiz ist Elvanse seit März 2014 zugelassen.[17]

Nachdem zwei Studien in der Indikation „Depression (bei Erwachsenen)“ erfolglos verliefen, erklärte der Hersteller Shire plc im Februar 2014, das klinische Entwicklungsprogramm für Lisdexamfetamin nicht länger fortzusetzen.[18]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Diese Substanz wurde in Bezug auf ihre Gefährlichkeit entweder noch nicht eingestuft oder eine verlässliche und zitierfähige Quelle hierzu wurde noch nicht gefunden.
  2. Elvanse®, Kapseln (Lisdexamphetamini dimesylas) - Swissmedic -. Abgerufen am 6. April 2017.
  3. HCI Solutions AG: Elvanse ® - compendium.ch. Abgerufen am 6. April 2017.
  4. a b Nutzenbewertungsverfahren zum Wirkstoff Lisdexamfetamindimesilat, Beschluss des G-BA zur Nutzenbewertung nach § 35a SGB V, zugegriffen am 6. Dezember 2013.
  5. Nettokosten für Elvanse in Deutschland: 3,10 Euro (2014) und 2,73 Euro (2015). Aus: Arzneiverordnungs-Report 2015 (ISBN 978-3-662-47186-9. S. 968f.) und Arzneiverordnungs-Report 2016 (ISBN 978-3-662-50351-5. S. 683 f.)
  6. Bundesministerium für Gesundheit: Kabinett beschließt 27. Betäubungsmittel-Änderungsverordnung. Pressemitteilung vom 22. Mai 2013.
  7. Bundesministerium für Gesundheit: Verordnungsentwurf der Bundesregierung: Siebenundzwanzigste Verordnung zur Änderung betäubungsmittelrechtlicher Vorschriften (PDF; 73kb). Abgerufen am 17. Juli 2013.
  8. a b Otto Benkert u.a.: Kompendium der Psychiatrischen Pharmakotherapie. Springer 2016. ISBN 978-3-662-50333-1. S. 809f
  9. Manfred Gerlach (Hrsg.): Neuro-/Psychopharmaka im Kindes- und Jugendalter: Grundlagen und Therapie. Springer 2016. ISBN 978-3-662-48624-5. S. 298 f.
  10. David Sulzer u. a.: Mechanisms of neurotransmitter release by amphetamines: a review (Memento vom 30. Juni 2010 im Internet Archive) (PDF). In: Progress in Neurobiology. Band 75, Nr. 6, 2005, S. 406–433, doi:10.1016/j.pneurobio.2005.04.003.
  11. David W. Goodman: Lisdexamfetamine Dimesylate. The First Prodrug Stimulant. In: Psychiatry (Edgmont). Band 4, Nr. 8, August 2007, S. 39–45, PMID 20532026.
  12. Michael Pennick: Absorption of lisdexamfetamine dimesylate and its enzymatic conversion to d-amphetamine. In: Neuropsychiatric Disease and Treatment. Band 6, 2010, S. 317–327, PMID 20628632.
  13. Zusatznutzen von Lisdexamfetamin ist nicht belegt, PM des IQWiG vom 2. September 2013, zugegriffen am 2. September 2013.
  14. Stellungnahme der AkdÄ zu Lisdexamfetamindimesilat (Elvanse®), Vorlage zur Abgabe einer schriftlichen Stellungnahme zur Nutzenbewertung nach § 35a SGB V, zugegriffen am 9. Oktober 2013.
  15. Erstattungsbetrag für ADHS-Medikament steht – Keine Mehrkosten für die gesetzliche Krankenversicherung, Gemeinsame Pressemitteilung von Shire Deutschland GmbH und GKV-Spitzenverband vom 2. Juni 2014.
  16. Elvanse. In: compendium.ch. Abgerufen am 28. März 2017.
  17. Elvanse®, Kapseln (Lisdexamphetamini dimesylas). Swissmedic, abgerufen am 28. März 2017.
  18. Shire Reports Top-line Results from Two Phase 3 Studies for Vyvanse® (lisdexamfetamine dimesylate) Capsules (CII) as an Adjunctive Treatment for Adults with Major Depressive Disorder, PM Sire vom 6. Februar 2014, zugegriffen am 10. Februar 2014.
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