Liste der Stolpersteine in der Schweiz

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Stolperstein für Otto Vogler im Tägermoos bei Tägerwilen, verlegt 2015

Die Liste der Stolpersteine in der Schweiz enthält alle Stolpersteine, die im Rahmen des gleichnamigen Kunst-Projekts von Gunter Demnig in der Schweiz verlegt wurden. Am 8. September 2013 wurden die ersten beiden Stolpersteine in Kreuzlingen verlegt, am 13. September 2015 erfolgte die Verlegung eines weiteren Stolpersteins im Tägermoos, einer Gemarkung Konstanz’ auf Schweizer Gebiet.

Hintergrund[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Initiative «Stolpersteine für Konstanz – Gegen Vergessen und Intoleranz» initiierte die Verlegung dieser drei Stolpersteine auf Schweizer Gebiet in der Konstanzer Nachbargemeinde Kreuzlingen sowie in der Konstanzer Gemarkung Tägermoos. Die Verlegungen in Kreuzlingen fanden am 75. Jahrestag der Verhaftung der beiden Fluchthelfer statt.[1][2]

Stolpersteine in Kreuzlingen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Bild Inschrift Standort Leben
Stolperstein für Ernst Bärtschi.jpg
HIER WOHNTE
ERNST BÄRTSCHI
JG. 1903
VERHAFTET 1938
'VORBEREITUNG ZUM
HOCHVERRAT'
ZUCHTHAUS LUDWIGSBURG
BEFREIT/ÜBERLEBT
Schäflerstrasse 11
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Ernst Bärtschi wurde am 15. Februar 1903 in Tuttlingen im heutigen Baden-Württemberg geboren. Er war Schweizer Bürger, wie sein Vater, ein Schuster aus Dulliken im Kanton Solothurn, der in Deutschland beim Bau der Schwarzwaldbahn arbeitete und eine Frau aus Tuttlingen heiratete. Ernst Bärtschi hatte zwei Geschwister. 1920 siedelte die Familie in die Schweiz um. Der Vater arbeitete danach in der Schuhfabrik Rigi, wo Stiefel für die Schweizer Armee hergestellt wurden, der Sohn zunächst in einer Parfümfabrik, später als Aluminiumdreher in Kreuzlingen. Vater und Sohn waren beide politisch interessiert und gewerkschaftlich organisiert. Sie hielten die Politik der Nationalsozialisten in Deutschland für menschenverachtend.

Ernst Bärtschi und seine deutschen Freunde Karl Durst und Andreas Fleig schmuggelten ab 1933 politische Flugschriften und Broschüren, verfasst von deutschen Emigranten, zum Teil auch Filme, nach Konstanz. Zu den politischen Zeitschriften zählten Der Funke, die afa-nachrichten und das Informations- und Diskussionsorgan der Frei-Gewerkschafter Süd-West-Deutschlands, alle aus vervielfältigten Schreibmaschinenseiten hergestellt. Zur sogenannten Funkengruppe, die diese Zeitschrift speziell im Grossraum Frankfurt am Main verbreitete, zählten durchwegs Sozialdemokraten, darunter Alfred Münz, Pauline Gutjahr und die Kinder des inhaftierten badischen SPD-Landtagsabgeordneten Karl Großhans, Hans und Klara Großhans aus Konstanz. 1936 brachte Ernst Bärtschi selbst mehrmals einige Exemplare des Funken nach Frankfurt und nahm Nachrichten entgegen: «Am Anfang habe ich nur Briefe hinübergebracht, später dann kofferweise illegales Material nach Deutschland. Aber auch Material aus Deutschland in die Schweiz, für die Zweite (sozialistische) Internationale nach Paris, für Friedrich Adler […] habe ich Nachrichten übermittelt». Adler war Sekretär der Sozialistischen Arbeiterinternationale, die sich von den Kommunisten scharf abgrenzte. Fortsetzung folgt

Bärtschi ist am 7. Dezember 1983 in Scherzingen im Kanton Thurgau verstorben.[2][3][4]

1986 beschloss der Konstanzer Stadtrat, eine Strasse im Stadtteil Petershausen nach ihm zu benennen, den Ernst-Bärtschi-Weg.

Es besteht Namensgleichheit mit dem Schweizer Politiker Ernst Bärtschi (1882–1976).

Stolperstein für Andreas Fleig.jpg
HIER WOHNTE
ANDREAS FLEIG
JG. 1884
VERZOGEN 1912
DEUTSCHER STAATSBÜRGER
VERHAFTET 1938
'VORBEREITUNG ZUM
HOCHVERRAT'
ZUCHTHAUS LUDWIGSBURG
BEFREIT/ÜBERLEBT
Schäflerstrasse 7
Erioll world.svg
Andreas Fleig wurde am 26. Januar 1884 im badischen Sulz an der Lahr geboren.[4] Seine Eltern waren der Schreiner Nikolaus Fleig und dessen Frau Elisabeth. Er hatte mehrere Geschwister und erlernte ebenfalls das Handwerk des Schreiners. Er übersiedelte nach Konstanz, trat 1904 dem Deutschen Holzarbeiterverband bei und war von 1910 bis 1914 Mitglied der SPD. 1912 übersiedelte er in die grenznahe Thurgauer Gemeinde Kreuzlingen und arbeitete für die Firma Jonasch & Cie, die Sitzmöbel herstellte. Er heiratete Wilhelmine Friedricke geb. Bleich und das Paar hatte einen Sohn, Karl Andreas, geb. am 10. November 1916 in Konstanz. Im Ersten Weltkrieg diente er von 1915 bis 1918 im deutschen Heer, kehrte aber 1918 von einem Heimaturlaub nicht zur Truppe zurück, sondern blieb in der Schweiz. 1928 kaufte er für zirka 15'000 Franken ein kleines Haus in der Schäflerstrasse 7 in Kreuzlingen. Ein Gemeinderat beschrieb ihn als einen «Schwaben von echtem Schrot und Korn. Tüchtig im Beruf und hilfsbereit im Leben.»

Fleig war ein erklärter Gegner des Nationalsozialismus und hielt Kontakt zu Gewerkschaftern und Sozialdemokraten. Bereits ab 1933 wurde er von der Gestapo steckbrieflich gesucht. Gemeinsam mit seinen Arbeitskollegen und Freunden Josef Anselm und Karl Durst aus Konstanz und seinem Hausnachbarn, dem Aluminiumarbeiter Hermann Ernst Bärtschi, schmuggelte er politische Broschüren und Zeitschriften, wie Der Funke, die afa-Nachrichten oder den Neuen Vorwärts von der Schweiz nach Deutschland. Weiters war er mit seinen Freunden als Kurier für Emigrantenpost von der Schweiz nach Deutschland tätig und besorgte auch Grenzpassierscheine, mit denen er verfolgte Funktionäre der deutschen Arbeiterbewegung über die Grenze lotste. Beispielsweise rettete er den SPD-Reichstagsabgeordneten Hans Unterleitner, der von 1933 bis 1935 im Konzentrationslager Dachau interniert war, und dessen Familie. Als er am 8. Mai 1938 gemeinsam mit Bärtschi und Durst den verfolgten Gewerkschaftsfunktionär Hans Lutz über die Grenze bringen wollte, wurden alle drei Fluchthelfer verhaftet. Lutz hatte unter Folter alle Namen der sogenannten Funkentruppe verraten. Ebenfalls verhaftet wurden Josef Anselm, Paulina Gutjahr und Bruno W. Schlegel, die anderen Mitglieder der Widerstandsgruppe. Fleig wurde am 12. Oktober 1938 vom Volksgerichtshof in Berlin unter Vorsitz von Karl Engert zu 15 Jahren Zuchthaus und 10 Jahren Ehrverlust verurteilt. Am 7. November 1938 wurde er in das Zuchthaus Ludwigsburg überstellt, wo er bis 5. April 1945 inhaftiert blieb. Da sich die Amerikaner näherten, wurde er in das Zucht­haus Lands­berg/Lech überstellt, wo er am 28. Mai 1945 entlassen wurde. Während der Haft hatte Fleig bleibende gesundheitliche Schäden erlitten, Herzmuskel­schwäche, neuralgisch-rheumatische Beschwerden sowie ein schmerzhaftes Ohrenleiden.

1945 ging Fleig zuerst nach Konstanz, dann in seine Heimatstadt und schliesslich nach Dübendorf bei Zürich, wo sein Sohn arbeitete. Später übersiedelte er nach Esslingen am Neckar bei Stuttgart und Mitte der 1950er Jahre wiederum in seine Heimatstadt. Sein Antrag auf Haftentschädigung wurde vom badischen Finanzministerium am 28. Juli 1951 wie folgt beantwortet: «Der Antrag wird abgelehnt werden. Damit entfällt auch die Anerkennung als Opfer des Nationalsozialismus». Nur mit Hilfe eines Anwalts konnte er seine Ansprüche durchsetzen. Andreas Fleig ist am 9. Februar 1971 in Sulz/Lahr verstorben.[5]

Stolperstein in Tägerwilen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Bild Inschrift Standort Leben
Stolperstein für Otto Vogler.jpg
HIER WOHNTE
OTTO VOGLER
JG. 1876
IM WIDERSTAND
VERHAFTET 1938
ZUCHTHAUS LUDWIGSBURG
NEUENGAMME
ERMORDET 14.12.1941
DACHAU
Konstanzerstrasse 123, Tägermoos
Erioll world.svg
Otto Vogler wurde am 18. Oktober 1876 in der Gemeinde Leustetten, Amt Überlingen, geboren. Er war deutscher Staatsbürger. Seine Eltern betrieben eine kleine Landwirtschaft. Er selbst wurde 1896 zum Wehrdienst eingezogen, jedoch nach fünf Monaten wegen eines Beinbruchs vorzeitig entlassen. Danach arbeitete er in Südfrankreich, London und Paris als Haus- und Empfangsdiener. Als der Erste Weltkrieg ausbrach, arbeitete Vogler in der Schweiz. Er meldete sich 1915 freiwillig zum deutschen Militär, wurde mehr­fach im Kampf verletzt und erkrankte im Winter 1916/17 in Mazedonien an Malaria. Er wurde von der Front abgezogen und als Dolmetscher eingesetzt. Er erhielt das Verwundetenabzeichen und später das von Hinden­burg 1934 gestiftete Ehrenkreuz für Frontkämpfer.

Im Oktober 1920 heiratete er in Baden-Baden Adele Zahlen, eine Schweizer Bürgerin, geboren am 13. März 1890 in Matten bei Interlaken. Das Paar hatte vier Kinder, geboren in den folgenden sechs Jahren. 1922 übersiedelte die Familie aus dem Geburtsort Voglers nach Durlach bei Karlsruhe. Dort kaufte er die Gastwirtschaft Schwarzer Adler und verkaufte sie zwei Jahre später mit Gewinn. In der Inflationszeit verlor er jedoch sein gesamtes Vermögen und versuchte sich anschliessend erfolglos als Kolonial­waren­händler. Von 1924 bis 1930 arbeitete er als Bahnportier für das Inselhotel in Konstanz. 1931 übersiedelte die Familie in den Heimatort der Ehefrau. Im Januar 1932 kehrte Vogler nach Konstanz zurück und gründete im Verlauf des Jahres ein kleines Geschäft für Milchprodukte und Eier, ab Mai 1932 lebte er mit seiner Familie im thurgauischen Tägerwilen, direkt an der Grenze zu Konstanz. Anfang Oktober 1938 machte Vogler in einer Schweizer Gast­wirtschaft unter Alkohol­einfluss abfällige Bemerkungen über Goebbels, Göring und Hitler. Deutsche Gäste denunzierten ihn sogleich bei der Gestapo. Wenige Tage später wurde er in seiner Käsehandlung verhaftet. Nach sieben Monaten Untersuchungs­haft wurde ihm in Konstanz der Prozess gemacht. Der Senat war mit einer Reihe prominenter National­sozialisten besetzt, darunter Kurt Albrecht als Vorsitzender, Ludwig Fischer, Daniel Hauer und Ernst Jenne. Es war das einzige Verfahren, welches vom Volksgerichtshof in Konstanz geführt wurde. Vogler wurde zu zwei Jahren Zuchthaus verurteilt, die Untersuchungs­haft wurde angerechnet. Wegen verminderter Zurechnungsfähigkeit aufgrund des Alkoholkonsums verzichtete das Gericht auf die Aberkennung der bürgerlichen Ehren­rechte, betonte aber in der Urteilsverkündung, dass Vogler durch seine «bösartigen Äußerungen eine schwere Gefahr für das Ansehen des deutschen Volkes herbeigeführt» habe. Nach Verbüssen seiner Haftstrafe wurde er am 21. November 1940 erneut verhaftet und ohne Verfahren in das Konzentrationslager Dachau überstellt. Er bekam dort die Häftlingsnummer 21609. Ende Januar 1941 erfolgte die Überstellung in das Konzentrationslager Neuengamme, wo er mutmasslich schwere körperliche Arbeit in der Ziegelei, der Rüstungsindustrie und beim Bau militärischer Anlagen verrichten musste. Bereits im April 1941 wurde er nach Dachau rückverlegt, wo er am 14. Dezember 1941 verstarb. Als offizielle Todesursache wurde «Versagen von Herz und Kreislauf bei Darmkatarrh» angegeben. Sein Leichnam wurde im Krematorium des Konzentrationslagers verbrannt, die Asche verstreut. Daher gibt es keine Grabstätte.

Voglers Witwe übersiedelte 1942 mit den beiden jüngeren Kindern zu ihrer Schwester ins bernische Matten bei Interlaken. Später erhielt sie von der Bundesrepublik Deutschland eine Witwenrente und eine Entschädigung zugesprochen. Alle vier Kinder blieben ohne Nachkommen: Otto Konrad (geb. 1921) fiel im Jahre 1943 in Russland. Adolf Arnold (1922) verstarb 1949 in sowjetischer Kriegsgefangenschaft. Die jüngeren Kinder hiessen Adelheid Ida (1924–1983) und Friedrich Max (1926–1950). Adele Zwahlen verstarb am 22. Februar 1981 in Interlaken.[6]

Verlegedaten[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Verlegung in der Schweiz erfolgte an folgenden Tagen:

  • Kreuzlingen: 8. September 2013
  • Tägerwilen: 13. September 2015

Anmerkungen und Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Jörg Krummenacher: Stolpersteine gegen das Vergessen. In: Neue Zürcher Zeitung. 5. September 2013, S. 11 (online [abgerufen am 8. Dezember 2013]).
  2. a b SRF: Kreuzlinger Fluchthelfer geehrt, 10. September 2013, abgerufen am 20. August 2016.
  3. Uwe Brügmann: Biografische Informationen Ernst Bärtschi, Projekt Stolpersteine für Konstanz – Gegen Vergessen und Intoleranz, abgerufen am 20. August 2016.
  4. a b Urs Oskar Keller: Späte Ehrung für Thurgauer Fluchthelfer, Schaffhauser Nachrichten, 9. September 2013, abgerufen am 19. August 2016.
  5. Uwe Brügmann: Biografische Informationen Andreas Fleig, Projekt Stolpersteine für Konstanz – Gegen Vergessen und Intoleranz, abgerufen am 20. August 2016.
  6. Uwe Brügmann: Biografische Informationen Otto Vogler, Projekt Stolpersteine für Konstanz – Gegen Vergessen und Intoleranz, abgerufen am 15. August 2016.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]