Liste der deutschen Päpste

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Als „deutsche Päpste“ werden in der Kirchen- und Papstgeschichtsschreibung bisweilen die aus der ottonisch-salischen Reichskirche hervorgegangenen Päpste des 11. Jahrhunderts bezeichnet;[1] zum Teil auch schon der eng mit Otto III. verbundene Bruno von Kärnten;[2][3] vor allem aber die fünf zwischen 1046 und 1058 von den Saliern eingesetzten frühen Reformpäpste, deren bedeutendster der aus dem Elsass stammende und nach seinem Tod als Heiliger verehrte Bruno von Egisheim wurde.[4]

Unklar ist die Einordnung des Niederländers Hadrian von Utrecht,[3][5] der in Sachliteratur und Presseberichterstattung sowohl als „letzter deutscher Papst vor Benedikt XVI.“[6] als auch als erster und „einziger niederländischer Papst“[7] der Papstgeschichte bezeichnet wird. Zu seinen Lebzeiten gehörten die burgundischen Niederlande noch zum Heiligen Römischen Reich, schieden aber nur wenige Jahre später mit ihrem Übergang an die spanische Monarchie, für die Hadrian vor seiner Papstwahl als enger Berater Karls V. sowie Generalinquisitor und Statthalter von Spanien selbst tätig war, faktisch gesehen aus dem Reichsverbund aus. Der Prozess der Nationbildung in den Niederlanden hatte zu Hadrians Zeit bereits eingesetzt.[8] Dennoch kann sein Pontifikat auch als Versuch gewertet werden, die damals abreißenden institutionellen Bindungen zwischen dem Papsttum und Deutschland wieder zu verbessern.[5]

Joseph Ratzinger, der von 2005 bis 2013 als Papst Benedikt XVI. amtierte und aufgrund seines Rücktritts auch in der Liste von Päpsten, die auf das Amt verzichtet haben, verzeichnet ist, stammt aus Bayern und war vor seiner Kurienkarriere unter anderem Bischof von Regensburg und Erzbischof von München und Freising. Benedikt XVI. war mit mehr als sieben Jahren der am längsten regierende deutsche Papst aller Zeiten.[9]

Die nachstehenden Tabellen stellen einige weitere Daten und Fakten über die so genannten „deutschen Päpste“ zusammen.

Papst weltlicher Name Alter bei Wahl Amtszeit Herkunft Bemerkungen
Gregor V. Bruno von Kärnten 24 3. Mai 996 –
18. Februar 999
Urenkel Ottos I.; Sohn von Otto von Wormsgau, des späteren Herzogs von Kärnten und der Judith von Bayern, Geburtsort (Stainach?) nicht genau bekannt. Teils als „erster deutscher Papst“ eingeordnet;[10]
setzte 998 den Crescentier-Gegenpapst Johannes XVI. ab;
förderte die Abtei Cluny und war mit Abt Abbo von Fleury befreundet.
Clemens II. Suitger
Graf von Morsleben und Hornburg
41 24. Dezember 1046 –
9. Oktober 1047
geboren in Hornburg im Herzogtum Sachsen
(heute Niedersachsen)
Oft als „erster deutscher Papst“ genannt;[1][4]
Georg Gresser zufolge möglicherweise ermordet und vielleicht blond;[11]
wurde im Bamberger Dom begraben; sein Grab ist das einzige erhaltene Papstgrab nördlich der Alpen.
Damasus II. Poppo von Brixen  ? 17. Juli 1048 –
9. August 1048
genannt Poppo der Bayer; stammte aus fränkisch-bayerischem Adelsgeschlecht, Geburtsort nicht genau bekannt (Pildenau/Ering?), war Bischof von Brixen Poppo nahm 1046/47 an den Synoden von Pavia, Sutri und Rom teil. Er zog militärisch nach Rom ein, stürzte den Tuskulanerpapst Benedikt IX. ein letztes Mal und starb zwei Wochen später.
Leo IX. (Hl.) Bruno
Graf von Egisheim-Dagsburg
46 12. Februar 1049 –
19. April 1054
geboren in Egisheim (Elsass)
war vor seiner Papsterhebung Bischof von Toul in Lothringen
Erster bedeutender Reformpapst;[4]
Zuspitzung des Konflikts mit der Orthodoxie (Schisma von 1054);
wurde unmittelbar nach seinem Tod als Heiliger verehrt.
Viktor II. Gebhard ~35 13. April 1055 –
28. Juli 1057
Stammte aus alemannischem Adel, wurde in Arezzo (Italien) geboren,
war Bischof von Eichstätt (Bayern)
Gebhard nahm seit 1046/47 an allen Synoden teil, begleitete Papst Leo IX. auf seiner Deutschlandreise und gehörte in den 1050er Jahren, vor und nach seiner Papstwahl, zu den engsten Vertrauten und Ratgebern Kaiser Heinrich III. Papst Viktor hielt sich oft in Deutschland auf und starb überraschend in seiner Geburtsstadt Arezzo.
Stephan IX. Friedrich von Lothringen ~37 3. August 1057 –
29. März 1058
Sohn des Herzogs von Niederlothringen Friedrich wurde 1050 von Leo IX. nach Rom geholt und war Abt von Montecassino.
Hadrian VI. Adriaan Florisz Boeyens 62 9. Januar 1522 –
14. September 1523
geboren in Utrecht (Niederlande) Letzter nichtitalienischer Papst vor der Wahl des Polen Karol Wojtyła im Jahr 1978.[9]
Stammt aus den Niederlanden, damals ein zur Herrschaft Burgund gehörender Teil des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation.
Benedikt XVI.  Joseph Aloisius Ratzinger 78 19. April 2005 –
28. Februar 2013
geboren in Marktl am Inn im bayerischen Teil des Inntals im Ostzipfel Oberbayerns Seit 1294 erster Papst, der sein Amt freiwillig aufgab.

Länge der Amtszeit[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Papst Amtszeit Dauer der Amtszeit
Gregor V. 3. Mai 996 – 18. Februar 999 1022 Tage • 2 Jahre, 9 Monate und 15 Tage
Clemens II. 24. Dezember 1046 – 9. Oktober 1047 0290 Tage • 00000009 Monate und 15 Tage
Damasus II. 17. Juli 1048 – 9. August 1048 0024 Tage
Leo IX. (Hl.) 12. Februar 1049 – 19. April 1054 1893 Tage • 5 Jahre, 2 Monate und 7 Tage
Viktor II. 13. April 1055 – 28. Juli 1057 0838 Tage • 2 Jahre, 3 Monate und 15 Tage
Stephan IX. 3. August 1057 – 29. März 1058 0239 Tage • 00000007 Monate und 26 Tage
Hadrian VI. 9. Januar 1522 – 14. September 1523 0614 Tage • 1 Jahr,    8 Monate und 5 Tage
Benedikt XVI. 19. April 2005 – 28. Februar 2013 2873 Tage • 7 Jahre, 10 Monate und 9 Tage

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. a b Beispielsweise: Thomas Frenz: Das Papsttum im Mittelalter. Böhlau, Köln 2010, S. 28;
    Joachim Dahlhaus: Leo IX., Papst. In: Bruno Steimer (Red.): Herders Lexikon der Heiligen. Herder, Freiburg 2011, S. 191;
    Klaus Herbers: Geschichte des Papsttums im Mittelalter. WBG, Darmstadt 2012, S. 117.
  2. Tilman Struve: Gregor V. In: Lexikon des Mittelalters (LexMA). Band 4, Artemis & Winkler, München/Zürich 1989, ISBN 3-7608-8904-2, Sp. 1668.
  3. a b Ein deutscher Papst? In: FAZ, 13. April 2005, abgerufen am 14. Oktober 2017.
  4. a b c Ulf Dirlmeier, Andreas Gestrich, Ulrich Herrmann, Ernst Hinrichs, Konrad H. Jarausch, Christoph Kleßmann, Jürgen Reulecke: Deutsche Geschichte. Aktualisierte und ergänzte Ausgabe 2013 (Reclam Sachbuch), Kindle Edition, Reclam, Stuttgart 2014, Zeitleiste zu den Jahren 1046–1059.
  5. a b Bernhard Schimmelpfennig: Das Papsttum. Von der Antike bis zur Renaissance. Sonderausgabe der 6. Auflage, WBG, Darmstadt 2009, S. 277.
  6. Papst Hadrian VI., letzter deutscher Papst vor Benedikt XVI. In: Wissensarchiv Was ist was, Tessloff-Verlag (Vorabauszug aus WAS-IST-WAS-Band 123 Päpste), Stand: 5. Januar 2007, abgerufen am 14. Oktober 2017.
  7. Utrecht Presse-Buch (Stadtführer für Pressemitarbeiter). Hrsg. vom Tourism Utrecht Press Office, Ausgabe 2016, S. 15.
  8. Sieglinde Tömmel: Nation und Nationalliteratur. Eine soziologische Analyse des Verhältnisses von Literatur und Gesellschaft in Belgien zwischen 1830 und 1840. Duncker und Humblot, Berlin 1976, S. 95–97.
  9. a b Benedikt XVI. am längsten amtierender deutscher Papst. In: kirchensite.de (Online-Angebot für das Bistum Münster), KNA-Meldung vom 27. Juni 2010 (beruhend auf dem damaligen Stand dieses Wikipediaartikels), abgerufen am 15. Oktober 2017.
  10. So etwa Eva-Maria Jung-Inglessis (vgl. die Papstporträts auf dem Buchtitel); dgl. Tilman Struve, Art. Gregor V. im Lexikon des Mittelalters.
  11. Markus Knipp: Rezension zu Georg Gresser: Clemens II. Der erste deutsche Reformpapst, Paderborn, 2007, in: Sehepunkte 8 (2008) Nr. 5, abgerufen am 26. Juli 2017.